Sonntag, 11. September 2016

Das Labor

Wie eine Katze schleiche ich durch die Gänge des riesigen Gebäudes, die mehr einem Labyrinth als einem klassischen, privaten Laboratorium gleichen. Keine Schilder hängen an den Wänden, wer den Weg nicht von vornherein kennt ist verloren. Wer sich dann noch erwischen lässt, der kann sich vom Leben in Freiheit verabschieden.
Wir haben uns aufgeteilt. Sam und Marlon sind in Gebäudeteil C unterwegs, Mira und ich in A. B hat sich recht schnell als Sackgasse herausgestellt. Eine Kantine für die Mitarbeiter, nichts weiter. In jedem der Abschnitte werden andere Experimente durchgeführt. Gerüchten zufolge existiert noch ein Abschnitt D, doch niemand konnte das je belegen.
Ein lautes Quietschen lässt mich zusammen zucken.
Ich schwenke zitternd die Taschenlampe um. Ich seufze erleichtert. Meine Komplizin lächelt mich unschuldig an.
„Mira, pssst!“, mahne ich wütend.
„Tut mir leid“, flüstert die Unruhestifterin. „Aber diese neuen Sneaker sind noch nicht richtig eingelaufen.“
„Du trägst bei einem Einbruch in ein Labor quietschende Sneaker? Hast du einen Knall?“
Mira verdreht die Augen. Im Schein der Lampe wirkt sie beinahe bleich. Ihre orange-roten Haare leuchten, lassen die Haut erst recht hell erscheinen. In den Augen meiner Kommilitonin erkenne ich den typischen Modefreak, von dem man solch einen halsbrecherichen Einsatz für die Tierwelt eigentlich nicht erwartet. Sie ist naiv auf diesem Gebiet. Man könnte ihr locker verklickern, dass Elefanten mit schlackernden Ohren im Winter gen Süden fliegen. Nicht unwahrscheinlich, dass sie es glaubt. Außerdem bezweifle ich sehr, dass ihre künstliche Haarfarbe nie an Tieren getestet wurde. Aber auf dieser Mission kann ich letztendlich jede Hilfe gebrauchen.
„Hallo? Wenn wir schon im Knast landen, dann wenigstens gut aussehend!“, erwidert Mira und deutet auf ihre Erscheinung. Ich schüttele den Kopf, sage aber nichts weiter zu diesem Thema. Vielleicht hätte ich doch wählerischer sein sollen bei meiner Suche nach Mittätern.
„Komm jetzt und sei still, Mira.“
Mit Zeigefinger und Daumen verschließt meine Begleiterin ihre Lippen symbolisch mit einem Reißverschluss und folgt mir wie ein Schatten.
Immer noch kann ich nicht glauben, was wir hier tun. Klar, die Idee zum Einbruch ist mein Verdienst. Die Phil Clark Inc. ist marktführend auf ihrem Gebiet. Vor kurzem wurden von einem Mitarbeiter geheime Dokumente veröffentlicht. Beweise über Tierversuche mit Medikamenten, Kosmetika und Krankheitserregern. Seitdem finden regelmäßig Demonstrationen auf dem Gelände des Unternehmens statt, aber weiter hat sich noch niemand getraut. Zumindest bis heute. Als leitende Redakteurin der Universitätszeitung war es mir ein Privileg, diese Nacht und Nebel Aktion zu planen und Helfer anzuheuern. Ich seufze innerlich und bete, dass keiner von uns das hier bereuen wird!
„Wohin führt dieser Weg?“, fragt Mira schließlich. Wir sind schon gefühlte Stunden unterwegs. Die meisten Türen sind abgeschlossen, sodass wir keinen Zugang finden. Es hat sich noch kein Labor offenbart, keine Tierkäfige, gar nichts.
„Keine Ahnung. Wir müssen es riskieren.“
Ich folge unsicher dem Gang, einfach immer der Nase nach. In Gedanken bete ich, dass mein Instinkt mich richtig führt.
„Schau mal, eine Gabelung!“
Verdammt, mein Instinkt bräuchte doch ein Update. Nachdenklich zwicke ich in mein Ohrläppchen, als würde das die grauen Zellen in meinem Hirn zu einer erleuchtenden Antwort auf die Frage „wohin jetzt?“ motivieren.
„Geh du nach links. Ich nehme den anderen Weg“, schlage ich schließlich vor. Wir haben keine Wahl, die Zeit läuft uns davon.
„Ich verlaufe mich, Rose! Du hast doch selbst gesagt, das hier ist ein Labyrinth. Ich will zwar im Knast gut aussehen, aber ich will da nicht unbedingt rein.“
„Keine Panik, geh einfach immer weiter, ohne abzubiegen. Hier“, sage ich und stecke ihr eine Packung Post-its zu. „Kleb die einfach an jede Abzweigung, an der du schon warst. Mal Pfeile drauf, um zurück zu finden.“
„Ich hab keinen Stift.“
