Mittwoch, 21. September 2016

Das Labor - Experimente

Das dämmrige Licht flackert vor seinen Augenlidern. Angestrengt hebt er sie, um den Raum zu erkunden. Auf einem silbernen Tisch mit Rollen liegen medizinische Instrumente wahllos herum. Eine Spritze, ein Skalpell, eine Schale. In den Regalen gegenüber befinden sich geheimnisvolle Substanzen, sorgfältig abgefüllt in Flaschen und händisch beschriftet. Er kann die Buchstaben aus dieser Entfernung nicht entziffern. Zumal die Lampe nicht genug Helligkeit abwirft, um es ihm zu ermöglichen. Als Jonathan versucht den Arm zu heben, bemerkt er die Fesseln.
„Was zum…“, krächzt er. Seine Stimme klingt rau und fremd. Er versucht sich zu erinnern, wie er her gekommen ist. Ein vages Bild schwirrt durch seine Gedanken.
Eine Tür öffnet sich lautstark, sie knallt gegen die Wand. Etwas scheppert hindurch, wahrscheinlich ein weiterer Tisch mit Bestecken.
„Bereiten sie das Objekt für die nächste Testreihe vor“, befiehlt eine bekannte Stimme. Doch wo ist er diesem Mann begegnet?
„Sehr wohl, Herr Doktor Clark.“ Eine Frauenstimme, Absätze klackern, die Schritte entfernen sich. Dann schließt sich die Tür wieder. Dr. Clark schiebt den Tisch an die Liege, an die Jonathan gebunden ist.
„Na, wie geht es uns heute, Sie sind ja schon wach.“

„Wo bin ich?“, fragt Jonathan verwirrt. Die Gurte an seinen Armen reiben an der Haut, es werden sich bald breite Striemen bilden.
„Sie haben es vergessen. Muss wohl eine Nebenwirkung sein. Sie haben eingewilligt, an einer Testreihe teilzunehmen. Gegen Bezahlung. Alles ist vertraglich festgehalten“, antwortet der Arzt. Es klingt viel zu vertrauenswürdig. Warum sollte eine vertragliche Vereinbarung eine solche Behandlung rechtfertigen? An eine Liege gefesselt, der Besinnung beraubt. Die  Selbstsicherheit des Arztes stinkt zum Himmel, Jonathan meint sie förmlich zu riechen. Er unterdrückt ein Würgen.
„Nein“, erwidert er dann. „Das kann nicht sein. Ich weiß nichts mehr.“
„Sie werden sich erinnern. Nun einmal entspannen, sie erhalten die nächste Dosis.“
Dr. Clark zieht eine Spritze auf mit einer rötlichen Flüssigkeit. Es sieht aus wie Wein, nur viel gefährlicher. Jonathan rüttelt panisch an den Fesseln. Nun bemerkt er auch seine gesicherten Füße, denn der Versuch nach dem Mann im weißen Kittel zu treten scheitert kläglich.
„Das tut nicht weh“, beschwichtigt der Doktor und sticht in eine Vene am Arm. Jonathan schreit, das Mittel brennt sich einen Weg durch seine Blutbahn. Lava verglüht ihn innerlich, die Schmerzen sind nicht vergleichbar mit irgendetwas auf dieser Welt. Tränen steigen ihm in die Augen. Seine Unterlippe platzt unter seinen gequälten Bissen auf. Ein Gegenschmerz zeigt keine Wirkung in Anbetracht der Torturen in seinem Körper. Als das Feuer sein Herz erreicht, wird der Schlag schwächer. Eine seltsame Ruhe senkt sich über ihn. Das stetig langsamere Pochen hallt in seinen Ohren wieder. Es folgt eine Müdigkeit, eine tiefe Erschöpfung. Der Atem wird flach. Die Sicht verschwimmt. Benommen nimmt er noch wahr, wie der Arzt von zehn herunter zählt. Dann wird alles schwarz. Und mit der Schwärze kommen die Bilder.

