Sonntag, 28. August 2016

Die Versammlung


Die Versammlung beginnt, es ist schon fast Mitternacht. Ich beobachte die Menschen, wie sie scheinbar unauffällig das Gebäude betreten. Ein Wohnhaus in der Stadtmitte. Es ist von derselben grauen Farbe wie der Rest des Viertels, nur dass in diesem hier  nur eine Familie untergebracht ist. Die Privilegien der Reichen haben sich auch in der heutigen Zeit noch nicht verloren.
Ein lautes Krähen reißt mich aus meiner Konzentration. Kurz erschrecke ich, doch es ist nur Sora, mein treuer Begleiter auf dieser halsbrecherischen Mission.
„Halt den Schnabel, Süßer, wahrscheinlich ist der Informant unter ihnen.“ Trotzig dreht der Rabe den Kopf fort und hüpft ans andere Ende des Daches, auf dem wir beide es uns gemütlich gemacht haben.
Ich wende mich seufzend dem Geschehen vor dem Haus zu. Auf der Suche nach einer Lücke, die mir den Einlass gestattet. Oder auf der Suche nach einem bekannten Gesicht, das den Senat verraten hat. Ich habe den Auftrag, den Spitzel und seine Mitwisser auszuschalten, ehe weitere sensible Regierungsinformationen an die Rebellen weiter gegeben werden können. Seit dem Inkrafttreten des Gleichstellungsgesetzes, nach dem kein Mensch mehr durch individuelle Merkmale auffallen darf zum Schutze der Gesellschaft, hat sich diese Zelle dort unten stetig vergrößert. Es ist nur schwer nachzuvollziehen, warum sie nun erneut einen Krieg vom Zaun brechen wollen. Früher gab es immer Auseinandersetzungen aufgrund von Religion, Kopftüchern, Alltagskleidung, persönlicher Einstellung. Um die Menschheit vor sich selbst zu schützen musste nach dem dritten Weltkrieg das System verändert werden. Nun ist jeder Mensch gleich. Es gibt keine Unterschiede mehr, die für Konflikte sorgen können. Niemand wird benachteiligt. Die Reichen dürfen ihren Status in den eigenen vier Wänden frei ausleben. In der Öffentlichkeit gilt jedoch das Gesetz. Ich bin eine der vielen Befürworter, ich habe meine Gründe. Es ist jetzt schon Jahre her und ich will nicht mehr darüber nachdenken. Ich habe jetzt eine Aufgabe. Ich muss diese Welt, dieses System schützen.
„Das wird nichts“, stelle ich nach einer Weile betrübt fest. „Sora, hör auf zu schmollen und komm mit.“
Ich rutsche das Dach herunter und lasse mich auf den Balkon einer Wohnung fallen.
Die Rollläden sind geschlossen, niemand wird meine Anwesenheit bemerken. Über das Geäst des gegenüberliegenden Baumes gelange ich zurück auf den Boden.
„Sora!“, mahne ich den Raben. Mit einem höhnenden Krähen folgt der Vogel mir.
Leichte Schritte tragen mich aus dem Grün hinaus auf die Straße. In den Schatten zwischen den Laternen bewege ich mich nahezu unsichtbar näher zu dem Zielobjekt. Meine Schwarze Kleidung erfüllt den Zweck der Tarnung perfekt, jedoch wird sie mir im Licht keinen Dienst mehr erweisen. Ich muss in dieses Haus hinein, dafür muss ich aus der Dunkelheit, aus meiner Deckung heraus.
Weitere einzelne Menschen erscheinen auf der Straße. Ich beobachte sie, warte auf den richtigen Moment. Es muss nur jemand nah genug kommen, nur noch ein Stück. Doch es ist zu riskant, sie sind zu weit entfernt.
„Sora“, flüstere ich. Ich erspähe den Raben auf der nächstgelegenen Laterne. Ich habe ihm verboten sich so offen zu zeigen, doch dieses Tier ist unverbesserlich. Als seine Augen mich erfassen deute ich auf einen Mann, der ein wenig mehr Distanz zu anderen Menschen hat. Eine Frau wäre sicherlich passender, aber der wird dem Zweck schon genügen.
Sora erhebt sich von seinem Aussichtspunkt und gleitet auf den Mann zu. Auf einem alten Briefkasten lässt er sich nieder und kräht zwei, dreimal. Der Mann wird aufmerksam und starrt den Raben angsterfüllt an. Ich nutze seine aufkeimende Panik und schleiche mich auf einem Umweg durch die Schatten heran. Wenn ich jetzt von irgendjemandem entdeckt werde, wird das Treffen sofort abgeblasen und ich erhalte keine weitere Chance, die Verräter zu stellen.
Der Mann wirkt nachdenklich, überfordert. Es ist niemand dort, den er rufen könnte. Er weiß, dass der Rabe das Spähertier der Regierung ist. Doch er weiß nicht, dass dessen Späher in der Nähe ist, da Raben für gewöhnlich mit Kameras ausgestattet bei Nacht durch die Stadt geschickt werden. Aus der Ferne beobachten ihre Späher das Videomaterial und werten es aus. So spart man Personal, auf fünf Raben kommt derzeit ein Späher. Ich bin eine der wenigen, die draußen unterwegs sind. Das Ass im Ärmel, wenn es brenzlig wird.
