Sonntag, 18. September 2016

Die Versammlung 2 - Die Enthüllung

Ich lasse mich fallen. Mein Angreifer rechnet nicht mit dieser Aktion und stürzt unerwartet mit mir zu Boden. Beim Aufprall lässt er meinen Arm los. Eilig nutze ich die Chance und stürme von verwunderten Blicken verfolgt zum nächsten Lichtschalter. Der Raum versinkt in Dunkelheit, Schreie von ängstlichen Frauen erklingen. Zielstrebig bewege ich mich auf die verbleibende Lichtquelle zu, den Flur. Körper stoßen gegen mich, bremsen meine Flucht. Ob mir der Feind auf den Fersen ist, an diesen Gedanken verschwende ich keine Zeit. Ich muss fort und Bericht erstatten. Er hat mich gesehen. Es ist noch schlimmer, als wir vermuteten. Er ist ein Mitglied des Senats. Ein hohes Tier inmitten dieser Verräter. Und zu allem Übel der Befehlshaber über meine Einheit. Was zum Teufel hat er mit den Rebellen zu tun? Und warum schickt er mich her, wenn er weiß, was ich enthüllen werde?
Ich erreiche den Flur. Erleichtert trete ich hinaus, gehe weiter zum Ausgang. Mein Gesicht eine undurchdringliche Mine für jene, die mir entgegen kommen.
„Stop!“, schallt seine Stimme durch das Haus.
Ich werfe einen Blick zurück, auch er hat den Flur betreten. In Panik nehme ich die Beine in die Hand und laufe los. Plötzlich fühle ich einen Stich im Nacken. Ich stolpere über meine Füße, der Boden fühlt sich an wie Pudding. In meinem Kopf laufen die Zahnrädchen Amok, ich verliere vor meinem inneren Auge den Roten Faden meiner Mission. Es verschwimmt alles zu einem Brei aus Farben. Der Puddingboden kommt gefährlich nah. Dann ist alles dunkel.

