Montag, 24. Oktober 2016

Kapitel 1: Der erste Tag

Wald. Bäume. Noch mehr Bäume. Ein Kreisverkehr inmitten von Bäumen. Mein Navi versagt. „Kehren Sie wenn möglich um.“
Ich würde zu gerne umkehren, wenn nur der Weg mir bekannt wäre. Es fühlt sich an wie ein schlechter Scherz, diese Baustelle, ausgerechnet an meiner Ausfahrt des Kreisels. Die letzten Meter bis nach Panarbora, meinem Zielort bei Waldbröl, dem Veranstaltungsort des diesjährigen Castle of Night. Bis auf letztes Jahr bin ich immer dort gewesen. Dass gerade die nette Dame in dem Kasten an meiner Windschutzscheibe mich jetzt von dem Zusammentreffen mit meinen Freunden abhält, kommt mir doch recht grausam vor.
Seit einer Stunde sitze ich im Auto. Wie lange wird es jetzt noch dauern? Nach einigen Kilometern und der Unfähigkeit meines Navigationsgerätes, eine alternative Strecke auszumachen, halte ich in einer Seitenstraße. 
„Verdammte Technik, lässt mich gerade jetzt im Stich!“, fluche ich. Ein empörtes Selbstgespräch, ein Monolog. Was bleibt mir auch übrig, außer der ahnungslosen Computerstimme und mir sitzt niemand in dem kleinen Peugeot. 
„Kehren Sie wenn möglich um.“

„Du kannst mich mal!“, lautet meine schnippische Antwort. Neununddreißig Monate alt ist die Karte. Offensichtlich Zeit genug, einen einprogrammierten Weg inklusive Ausweichstrecken zu verlernen. Schöne Bescherung, denke ich mir. 
Eine rettende Idee, ein Ass im Ärmel – oder eher der Hosentasche – kommt mir zugute. Das Smartphone kann ebenfalls navigieren. Freudig löse ich das verräterische Navi von der Windschutzscheibe, bringe mein Handy in einer Halterung in Position. Google Maps findet mich schnell. Kurz überschaue ich die vor mir liegende Strecke, merke mir die ersten zwei Wegpunkte. Ich hätte eben nur eine Straße eher abbiegen müssen. 
„Dann mal los!“ Ich zeige meinem Handy einen Daumen hoch, erhalte auf die Geste jedoch keine Antwort. Was habe ich auch erwartet? Ich seufze. Womöglich macht eine einsame Stunde Autofahrt mich schon unzurechnungsfähig. 
Ich lenke den Wagen auf die Hauptstraße, fahre erst einmal zurück in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Zurück zum Kreisverkehr, vor dem ein kleiner, unscheinbarer Weg laut Karte zum Ziel führen soll. 
Meine Laune steigt und fällt nur wenige hundert Meter wieder, als ich einen flüchtigen Blick auf mein Smartphone werfe. Ich fahre erneut durch Wald. Nur mein GPS-Standort fährt nicht mit mir. 
„Was zum…?!“, beginne ich erneut meinen Monolog. Beende ihn aber sofort wieder. Es ist hoffnungslos. Die Technik mag mich heute ganz und gar nicht. Der Punkt bleibt an meinem Wendeplatz stehen, während ich mich nun schon zwei Kilometer von diesem entfernt haben muss. Ich widerstehe dem Drang, Handy mitsamt Navi aus dem Fenster zu werfen. Im Wald, den Tieren zum Fraß vor. Sicher finden sich dort dankbarere Abnehmer.
Glücklicherweise finde ich die Straße, die ich zuvor auf der Karte in Maps ausfindig gemacht habe.  Ein Straßenschild für Fahrradfahrer gibt mir den richtigen Hinweis. „Waldbröl“, lese ich darauf. Nicht schwer zu erklären, warum der Weg mit einem Schild für Fahrradfahrer ausgewiesen ist. Die Strecke ist eng, ist sie überhaupt für Autos ausgelegt? Da noch weitere Wagen mir folgen, denke ich nicht weiter darüber nach. Viel lieber träume ich voraus nach Panarbora.
Unser Thema ist Percy Jackson. Noch habe ich die Reihe nicht gelesen, aber immerhin den Film gesehen. Percy, der Sohn des Gottes Poseidon, der sich plötzlich in einem Halbgottcamp wiederfindet und gegen tödliche Kreaturen bestehen muss, um seine Mutter zu retten. Ich erwarte wie jedes Jahr ein Abenteuer mit vielen Buchverrückten. Als Leseratte fühle ich mich in Gemeinschaft anderer Buchsuchtlinge am wohlsten. Das Programm haben wir vorab als Stundenplan erhalten. Wie immer gibt es zum Buch passenden Unterricht. Ich freue mich sehr auf Götterkunde bei Lavanun und den traditionellen Schreibkurs bei Jennie. Ich weiß, dass Sani mit uns basteln wird. Paddy kenne ich noch nicht, da er erst in meinem Fehljahr hinzukam. Doch in der Castle Chatgruppe machte er einen guten Eindruck. Insofern freue ich mich auch auf seine Lehrstunde. Was die Anwärter – die „Azubis“ des Castle Teams – in ihrer Stunde vorhaben, weiß ich noch nicht. Aber für Überraschungen ist man im Castle of Night gerne offen. Die wird es erfahrungsgemäß zur Genüge geben.
Ein frustrierter Laut entfährt mir, ich kann ihn selbst nicht definieren. Der Audi hinter mir überholt mich hupend. Ungeduldiges Pack. Die enge Straße macht mich unsicher, ich fahre entsprechend langsam. Ich hupe dem Audi nach. Du mich auch, will ich damit sagen. 
