Mittwoch, 5. Oktober 2016

GoodDreams von Claudia Pietschmann

Es ist schon erstaunlich, was das Internet und die weltweite Vernetzung mit uns macht. Wir zahlen nicht mit Geld, wir zahlen mit Daten. Vielleicht sind personalisierte Werbeanzeigen nur ein Anfang. Für mich zeigt GoodDreams, wie weit so etwas gehen kann. Denn nur Geld regiert die Welt.

GoodDreams ist ein Social Media Network, längst populärer als das ausgestorbene Facebook. Mit Traumrekordern zeichnen die Menschen ihre luziden Träume auf und posten diese auf ihrem GoodDreams Profil. Die besten unter ihnen produzieren wahre Meisterwerke der Filmkunst, verdienen mit den Träumen sogar ihren Lebensunterhalt.
Leah's Bruder Mika ist ein Profiträumer. Aber er kann nicht mehr träumen, er kann nicht mehr ruhig schlafen. Nur wie sollen sie ohne seinen Verdienst ihren todkranken Vater versorgen? Ein verlockendes Angebot erreicht vier ausgewählte Profiträumer weltweit und bietet dem Gewinner eines Spiels im Traum ein Preisgeld von 250.000 Dollar. Es ist die ultimative Chance für die kleine Familie. Aber wer, wenn nicht Mika, soll in dem Spiel antreten? Leah träumt nicht mehr luzid, fürchtet sich vor den Dämonen ihres Unterbewusstseins. Doch ihr bleibt keine Wahl. Und eine Frage stellt sich bei diesem Spiel, in dem es doch um mehr zu gehen scheint, als um Geld: Kann man in seinen Träumen real sterben?



Es ist ein Extrembeispiel, dass Menschen ihre intimsten Erfahrungen aus dem Tiefschlaf öffentlich teilen. Anfangs sind die Ausmaße dieser genialen Errungenschaft nicht klar. Es ist cool, es macht Spaß, es bringt Ansehen, Fans und Geld. Alles, was man auch heute schon mit YouTube erreichen kann, wenn man es nur richtig aufzieht. Aber welchen Preis zahlt man dafür? Es ergeben sich allein in diesem Buch noch unzählige Möglichkeiten, die die Transparenz des Menschen noch deutlicher machen. Die Möglichkeit, gemeinsam ein und denselben Traum zu träumen, ist ein Wahnsinn, der trotz aller Freude der Träumer immer noch dem Bösen Tür und Tor öffnet.

An GoodDreams hat mich besonders die Idee an sich fasziniert. Ich würde ebenso gerne meine Träume aufzeichnen können, sie mir am nächsten Tag ansehen, aber für mich allein behalten. Vielleicht mit ein paar Freunden meine Abenteuer teilen. Es wäre auch witzig, Freunde im Traum zu besuchen und einfach gemeinsam zu träumen. Welche Entfernungen man auf diese Weise überbrücken könnte. Aber was ich dafür hergebe, scheint laut der Geschichte eine ungeahnte Angreifbarkeit zu sein, der man sich nicht bewusst sein kann. Und es ist immer wieder erschreckend, Dystopien zu lesen, und zu wissen: Das ist alles gar nicht so weit hergeholt.

Leah ist ängstlich, scheu, wagt ungern Risiken. Dennoch will sie ihren Vater retten, wenn sie auch dafür ihrer größten Angst gegenüber treten muss. Mika ist barsch, kämpferisch, stolz. Ich mochte ihn nicht wirklich. Aber ich mochte sehr wohl diese Natürlichkeit unter den Geschwistern. Es machte die Geschichte real, dass sie sich stritten, zankten, uneinig waren. Und am Ende hielten sie doch immer zusammen. Kennen wir das nicht alle irgendwie aus dem eigenen Kinderzimmer?

ACHTUNG, MÖGLICHERWEISE SPOILER:
Was mir fehlte, war die Erklärung, wie das gemeinsame Träumen funktioniert. Klar, sie träumen sich alle zu einer bestimmten Zeit an bestimmte Traumkoordinaten. Doch wie kommen sie dort zusammen? Wie kann jeder für sich diese Stelle anpeilen und alle gemeinsam finden sich dort?
Außerdem hätte ich gerne noch einmal die Konfrontation mit Leah's größter Angst gesehen. Wie sie gegen dieses Monster aus ihren Träumen gewinnt. Zwar war ihre Angst dauerhaft da, sie hat sie bravourös überwunden. Aber zum Schluss fehlte das tosende Wasser mit dem verschlingenden Ungetüm doch ein wenig.
Und der Schluss war spitze. Leider war er sehr real. Und die Realität ist unausweichlich schmerzhaft. Es wurde das Ziel erreicht. Aber der Kampf war lange nicht gewonnen. Bittere, bittere Wahrheiten.

Ich will nicht zu viel meckern, das Buch hat mir sehr gut gefallen. Ich empfehle es gerne an Dystopie-Liebhaber weiter. Und auch mein Interesse am luziden Träumen ist gewachsen. Aber im Anbetracht dieses Romans werde ich wohl lieber aufschreiben, was ich erträume, und euch in Form von Geschichten schenken ;). In diesem Sinne... Have GoodDreams :D.

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