Genervt greife ich in ihre Jackentasche und fische einen Eyeliner heraus. „Der wird’s schon tun.“
„Dann pass du aber auch auf.“ Ehe sie in die Dunkelheit verschwindet steckte ich Mira meine Taschenlampe zu. Ich habe vorgesorgt und mir als Ersatz ein LED Lämpchen eingesteckt. Das Licht ist schwächer. Die Reichweite mäßig. Jedoch sollte es für meine Zwecke reichen. Für Fotos und den absoluten Notfall hat mein Handy noch ein Blitzlicht.
Ganz oben auf unserer To Do Liste stehen die Beweisfotos, die wir am Morgen an die lokale Presse weiter geben. Wenn sich die Möglichkeit bietet wird auch spontan eine Befreiungsaktion eingeleitet, doch so weit haben wir nicht geplant. Es wäre wahrscheinlich ein ziemliches Chaos. Ich bin kein Organisationstalent, weshalb unser bisher so erfolgreiches Eindringen als das neuste Weltwunder bezeichnet werden könnte.
Ich rüttele an einigen Türen. Versperrt. Frustriert gehe ich weiter.
Ein Scheppern. Ich horche auf. Der Krach führt mich in einen großen Raum oder Flur. Tische stehen umher, Kopierer, Computer, ein Großraumbüro? Ein rotes Licht blinkt am anderen Ende über einer schweren Stahltür mit kleinem Fenster. Sie steht offen. Die Atmosphäre wirkt plötzlich bedrohlich, der Mut von vorhin ist wie weg geblasen. Ich schaue durch das Fenster in der Tür. Mir stockt der Atem. Um nicht erschrocken aufzustöhnen presse ich mir die Hand auf die Lippen. Im Raum vor sind etliche Tiere untergebracht. Oder besser gesagt: Waren untergebracht. Die Käfige sind aufgebrochen, von den Opfern der Experimente keine Spur. Jemand ist uns zuvor gekommen? Aber wie? Reflexartig drücke ich die Türklinke herunter. Zunächst überrascht es mich nicht, dass das Stahlgebilde unverschlossen ist. In diesem Schockmoment kommt mir nicht der Gedanke, dass solche Türen nicht einfach offen stehen. Als mir das dämmert stehe ich schon mitten drin. Eilig zücke ich mein Handy und will gerade ein paar Fotos machen – was auch immer die mir bringen sollen, es sind nur leere Käfige da. Adrenalin pumpt durch meine Adern, ich muss mich beeilen und dann verschwinden.
„Ganz schlechte Idee“, verkündet eine raue, männliche Stimme. Sein kalter Atem kriecht über meine Haut, jedes Härchen stellt sich auf. Er steht direkt hinter mir. Ich will fliehen, kann mich nicht rühren. Starr vor Angst stehe ich da. Das LED Licht fällt aus meinen zitternden Händen und erliegt am Boden einem Wackelkontakt. Die Dunkelheit hüllt uns ein. Meiner Sehkraft beraubt drehe ich mich um. Im roten Blinklicht zeichnet sich ein großer Schatten ab. Eine Hand berührt mein Haar, greift sich eine Strähne. Ein tiefes Einatmen folgt. Riecht er an mir? In diesem Moment löst sich die Starre und die entsetzte Zicke, die sich einer solchen Belästigung nicht ergeben will, kommt zum Vorschein. Ich schlage seine Hand weg und trete zwei Meter zurück.
„Wer bist du?“, schreie ich, mittlerweile im Panikmodus. Ablenken muss doch funktionieren. Wenn ich ihn mit Fragen bombardiere merkt er vielleicht gar nicht, dass ich mir einen Weg zum Ausgang bahne. Es ist immerhin Zappen duster. Er sieht so wenig wie ich.
„Schätzchen, das geht dich wohl kaum etwas an. Allerdings wäre ich sehr angetan, deinen Namen zu erfahren.“
Arroganter Schnösel! Ich versuche sein Gesicht zu erkennen. Ohne meine Lampe keine Chance. Wie ein Todesengel wirkt er. Seine Ausstrahlung, die Art, wie er die Luft mit seiner Anwesenheit fast zum Kochen bringt, dieses Gefühl reicht mir schon für mein Urteil. Gefährlich!  Als ich mir bei diesem Gedanken auf die Unterlippe beiße lacht er leise in sich hinein. Hat er meine Mimik gesehen? Was ist so lustig?
„Ich hatte dich für ein schlagfertiges Mädel gehalten. Warum so still, junge Dame?“
„Was willst du hier? Hast du die Käfige geräumt? Wie bist du rein gekommen? Was hast du ...“
Ehe ich weiter sprechen kann liegt schon eine Hand auf meinem Mund. Er zwingt mich zum Schweigen. Noch einmal saugt er den Duft meines Haares in sich auf, als wäre er sein Sauerstoff. Unheimlich. Mehr bin ich nicht fähig zu denken.