Ein Dorf kommt mir entgegen. Und ist nach drei Häusern schon wieder vorbei gezogen. Ich dachte einst, ich wäre in einem Kaff aufgewachsen. Ich nehme alles zurück. Immerhin ist hier kein Wald mehr. Auch wenn die Massen an Feldern die Gegend nicht sonderlich übersichtlicher machen. Jedes Feld hat die gleiche Farbe. Das blasse Korn wiegt sich im Wind. Die Straße zieht sich dazwischen schier endlos hin. Wieder erscheint eines dieser Fahrrad-Verkehrsschilder. Ich fühle mich fehl am Platz, aber es sagt, dass ich richtig fahre. Obwohl ich kein Fahrrad bin. Ein merkwürdiger Ort ist das hier. Kaum verlässt man die Grenzen des eigenen Bundeslandes, betritt man eine fremde Welt. Hoffentlich finde ich in sieben Tagen den Weg nach Hause. Alles sieht gleich aus, ob Wald oder Feld. Perfekte Voraussetzungen, dass ich mich verfahren werde. Denn meine Heimat steht auf keinem der Schilder.
Das Handy findet mich noch immer nicht, sein GPS versagt vollkommen. Wütend schnappe ich danach und schalte es aus. Werfe das Gerät auf den Beifahrersitz.
„Sei froh, dass es nicht das Fenster ist“, schimpfe ich. Reumütig piept das Smartphone. Ich ignoriere den Laut bewusst.
Vor mir taucht ein Kreisverkehr auf. 
„Das könnte es sein“, murmele ich und strecke den Kopf weiter vor. Ich erkenne ein Schild in meinem Augenwinkel. „Panarbora“
Unvermittelt trete ich auf das Gaspedal, vergesse Vorfahrtsregeln und Fahrschulkauderwelsch, es ist ohnehin im Moment niemand außer mir auf dieser Straße. Der Parkplatz öffnet sich vor mir. Eine aufputschende Mischung aus Adrenalin, Endorphinen und Serotonin schießen durch meinen Körper. Tanzen mit noch anderen Hormonen um die Wette, deren Namen ich nicht kenne. Mein Blut kribbelt in den Adern, zitternd öffne ich das Fenster und recke den Arm heraus an den Parkticket-Automaten. Die gelb-schwarz-gestreifte Schranke hebt sich. Ich bin angekommen!


Mein Gepäck lacht mich aus dem Kofferraum heraus an. Oder aus. Der große Koffer liegt eingeklemmt zwischen Beifahrer- und Rücksitz. Ich habe ihn nicht im Kofferraum unterbringen können. Ein kleines Auto zu kaufen hatte viele Gründe, aber an Reisen hatte ich dabei nie gedacht. Sei es drum, der Transport ist dennoch geglückt. Nun aber starren mich drei Tragetaschen, ein Rucksack und eine große Reisetasche mit Rollen fragend an. Ich starre zurück. Und überlege, wie ich das alles taktisch klug in einem Rutsch in den Park transportiere. Gar nicht, lautet die einfache Antwort. Es ist wohl besser, zweimal zu gehen. Ich schnappe mir Rucksack und Reisetasche, die sich nur mühsam aus der Umklammerung der Sitze befreien lässt, sowie eine der Tragetaschen und trotte den Schotterweg hinauf zum Eingang. Der Aussichtsturm, von dem ich bereits Bilder gesehen habe, ragt hoch neben mir empor. Ich habe Höhenangst, doch lasse ich mir diesen Spaß entgehen? Wohl kaum. Ich werde ganz sicher noch hinauf steigen. 
Die Rollen der Reisetasche protestieren auf dem Kies. Ich hebe sie leicht an. Jetzt leidet zwar mein Arm darunter, aber was nutzt es, wenn ich ansonsten die Rollen zerstöre. 
Ich komme näher. Was mich wohl erwartet? Wer mich erwartet? Immer noch fühle ich das Prickeln im Blut. Die Aufregung, die Vorfreude, alles prasselt auf mich herein. Es ist jedes Mal so. Es ist unbeschreiblich. Es ist, als würde man nach langer Zeit endlich wieder nach Hause kommen.
Ein breites Grinsen begleitet mich durch die Tür. Im Eingangsbereich stehen bequeme, bunte Sitzmöbel. Sie wirken auf mich wie zusammen gewürfelt in einem ansehnlich organisierten Chaos. Als Kontrast zu dem hellen Holz schaffen sie eine wohlige Atmosphäre. An drei Kassen auf der rechten Seite stehen mehrere Menschen an. Der Park ist nicht nur für Übernachtungsgäste. Man kann ihn auch einfach so besichtigen. Ich bin gespannt, was er zu bieten hat.
Auf der gegenüberliegenden Seite ist der Durchgang zum Park, gesichert mit Drehkreuzen mit Kartenscanner. Links daneben führt ein Weg in die Mensa. 
Dann schaue ich zurück zu der bunten Möblierung.
Ich erkenne Lavanun sofort, das Mädchen neben ihr habe ich noch nie gesehen.
„Hey“, sage ich zur Begrüßung. 
„Hi, bist du gut angekommen?“, fragt Lava, als sie mich erkennt. Lava ist ein Mitglied des Orga-Teams des Castle of Night. Zusammen mit Sani bildet sie den Kopf der Gruppe. Beide sind seit der ersten Veranstaltung an vorderster Front mit dabei. 
„Ja, war ja nur eine Stunde Fahrt, ich habe ja Glück.“ Tatsächlich ist meine Anreise bisher immer mit die kürzeste. Das Castle findet zu meiner Dankbarkeit stets nur eine Fahrtstunde entfernt statt. Einige reisen quer durch Deutschland an, quälen sich am frühen Morgen in den Zug. Dieses Opfer würde ich auch bringen, könnte allerdings nicht zufriedener sein mit meinem Luxus.
„Die anderen sind schon drüben in der Akademie“, sagt Lava schließlich. „Umi bringst du sie gerade rüber?“
Das Mädchen neben Lavanun regt sich. Vermutlich eine Anwärterin. 
