Donnerstag, 23. Juni 2016

Himmel oder Hölle

Hoch oben an einem langen Tisch saß der Richter. Irgendwie hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Nach dem Tod fuhr man entweder in den Himmel oder zur Hölle. Und nun stand ich auf einer Wolke und starrte einen Mann mit weißer, lockiger Perücke an. Schulterlange, weiße locken hingen an seinem Gesicht herunter. Rechts neben ihm saß ein Engel und zu seiner Linken ein Teufel.
„Was geht denn hier ab?“, fragte ich den Richter mit unsicherer Stimme. Er belächelte meine Gestalt und wandte sich ab. Mit einer Schreibfeder kritzelte er Notizen in ein Buch. Er sprach kein Wort. Ich fühlte mich in der Zeit zurück versetzt. Es war ein Klischeebild, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Und doch schien diese Situation real. Der Richter steckte die Feder in eine dafür vorgesehene Halterung und faltete die Hände wie zum Gebet. Ein leises Räuspern, dann sprach er endlich: „Name?“
„Allison Miller“, antwortete ich gehorsam. Lieber nicht maulen, wer weiß wie der weißhaarige sonst reagiert. Ob er einen Hammer hatte, den er werfen konnte? Oder würde der Teufel Feuer speien oder der Engel mit Sternen schießen?
„Alter?“
„Sechzehn.“
„Datum des Todes?“
„Was soll diese dumme Fragerei? Heute natürlich! Sehe ich irgendwie lebendig aus? Ich steh auf einer gottverdammten Wolke.“ Der Engel sog scharf die Luft ein.

Beim Wort „gottverdammt“ zeigte seine zuvor ausdruckslose Miene plötzlich blankes Entsetzen. Der Teufel dagegen kicherte. Sie sahen aus, wie jedes Kind sie sich vorstellte. Natürlich konnte ich nur das sehen, was über den Tisch hinaus ragte. Aber die weiße Robe, die Flügel und der Heiligenschein sprachen für sich. Ebenso wie beim Teufel der freie Oberkörper, die rote Färbung und die Hörner. Ich meinte, einen Schwanz hinter seinem Rücken zucken zu sehen, doch der verschwand wieder aus meinem Sichtfeld.
„Diese Fragen werden hier jedem gestellt“, brummte der Richter. Er bedachte mich mit einem kritischen Blick. Der Teufel kicherte weiter, der Engel verschränkte die Arme vor der Brust. Hatte ich schon erwähnt, dass sie beide männlich waren? Noch so ein Klischee.
„Können wir das nicht einfach abkürzen?“ Ich verwarf meinen guten Vorsatz, mich brav zu geben. Wie schlimm konnte die Hölle schon sein? Das bisschen Feuer im Untergrund, wie ein riesengroßer Kamin. Und bei „Kamin“ dachte ich an Gemütlichkeit. Auf den Wolken hier oben war es bitterkalt. Dem Himmelszelt so nah sank die Temperatur zu stark. Wäre ich nicht schon tot, wäre ich es hier oben ganz sicher. Aber wenn ich auf die letzten Jahre zurück blickte, dann kam ich eher in die Hölle. Klang jedoch weitaus spannender als Engel, was wollte ich in einem weißen Kittel und einer Harfe? Harfe spielen lag mir nicht. Auch wenn ich mir eingestehen musste, dass die Fähigkeit zu Fliegen gar nicht so übel war.
„Du wirst warten, wie alle anderen auch“, schimpfte das beflügelte Wesen. Na, wie der es wohl in den Himmel geschafft hatte? Wenn sie da so einen Pöbel reinließen, standen meine Chancen wohl doch gar nicht mal schlecht.
„Warten? Hättet ihr nicht wenigstens nen Stuhl hier oben hinstellen können? Der fette Tisch kann auch auf der Wolke stehen!“
„Die gefällt mir“, raunte der Teufel dem Richter zu. Dieser zückte nur schweigend seine Feder und schrieb erneut irgendetwas auf.
„Ich seh schon, ich halte uns nur auf. Ok, dann halt weiter im Text. Fragt mich aus!“ Die drei nickten zufrieden und musterten mich dann aufmerksam. Ich kam mir vor wie ein Insekt, das sie angewidert anstarrten um es danach zu zerquetschen.
„Allison Miller …“
„Nennt mich Allie“, unterbrach ich den Richter.