„Süße, du stellst zu viele Fragen. Frag dich lieber, warum ihr nicht längst aufgeflogen seid. Deine drei Freunde schlafen bereits friedlich, ich konnte das Elend nicht länger mit ansehen. Ihr seid wirklich die schlechtesten Einbrecher, die arme gefangene Tiere befreien wollen. Versucht das auf einem Bauernhof, da könnte es gelingen.“
Ich setze zu einem Protest an, doch mehr als ein Quieken kommt nicht heraus. Würde er meine Lippen nicht so zu drücken, könnte ich ihn beißen. Ich muss wohl auf einen Moment der Unachtsamkeit warten. Niedergeschlagen ergebe ich mich seiner Macht – zumindest vorübergehend.
„Schau mal dort oben Schätzchen. Das nennt man Kamera“, er winkt mit der freien Hand. Mein Gesicht beginnt zu brennen vor Scham. Nun bin ich wohl offiziell noch naiver als Mira. Natürlich hat ein Unternehmen wie die Clark Inc. ein hypermodernes Überwachungssystem! Dumm, dumm, dumm, dumm!
Der Fremde lacht angesichts meines auch nach außen sichtbaren, inneren Konflikts. Wahrscheinlich leuchtet mein Kopf nun in hellerem Rot als die Lampe im Flur.
Der Idiot setzt seinen Monolog fort.
„Weißt du, warum ihr noch nicht im Knast versauert?“
„Mnoin“, quetsche ich durch seine Finger hervor.
„Ich habe den Weg geebnet. Habe die Bilder manipuliert und die Wachen ausgeschaltet. Niemand wird je merken, dass ihr hier wart. Und jetzt darfst du eine Frage stellen.“
Er nimmt seine Hand von meinem Mund. Meine erste Reaktion ist ein tiefer Atemzug, um die wieder gewonnene Freiheit auszukosten. Ich kann sein Gesicht immer noch nicht erkennen.
„Warum tust du das?“
Er hat eben diese Frage erwartet, klatscht anerkennend und erwidert anschließend: „Ich werde dir ein Geheimnis verraten.“
Wieder steht er unmittelbar vor mir, Stirn an Stirn, Nase an Nase. Seine rechte Hand greift in meinen Rücken. Kein Quäntchen Luft dürfte jetzt noch zwischen uns passen. Ich atme flach, angestrengt. Mein Herz klopft so aufgeregt, dass ich das Schlagen mittlerweile in meinem Kopf fühle. Wieder greift der Fremde nach einer Haarsträhne, zieht sie über der Hand und riecht daran. Was zum Teufel soll das? Ist Haare-Schnüffeln ein angesagter Fetisch? Neugierig glotze ich den seltsamen Kerl an, der so gefährlich und gerade in diesem Moment doch so anziehend wirkt.
Er beugt sich zu meinem Ohr und haucht: „Schlaf.“
Meine Lider senken sich und ich falle zu Boden. Wie auch immer es mir gelingt, nicht hart aufzuschlagen, ich erinnere mich nicht. Starke Arme heben mich. Im Dämmerschlaf sehe ich endlich sein Gesicht. Und Zähne, wahnsinnig lange Zähne. Ich grinse, bin wie bekifft. „Du bis ei Vamp“, lalle ich und muss über meine Stimme lachen.
Der schöne Fremde grinst zurück.
„Rose, meine Liebe, du solltest nun wirklich schlafen.“
Und ich gehorche. Und in dem kurzen Augenblick, in dem meine Augen zufallen, erkenne ich auf dem Boden einen Menschen. Er wirkt, als hätte jemand einen Farbeimer über ihn gekippt. In meinem darauf folgenden Traum sehe ich Mr. Phil Clark im Flur zu Füßen des schönen Fremden, der ihm lächelnd einen Eimer roter Farbe überkippt und sich dabei die Lippen leckt. Man könnte meinen, es wäre Blut.

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 Diese Geschichte habe ich wieder aufbereitet, sie war schon einmal veröffentlicht auf einem alten Blog :). Ich konnte nur darüber staunen, wie viele Zeitfehler ich übersehen hatte. Aber ich liebe diese Geschichte ganz besonders, da sie einfach keinen richtigen Sinn ergibt. Ich meine, was hat ein Vampir in einem Tierversuchslabor zu suchen? Dass diese Tatsache nie aufgedeckt wurde, gibt dem ganzen einen besonders leckeren Beigeschmack. Diese Geschichte nun, nach über einem Jahr, wieder auszugraben, lässt mich ebenso grübeln. Was waren wohl seine Motive? Und ich bin die Autorin, das nicht zu wissen, macht die Geschichte sogar für mich spannend ;).

NACHTRAG!!!
Oh Mein Gott!!! Ich habe gerade meine eigenen Puzzleteile zusammen gefügt. Ich glaube ich weiß, was passiert ist! Das schreit nach einer Vorgeschichte :D. Ich bin gerade so aufgeregt. Meine Geschichten haben ein Eigenleben, das ist ja der Hammer xD!

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