Ein Schlag weckt mich. Es ist eine flache Hand, die auf meine Wange klatscht. Noch immer wirkt alles unreal und fern. Als ich mein Bewusstsein Stück für Stück zurück erlange, analysiere ich die Situation. Meine Hände sind hinter meinem Rücken an einen Stuhl gefesselt. Es ist ein unbequemes Metallgestell, Rücken und Gesäß schmerzen. Aber für meinen Kopf sind sie keine Konkurrenz. Mein Schädel brummt wie ein kaputter Motor. Die vorhin überdrehten Zahnrädchen schleifen nun wahllos aneinander. Ein stetiges Quietschen hallt durch meine Ohren.
„Sie kommt zu sich“, sagt eine fremde Stimme.
„Geht nur, ich kümmere mich um sie“, erwidert eine andere. Durch meine flatternden Augenlider erkenne ich die Silhouette des Sprechers. Er ist es.
„Crimson“, hauche ich benommen.
„Thomas Crimson.“
„Geht!“, befiehlt er mit Nachdruck. Ich höre Schritte. Dann schlägt eine Tür zu.
„Welche Freude, dich hier zu treffen, Caroline.“
Immer mehr kehren meine Sinne zu mir zurück. Er muss mich mit einem modernen Geschoss außer Gefecht gesetzt haben. Ein winziger Pfeil mit einem Betäubungsmittel.
Sein Bild setzt sich aus den verschwindenden Schatten vor mir zusammen.
Thomas Crimson. Mitglied im Senat seit zwanzig Jahren. Fünfzig Jahre alt. Geschieden. Eine Tochter. Ergrauendes, kurz geschorenes Haar. Kantiges Kinn. Muskulös. In Kampfkünsten so gut ausgebildet wie seine Spione. Absolut tödlich, wenn man ihn unterschätzt. Ich habe ihn immer bewundert.
Angewidert spucke ich vor seine Füße. Er lacht, offensichtlich erheitert von der Szene. Ich, vor ihm an einen Stuhl gefesselt.
„Du warst meine beste Schülerin.“
„Warum?“, stöhne ich, denn meine Worte ersticken in einem plötzlichen Schmerz im Kiefer.
„Ich habe deine Ausbildung persönlich beaufsichtigt, weißt du das nicht mehr?“
„Nein“, entgegne ich und mache eine kurze Atempause. „Nicht das. Warum Sie hier?“
Ein Grinsen stiehlt sich in seine Züge und verschwindet ebenso schnell wieder. Crimson geht mit hinter dem Rücken verschränkten Armen im Raum auf und ab. Es ist eine kleine Kammer. Keine Einrichtung. Kahle Wände, keine Fenster. Nur eine Glühbirne baumelt von der Decke. Der perfekte Verhörraum. Keine Gegenstände, die zur Waffe taugen. Keine Möglichkeit zur Flucht, nur diese eine Tür.
„Du musst noch einiges lernen, meine Liebe“, antwortet er schließlich. „Diese Welt ist zu vielschichtig, als dass wir alle in absoluter Gleichheit im Einklang leben könnten. Viele Generationen vor uns wurde es versucht und diese Regierung wurde auch gestürzt. Es wird immer Widerstand geben.“
Diese Erklärung genügt mir nicht. Ich will Details. Ich will wissen, warum er diese Sache unterstützt. Diese Monster haben meine Familie auf dem Gewissen. Meine Eltern sind bei einem Anschlag von Rebellen gestorben. Sie lebten ihre Religion im Verborgenen und mussten dafür ihr Leben lassen. Ich habe das Kopftuch seitdem nie mehr getragen.
„Das kann nicht alles sein. Warum haben Sie mich her beordert? Sie haben mich erwartet. Haben mit mir gespielt. Warum?“ Ich ignoriere meine pochenden Wangenknochen und erhebe die Stimme. Crimson hält inne. Sein Blick fesselt mich, er ist voller Überzeugung.
„Der Tod deiner Eltern wurde nicht von Rebellen verursacht, Caroline“, sagt er dann. Ich reiße entsetzt die Augen auf. Das kann doch nicht sein Ernst sein!
„Du lügst“, wechsle ich die Anrede. Das hier ist keine Formsache mehr. „Es war euer Drecksvolk mit seinen Überzeugungen. Meine Eltern gehörten nicht dazu. Sie mussten ihr Leben lassen. Dabei haben sie selbst nie der vollkommenen Gleichheit gefrönt. Sie lebten die Individualität versteckt und lehrten sie mich. Sie wollten nie den Rebellen angehören, lehnten jede Einladung ab, wollten nur leben. Sie schienen nach außen wie alle, gehörten zu den Folgsamen ebenso wie zu den Ungebeugten. Sie wandelten auf beiden Seiten. Und weil sie sich keiner Seite explizit anschlossen, habt ihr ihr Auto gesprengt!“
Thomas lauscht aufmerksam meinem Gebrüll, meiner Verzweiflung. Tränen steigen mir in die Augen. Lange verdrängtes Leid. Ich war damals erst vierzehn. Meine Eltern warteten im Auto auf mich, ich hatte ein Schulbuch vergessen. Sie fuhren mich jeden Tag zur Schule und dann selbst weiter zur Arbeit. An diesem Tag war jedoch alles anders. Als ich oben in meinem Zimmer ankam, bebte das Haus. Ich sah die Rauchsäule am Fenster aufsteigen. Ich sehe sie heute noch vor mir wenn ich schlafe.
„Es gibt Dinge, die du nicht weißt“, meint er schließlich vollkommen ruhig und voller Emotion. Fast einfühlsam und väterlich. Es widert mich an, er ist ein Monstrum, ein Tier, ein Terrorist.
