Sonntag, 25. September 2016

Die Versammlung - Die Wahrheit

Ich gehe durch den gesicherten Hintereingang im Untergrund des Regierungsgebäudes. Der Zugang durch eine unscheinbare Tür in den Tunneln der U-Bahn ist gut versteckt. Sora behält die Lage draußen im Auge. Einen Raben mit in diese Umgebung zu schleifen wäre wohl ein grober Verstoß gegen den Stolz des Vogels. Und was Sora betrifft, so ist er in dieser Hinsicht besonders nachtragend.
Es ist dunkel hier unten, die Leuchtröhren an der Decke flackern. Ich erreiche eine vergitterte Tür. Ein Kartenscanner hängt an der Seite und ich ziehe meine ID-Card hindurch. Mit einem lauten Summen springt die Tür auf, nur um sich nach meinem Eintreten sofort automatisch zu verschließen. Eine Sicherheitsmaßnahme, denn erst am folgenden Eingang findet die eigentliche Identitätskontrolle statt. Betritt ein Fremder mit gestohlener ID den Bereich, sitzt er umgehend in der Falle, sofern die kommenden Tests fehlschlagen.
Ich erkenne die undeutlichen Umrisse des Netzhaut- und Fingerabdruckscanners an der Wand vor dem nächsten vergitterten Tor. Als ich meinen Daumen und meine Augen prüfen lasse, ertönt ein bestätigendes Piepen, gefolgt von dem Knacken der öffnenden Schlösser.
Zwei Security-Beamte erwarten mich an der letzten Station. Dem Ganzkörperscan.