Unter meinen Füßen knirscht etwas. Der Mann dreht sich um, schaut mir direkt in die Augen. Mir bleibt eine Sekunde zum Handeln, ehe er los stürmt. Zehn Meter zu überbrücken innerhalb dieser wahnsinnig kurzen Zeit. Allerdings bleibt mir auch ein Vorteil. Ich bin nicht allein.
Auf ein Handzeichen hin stürzt Sora sich auf den Mann, der schreiend um sich schlägt. Es könnte schon zu spät sein, wir könnten schon gehört worden sein. Als ich die beiden erreiche, stoße ich Sora sanft weg und greife mit der rechten Hand über den Mund des Schreienden.
„Ganz ruhig“, flüstere ich. „Alles wird gut.“ Dann klappe ich geschickt die Nadel aus meinem Armband heraus und betäube ihn mit dem Schlafmittel, das darin für Notfälle enthalten ist. Sofort sackt der schwere Körper vor mir zusammen.
„Sora, Cam ist on Air, leih‘ mir deine Augen und schau nach, ob uns jemand bemerkt hat.“
Der Rabe gehorcht und fliegt los. Ich mühe mich mit dem schweren Typen ab, zerre ihn in eine Seitengasse und entkleide ihn. Der dunkelblaue Anzug spricht sich für einen gewissen Status aus. Natürlich ist er mir viel zu weit, doch ich schaffe es, ihn halbwegs ansehnlich um mich zu drapieren. Ich fessele den Mann zur Sicherheit noch und durchsuche zu guter Letzt seine Taschen nach einem Hinweis. Ich finde einen Kugelschreiber, eine Visitenkarte, zwei Stückchen Traubenzucker. Keine besonders große Hilfe, mir bleibt wohl nur die Improvisation. Laut seinem Ausweis heißt der Unbekannte Trevor Miles. Achtundfünfzig Jahre alt, Registriernummer TM0258A.
Ehe ich die Gasse verlasse checke ich Sora’s Aufnahmen. Unfassbar, uns scheint niemand gehört zu haben. Keine auffälligen Ereignisse. Erleichtert streiche ich mir über die Stirn. Ich hatte schon leichtere Aufträge. Ein Leben als Killer der Regierung bereitet täglich neue Tücken.
Nach ein paar schnellen Korrekturen an meinem Aussehen betrete ich die hell erleuchtete Straße. Ich löse das Haarband und rotbraune Wellen fallen elegant über meinen Rücken, kaschieren so ein paar der Falten des zu großen Anzuges.
Ich prüfe den Stand meiner Pulsuhr. Trotz der steigenden Nervösität kaum eine Veränderung. Ich muss Ruhe bewahren, für den Fall von Sicherheitsmaßnahmen am Eingang. Wenn sie Kontakte in den Senat schleusen konnten, dann sind moderne Messgeräte zur Kontrolle der Besucher – Metalldetektoren, womöglich sogar Blut- und Körperfunktionsanalysen – nicht ausgeschlossen. Ein letztes Mal lasse ich mir auf dem Display der Uhr noch die Kameraansicht von Sora anzeigen. Er schwebt direkt über mir. Braver Rabe, das Gebiet ist gesichert, so habe ich ihn erzogen. Ab und an tut er doch, was er soll.
Deutlich beruhigt betrete ich das Gebäude. Eine junge Dame steht im Flur an einem behelfsmäßigen Empfang. Ein Klapptisch, auf dem ein offenes Buch liegt.
„Guten Abend“, grüßt sie höflich. Ihre Stimme ist belegt, sicher weil sie mich nicht kennt.
„Hallo. Ich komme zum Treffen“, sage ich selbstsicher.
„Welches Treffen denn. Hier findet eine Familienfeier statt im engsten Kreise. Ich kontrolliere gern Ihre Einladung.“
Nun hat sie mich, Trevor hatte keine Einladung dabei. Ich lächele beschämt und teile mit: „Das tut mir leid, ich habe die Einladung verlegt. Vielmehr mein Vater, dieser Schussel. Trevor Miles.“
Bei dem Namen des Mannes hellt sich ihr Gesicht auf.
„Verzeihen Sie Miss Miles. Ihr Vater hatte wohl noch keine Gelegenheit, sie hier vorzustellen. Er wollte eigentlich persönlich herkommen.“
„Ja, doch er ist leider verhindert. Es war recht spontan. Er bat mich, ihn zu vertreten.“
Die Dame nickt verständnisvoll. Hat sie angebissen? Nach kurzer Überlegung deutet sie auf das Buch auf dem Tisch.
„Bitte. Tragen Sie sich ein. Das ist unser Gästebuch. Jeder Gast erhält im Lauf der nächsten Woche noch ein kleines Dankeschön. Tragen Sie also auch bitte die Stellvertretung für Ihren Vater neben Ihrem Namen ein.“
Siegessicher kritzele ich „Vanessa Miles, im Auftrag von Mr. Trevor Miles“ unter die anderen Unterschriften.
„Wenn Sie dann bitte hinein treten würden. Den Gang durch und am Ende links. Dort ist der Speiseraum. Ein Buffet ist angerichtet, bedienen Sie sich.“
„Vielen Dank“, erwidere ich und gehe hinein.