„Deine Familie war für die Rebellen tätig. Sie haben es dir verheimlicht, um dich zu schützen. Sie litten unter dem Verschweigen ihrer Wurzeln. So lehrten sie dich im Verborgenen ihre alten Traditionen und traten hinaus als Menschen in vollkommener Gleichheit. Sie gaben dir sogar einen Namen fern der eigenen Kultur. Du wandeltest auf einem schmalen Grad und hast die Balance ebenso gehalten wie Mutter und Vater.“
„Lüge!“, schreie ich dazwischen, um ihn zu unterbrechen. Er tritt auf mich zu und presst mir die Hand auf den Mund. Ich versuche zu beißen, aber es bleibt ein Versuch.
„Nein. Hör zu Caroline. Die Regierung ist der wahre Feind. Sie enttarnten deine Eltern und jagten den Wagen in die Luft. Dass du nicht dabei warst, war so nicht geplant. Du solltest ebenso sterben. Allerdings kam ihnen die Tatsache, dass du den Angriff den Rebellen zugeschoben hast, sehr gelegen. Sie boten dir die Möglichkeit der Rache, nahmen dich aus der Schule, bildeten dich aus. Ich war damals schon Mitglied des Widerstandes und behielt dich im Auge. Wir ließen die Ausbildung zu, um dich im richtigen Moment zurück zu holen.“
Ungläubig starre ich den Mann an, der all die Jahre über mich gewacht hat. Ich kann ihm nicht abnehmen, was er erzählt. Zu wirr sind meine Gedanken. Ich hätte doch gewusst, wenn meine Eltern tatsächlich dem Widerstand angehört hätten. Es scheint so unrealistisch. Meine Welt zerbricht in tausend Scherben. Thomas nimmt die Hand von meinen Lippen. Doch ich schweige.
„Ich vertraue ihnen nicht.“ Es ist ein Flüstern voll von Zweifeln.
„Schließ dich uns an und kämpfe gegen den wahren Feind“, verkündet er selbstsicher. Er geht zur Tür und klopft dreimal daran. Zwei Männer kommen herein. Auf sein Zeichen lösen sie meine Fesseln. Meine Arme fallen schlaff zu meinen Seiten, ich halte den Kopf gesenkt. Die Nachwirkung der Droge macht meinen Körper träge, doch mit etwas Mühe kann ich es schaffen.
„Niemals“, erwidere ich.
Er bemerkt zu spät, dass ich mich trotz dem Mittel in meinem Blut wieder schneller bewegen kann. Ich setze zu dem Schlag an, noch ehe er es vorausahnen kann. Ich treffe seine Schulter, er sackt im Schmerz zusammen. Seine Komplizen stürzen auf mich zu. Ich weiche aus, langsamer als sonst, aber geübter als sie. Mit einem einfachen Tritt unter ihren Füßen hindurch befördere ich sie beide zu Boden. Die Tür steht noch offen, also eile ich raus aus dieser Zelle. Ich bin in einem Keller. Glücklicherweise gibt es außer der Kammer nur noch einen großen Lagerraum und die Treppe hinauf. Im Haus oben ist es still. Ich schleiche durch die Räume auf der Suche nach dem Ausgang. Mehr als den Flur und den Empfangsraum habe ich in diesem Gebäude nicht betreten. Ich finde ein Fenster und vergeude keine weitere Sekunde. Es ist nicht gesichert, ich kann es ohne Probleme öffnen und hinaus hüpfen.
Ich werde mich diesem Club von Verrätern nicht anschließen. Erst jetzt fällt mir die fehlende Uhr an meinem Handgelenk auf. Wahrscheinlich liegt sie noch unten. Mit einem schrillen Pfiff rufe ich nach Sora. Sein Krähen hallt durch die Straßen, er ist in der Nähe. Als ich meine Hosentaschen durchsuche finde ich einen gefalteten Zettel. Irritiert klappe ich die Notiz auf. AZ-2901-C. Ein Aktenzeichen?
Sora landet auf meiner Schulter, kurz erschrecke ich. Ich streichle sein schwarzes Gefieder, er schmiegt sich wie eine Katze an meine Hand.
„Süßer, ich fürchte, wir haben eine neue Mission.“ Der Rabe legt den Kopf schief. Ein Ausdruck von Enttäuschung, er wartet schon lange auf sein verdientes Frühstück.
„Alles klar, ich besorg dir unterwegs was zu essen“, gestehe ich ihm zu.
Es gibt viel zu tun. Was will Thomas mit dieser Nachricht bezwecken? Ich vertraue ihm noch immer nicht, aber ich muss es herausfinden. Ich entscheide spontan, die Neuigkeiten noch nicht weiter zu geben. Thomas darf noch eine Weile seine geheime Identität behalten. Es wird Zeit, in den Aktenarchiven nach Akte AZ-2901-C zu suchen. Der 29. Januar ist das Todesdatum meiner Eltern.

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Nein, sagt nichts, ich weiß schon. Das Ende ist offen. Es tut mir so Leid, ich kann einfach nicht anders xD. Selbst jede Kurzgeschichte, die ein richtiges Ende ohne Fortsetzung hat, bleibt zu einem gewissen Grad offen. Es ist mein persönliches Folter-Stilmittel. Aber manchmal, da foltert es mich auch selbst. Dann will ich wissen, wie es weiter geht. Manche Geschichten werden einfach plötzlich zum Selbstläufer und ich denke mir: Was machen meine Figuren da? Nun lautet die Frage: Was steht in der Akte? Finden wir es heraus in Teil 3 - Die Wahrheit, am Sonntag, den 25.09.16 :)

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