„Guten Tag, bitte legen Sie alle metallischen und sonstigen losen Gegenstände in die Kiste und reichen mir Ihre ID-Card“, sagt einer der beiden automatisiert, als wäre er ein Roboter. Ich folge stumm den Anweisungen seiner monotonen Stimme. Der zweite Mann reicht mir die Kiste. Ich werfe achtlos alle Wertsachen hinein, während der erste kritisch meine ID mustert.
„Datum der letzten psychologischen Überprüfung?“, fragt er schließlich.
„13. Februar diesen Jahres“, erwidere ich. Die Methode hat sich in den letzten Jahren bewährt, es werden regelmäßig sämtliche Geheimdienstmitarbeiter sowie Senatsmitglieder von einem geschulten Psychologen mental auseinander genommen. Aufgrund der steigenden Zahl von Verrätern in den eigenen Reihen ein notwendiges Übel. In Kooperation mit einem modernen Lügendetektor, der feinste hormonelle Veränderungen im Blut der Testperson feststellen kann. Ein Teufelsgerät, dem schon so manch ein ach so vertrauenswürdiger Kollege zum Opfer gefallen ist. Nach den letzten Ereignissen bin ich froh, dass meine nächste Untersuchung erst in sechs Monaten ansteht.
„In Ordnung“, unterbricht der Mann schließlich meine Gedanken. „Bitte treten sie unter den Ganzkörperscanner.“
Die Kiste mit meinen Waffen und anderen Habseligkeiten verschwindet bereits auf dem Fließband in den kleineren Scanner. Unter ihnen mein Kommunikator, meine Leitung zu Sora und der Zentrale. Sie werden ihn nach dem Scan durchchecken, die verschossenen Betäubungspfeile ersetzen und protokollieren. Sie werden jedes Detail aufnehmen und mir eine schriftliche Bestandsaufnahme meiner Ausrüstung zukommen lassen, in der ich mit einem Bericht meinerseits Stellung nehmen muss zu meinem Einsatz.
Ich trete in den Körperscanner und hebe die Arme. Die großen Maschinen wirken wie die alten Geräte der Sicherheitskontrollen an Flughäfen, was jedoch nicht über die weitaus höhere Präzision hinweg täuschen sollte. Der Sensor dieses Schätzchens ersetzt sogar eine Hundenase, die kleinsten Partikel von Drogen, Giften, Reizgasen oder Sprengstoff kann er feststellen. Ich werde bis auf die Knochen durchleuchtet. Einer der Security-Beamten behält dabei einen Bildschirm im Blick. Zwar meldet dieses Wunderwerk der Technologie jede Auffälligkeit, doch zwei Augen und ein Scanner sehen mehr als nur eines von beidem.
Als das Signal erklingt, trete ich aus dem Bogen heraus.
„Vielen Dank“, meint Nr. 1 noch immer monoton. Er reicht mir meine ID.
„Ihre Sachen waren soweit in Ordnung. Wir werden sie nun in das Prüfzentrum für Ausrüstung weiter geben. Die Papiere finden sie morgen früh in Ihrem Postfach.“
Ich nicke ihm dankend zu und begebe mich hinein in ein Labyrinth aus verschlungenen Gängen. Kein Weg ist hier unten ausgeschildert. Wer hier arbeitet, der kennt die Wege. Der Wahnsinn hat Methode, wer sich nicht auskennt, verirrt sich hoffnungslos.
Mir kommen nicht viele Kollegen entgegen. Heute ist es glücklicherweise ruhig hier, an manchen Tagen bricht wortwörtlich die Hölle los in diesen Katakomben.
Rechts von mir öffnet sich ein enger Pfad, er führt in das unterirdische Archiv mit den geheimen Dokumenten. Am anderen Ende wartet bereits die große, stählerne Tür auf mich. Für diesen Bereich werden wieder ID, Fingerabdruck und Netzhaut gescannt. Nur freigegebene Mitarbeiter haben Zutritt. Wie praktisch, dass als Spionin meine Daten für diesen Raum in der Datenbank mit einem grünen Häkchen versehen sind.
Das wohlbekannte Knacken ist wie Harfenmusik in meinen Ohren. Ich verschwinde in dem Türspalt, ziehe das schwere Monstrum hinter mir zu. Der Lichtschalter bringt die erhoffte Erleuchtung. Hier ist es heller als im Rest dieses Tunnelgewölbes.
„Mal sehen, die Akten sind sortiert nach…“, überlege ich laut. Mich verschlägt es eher selten hierher. Ich vertraue mehr auf Informationen, die ich gegenwärtig im Zuge meiner Aufträge in Erfahrung bringe. Außerdem werden die wichtigsten Auszüge aus den Akten elektronisch zugestellt und vernichten sich nach dem Durchlesen automatisch.
Schnell stelle ich fest, dass ich die Schränke chronologisch absuchen muss. Dieser Raum ist sicher so riesig, wie das Gebäude darüber. Unwillkürlich denke ich daran, dass eine Bibliothek hier unten ein wundervoller Zufluchtsort wäre.
Ich reise fünfzehn Jahre in die Vergangenheit, streife an Regal für Regal entlang. Ich finde meine Familiengeschichte, meine wohl gehüteten Geheimnisse, ein paar Reihen weiter. Der Staub liegt hier dick, es war wohl lange niemand mehr dort. Mit dem Finger in respektvoller Entfernung zu dem Dreck der Jahrzehnte fahre ich an den Schrankfächern hinunter.
„Da ist der Januar“, murmele ich vor mich hin.
Die Akte selbst springt mir praktisch entgegen, sie steht leicht aus dem Fach heraus. Hat sie vor mir noch jemand gelesen? Sicherlich Thomas. Womöglich hat er sie sogar eigens für mich so hinterlassen.
Am Ende der Regalreihe steht ein Tisch mit einem Stuhl, auf den ich nun zugehe. Ich verziehe das Gesicht, denn auch diese Möbelstücke scheinen seit Urzeiten verstaubt. Hastig schlucke ich den Ekel hinunter. Es geht hier um mehr. Ich setze mich und schlage die Akte auf. Finde Bilder von unserem Haus. Von dem Autowrack. Von mir, dem weinenden Kind. Eine Dokumentation der Tragödie, die mich für immer in meinen Träumen heimsuchen wird. Ich werde meine Rache nie aufgeben, diese Worte sagt mir jedes einzelne der Fotos.
Doch dann finde ich eine Notiz.

„Familie eliminiert. Tochter hat überlebt. Werden Individuum in unsere Obhut nehmen. Aufgrund ihres Hasses gegen den Widerstand, den sie als Verursacher des Unfalls betrachtet, sieht man hohes Potential in ihr als künftiges Mitglied der Raven Force.“