„Nun gut. Allie. Wie bist du gestorben?“
„Oh, das ist einfach. Also, ich war auf dem Weg zur Schule und bin fast da. Ich musste über eine Ampel, hab mir nichts bei gedacht, war ja grün für mich. Stehe mitten auf der Straße, mein iPod voll aufgedreht und dann höre ich durch die Musik gedämpft einen Motor aufheulen. Drehe mich um, da rast ein Auto um die Ecke, schnurstracks auf mich zu und nietet mich um. Ende Gelände.“ Für diese Story hätte ich einen Preis verdient. Schönste Erklärung eines zutiefst traurigen Unfalltodes. Der Oskar für die gefühlloseste Beschreibung eines Todes geht an Allie Miller!, schallte es durch mein Kopfkino.
„Erinnerst du dich an sonst irgendetwas?“, fragte der Engel und zog eine Augenbraue hoch. Er neigte sich leicht nach vorn. Mitleid stand in seinen Augen, aber auch ehrliches Interesse an meiner Person. Diese Einstellung wirkte doch schon viel freundlicher, braver Engel. Ich grinste breit und sagte in meinem lieblichsten Ton:
„Nein, nicht das geringste. Ah, aber an das Lied erinnere ich mich. ‚Heaven is a Place on Earth‘. Und Zack: Schon steh ich hier.” Für ein Mädchen, das gerade erst aus dem Leben gerissen worden war, ging es mir doch recht gut. Wahrscheinlich so eine Art Hysterie, bevor die Erkenntnis kam. Die Erkenntnis, dass meine Eltern und Freunde mich für immer verloren hatten. Und ich hatte sie verloren. Doch es fühlte sich nicht real an. Ich sah es nicht ein, daran zu glauben. So lange ich nicht daran glaubte, konnte es nicht wahr sein, oder?
„Also, Allie“, fuhr der Richter schließlich fort. „Wie steht es mit deinen Sünden im Leben.“
„Meinen was?“
„Den Sünden“, wiederholte der Engel und rieb sich dabei die Stirn. Interesse hin oder her, er musste mich echt für begriffsstutzig halten.
„Ich bin nicht schwerhörig!“
„Dann antworte bitte auf die Fragen, es warten noch andere Seelen auf ihr Urteil.“ Ich sagte mir, dass dieser verzogene Engel auch nur irgendein Mann in einem Kleid war. Ob er eine transsexuelle Ader hatte? Waren Engel schwul? Wer außer mir würde an der Himmelspforte stehen und sich solche Fragen durch den Kopf gehen lassen? Ich verlieh mir den zweiten Oskar für die beste Komödie im Zwischenleben und kehrte dann mit meiner Aufmerksamkeit in diese abstruse Situation zurück.
„Mal überlegen, was hab ich so gesündigt in meinem sechzehnjährigen Leben?“ Ich tippte mir mit dem Finger ans Kinn und starrte in die Wolken über mir. Wie hoch schwebten wir hier eigentlich? Eilig verwarf ich diese abschweifenden Gedanken. Mir selbst war die Warterei auch ein Dorn im Auge. „Ich habe meinen kleinen Bruder sehr viel geärgert. Zum Beispiel hab ich immer sein Lieblingsspielzeug versteckt. Meine Eltern dürfen sich seit der Pubertät mein Gejammer anhören und in der Schule hab ich oft die Oberzicke raushängen lassen. Ich war so was wie eine Diva.“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über meine Lippen. Ach ja, das waren Zeiten! Hastig setzte ich meinen Sündenvortrag fort. „Ich war nur als Kind ab und zu mal in der Kirche, wenn Mom mich gezwungen hatte. Und wenn ich dann da war, hab ich nur geschrien. Nichts für ungut, Engel, aber dein Gott interessiert mich seit Kindertagen nicht die Bohne. Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ich habe illegal Musik und Filme aus dem Netz runter geladen und wurde dabei nicht erwischt. Viel Zeit mich zu finden hatten die Bullen auch nicht, bin ja jetzt tot.“ Ich dachte mir, dass das wohl reichen würde. Die Liste war noch länger, aber der Engel fächelte sich schon Luft zu und der Teufel schien sich kaputt zu lachen. Der Richter blieb neutral, schrieb nur wieder mit der Feder auf seinem Notizzettel herum.
„Bin ich fertig? Darf ich jetzt gehen? Wohin auch immer.“ Niemand antwortete. Stattdessen steckten sie die Köpfe zusammen und flüsterten. Verstehen konnte ich nichts, sie waren zu leise. Nur das typische „Pss Pss“ drang zu mir herunter.