Jonathan träumt. Zwei Männer sprachen ihn an. Wie lange mochte das nun her sein?
Unter seiner Brücke, seiner Heimat. Keine Frau, keine Kinder, keine Eltern. Ein Obdachloser ohne Wert. Sein Leben abhängig von Pfandflaschen und einem kargen Bettlereinkommen. Kaum Haut, noch Knochen. Sie fanden ihn und boten einen Ausweg. Er sollte für Geld ein neuartiges Medikament testen. Eine Art Aufbaukur nannten sie es. Perspektivlos nahm er das Angebot ohne lange zu überlegen an.
Die Szene wechselt. Eine Einrichtung. Ein Labor für Tierversuche. Hier sollten die Tests stattfinden? Er hinterfragte es nicht, schließlich boten sie Geld. Sie folgten verwinkelten Gassen und Gängen, Tür reihte sich an Tür. Ein wahres Labyrinth von einem Gebäude. Er merkte sich den Buchstaben D, der groß über einer schweren Metalltür prangte. Dahinter ein kurzer Weg, dann noch eine Metalltür. Sie verschlossen die Schleuse nach Betreten, nahmen ihm seine Kleidung ab und gaben so etwas wie Gefangenenkleidung heraus. Nach Eingabe eines Codes und Überprüfung des Fingerabdruckes von einem der Männer öffnete sich die zweite Tür. Ein Team von Kitteln und Maskierten erwartete die kleine Gruppe. Eine Reihe von Spritzen lag schon auf dem Tisch bereit. Man gab ihm einen Bogen, angeblich mit Beschreibung des Medikamentes inklusive sämtlicher Nebenwirkungen. Er unterschrieb ohne zu lesen. Blind für das Risiko, er wollte nur Geld. Sie versprachen ihm den Lohn nach dem ersten Test. Er sollte sofort stattfinden.
Jemand machte seinen Arm frei und drückte die erste Spritze hinein. Der Schmerz raubte ihm allen Atem, sein Körper sackte in sich zusammen. Jonathan kroch zurück zu der großen Tür, aber jemand hielt seine Beine. Sie schrien alle durcheinander, er verstand kein Wort. Er schlug um sich, als sie ihn aufrichteten. Wollte fliehen. Dann zog jemand eine Waffe und schoss. Ein Pfeil mit einem gefiederten Ende ragte aus seiner Brust. Er fühlte sich wie ein Zootier, das man mit der Betäubung außer Gefecht setzte. Der Boden rauschte seinem Kopf entgegen. Als beide sich trafen, verschwand das Labor vor seinen Augen.

Ein monotones Geräusch weckt Jonathan aus seinem Traum. Er erinnert sich wieder. Sie haben ihn betrogen. Was auch sonst. Er ist allein in dem Raum. Es ist dunkel, nur ein rotes Licht blinkt an der Decke. Eine Überwachungskamera. Das Geräusch muss die Lüftungsanlage sein, die träge vor sich hin surrt.
Erneut versucht er, die Fesseln zu lösen. Seine Beine sind bereits lockerer gebunden, was wohl seinem Widerstand bei der letzten Spritze zu verdanken ist. Mit aller Kraft zerrt er an den Gurten. Seine Hände schlafen durch den gehemmten Blutfluss ein, die Arme sind nicht stark genug. Mit mehr Druck zieht und zerrt und drückt er. Ein Schrei tritt über seine Lippen, ein zartes Ratschen ertönt. Ein weiteres. Jonathan fühlt, wie die Stärke der Fesselung nachlässt. Mit einem letzten wütenden Brüllen zerbersten die Gurte. Schwer atmend erhebt er sich auf der Liege. Sein Blick schweift durch den Raum. Es ist dunkel, doch er sieht seine Umgebung deutlich. Das Bild ähnelt dem einer Nachtsichtkamera.
Die Tische mit den Instrumenten sind verschwunden, die Regale wurden geleert.
Eilig befreit Jonathan seine Füße aus der Gefangenschaft. Er hüpft von der Liege, seine Beine zittern beim Aufprall auf dem Boden. Wie lange er wohl dort gelegen hat? Doch dieser Gedanke kümmert ihn nicht lange, er muss fliehen.
Neben der Tür, die aus dieser Hölle heraus führt, befindet sich ein großes, verspiegeltes Fenster. Ob ihn jemand beobachtet? Diese Dreckskerle haben den Behandlungsraum in eine Gefängniszelle verwandelt und ihn unter ständige Beobachtung gestellt. Die Kamera und das Fenster sprechen für sich.
Ein fremdes Gesicht starrt ihm entgegen.
„Oh mein Gott!“, stöhnt er entsetzt. Wo früher ein magerer Mann, da nun ein Muskelprotz. Unter dem dünnen Hemdchen dieser Einrichtung zeichnet sich ein gestählter Sixpack ab. Seine Arme wirken im Vergleich zu den Bohnenstangen von zuvor wie die eines Bodybuilders, der täglich mit schweren Hanteln trainiert. Sein Gesicht trägt einen leichten Bart, ist nicht mehr so kränklich und schmal. Bei einem Blick in seine Augen fällt er vor Schreck einige Schritte zurück, prallt gegen die Liege, wirft diese quer durch den Raum. Seine Augen leuchten glühend rot.
„Was ist das?“, fragt er sein Spiegelbild. Doch es imitiert nur stumm dieselbe Frage. Erfinden sie hier Medikamente, die Menschen ihren Traumkörper verleihen? Doch zu welchem Preis? Was zahlt er für dieses Aussehen und warum sind seine Augen rot?
Plötzlich strömt ein verlockender Duft in seine Nase. Eine Klappe in der Tür öffnet sich und jemand schiebt ein Glas herein. Wieder ist es eine rote Flüssigkeit, aber nicht wie Wein, sondern wie Blut. Es riecht köstlich. Jonathan leckt sich unbewusst die Lippen. Erschrocken schlägt er die Hände vor den Mund.
„Au!“, schreit er. Etwas hat ihn gestochen. Ein erneuter Blick in das Spiegelglas zeigt den Preis dieses Experimentes. Scharfe Eckzähne ragen aus seinem geöffneten Mund. Die Puzzleteile fügen sich in purer Angst und Verzweiflung zu einem abscheulichen Bild zusammen. Jonathan versteht plötzlich, welche Experimente hier durchgeführt werden. Ist er der Erste? Gibt es noch andere wie ihn?
Wütend streift er durch den Raum. Das Glas mit Blut assoziiert er mit einer Raubtierfütterung. Jedoch sollte man niemals ein Raubtier unterschätzen. Mit einem markerschütternden Schrei wirft er sich gegen die Scheibe. Ihm bleibt keine Wahl, das ist alles, was er tun kann.
„Ich bin nicht euer Haustier!“, brüllt er. Wieder und wieder springt er gegen das Glas, das dabei nicht mal annähernd splittert.
„Hey, Ruhe dadrin“, erklingt eine fremde Stimme. Sicher der Wärter, der ihm das Abendessen gebracht hat. Instinkt übernimmt die Oberhand, Jonathan lässt nicht von den Versuchen ab.
„Verdammt nochmal, sei endlich still du Monster!“
Ein Schatten bewegt sich vor der Öffnung, an der das Glas herein geschoben wurde. Sie ist etwa so groß wie ein DIN A4 Blatt. Jonathan entscheidet schnell, stürmt hinüber und greift mit dem Arm hindurch. Er fasst das Bein des Wärters, der nicht mal mehr Zeit hat zu kreischen. Jonathan zieht und das Bein knallt gegen das kleine Fenster. Mit einem zweiten Zug bricht der Knochen, das abgeknickte Bein ragt halt in seine Zelle hinein, Schmerzensschreie erfüllen die Luft. Jonathan lässt nicht von seiner Beute ab. Er zieht weiter, zerrt sein Opfer näher heran ungeachtet des zerstörten Beines des weinenden Mannes. Ein Schlüssel baumelt an dessen Hüfte. Bingo.
Sofort streckt Jonathan sich nach dem Bund, reißt ihn von der Hose des Wärters und lässt schließlich ab von diesem. Mit zitternden Händen führt er einen Schlüssel nach dem anderen in die Tür, der vierte öffnet das Schloss. Hinter der Tür liegt der verletzte Mann bewusstlos am Boden. Der Duft von frischem Blut lässt Jonathan das Wasser im Munde zusammen laufen. Die Eckzähne scheinen schneller zu pochen als sein deutlich erhöhter Herzschlag.
Er muss fliehen. Und dann muss er Dr. Clark finden. Denn der Hunger brennt in seiner Kehle und schließlich hat er sich noch für die Behandlung zu bedanken.

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