Die Prunkvoll eingerichteten Räume erinnern an das innere eines Schlosses. Jemand hat hier Geld und eine Menge Liebe für Details springen lassen. Anerkennend pfeife ich vor mich hin, als mein Blick ein großes Gemälde streift. Der Rahmen besteht aus goldenen Ranken mit verschnörkelten Blättern und in jeder Ecke prangt eine Rose in einem anderen Stadium ihrer Blüte. Auf dem Bild erkennt man eine Frau in einem silbrig durchscheinenden Kleid, das im Wind tanzt. Es ist Nacht. Die Mondsichel steht am Himmel. Die Frau hat eine Hand nach dieser gestreckt, die andere liegt zur Faust geformt auf ihrer Brust. Ihr Gesicht ist dem Betrachter seitlich zugeneigt, ihre Augen sind geschlossen und eine Träne gleitet über ihre Wange hinab. Zu ihren Füßen bildet sich ein kleiner See, der von ihrem Wehklagen genährt wird.
„Atemberaubend, nicht?“, erklingt eine männliche Stimme neben mir. Ich bin so konzentriert, dass ich durch den zarten Ton gewaltsam in eine nun fremde Realität zurückgezogen werde.
„J-ja“, stottere ich. „Es ist wundervoll. Was ist es?“
„Nun, der Künstler konnte die Bedeutung des Bildes leider nicht mehr mitteilen, er verstarb kurz nachdem er es gefertigt hatte. Ein Meisterwerk seiner Kunst. Man sagt, die Frau betrauere die Unvollständigkeit des Mondes so sehr, dass sie einen See mit ihren Tränen speist um den Glanz der halben Scheibe zu spiegeln. Die Nacht wirkt gleich viel heller, wenn das Abbild des Halbmondes mit dem Original um die Wette strahlt, meinen Sie nicht auch?“
Ich nicke stumm, versuche die Worte zu verarbeiten. So viel Tiefgründigkeit auf einem Bild. Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Wie eine uralte Erinnerung in den Abgründen meines Unterbewusstseins.
Das Piepen meiner Uhr erinnert mich an meine Aufgabe.
„Haben Sie noch etwas vor?“, fragt der Fremde Kunstliebhaber.
„Nein ich… Ich hatte vergessen es auszuschalten. Ich geh dann mal ans Buffet.“
Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen schreite ich durch den Raum und schnappe mir einen Teller. Mein Job beinhaltet keine kostenlose Verpflegung am Einsatzort, allerdings mahnt mein Magen mich nun doch, regelmäßiger zu essen. Und das Klingeln einer Glocke mahnt mich sobald der Teller wunderbar vollgeladen ist, dass ich zu spät bin.
„Meine Damen und Herren, noch einmal herzlich Willkommen zu so später Stunde“, spricht ein älterer Herr. Er ist längst in hohem Alter ergraut, geht am Krückstock, seine Tage sind gezählt.
„Bitte entschuldigen Sie die Uhrzeit, es war leider für die meisten nicht anders einzurichten. Doch nun sind wir endlich vollzählig und die Bekanntmachung kann beginnen.“
Aufmerksam lausche ich den Worten. Der Hunger kann warten, meine Mission nicht.
„Doch zunächst möchte ich einen ganz besonderen Gast begrüßen. Leider kann er selbst persönlich heute nicht zugegen sein, doch seine Tochter, Vanessa Miles vertritt ihn. Kommen Sie hervor Kind.“
Erschrocken starre ich den alten Mann an. Verdammt, ich habe die Identität des Nachkommens eines ziemlich wichtigen Besuchers gestohlen und weiß nicht einmal, ob eine Tochter in dessen Familie existiert. Unsicher begebe ich mich neben den alten Herren, verberge die Lüge hinter einer perfekten, töchterlichen Fassade.
„Vielen Dank, es ist mir eine Ehre, heute hier sein zu dürfen“, erzähle ich.
„Das beruht gewiss auf Gegenseitigkeit, meine Liebe. Sagen Sie, wie geht es Ihrem Vater?“
„Gut“, antworte ich trocken. „Ihm war nicht wohl am Abend, Mutter und ich haben ihn zur Bettruhe verdonnert.“
„Dann wünschen wir ihm doch alle gute Besserung. Erheben wir die Gläser auf die Gesundheit unseres treusten Mitgliedes.“
Jemand reicht mir ein Sektglas und alle erheben diese zu einem gemeinsamen „Prost“ an. Ich nippe an dem prickelnden Getränk, stelle es dann sofort auf eine Anrichte und versuche mich davon zu stehlen. In eine Ecke des Hauses, aus der ich unauffällig weiter agieren kann. Jemand fasst mich am Arm. Ich will lautstark protestieren, drehe mich zu dem Grabscher um. Mein Atem stockt. Mein Pulsschlag erhöht sich drastisch. Adrenalin pumpt durch meine Adern und Schweißperlen rinnen meine Stirn hinab. Der Schock steht in meinen Augen, die Mission ist fehlgeschlagen. Geistesgegenwärtig tippe ich mit einem Finger meiner freien Hand an den versteckten Knopf an meiner Uhr und sende ein Signal an Sora. Mein Gegenüber grinst. Ich bin enttarnt. Mir bleibt keine Wahl.

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Und wer mir jetzt wegen dem Ende böse ist, es wurde ziemlich lang, wie man unschwer erkennen kann. So lang, dass ich über eine Fortsetzung nachdenke ;). Ich hoffe, die verhältnismäßig laaaange Kurzgeschichte hat euch gefallen und euer Interesse an der Fortsetzung geweckt ^^.

Kommentare:

  1. Auf jeden Fall, wie geht's weiter?

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    1. Fortsetzung folgt, dauert aber noch ein wenig ;).

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  2. Ich finde es super, was du aus meinen Stichpunkten gemacht hast.:) Sehr interessanter Storyansatz und ich würde auch gern wissen, wie es weitergeht. Du hättest die Protagonisten zu Beginn etwas beschreiben können, sowie auch die Umgebung. Ich finde sie außerdem überhaupt nicht zu lang. Meine Stichpunkte habe ich mir übrigens von 'Six of Crows' von Leigh Bardugo abgeschaut, und finde es sehr interessant wie anders es geworden ist, vielleicht schaust du dir das Buch mal an.
    Weiter so :)
    Marice

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    1. Six of Crows klingt interessant, muss ich mir bei Gelegenheit mal genauer ansehen.
      Wenn ich mitten in einer Handlung einsteige, vernachlässige ich häufig die genauere Beschreibung der Protagonisten. Das ist so eine kleine Macke, aber danke für den Hinweis ^^.
      Freut mich, dass es dir gefällt. Ich wähle bei Stichpunkten immer das erste Bild, dass ich im Kopf habe, und baue daraus eine Geschichte. In diesem Fall war da diese Frau auf dem Dach, mitten in der Nacht, mitten in der Stadt. Ein Rabe saß an ihrer Seite und sie beobachteten etwas. Und aus diesem Bild ist schließlich "Die Versammlung" entstanden. Ich werde mir da auf jeden Fall noch eine Fortsetzung einfallen lassen. Bin selbst sehr gespannt, wohin die Handlung mich führen wird :).

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