Montag, 4. Juli 2016

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben - Matt Haig

Ich habe die letzten Jahre viele Ratgeber zu den Themen Depressionen und Angst gelesen. Über Trennungsschmerz und andere Sorgen. Über Lebensfreude und Träume. Doch nie war ein Ratgeber – oder in diesem Fall trifft es wohl eine Biografie besser – darunter, in dem ich mich selbst wiedergefunden habe. Bis jetzt.

Matt Haig’s „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ besticht nicht mit seinem Cover. Es ist einfach ein Männchen auf einer Klippe, in deren Umriss der Name des Autors und der Buchtitel stehen. Der Name ist in schwarzen Buchstaben gedruckt. Der Titel ist bunt mit Farbübergängen, wie ein Regenbogen in Schrift gegossen. Das Männchen auf der Spitze nicht mehr als ein Schatten, der nachdenklich hinab blickt. Es scheint, als würde das Männchen abwägen. Ein Fuß ist leicht vorgestellt, die Haltung gebeugt, soll ich, soll ich nicht? Ich will springen, sagt das Cover. Und doch will ich es nicht.

Ich hatte den Roman online ausgeliehen. Der Titel sprach mich an. Ebenso wie das schlichte Cover. Es sagt so viel aus, obwohl es so wenig abbildet. Das Buch zog mich in seinen Bann noch ehe ich zu lesen begann. Es strahlt diese drückende Stimmung aus, doch in der Ferne brennt immer der Hoffnungsschimmer. Dieses Werk lebt, auf eine ganz eigene Art und Weise.

Der Autor beschreibt seinen Leidensweg durch Depression und Angststörung in Höhen und Tiefen. Er folgt historisch betrachtet keiner klaren Linie. Der rote Faden ist die stetig wachsende Hoffnung. Mit jedem Kapitel gewinnt er mehr an Lebensfreude zurück, auch wenn diese nie vollständig erreicht werden kann. Denn immer wieder steht er an dem Abgrund, der sich auf dem Cover offenbart. Ich habe nie ein Buch gelesen, in dem es Kreuz und quer durch die Krankheit geht. Aber so ist die Depression. Kreuz und quer. Man fliegt hoch und fällt tiefer. Dieses Krankheitsbild nachvollziehbar zu beschreiben ist unheimlich schwer. Wer sie nicht nachempfindet, kann sich das Ausmaß nicht vorstellen. Matt Haig schafft es mit seinen Worten eine Vorstellung von Depression in die Gedanken der Leser zu malen. Er beschreibt alle Facetten seiner Depression mit Angststörung in kurzen Kapiteln, die teilweise nur 2 Seiten lang sind. Und das ist gar nicht so übel. Schließlich hat man so nach jedem kleinen Abschnitt einmal die Möglichkeit, durchzuatmen und das Gelesene zu verdauen.

Wieder meinen Vorsatz habe ich den Roman gekauft. Ein Trost bleibt: Er steht immerhin nicht mehr auf der Leseliste. Mich plagte einfach das Gefühl, ohne Matt Haig’s gedruckte Gefühlswelt in meinem Regal nicht mehr leben zu können. Zumindest will ich es nicht, aber der kleine Unterschied zwischen wollen und können ist mir gleich. „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ hat mich berührt. Matt Haig’s Weg durch die Depression in die Kreativität ist so wundervoll, so inspirierend. In vielem habe ich mich wieder erkannt. Wahrscheinlich verehre ich dieses Buch deshalb so. Wie oft liest man schon Zeilen, die aus tiefstem Leid entstanden und wie ein Phönix aus der Asche zu einer solchen Schönheit auferstanden sind. Übertreibe ich? Ja, bestimmt, ich übertreibe gern. Und ich könnte noch stundenlang weiter schreiben. Aber irgendwann muss der Schlusssatz folgen und der lautet wie folgt:

Danke Mr. Haig, dass Sie Ihre Gedanken so fantastisch mit der Welt teilen : ).

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