„Hier ist deine Karte, wir sehen uns dann später wieder.“ Lava reicht mir eine Chipkarte für den Eingang zum Park.  
„Viel Spaß“, wünscht sie. Ihre Teamkollegin tritt zu mir, wir gehen gemeinsam durch die Drehkreuze. Draußen regnet es jetzt. In Strömen. Es ist schon eine Kunst, gerade die Woche im Sommer heraus zu picken für das Castle, in der das schlechte Wetter anhält. Aber im Gegensatz zu Göttern wie aus Percy Jackson hat hier leider niemand Einfluss auf das Wetter. Und ein weiteres Übel erwartet mich: Noch mehr Schotter. Arme Reisetasche. Mitleidig streichle ich über ihr synthetisches Obermaterial.
Der Regen ist unerträglich. Ich wühle einen Schirm aus den Abgründen meiner Tragetasche und öffne ihn. Natürlich nicht ohne meine Begleitung mit abzudecken, die dankbar unter den Unterschlupf hüpft.
„Ich bin übrigens Umi“, stellt sie sich vor. Sie lächelt freundlich, ich reiche ihr die freie Hand. Sie trägt ein Namensschild. Meines werde ich noch erhalten.
„Tanja“, antworte ich. „Ich muss später nochmal an mein Auto. Habe es mit dem Gepäck ein wenig übertrieben.“
Umi lacht. „Ist in Ordnung. Noch sammeln sich alle. Sie basteln unten in der Akademie. Auf die Baumhäuser werdet ihr dann wenn die ganze Gruppe anwesend ist aufgeteilt.“
Ich nicke zustimmend und erleichtert. Der zweite Weg ist kein Problem.
„Habt ja tolles Wetter mitgebracht“, erwähne ich beiläufig mit einem Blick zu den grauen Wolken am Himmel. Es scheint nicht als würde sich die Sonne heute noch einmal zeigen.
Umi seufzt. „Ja, schade, eben war noch Sonne da.“
Ein weiteres Mädchen kommt uns entgegen. Ich weiß sofort, dass auch sie zum Castle gehört. Nicht zuletzt, da ich auf fünf Meter Entfernung ein rechteckiges Etwas an ihrem Shirt entdecke. Ebenfalls ein Namensschild.
„Hi, hab die Teilnehmerin rüber gebracht. Ich geh dann nun wieder zu Lava“, sagt Numa, so steht es auf ihrem Schild. Auch sie kenne ich noch nicht, doch ich fühle sofort Sympathie. Diese beiden Unbekannten sind mir nicht fremd, auch wenn ich sie noch nicht kenne. Es ist schon verrückt und mit keinem Wort zu beschreiben. Aber Gleichgesinnte erkennt man wohl an ihrer Ausstrahlung.
„Alles klar, ich komme gleich dazu. Ich bringe nur eben Tanja weg“, meint Umi, während Numa bereits auf dem Sprung ist. 
Wir erreichen die Akademie, ein Bungalow mit mehreren großen Räumen für Tagungen, Veranstaltungen, Treffen. Umi hält mir die Tür auf, ich schließe den Schirm.
„Stell deine Taschen einfach zu den anderen. Deine restlichen Sachen kannst du ja gleich selbst noch holen, du weißt ja, wohin du musst.“
„Super, danke Umi.“
Sie geht wieder zurück. Schnell rufe ich ihr noch nach: „Soll ich dir meinen Schirm borgen?“ Aber sie winkt dankend ab. 
Ich lege mein Zeug zu dem Berg aus Gepäckstücken, der sich im Eingangsbereich der Akademie auftürmt. Es ist kaum mehr Platz verfügbar. Das hat ein wenig Tetris-Charakter.
Aus einem Raum am Ende des Flures dringen Stimmen zu mir, viele Stimmen. Ich bin da, denke ich und grinse. Noch ehe ich herüber gehen kann kommen mir zwei bekannte Gesichter entgegen.
„Da bist du ja!“, ruft Jackie mir entgegen. Ihre orangen Haare stechen unter allen Teilnehmern heraus. Sie ist ein Jahr jünger als ich, wir sind quasi die Castle-Grannies. Fast wehmütig erinnere ich mich daran, dass ich ab nächstem Jahr zu alt für diese Treffen bin. Die Regeln wollen es so. Ich verdränge den Gedanken. Diese Woche noch. Diese Woche gehört uns, nicht dem Abschied.
„Jackie!“ Viel mehr sage ich nicht, es wird in einer liebevollen Umarmung erstickt. 
„Es ist jetzt zwei Jahre her. Lange nicht gesehen“, stelle ich fest.
„Ja, wurde auch mal Zeit!“, meint sie darauf kritisch. Sie hätte mich gerne auch im letzten Jahr dabei gehabt.
„Hallo.“ Eine weitere Figur tritt aus dem Gang. Sie trägt ihre dunkelblonden Haare in einem Dutt und ihre Kleidung besteht nur aus Röcken und eher dunklen T-Shirts. Im ersten Moment erkenne ich sie nicht, doch langsam dämmert es mir. Ich tue mich schwer damit, den Namen aus den Abgründen meines Gedächtnisses zu wühlen. So viele Gesichter werden noch folgen, zu denen mir die Buchstaben fehlen. Mein Grips lässt mich hoffentlich nicht noch häufiger im Stich. Ihr Name fällt mir tatsächlich nicht mehr ein, so viel Mühe ich mir auch gebe. Ich tue so, als wüsste ich ihn sofort. Denn ich weiß, dass ich sie kenne. Viel peinlicher muss ich diese Situation nicht machen.
„Hi“, begrüße ich auch sie. In diesem Moment fühle ich mich schüchtern, halte mich damit zurück, sie zu umarmen. 
„Und was macht ihr jetzt grade alle?“
„Wir basteln und malen und guck es dir am besten selbst an“, sagt Jackie. 
