Samstag, 3. September 2016

Über die Kunst, (un)glücklich zu sein

Ich wandere desinteressiert durch die hell erleuchteten Straßen in der Stadt. Aus jeder Ecke dringt Musik, die bunten Lichter blinken wild um die Wette, es gibt Wurst und Wein und Crêpes. Ich bin alleine. Und lustlos. Und so verdammt müde. Müde der Welt, müde der Menschen, müde dieser Veranstaltung, obwohl ich die Vorträge, die Musik und all das irgendwo tief in mir auch genieße. Mein Herz es schlägt im Takt der Trommeln, meine Beine wippen zum Klang der Melodien, meine Lippen stimmen ein als heimlicher Backgroundchor. Aber ich fühle dennoch nichts. Alles ist so leer, so sinnlos. Der Sturz in die Emotionslosigkeit schockiert mich zutiefst. Ich versuche mich zu fangen, singe lauter, tanze mehr, warte auf die nächste Welle Musik, die mich mitreißen soll. Aber ich verpasse sie. Ich bin ohnehin keine gute Surferin. Nicht mal ein Boogie-Board ist mir gnädig. Da diese Metapher mein Bewusstsein nicht mit dem gewünschten Humor erreicht ziehe ich von Dannen, verlasse die heitere Stimmung und nehme meine Dunkelheit mit mir. Sowie die Kälte, die mein Herz umklammert. Eine oder zwei Tränen entweichen mir auf dem Heimweg. Ich tippe frustriert Nachrichten in mein Smartphone. Plötzlich ist einfach alles zu laut, zu eng, zu bedrückend. 
Als ich endlich meine Wohnung erreiche, weicht aller Druck von mir. Ich bin frei. Ich lasse mich fallen in dieses Stimmungstief, das nur mit Schokolade aufgefüllt werden kann. Und es stimmt. Schokolade macht glücklich. Und so sehr mich die Menschen dafür auch hassen: Mich macht sie nicht mal dick ;). Endlich lache ich wieder über mich selbst.

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Das scheint alles so traurig, verbittert, depressiv. Es ist selten aber möglich, dass wir plötzlich all den Trubel nicht mehr ertragen. Ich bin eigentlich leidenschaftliche "Messegängerin", Veranstaltungen diesen Ausmaßes schrecken mich nicht ab. Ich renne gern durch Messehallen, bis zum Ende des Tages hochmotiviert, sammle Autogramme, Leseproben, Give-Aways, spreche mit Menschen, genieße die Gesellschaft. Auf Veranstaltungen erfüllt mich die Musik sonst mehr als Schokolade, es macht Spaß, tut gut. Aber nicht immer sind wir fähig, diese Eindrücke am Stück zu verarbeiten. Manchmal streikt das Bewusstsein vor all den Herausforderungen, denen wir uns zuvor noch mit großer Freude gestellt haben. Und dann darf man sich auch mal gehen lassen, sich die Ruhe gönnen. Und langsam kehrt dann die Energie wieder zurück, die Müdigkeit vergeht, auch wenn sie wieder kommt, für den Moment ist alles gut. 

Ich führe diesen Tanz mit meinen Dämonen oft, gelegentlich führen auch die Dämonen. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die Kunst besteht nicht darin, gegen die inneren Schattenseiten zu gewinnen, nicht sie zu übertrumpfen und einzustampfen. Die Kunst ist doch, gemeinsam durchs Ziel zu gehen, gemeinsam Stolz zu sein. Und dann sind diese Monster schon gar nicht mehr so unheimlich, denn sie sind immerhin ein Teil von uns ;).

Kommentare:

  1. Schade, dass Dein Seelenglücksdraht an diesem Abend blockiert war. Aber das kann man leider nicht erzwingen.
    Warst Du in der frühen Buchinger-Vorführung oder hab ich Dich (in der 2.Lesung) übersehen?
    Dann hast Du vermutlich auch den Obertongesang im Mariendom nicht gehört? Dies sphärischen Klänge hätten den besagten Draht evtl. zum Vibrieren gebracht, die Blockade vielleicht gelöst. Obwohl das an solchen Tagen mehr als unwahrscheinlich ist.

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    1. Ich war in der ersten Lesung und habe mich da sehr amüsiert. War aber schon ziemlich müde. Auch wenn in der 2. Lesung andere Texte angekündigt waren, wollte ich mir den Rest der Stadt noch ansehen. Ging dann leider immer weiter den Bach runter :). Zuhause wurde dann fast schlag auf schlag besser, brauchte wohl einfach mal Ruhe und Schreiben kuriert ja ;).

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