Sonntag, 11. September 2016

Natürlich Zauber

Gelangweilt beobachtet Stella wie sich die Buchstaben vor ihren Augen zu neuen Wörtern zusammenfügen. Mit dem Zeigefinger malt sie Kreise in die Luft. Der Zauber, den sie weben will, manifestiert sich nicht korrekt. Mit einem Seufzen lässt sie von dem Versuch ab, die Buchstabensuppe fällt zu Boden und zerfließt in pinken Staub.
„Nichts funktioniert heute!“, flucht die Hexe vor sich hin. Niemand ist mehr anwesend, die Schule gleicht nach Unterrichtsschluss einer Miniatur-Geisterstadt.
Die Projektarbeit muss bis morgen fertig sein, doch nicht ein Fünkchen Magie sitzt am richtigen Platz. Mit einem genervten Stöhnen steht Stella auf, macht sich auf den Weg hinaus auf den Hof. Als Naturhexe sollte sie vielleicht einfach etwas anderes probieren. Etwas, das zu ihr passt. Ständig will sie über ihre Grenzen hinaus Magie wirken, will sich nicht von ihrer Bestimmung einengen lassen. Warum sollte sie nicht auch mit Flammen hantieren oder Wasser bändigen können? Warum sollte sie nicht auch mit Telepathie kommunizieren oder Träume schreiben können? Ist es ihre Lebensaufgabe, Pflanzen bei der Photosynthese zuzuschauen? Blumen zu züchten? Stella sieht sich in ihrer Vorstellung in einem herunter gekommenen Blumenladen der Menschen hocken. Einen guten Draht zu Grünzeug hat sie immerhin.
Aber mit Naturmagie kann sie nichts Großes bewegen. Die heldenhaftesten Magier, die, die die Weltgeschichte veränderten, waren nie Naturmagier. Stella will eine Heldin sein. Keine Blumenverkäuferin.
Draußen scheint die untergehende Sonne. Ihre letzten Strahlen glitzern in den Blättern der Bäume, die zu Stella zu sprechen scheinen. Ein leises „Hallo“ wispert durch das Geäst. Als würde er winken, neigt sich der Wald nach links, dann nach rechts. Ein Lächeln stiehlt sich in die Züge der Hexe. Der Tanz der Bäume erinnert sie fast an eine Laola-Welle.
„Na gut, immerhin die Schönheit der Natur nimmt niemand so wahr wie ich“, gesteht sie sich zu.
Ein Pfad öffnet sich vor ihren Augen. Erschrocken springt sie ein paar Meter zurück.
„Moment! Das heißt nicht, dass ich DAS nicht unheimlich finde!“
Ein Busch kriecht vor. Warte… Der Busch kriecht? Stella schaut sich um.
„Alles klar, wer treibt hier solche Scherze mit mir? Komm raus!“, ruft sie. Doch niemand antwortet. Der Busch wackelt aufgeregt mit seiner struppigen Blattfrisur. Ein erheiterndes Bild, dennoch irritierend. Will er, dass sie ihm folgt? Als könnte er diesen Gedanken hören, hält er inne und schlendert dann gemächlich den Weg entlang, den die Pflanzen geöffnet haben.
„Na schön, wie du meinst“, seufzt Stella. Ungläubig, vor allem jedoch neugierig, folgt sie der seltsamen Gestalt. Mit gehörigem Abstand. Nicht auszudenken was das Grünzeug tut, wenn sie zu nahe kommt.
Nach einigen Metern erreichen sie eine kleine Lichtung. Stella reibt die Augen. Was sie sieht, hätte sie sich auf diese Weise nie erträumt. Ein Blumenmeer von unsagbarer Schönheit breitet sich vor ihr aus. In allen Farben des Regenbogens schimmern die Blüten. Kleine Tröpfchen Wasser auf den Blättern reflektieren das Licht der Sonne wie Edelsteine. Das Plätschern eines Baches erfüllt die Luft, Vögel zwitschern.
„Was ist das?“, fragt Stella den Busch. Er neigt das Blätterdach zur Seite. Es sieht aus wie ein: „Wie meinst du das?“ So als müsste sie es eigentlich wissen.
Voller Ehrfurcht tritt sie weiter auf die Lichtung. Ein Hauch von Magie umgibt diesen Ort. Wahrscheinlich kann nur sie als Naturhexe ihn wahrnehmen.
Sie ist verzaubert von dieser Umgebung und zückt eilig den Zauberstab. Wie einen Füller hält sie ihn in der rechten Hand.
„Zeit für Inspiration“, sagt sie dann. Die Spitze des Stabes beginnt zu glühen. Zarte Pastelltöne überziehen ihn. Stella setzt in der Luft an und schreibt drauf los. Die Worte „Bild“, „Lichtung“, „halte fest“ erscheinen. Mit einem Tippen des Stabes mitten in die Worte hinein verschwimmen diese zu einem Gesamtbild. Ein Foto des magischen Ortes, das genau die richtigen Eindrücke in seinem perfekten Farbenspiel festhält. Kein besonderer Zauber, aber sie muss dieses Bild in ihren Gedanken wach halten. Sonst wird das Projekt nie gelingen. Mag ja sein, dass sie nur eine Naturhexe ist. Aber sie wird die größte von allen sein.
„Darf ich wieder kommen?“, fragt sie den Busch. Dieser schüttelt sich freudig. Ein Ast an seiner Seite bricht, Stella eilt an seine Seite um ihn aufzuheben. Der Busch springt geradezu vor ihr auf und ab. Als sie ihm den Ast herüber reicht, weicht das Gestrüpp zurück.
„Verstehe, ich soll es behalten.“
Der Busch nickt. Schon seltsam, das ist die erste verständliche Geste seinerseits.
Stella grinst. „Danke.“
Dann schlagen sich die Wurzeln ihres Gegenübers in den Waldboden. Er erstarrt. Die Geräusche um Stella herum verstummen. Kein Plätschern mehr. Keine Vögel. Ein Blick gen Himmel bestätigt ihre Vermutung. Die Sonnenstrahlen erreichen die Lichtung nicht mehr, der helle Himmelskörper steht zu tief.
„So ist das also, ohne Sonne keine Magie an diesem Ort.“
Die junge Hexe wendet sich dem Rückweg zu. Der Pfad ist noch offen. Wenigstens dafür haben ihre Verbündeten gesorgt. Sie wird niemandem von diesem geheimnisvollen Platz erzählen. Mit neuer Energie und einer fantastischen Idee rennt sie nach Hause. Lässt die Schule hinter sich. Lässt die Zweifel hinter sich. Sie sieht nicht, dass sich dort im Wald noch etwas regt. Ein Wesen lugt zwischen den Bäumen hervor und lacht. Die Silhouette ist durchsichtig, wie eine Anhäufung Nebel in einen Menschen gegossen.
„Deine Bestimmung ist so viel mehr“, flüstert der Nebel in weiser Voraussicht.

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 Ich gebe zu, ich habe schon Besseres zu Papier gebracht. Und wirklich viel gibt die Geschichte nicht Preis. Aber ich liebe das Geheimnisvolle und gebe gerne Raum für Spekulationen und eigene Ideen seitens der Leser :). Und jede meiner Geschichten, ob besser oder schlechter oder mittelmäßig, hat ihren eigenen Zauber zwischen den Zeilen. Dafür sorge ich ;)!

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