Starr betrachte ich die folgenden Bilder. Aufnahmen meiner Eltern und mir. Wie wir zu Veranstaltungen der Regierung gehen. Fotos von meinem Vater bei der Arbeit, meiner Mutter beim Einkaufen, mir in der Schule. Kopien meiner Zeugnisse. Arbeitsverträge meines Vaters. Ich finde einen Zettel mit einer verschlüsselten Botschaft. Die Schrift ist von meinem Vater. Ich stecke ihn ein, denn darunter steht, dass die seltsamen Zeichen nie entschlüsselt werden konnten.
Vage nehme ich die Aufzeichnungen der Jahre vor dem Anschlag in mich auf. Ich überfliege die Sätze bald nur noch, zu schmerzhaft ist die Erkenntnis. Sie haben uns rund um die Uhr beobachtet. Ich finde weitere Aktennotizen. Pläne und Protokolle von Observationen. Ein Spion, ein früherer Kollege, hat meine Eltern an einem Abend zu einer Versammlung des Widerstandes verfolgt. Zu dieser Zeit hat es die Raben noch nicht im Einsatz gegeben, diese Raven Force hat man erst zu meiner Ausbildung eingeführt.
Die Observation ist nicht geglückt, niemand hat es geschafft, die Gruppe zu infiltrieren. In letzter Sekunde muss eine Warnung eingegangen sein.
„Thomas“, denke ich und blättere weiter.
Ich finde heraus, dass mein Vater seit meiner Geburt Mitwisser des Widerstandes war. Meine Mutter hat versucht, ihn aufzuhalten, wurde aber dann selbst Mitglied. Sie wollten meine Zukunft besser machen, wie in vergangenen Zeiten. Wo jeder selbst auf Kosten von Konflikten seine Individualität leben konnte.
Ich bin nicht ganz fähig, diese Einstellung zu verstehen. Zwar haben sie mich in beiden Glaubensfragen erzogen, sowohl in Gleichheit als auch in Individualität. Jedoch sind meine Freundschaften, meine Zukunftsvisionen, meine Träume, nicht aus letzterem Entstanden. Um meinetwillen sind sie gestorben, dabei hätte ich nie ihren Weg eingeschlagen.
Je weiter ich lese, desto trauriger macht mich meine Geschichte. Ich greife noch ein paar Notizen heraus, lege die Akte zurück und schließe seufzend den Schrank.
„Furchtbar, nicht wahr?“, spricht eine Stimme neben mir. Ich zucke zusammen.
„Thomas!“, fluche ich. „Was fällt Ihnen ein!“
„Ihnen? Sind wir nun wieder beim Sie?“
Ich beiße mir auf die Lippe und weiche seinem belustigten Blick aus.
„Dein Schlag hat gut gesessen, mir brummt jetzt noch der Schädel“, murrt er. Dabei reibt der Betrüger sich den Kopf, seine Augen verengen sich zu schmerzerfüllten Schlitzen.
„Du hast mich betäubt. Wir sind quitt.“ Ich will an ihm vorbei eilen, doch er fasst mich am Arm.
„Hast du gefunden, was du gesucht hast?“, fragt er nervös. Ich will mich am liebsten verkriechen in Einsamkeit. All das verarbeiten. Ja, die Regierung hat meine Familie ausgelöscht. Ja, meine Familie hat die Regierung verraten. Ja, Thomas hat mit sämtlichen Behauptungen Recht.
„Ich habe alles gefunden“, antworte ich nach einigen Sekunden. „Aber ich gehöre nicht in deine Organisation.“
„Was willst du nun tun?“ Seine Frage trieft nur so vor Entsetzen. „Du hast gelesen, was sie getan haben, und lässt sie damit durch kommen? Caroline, sie haben deine Eltern getötet, dein Leben zerstört. Was werden sie noch alles tun?“
„Ich werde mich absetzen. Untertauchen, bis ich mich entschieden habe, wie es weiter gehen soll. Ich habe meine Rache gegen die Falschen gehegt, doch was bringt es nun, sie gegen die Richtigen einzusetzen? Ich brauche einfach Zeit. Allein.“
Thomas runzelt enttäuscht die Stirn. Er hat meine Kooperation erwartet, meine Hilfe in einem ausweglosen Krieg. Ich will keine Schachfigur dieses Krieges sein. Die Welt, wie sie jetzt ist, hat man erschaffen, um die Kämpfe von damals auszumerzen. Und immer noch ist die Menschheit unzufrieden. Wenn sie wählen dürfen, morden sie sich, und wenn man ihnen die Wahl abnimmt, morden sie sich. Es ist ein ewiger Kreislauf von allumfassender Unzufriedenheit. Weil immer eine Gruppe sich benachteiligt fühlt. Nur kann man wirklich alle zu jeder Zeit glücklich machen? Es tut weh zu sehen, wie sich die Menschen dauerhaft zerstören. Sie werden es immer tun, egal in welchem System wir leben. Das hat mich die Akte gelehrt. Nicht mehr. Nicht weniger. Ich werde weder den Weg meiner Eltern und des Widerstandes, noch den der Regierung gehen.
„Ich nehme Sora mit mir“, sage ich noch als ich Thomas zwischen den hohen Aktenschränken stehen lasse und fort gehe.
„Ich weiß, dass du wieder kommen wirst“, hallen seine letzten Worte in meinen Ohren. Er lässt mich ziehen. Vorerst. Ich bin keine Gefahr für seine Pläne. Aber ich bin sicher, er wird mich nicht ewig in Ruhe lassen. Wenn er es will, dann wird er mich überall finden.
So kurz wirkt der Weg zurück an die frische Luft, Sora stürzt sich umgehend auf meine Schulter. Den Kopf hoch erhoben feiert er meine Rückkehr aus dem Kellergewölbe.
„Treues Federvieh“, lobe ich das Tier. „Wir haben eine Reise vor uns.“
Sora krächzt verwundert. Keiner von uns kennt die Welt außerhalb der sicheren Mauern. Ich schicke meinen Gefährten voraus in den Himmel. Auch im grellen Sonnenlicht verschmelze ich mit den Schatten der Gassen. Wie ein Geist stehle ich mich aus der Stadt. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Kann es je Frieden geben, solange es Menschen gibt?

