Sonntag, 9. Oktober 2016

Joras' Jagd

Da ich letzte Nacht zu plötzlich eingeschlafen bin - die Erkältung forderte ihren Tribut, die Lesenacht, die ich aufgrund der Krankheit doch allein verbrachte, machte mich auf einmal so unfassbar müde - sollt ihr hiermit ein wenig entschädigt werden. Auch da in letzter Zeit so wenige Kurzgeschichten von mir gepostet werden. Hier habe ich eine aufbereitete, alte Geschichte für euch. Ich mag sie, weil es nicht um Kämpfe und Zweifel oder Abenteuer und Spannung geht. Für mich leuchtet diese Geschichte in einer anderen Farbe. 

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Joras Lippen zuckten, verzogen sich zu einem schiefen, einem unechten Lächeln. Wieder einmal hatte die Elfe Emilia bewiesen, dass sie nicht so einfach zu fangen war. Mit einem letzten Zwinkern und einem Handkuss verschwand sie hinter den Bäumen. Linkes Biest!, dachte er sich. Allmählich trieb dieses Weib ihn in den Wahnsinn. „Fangt sie und bringt sie mir!“, hatte Malik befohlen. Sein Vater. Oder eher noch: Sein Erzeuger. Der Herrscher der Nachtfeen hatte nie väterliche Gefühle für seine Söhne oder Töchter gehegt. Sie in die Welt zu setzen, allein das war seine Pflicht. Nachkommen für den König. „Warum zum Teufel will dieser Quacksalber nur diese eine gottverdammte Elfe?“, fluchte Joras vor sich hin. Verzweifelt versuchte er, die Schlinge um seinen Fuß zu lösen. Er hing auf dem Kopf, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, wäre es nur Nacht gewesen.

Bei Tag konnten Nachtfeen nicht fliegen. Leider konnte man die flinken Elfen nur bei Tag einfangen. Niemand kannte das Geheimnis dieser Wesen, wie sie sich nach Sonnenuntergang nahezu unsichtbar machten. Unter Nachtfeen sagte man schlichtweg:  „Elfen verschwinden halt in der Nacht.“ Mit einem letzten Schrei der Anstrengung und aller ihm zur Verfügung stehender Muskelkraft hievte Joras sich hoch zu dem Tau an seinen Füßen. Er packte es mit beiden Händen, hielt sich dann mit der linken fest um den Knoten mit der rechten zu lösen. Lange Minuten verstrichen, ehe er endlich mit einem „Uff“ auf dem Boden aufschlug. Rote Striemen zeichneten sich unter seinen Hosenbeinen ab, wo das Seil sich fest gezogen hatte. Innerlich jubelte der Feenmann über seine Befreiung, obwohl ihm nun der Schädel nicht nur vom dort gesammelten Blut brummte. „Ich krieg dich“, schwor er sich und der frechen Emilia und stapfte in den Wald.
Seine nutzlosen Flügel streiften Äste und Gestrüpp. In diesem Moment hätte Joras nichts lieber getan, als sie abzulegen. Wieder musste er sich nach dem Sinn dieser dämlichen Mission fragen. Malik war ein guter König, großzügiger Herrscher vor dem Volke. Gnadenloser Vater hinter verschlossenen Hoftoren. Und leidenschaftlicher Sammler von Raritäten. Ein Wahrsager hatte ihm den Floh ins Ohr gesetzt, dass der Staub von den Flügeln einer Elfe alle Wünsche erfüllen konnte. Joras wusste sich nicht im Traum auszumalen, was ein König denn noch wünschen könnte.
Ein glockenhelles Lachen drang an seine spitzen Ohren. Er lauschte aufmerksam. Wie die Melodie einer Harfensaite klang dieser Laut durch den Wald. So zart und zerbrechlich, so wunderschön und hinreißend. Sie begann zu singen und Joras folgte der Stimme, hypnotisiert von der Musik. Immer schneller schlug er sich einen Pfad zwischen Büschen und Bäumen hindurch. Bald sah er einen flecken Grün, eine Lichtung erkannte er durch das dichte Geäst. Die Sonne strahlte auf ein hübsches Mädchen hinab, das dort die Blumen besang. Emilia, die Elfe, die er seit Stunden jagte. Joras stolperte fast über seine eigenen Füße, als er näher heran trat. Er ahnte, dass sie ihn bereits bemerkt hatte. Ihr rascher Blick zur Seite, ihre glänzenden Augen. Das neckische Funkeln, als sie ihn erspähte. Sie blieb an Ort und Stelle, machte keine Anstalten zu fliehen. Funken stoben aus ihren goldenen Augen, als sie ein verführerisches Grinsen aufsetzte und ihn herüber winkte. Wie ein Tölpel stapfte er durch das Dickicht zu ihr. Längst hatte das Strahlen ihrer Aura ihn umhüllt. Er ließ sich neben der Elfe nieder, nahm keine Sekunde den Blick von dem Wesen. Was hatte sein Vater, Malik, mit diesem wundervollen Geschöpf nur vor? Und was sollte Joras nun tun? Diese Frau hatte ihn kopfüber an einen Baum gefesselt. Sie hatte ihn mehrfach über dicke Wurzeln fallen lassen. Durch Emilia hatte Joras sich dicke, rote Striemen und blaue Flecke am gesamten Körper verdient. Zu welchem Preis? Für diesen einen Augenblick schienen der Schmerz und die Mühe es Wert zu sein. Die Elfe neigte den Kopf zu dem Nachtfeenmann, unterbrach ihren Gesang und sagte: „Ich habe auf dich gewartet.“
„Und ich habe dich gefunden“, erwiderte Joras. Das breite Lächeln, das er ihr schenkte, kam nicht einmal annähernd an ihre geschwungenen Lippen heran. Vorsichtig und schüchtern beugte sie sich noch näher zu ihm heran. Emilia hob die Hand um Joras genüsslich durchs Haar zu streichen. Langsam zog sie seinen Kopf zu sich. Ihre wundersamen Augen leuchteten ihn sehnsuchtsvoll an, ehe sie sich schlossen, um den Moment vollkommen auskosten zu können. Um ihn nunmehr mit dem Herzen zu sehen. Joras wandte nichts gegen die Geste ein, er begrüßte sie. In diesem Moment dachte er nicht klar. Nichts schien wichtiger, als dieser eine Kuss. Als die leidenschaftliche Vereinigung ihrer Münder, umgeben vom Singsang des Waldes und… Ein Knacken. Ein Ruckeln. Joras, dessen Augen bis eben auch geschlossen waren, riss diese auf und starrte die freche Elfe an. Emilia zog ihren Arm zurück. Mit einer flinken Bewegung drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange und sprang gleich darauf ein paar Meter weg. Ehe Joras es realisieren konnte, bebte die Erde. Nicht die ganze Erde, nur der Fleck, auf dem er saß. Der Boden riss auf und verschluckte den Feenmann. Das Harfenlachen verwandelte sich in hysterisches Kichern und übertönte Joras' Flüche. Dieses listige Biest. Sie war ihm wieder entwicht.

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