„Wir wollten nur mal eben an unsere Taschen“, antwortet die derzeit Namenlose. Verdammt ich hasse mein Erinnerungsvermögen. 
„Dann schau ich mir das mal an“, sage ich, meinen Worten mit Taten folgend. Ich gehe durch den kurzen Gang in den Raum, aus dem die Gespräche hallen. Die Tische sind in U-Form aneinander gereiht. Jennie geht um die dort sitzenden Teilnehmer herum und betrachtet neugierig deren Arbeiten. Ihr Handy hält sie griffbereit in der Hand, für den Fall, dass sich die Gelegenheit für einen Schnappschuss bietet. 
Es liegen allerlei Bastelutensilien aus. Mandalas, Perlen für Armbänder und Ketten, Nagellacke für Blumen an Basteldraht. Einen Moment bin ich desorientiert. Überall Gesichter, die ich in der Eile zuzuordnen versuche. Bekannte wie auch unbekannte Buchsuchtlinge sitzen vor mir, scharf auf eine Woche voller Percy-Jackson Abenteuer.
Ich erkenne nur ein Mädchen aus dem Harry Potter Castle von 2014 auf Anhieb. Ansonsten scheinen die meisten Teilnehmer mir tatsächlich neu zu sein. Verfluchtes Namensgedächtnis. Jackie und Lacrima – wie das Mädchen von eben auf dem Flur gerufen wird – setzen sich zu den Mandalas. Immerhin einen Namen habe ich nun wieder und innerlich schlage ich mir an den Kopf, dass ich ihn vergessen konnte. Es fühlt sich an, als hätte er mir schon die ganze Zeit auf der Zunge gelegen.
Ich stehe kurz dumm auf einer Stelle, fühle mich unsichtbar. Schnell schlucke ich die plötzliche Beklemmung herunter und sage:
„Hey alle zusammen. Ich bin Tanja.“
Die Gruppe wendet sich mir zu und heißt mich mit einem freundlichen „Hallo“ willkommen. Das warme Lächeln, das sich in den Reihen ausbreitet, löst den Kloß im Hals deutlich auf.
„Also“, frage ich. „Was kann man hier so machen?“
Ich habe die Sachen zwar schon gesehen, dennoch will ich wenigstens nicht ganz sprachlos irgendwo auf einen Platz sinken.
„Du kannst dir was aussuchen. Hier zum Beispiel machen wir schöne Blumen aus Nagellack. Und

hier werden Mandalas gemalt. Du hast viele Bilder zur Auswahl. Da vorn kannst du Schmuck basteln“, weist Jennie mich ein. „Setz dich einfach irgendwo dazu“, ergänzt sie und setzt dann ihren Weg um die Tische fort, um die eifrigen Teilnehmer zu beobachten. Ich sehe, wie sie dabei immer wieder Fotos knipst oder kurze Filme dreht. Ich grinse und denke mir: Das landet auf YouTube.
Ich wähle meinen Tisch – die Mandalas – weil ich sowieso genau davor stehe und weil Jackie und Lacrima vor mir sitzen. Wenn ich zwei kenne, bricht das Eis mit dem Rest automatisch.

„Hallo, was malt ihr Schönes?“, erkundige ich mich. Mein Kopf fühlt sich ganz heiß an. Ich fürchte, die grauen Zellen arbeiten auf Hochtouren. Lächeln, Tanja! ermahne ich mein Gesicht. Ich bin immer noch so aufgeregt. Dabei sitzen hier nur Gleichgesinnte.
„Hier liegt ein Stapel mit Bildern“, sagt Jackie. Sie blättert den Haufen für mich durch. 
„Danke, ich nehm‘ das hier.“ Der Lemur in meinen Händen schaut mich nervös an. Ein Spiegelbild meiner Gedanken. Nachdenklich durchstöbere ich die Auswahl an bunten Finelinern.
„Hi ich bin Jule, hier im Castle Leila.“ Eine Hand streckt sich über den Tisch. Dankbar ergreife ich sie. Scholle eins ist gebrochen.
„Hallo, Selina“, sagt eine Stimme neben mir. Ein Mädchen mit langen Haaren hat rechts von mir Platz genommen. „Im Castle Sundala“, ergänzt sie. Ich betrachte ihre Mähne, rote Strähnen sind in ihr natürliches Blond geflochten. Ich weiß nicht, ob das auch zu Dreadlocks zählt, aber es erinnert daran. Und es sieht nach verdammt viel Aufwand aus. Die Strähnen reichen fast bis zum Boden. 
Ihr Gesicht ähnelt dem von Lavanun, ihr Akzent ist unverkennbar im Schwäbischen Raum anzusiedeln. Kein Zweifel. Die kleine Schwester. Ich lächele zurück.
„Freut mich.“
Irgendwer ruft den Namen Lysee und ein weiteres Zahnrad in meinem Hirn rostet ein. Eine Schublade springt auf und ich hab endlich den Namen zu dem Mädchen aus dem Harry Potter Castle wieder. Wie gut, dass hier niemand Gedanken lesen kann. Ich müsste im Erdboden versinken!
Ein Junge setzt sich neben Sundala. Der einzige Junge in diesem Castle und im Team, Paddy. Wenigstens hier muss ich nicht lange Rätseln. In meiner Fantasie verleihe ich mir den Orden für meine Schlussfolgerungsgabe und widme mich dann dem Lemur auf dem Tisch.
Paddy malt einen Papageien aus, hält sich aber nicht im Geringsten an die Grenzen der Muster und singt dabei einen „Oreo-Song“, der lediglich aus der Bezeichnung dieses Kekses besteht. 
Es kommen nicht mehr viele Nachzügler und dann schließt sich die Tür. Sani, Lavanun und die  Anwärterinnen treten herein. Wieder versagt mein Namensgedächtnis. Dabei habe ich doch zwei von den vieren gerade eben erst kennen gelernt! Verhext. Ich bete, dass ich mir das im Lauf der nächsten Tage abgewöhnen kann. 
Das Team ist vollzählig.
„So, wir sind alle da. Räumt bitte die Bastelsachen zusammen und setzt euch uns zugewandt an die Tische“, bittet Sani, die ein in braunes Leder gebundenes Notizbuch in den Händen hält. Ein bronzenes Blatt hängt an Lederbändern herab. Lavanun besitzt ein ähnliches Buch. Die beiden stellen sich nebeneinander nach vorn, sobald die Utensilien in ihren Kisten verschwunden sind. Das übrige Team, bestehend aus Jennie, Paddy und den Anwärterinnen, versammelt sich am Fenster. Ich wandere in die untere linke Ecke der U-Tische, dort habe ich einen guten Blick und muss mir den Hals nicht verrenken.
 „So, da sind wir nun alle. Die meisten von euch kennen uns ja bereits, aber wir stellen uns doch nochmal vor“, beginnt Sani.
„Ich bin Sanifeya, oder in diesem Castle die griechische Göttin der Fruchtbarkeit, Demeter.“
„Ich bin Lavanun, gerufen werde ich aber immer Lava. In diesem Castle aber bin ich die Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes, Athene.“, setzt Lava die Ausführungen fort. Ich präge mir die Gottheiten gut ein, im Percy Jackson Castle spielen wir schließlich die Geschichte des jungen Halbgottes nach. Wir sind nun selbst Halbgötter. 
Jennie tritt einen Schritt von der Fensterfront zu unserer linken vor, um nun ihre Gottheit zu nennen. „Hallo, ich bin Persephone, die Göttin des Frühlings und die Tochter von Sani.“
Sani – die Verkörperung der Demeter – legt, von Muttergefühlen gerührt, eine Hand auf ihr Herz und neigt den Kopf. Schon jetzt tauschen die beiden Blicke aus, wie es nur Mutter und Tochter können. Ein eingespieltes Team. Ich grinse in mich hinein. Sie gehen perfekt in ihren Rollen auf.
„Hallo, ich bin Paddy. Ich bin hier Morpheus, der Gott der Träume.“ Während ich das Schauspiel zwischen Jennie und Sani mit Neugier beobachte, ist Paddy schon hervor getreten, um seinen Gott zu nennen. 
„Dann haben wir dort noch unsere Anwärterinnen, die drei Moiren und das Orakel von Delphi“, ergreift Lavanun das Wort. „Stellt euch mal vor.“
Noch mehr Namen. Noch mehr verzweifelte Versuche, mir das zu merken. 
Die erste tritt vor, ihr Namensschild ist zu weit von meinen Augen entfernt. Wenn ich wenigstens den Castle-Namen sehen könnte.
„Hallo, ich bin die Moire Klotho, und ich spinne den Lebensfaden.“
„Hallo, ich bin die Moire Lachesis, und ich messe die Länge des Fadens. Ich bestimme also, wie lange ihr lebt.“
„Hallo, ich bin die Moire Atropos, und ich zerschneide den Faden.“ Mit dem Zeige- und dem Mittelfinger deutet sie einen Scherenschnitt an.
„Und ich bin das Orakel von Delphi, ich sage euch die Zukunft voraus.“
Nachdem jeder seine Rolle kundgetan hat, nehmen Sani und Lavanun den Vortrag wieder auf. 
„So bevor es losgeht, hier noch einmal die Regeln“, beginnt Sani.
„Für die Raucher gibt es hier vor der Akademie und oben an der Mensa große Standaschenbecher. Da dürft ihr Rauchen, aber nur, wenn ihr über 18 seid. Sonst gilt Rauchverbot.“
Lavanun setzt an dieser Stelle hinzu: „Gleiches gilt für Alkohol, nur dass dieser komplett verboten ist.“
„Haben wir den Wodka umsonst mitgenommen?“, hallt es aus den Reihen der Teilnehmer. Alle lachen, selbst das Team.
„Wer Wodka hat, muss ihn an das Team aushändigen“, stellt Lavanun streng fest. „Wir werden diesen dann gebührend vernichten.“
Die Zweideutigkeit ringt uns ein weiteres Lachen ab. 
„Wer sich absolut nicht benimmt“, erklärt Sani weiterhin. „und gegen die Regeln verstößt, den werden wir nach Hause schicken und vom Castle ausschließen.“
Wir nicken. Niemand will nach Hause. Aber wann hat sich hier schon einmal jemand daneben benommen? Wir mögen ja verrückt sein, aber für gewöhnlich geht man nach dem Castle noch aufgedrehter heimwärts, als man bei Anreise war. Und was wäre das Castle, ohne diese „Craziness“?
„Jetzt zum Ablauf.“ Lavanun blättert in ihrem Notizbuch eine Seite weiter. „Ihr werdet jetzt dem jeweiligen Götterhaus zugeteilt und dann bekommt ihr die Schlüssel zu den Baumhäusern. Pro Gottheit ein Baumhaus. Wir haben zwei Sechsbetthäuser und zwei Vierbetthäuser für die Teilnehmer. Eure Häuser bestehen jeweils aus vier Teilnehmern. Ihr packt gleich erst mal aus. Um 18:00 gibt es Abendessen in der Mensa, da treffen wir uns dann wieder.“
Aus allen Ecken erklingt freudiges Kichern. Nun beginnt der erste spannende Part. Bei der Anmeldung hat jeder Teilnehmer einen Persönlichkeitstest ausgefüllt, aus dem hervorgeht, zu welcher Gottheit derjenige passt. Welche Gottheit mag wohl meine sein? Während die Namen nach und nach verlesen werden, jeder sein Namensschild und eine Perle in der Farbe seiner Göttermutter oder des einzigen Göttervaters erhält, grübele ich über meine Zugehörigkeit nach. Ich erinnere mich nicht mal daran, einen Test ausgefüllt zu haben. Ist es wirklich schon so lange her?
„Tanja“, unterbricht mich Sani in meinen Überlegungen. Ich schaue verdattert auf. „Du kommst zu mir.“ Mit einem lauten Kratzen schabt mein Stuhl über den Boden. Und fällt fast um. Meine Hände zittern ein wenig, als ich ihn auffange und unbeholfen nach vorn gehe. Dabei renne ich noch ein paar Stuhlreihen um. Doch ich schäme mich nicht für diese Ungeschicklichkeit, ich lache darüber. Schmunzelnd hole ich mir von Sani mein grünes Namensschild und meine ebenso grüne Perle ab, sowie ein dunkelblaues Lederband. Auf der Perle prangt eine lilafarbene Blüte. Ich bedanke mich, schaue mich um und finde schließlich die anderen grünen Perlen unter den Teilnehmern wieder. Meine Halbgottgeschwister sind mir fremd, ich kenne sie nicht von vorigen Castle-Veranstaltungen. Und ich fühle mich plötzlich alt unter ihnen. Wir begrüßen uns, in diesem Moment noch ein wenig schüchtern. Das wird bald vergehen, verlauten meine Gedanken. Ich lese eilig die Namensschilder, präge mir die Gesichter ein. Kathi, Kira, Thalia. Jetzt sind wir die Töchter einer Fruchtbarkeitsgöttin.
„So alle Teams aufgeteilt, Honey kommt später noch. Ihr dürft nun eure Sachen packen und zu den Baumhäusern rüber gehen.“ Mit diesen Worten schickt Sani uns zu den Hütten. Ich bin gespannt auf das dort wartende Abenteuer.


„Wer von euch ist Schlüsselbeauftragter?“, fragt eine der Anwärterinnen.
Wir schauen uns ratlos an. Nach kurzem Schweigen ergreift Kathi das Wort. 
„Ich nehme ihn, ich werde drauf aufpassen“, antwortet sie. Kathi ist die kleinste von uns. Ich kann nicht anders, als sie mit dem Begriff „Süß“ zu assoziieren. Die Spitzen ihrer dunkelblonden Haare sind pink gefärbt. Sie grinst und lacht viel und das steckt wahrnehmbar an. Ich würde sie nicht als hyperaktiv bezeichnen, aber definitiv energiegeladen.
„Also gut, ihr habt nun Zeit, eure Koffer auszupacken und um 18:00 treffen wir uns an der Mensa zum Abendessen“, weist Numa uns an. Wir nicken, schließen die verglaste Tür auf und betreten unser Paradies. 
„Wow“, hallt es im Chor durch den Raum. Es ist größer, als ich mir vorgestellt habe. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich vier Einzelbetten, je zwei übereinander, die wie in die Wand geschnitzt scheinen. Die grünen Leitern sind geformt wie ein Baum, dessen Äste mit sanftem Schwung nach oben wachsen. An jedem Bett befindet sich ein kleines Fenster mit Vorhang. Das Zimmer bietet genug Platz für einen Tisch, der voll ist mit Süßigkeiten. Ich muss an meine eigenen Vorräte denken. Die extra Tasche hätte ich bei den Mengen einsparen können. 
Vier LED Pilze, für jede von uns einer, stehen in einer Reihe vor den Leckereien. Es ist alles perfekt hergerichtet. Liebevoll drapiert warten Notizbücher und Stifte darauf, von uns vollgekritzelt zu werden. 
„Schaut euch mal das Bad an“, tönt es aus dem kurzen Gang zu unserer Rechten. Auf der rechten Seite dieses Ganges befinden sich noch zwei weitere Betten.
Kira steht vor einer offenen Tür. Kathi, Thalia und ich drängen uns neben sie und werfen einen Blick hinein. Das Bad ist geräumig, ebenso unerwartete Ausmaße, wie die des gesamten Baumhauses. Die Dusche nimmt ein knappes Drittel des Raumes ein, wir könnten wohl alle gleichzeitig darin Platz haben. Waschbecken und Toilette glänzen uns weiß entgegen. Ist das ein Baumhaus oder ein Hotel?
„Das ist echt cool“, staunt Thalia. 
„Wo ist der Lichtschalter?“, frage ich in die Runde.
„Es gibt keinen“, erwidert Kira. „Bewegungsmelder“, sagt sie und deutet mit dem Finger auf ein Gerät über dem Spiegel. Wir schließen die Tür wieder. Es ist Zeit, sich hier einzurichten.
„Wer nimmt welches Bett?“
Ich kann die Stimme noch nicht gleich zuordnen, doch ihrem Ausdruck nach zu urteilen hat Thalia gefragt. 
„Ich will hier oben Schlafen, wenn keiner was dagegen hat.“ Kira deutet auf das vorderste Hochbett, das direkt gegenüber der Eingangstür.
„Also ich schlafe lieber unten“, meinen Thalia und Kathi beinahe im Gleichklang. Ich stimme ihnen zu und nehme das Bett am nächsten zum Bad, während Thalia es sich auf der anderen Seite gemütlich macht. 
Ich ziehe die Reisetasche an mein Bett heran, und beginne auszupacken.
„Haben wir keine Schränke?“, frage ich unsicher.
„Nein“, murmelt Thalia. „Aber schau mal, unter den Betten sind Schubladen.“
Ich strecke den Kopf über den Bettrand und betrachte die großen Rollkästen darunter. Einer wird wohl kaum genug Platz für mein ganzes Zeug bieten. Da niemand das Bett über mir beansprucht, nehme ich beide in Beschlag.
„Seid ihr das erste Mal dabei, oder wart ihr schon mal im Castle?“, erkundigt Kathi sich, die bereits eifrig ihr Bett bezieht.
Thalia antwortet als erste: „Nein, ich bin das erste Mal dabei.“
„Also ich und Kathi waren letztes Jahr schon dabei“, bemerkt Kira.
Die Blicke fallen auf mich. „Ehm … ich war jedes bis auf letztes Jahr dabei. Hab’s leider nicht geschafft.“
Alle nicken. Dann fragt Thalia nach unserem Alter. Ich horche auf, während ich nun ebenfalls mein Bett beziehe.
„Sechzehn“, sagen die drei im Chor. Nun haben sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ein breites Grinsen stiehlt sich in mein Gesicht.
„Das ist ja Spitze.“ Mit diesem Satz kaufe ich mir wenige Sekunden, um Luft zu holen und die gewünschte Auskunft zu liefern: „Ich bin vierundzwanzig.“ Drei erstaunte Demeter-Töchter starren mich an. Ich fühle mich wie eine große Schwester. Muss mich aber in Gedanken korrigieren. Mein Instinkt sagt mir, dass eher Thalia diese Rolle in der Hütte einnimmt. Die große Schwester, mit wachsamem Auge über uns. Es ist nur ein Bauchgefühl und ich bin gespannt, inwiefern sich dieses bestätigen wird.
Wir tauschen uns noch über dies und jenes aus, ich belagere stolz meine zwei Schubladen, räume sie danach um und bin endlich zufrieden mit der Aufteilung. Es ist viertel vor sechs, als wir losgehen. Überpünktlich sind wir an der Mensa. Kathi bewacht den Hüttenschlüssel, jeder für sich seine Chipkarte zum Betreten und Verlassen des Parkgeländes. Die Mensa ist nicht nur durch den Haupteingang, sondern auch über einen Zugang vom Spielplatz des Parks aus erreichbar. Wir checken uns mit den Chipkarten aus dem Park aus und versammeln uns am Hintereingang zum Speisesaal. Das Team ist noch nicht da. Ist es nicht sonst immer anders herum? 
„Wir werden uns gleich in der Akademie treffen und Kennenlernspiele spielen“, verkündet Sani nach dem Abendbrot. Das gesamte Team scheint sich listig die Hände zu reiben in Anbetracht dieses Vorhabens. Manchmal können sie recht angsteinflößend sein. 
Nachdenklich trotten wir von der Mensa hinüber zu dem Gebäude, in dem mich mein schlechtes Gedächtnis sicher um ein Vielfaches betrügen wird. Vorbei ist die Zeit, in der ich mir den Text des Schulmusicals in Minuten eingeprägt habe. Ein mulmiges Gefühl begleitet mich in den Stuhlkreis, der bereits in einem der Veranstaltungsräume vorbereitet wurde. Ich schaue mich irritiert um, beobachte, wo jeder Platz nimmt. Die Fensterfront lockt mich. Sie wirkt am sympathischsten. Womöglich, da meine Teamkolleginnen ebenfalls dort sitzen.
„Also.“ Sani beginnt den Spieleabend. Sie wirkt in diesem Moment viel zu gerissen für eine Fruchtbarkeitsgöttin. Wenn man sich verliest, wäre sie nun korrekterweise eine Furchtbarkeitsgöttin. Bei Lavanun bleibt mir nichts hinzu zu dichten, als Göttin der Weisheit ist auch sie um keine List verlegen.
„Wir werden uns heute alle in ein paar lustigen Spielen näher kennen lernen. Noch dürft ihr die Namensschilder an behalten. Aber nicht lange.“
Ich greife unbewusst nach dem Schildchen an meiner Brust. Manch einer folgt meinem Beispiel. Dann bin ich wohl nicht die Einzige, die das schon nervös macht. 
„Das erste Spiel ist noch einfach. Wir verteilen Zettel, auf denen steht eine Frage, und jeder beantwortet diese und sagt dazu noch etwas zu seiner Person.“
So beginnt es. Ich schaffe es durch die Spiele tatsächlich, mir die meisten Namen zu merken. 
Es kommt mir vor wie ein Klacks. Bis dann die Namensschilder entfernt werden. Und in meinem Kopf breitet sich ein monströses, schwarzes Loch aus, das sämtliche Namen zu einem Buchstabensalat vermischt und anschließend genüsslich herunter schlingt. Ich blinzle, kehre aus dieser Horrorvorstellung in die Realität zurück. Die Namensschilder liegen unter den Stühlen oder in Hosentaschen. 
„Wir spielen jetzt Zip Zap“, beschließt Sani. 
Ein weiteres, unbekanntes Spielchen. Ich habe es noch nie gehört und auch die Teilnehmer verfallen in leises Murmeln, Spekulationen über das Ziel des Spiels. Sanis teuflisches Lächeln verheißt nichts Gutes. Eilig schüttele ich dieses erneute Bildnis meiner Fantasie ab. Im Endeffekt genieße auch ich den Spaß, der sich hier ergibt.
Sani fährt fort in ihrer Erklärung. „Wir nehmen jetzt einen Stuhl aus der Reihe weg. Einer von euch stellt sich in die Mitte. Derjenige geht dann von Person zu Person. Wenn er auf jemanden zeigt und Zip sagt, muss der Angezeigte den Namen der Person zu seiner Linken nennen. Bei Zap den Namen des rechten Sitznachbarn. Heißt es aber Zip Zap, dann rennen alle durcheinander und suchen sich einen neuen Platz. Wer dann keinen Platz findet, der muss in der Mitte stehen bleiben und weiter Zip-Zappen.“
Ein namenloses Gesicht steht bald darauf, dem Zwang der Gruppe erlegen, in der Mitte und schreitet selbstbewusst die Reihe ab. Ich kenne die beiden links und rechts von mir. Es sind Thalia und Kira. In unserer Ecke haben wir vorausschauend noch einmal Namen ausgetauscht und weiter gereicht. Von allen Seiten hat jeder ein letztes Mal jeden ausgefragt. Der Finger fällt auf den ersten Teilnehmer.
„Zip“, sagt das Mädchen in der Mitte.
„Lilly“, erwidert die gezippte Person, die Lippen wissend verzogen. Ich erkenne sie als eine der Anwärterinnen wieder. Enttäuscht geht die Zip-Zapperin weiter. Wählt das nächste Opfer. Ich halte meinen Stuhl fest, stemme die Füße in den Boden, bereit, jederzeit los zu sprinten. Auf irgendeinen leeren Stuhl. Ob ich übertreibe? Ich mahne meine seltsamen Gedanken zur Ruhe, die will nun keiner hören.
„Zap“, erklingt es nah bei mir. Aber nicht ich bin gemeint.
„Lysee“, ist die korrekte Antwort. Wieder enttäuscht geht sie weiter. Ich ahne ihren folgenden Schachzug voraus. 
„Zip Zap!“, ruft sie aus und der Raum ist in Bewegung. Körper prallen gegeneinander, lautes Lachen schallt von den Wänden wider. Ich höre das Wort „Entschuldigung“ so oft wie „Platz da“. Die Launen sind ansteckend, ich muss plötzlich aufgeregt kichern. Ein freier Stuhl erscheint zwischen den Menschenmassen und ich denke nur fünf Buchstaben: „Meins!“
In letzter Sekunde erreiche ich mein Ziel, plumpse darauf, ein wenig zu hart. Meine Konkurrenz bedenkt mich mit rachsüchtigen Blicken. Ich blicke arrogant zurück. Nehme ich dieses Spiel zu ernst? Nehmen wir es zu ernst? Neeeeiiiiiin.
Nach einigen Zips und Zaps und Zip Zaps sind alle außer Atem. Sani beendet die Runde für ein letztes Spiel vor dem Schlafen.
„Wir spielen nun Das perfekte Chaos.“
Ein bedeutungsloser Titel unter vielen. Ich lausche ihren Enthüllungen um das Geheimnis dieses Spiels.
„Jeder bekommt einen Zettel, auf dem Anweisungen stehen. Ihr zeigt niemandem sonst diesen Zettel, ihr behaltet es für euch. Ihr tut genau das, was auf dem Zettel steht.“
Das klingt wirklich nach Chaos. Gespannt fische ich ein Stück Papier aus der Dose, die herum gereicht wird. Ich muss sofort lachen, als ich die Botschaft lese.
„Das ist nicht wahr, oder?“
Paddy und Jennie verteilen in der Zwischenzeit bereits die Kisten mit den Utensilien im Raum. Es werden Schmucksteine, Tücher, Bälle, Murmeln und weitere Dinge verteilt. 
Mein Zettel sagt: Stecke jedem einen Tennisball in die Hosentasche. Neugierig schaue ich mich um. Manch einer hat nicht einmal Taschen an der Hose oder dem Rock. Ich finde die Kiste mit den Bällen und gehe langsam darauf zu. Begleitet vom ständigen Gelächter derer, die ihrerseits den Satz auf dem Zettel gelesen haben. Fünf Bälle kann ich problemlos tagen. Für mehr werde ich mich an der Kiste bedienen, wenn alle verteilt sind. Sofern ich der Aufgabe gerecht werde.
„Also gut, alle verstanden soweit?“, fragt Sani. In perfekter Synchronität antworten wir mit Ja. „Dann geht es JETZT los!“
Ich laufe los und suche Hosentaschen. Paddy taucht neben mir auf und fragt, ob ich seine Murmeln kaufen will. Ich starre ihn erschrocken an und entferne mich hastig. Er folgt mir einige Meter. Eilig winde ich mich um einige Castle Teilnehmer herum und hänge ihn ab. Als er sich ein neues Opfer sucht, fahre ich fort mit meiner Aufgabe. Es ist nicht einfach. Alle sind in Bewegung. Ich erreiche die Erste, lasse den Ball in ihre Tasche gleiten, und gehe weiter. Nach drei Bällen habe ich vergessen, wer schon alles einen Ball hat. Zwischenzeitlich sind Bälle wieder aus Taschen verschwunden, was mich in vollkommene Verwirrung stürzt. Nimmt irgendjemand meine Bälle weg? Ich lache mich halb tot, laufe planlos im Kreis. Eine Teilnehmerin verfolgt eine andere, kreischende Teilnehmerin mit einem Schwall Tücher. Paddy sucht immer noch nach Käufern für seine Murmeln. Zwei Mädchen wälzen sich kichernd auf dem Boden. Als ich Jennie nachstellen will, um ihr einen Ball anzudrehen, entwicht diese mir ehe ich mich versehe. Bald bleibe ich stehen, lasse die Szene auf mich wirken, fliehe vor Paddy und dem Tuchmädchen, beobachte die beiden auf dem Boden und warte gekrümmt von einem heftigen Lachkrampf auf den Abpfiff. Das ist zu skurril um noch chaotisch genannt zu werden. Nach einer Weile greifen Sani und Lavanun ein. Nur langsam ebbt das Kreischen und Lachen und Kichern ab, nur langsam finden wir in das Hier und Jetzt zurück. Nachdem jeder einige Male durchgeatmet hat, entlässt das Team uns schließlich in die Baumhäuser.
„Ihr dürft jetzt schlafen gehen. Wir sehen uns dann morgen früh um 8:00 beim Frühstück.“
Mein Atem geht noch schnell, der Puls rast vor Aufregung, die Glückshormone tanzen wieder. In einer Ekstase, die sich nur als Castle-Fieber beschreiben lässt, begeben wir uns zurück zu den Baumhäusern. Ich konnte mir die meisten Namen merken, sogar die Anwärterinnen sind mir nun im Gedächtnis geblieben. Zwar nur mit den Castle-Namen Numa, Lilly, Umi und Sky, aber ich bin sicher, die Namen der Moiren hier nicht zu benötigen. 
Der erste Abend hat das Castle of Night endgültig eröffnet. Es war nur ein Vorgeschmack auf die nächsten Tage.

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