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Ich gebe zu, das ist jetzt kein glorreiches Finale. Ich habe mir dabei wirklich keinen großen Knall gewünscht. Ich denke mir einfach, bei jeder Dystopie, die ich mit Leib und Seele liebe, ist das Ende immer gleich: Es gibt keine gute Lösung für alle. Ich habe meiner Hauptfigur diese Erkenntnis geschenkt und sie auf eine weitere Reise zur Erkenntnis geschickt. Ich hoffe, sie findet ihre Antworten dort. Antworten, nach denen auch ich suche. Es gibt heute schon Widerstände gegen das System oder eher die Systeme in dieser Welt. Manchmal wünsche ich mir, wir könnten alle Friedensorientiert leben, statt Hassorientiert. Der Mensch braucht jemanden, den er hassen kann, so scheint es mir. Der Mensch braucht jemanden, den er bekämpfen kann. Wenn der Kampf gewonnen ist, findet der Mensch etwas anderes, das ihm nicht passt, und der Kampf geht weiter. Ich hasse nur eines. Ich hasse den Hass. Und alles, was ich dagegen tun kann, ist lieben. Mit Frustration betrachte ich, wie die aktuellen Probleme aufgrund von Hass immer mehr ausufern. Weil einfach niemand zwischen den Fronten vermittelt. Ich habe auch keine perfekte Lösung. Ich habe nur einen Grundgedanken. Hass ist nicht die Lösung. Hass entsteht aus Angst. Angst zu verlieren, was man hat. Und traurig beobachte ich, wie sich die Menschen durch diese Emotionen selbst zerstören. Wie sie ihr Mitgefühl töten und sich gegen Unschuldige stellen. Wie selbst diese Unschuldigen zu schuldigen werden, weil sie den Hass und die eigene Angst nicht mehr ertragen wollen. Wie alle sich gegenseitig als Eindringlinge sehen und vertreiben wollen. Wie alle Respekt verlangen, ihn aber nicht geben. Wie keiner bereit ist, den ersten Schritt zum Frieden zu tun. Ich schätze mich glücklich, dass viele meiner Freunde meine Ansichten teilen. Ich schätze mich glücklich, dass in meiner kleinen Welt hier noch alles in Ordnung ist. Und ich hoffe, ich muss nicht wie Caroline irgendwann das Weite suchen, um den nie endenden Konflikten ein für alle Mal zu entgehen ;).

Kommentare:

  1. In der Tat ein Ende, das mehr Fragen als Antworten hinterlässt. Und das ist gut so. Denn hier eine Lösung zu präsentieren, am besten mit viel Pathos, wäre kitschig und unwahr.
    Mit Deinen Nachworten holst Du mich komplett ab. Genau so isses. Deshalb lass uns weiter Apfelbäumchen pflanzen, auch wenn morgen die Welt untergeht. Wenn jeder, der nicht hassen will, standhaft bleibt und das vorlebt, gibt es die Chance, das weitere Menschen mit ins Boot steigen. Andere Möglichkeiten haben wir nicht.

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