„Allie“, begann der Teufel, womit ich nicht gerechnet hätte. Er war eher das schweigende Mitglied in der Runde der drei. Hatte sich bisher zurück gehalten und nicht mehr als einen Satz gesprochen. „Es wäre mir eine große Ehre, dich bei mir in der Hölle aufzunehmen, aber leider ist es noch nicht an der Zeit dafür.“ Dann ergriff der Engel das Wort. „Du bist mir nicht gerade die liebste Gesellschaft, Kind, aber im Himmel würden wir ohnehin nie aufeinander treffen. Das wäre mein Glück, wenn du mit mir kommen würdest. Ein noch größeres Glück ist es, dass auch ich dich nicht mitnehmen werde.“ Verwirrt starrte ich die drei Gestalten an. Echt jetzt? Ich war zu krass drauf für Himmel und Hölle? Wenn ich drogenabhängige Alkoholikerin wäre, die schon fünf ihrer Neugeborenen getötet hatte und für Geld ihren Körper verkaufte, dann hätte ich das ja noch verstanden. Mal ehrlich, wer will mit so einem Menschen was zu tun haben? Aber ich war nicht so ein Mensch. Ich war Allie! Im Alter von sechzehn Jahren verstorben, aufgedreht, aber liebenswert. Meine Freunde mochten mich und meine Eltern hatten mich nicht zur Adoption freigegeben, so schlecht konnte ich gar nicht sein. Was also hatte diese seltsamen Wesen dort oben zu dieser Entscheidung verleitet?
„Allie, du bist entlassen“, sprach der Richter mit sanfter Stimme. Er schenkte mir ein breites Grinsen. Sah aus wie ein „Viel-Glück-Grinsen“. Und bevor ich weiter fragen konnte, brach die Wolke unter mir auf. Und ich fiel ins Nichts. Ich ruderte mit den Armen, aber die Luft hielt mich nicht fest. Wie denn auch, in dieser ungerechten Welt galten immer noch die Gesetze der Schwerkraft. Ich begann mich im freien Fall um meine eigene Achse zu drehen. Mein Magen war nicht begeistert. Zum ersten Mal seit Jahren betete ich zu Gott. Zwar nur, dass ich nicht gleich mit meinem Mittagessen um die Wette fliegen würde, aber der gute Wille zählte.
Tief unten war der Boden zu sehen. Weite Felder in den Farben gelb, grün und braun. Dazwischen Landstraßen und Bäume. Eine kleine Ortschaft. Nach einer Weile gewöhnte ich mich an das Gefühl. Was sollte schon passieren? Sollte ich noch mal sterben? Plötzlich verschwanden die Erde unter mir und der Himmel über mir. Alles wurde schwarz. Das war dann doch ein Grund für Panik. Weder Himmel noch Hölle. Ein endloses Nichts, ewige Dunkelheit. Hätte ich nur ein anständiges Gebet gesprochen! Warum sollte mich das Schicksal so bestrafen?
Ein Ruck durchfuhr meinen Körper. Dann fiel ich nicht mehr. Ich lag. Es summte. Dann ein langes Piepen. Mein Oberkörper sauste in die Höhe und landete wieder auf einem weichen Untergrund. Das Piepen brach kurz ab und kehrte dann in einem angenehmen Rhythmus zurück. Ich öffnete die Augen. Wann hatte ich sie geschlossen? Menschen mit weißen Kitteln standen um mich herum. Das Licht an der Decke blendete. Sie redeten doch ich hörte nichts. „Sie lebt. Wir haben sie wieder!“, rief eine Frau aufgeregt. „Los, sagen Sie den Eltern Bescheid!“ Ein Mann rannte aus dem Raum. „Was ist passiert?“, fragte meine heisere Stimme. Auf meinem Gesicht saß eine Atemmaske, die mir das reden erschwerte. Ich fühlte mich schwach, ausgelaugt. „Du hattest einen Unfall. Es wird alles gut, du bist jetzt sicher. Deine Eltern kommen auch gleich.“ Die Frau – eine Ärztin wie mir nun bewusst wurde – lehnte über dem Bett und sah mich glücklich an. Dann kam Mom reingelaufen und stürzte sich mit etlichen Küssen auf mich. „Oh Schatz, was machst du nur immer?!“, rief sie erfreut. Dad stand hinter ihr und lächelte. Er hatte es nicht so mit solchen Gefühlen, hielt sich wie immer eher zurück. Und dann erinnerte ich mich, was mir soeben widerfahren war. „Mom, Dad. Ihr werdet nicht glauben, wo ich grade war.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen