Dienstag, 25. Oktober 2016

Kapitel 2: Das Baumhaus wackelt

Ich träume von einer Schifffahrt auf dem Rhein. Vor ein paar Jahren sind wir bei einem Betriebsausflug zum größten Kaltwasser-Geysir in Namedy gefahren. Das Wasser schaukelte den Bug des Schiffes unruhig hin und her. Es waren so sanfte Wellen, dass sie kaum jemanden störten. Aber ich erinnere mich bis heute an die Übelkeit, die sie mir beschert haben. Das Wackeln verfolgt mich im Traum. Hin und her, hin und her. Gefolgt von einem beständigen Tropfen und knackendem Holz. Wo bin ich?
Ein Wecker klingelt und ich versuche meine Augen zu öffnen. Ich liege in einem Bett in einem Loch in der Wand. Nein, falsch, ein Bett in einem Baumhaus. Ich erinnere mich, wo ich bin. Im Castle of Night, in Panarbora.
„Guten Morgen“, stöhnt jemand. Gähnen tönt durch das gesamte Baumhaus. Sieben Uhr ist so früh am Morgen. Ich schweige, reibe mir die Augen, ziehe den Vorhang von dem kleinen Fenster neben mir weg. Wir haben eine Art Balkon am Baumhaus. Dort steht ein Holztisch mit Bänken. Aber nutzen werden wir diese Möbel in dieser Woche wohl nicht. Alles ist triefnass, es scheint seit Stunden zu regnen.
„Morgen“, stimme ich zu und setze mich langsam auf. Da meine Schwestern noch nicht wacher sind als ich, husche ich eilig als Erste ins Bad. Nur eben das Gesicht waschen, mich ansehnlich herrichten. Und eben umziehen, neue Unterwäsche, frische Klamotten. Ich bin nach wenigen Minuten fertig. Es ist noch eine dreiviertel Stunde bis zum Frühstück.
„Bad ist frei, der nächste bitte“, verkünde ich noch immer schlaftrunken.
Thalia nutzt die Chance. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fällt fragt Kathi müde: „Habt ihr das heute Nacht auch gemerkt?“
„Was denn?“, erkundige ich mich.
„Das Baumhaus.“ Ein Gähnen unterbricht ihre Worte, ehe sie fort fährt. „Es wackelt.“

Erstaunt sehe ich mich um, betrachte die Dielen, die Wände, die Betten. Schaue hinaus und beobachte die Stelzen der entfernteren Hütten, auf denen alle Häuser stehen. Bewusst sieht man es nicht, doch es leuchtet ein. Die Schifffahrt letzte Nacht, so entsinne ich mich, hat wohl doch eher im Wald als auf dem Rhein stattgefunden.



Es ist eine Routine, morgens wie abends, wahrscheinlich auch mittags. Die Teilnehmer sind vor dem Team an der Mensa. Ein wenig stolz warten wir alle, auf die Sekunde pünktlich, vor der Eingangstür. Es ist schon nach acht, als das Team auftaucht. 
„Guten Morgen“, begrüßt Jennie uns quietschvergnügt. Jackie lässt den Kopf auf einen der Außentische sinken, an dem sie mit ihrer Hütte – den Töchtern des Traumgottes Morpheus – platzgenommen hat. Offenbar sind sie ihrer Bestimmung in der Nacht nicht wirklich gerecht geworden.
„So, das Team ist vollzählig. Teilnehmer auch. Geht rein“, verkündet Lava. Die Meute macht sich auf an das Frühstücks-Buffet. Mein Magen knurrt. Gleich kriegst du was, beschwichtige ich ihn. Genüsslich verspeisen wir die Brötchen und Brote mit Wurst, Käse, Marmelade und sogar Nutella.
„Das ist kein Nutella“, sagt jemand, nachdem alle den ersten Bissen an ihren Plätzen genommen haben. Ich wende mich der Stimme zu. Es ist Ally, die enttäuscht und nahezu angewidert auf ihr Brötchen starrt. Ich erinnere mich daran, dass sie im Whats App Chat immer darauf bestand, „Ally mit y“ genannt zu werden. Da hier noch eine „Allie mit „ie“ anwesend ist, kein schlechter Vorschlag. Allerdings ein langer Name, wenn man sie damit ruft. Auf ihrem Namensschild steht Leena. Aber niemand scheint sie so zu rufen. 
„Das ist Fake-Nutella“, stellt sie mit Nachdruck fest. Wütend lässt sie die Stulle fallen. Die Nutella-Katastrophe beschwört eine unheimliche Stimmung um sie herum herauf. Wenn ihre Blicke töten könnten, würde die Nussnougatmasse augenblicklich und spurlos dahin schmelzen. Vielleicht würden noch kleine Dampfwölkchen aufsteigen, doch darüber kann ich derzeit nur spekulieren. Von allen Seiten ihres Tisches empfängt sie Trost und tiefes Bedauern. Ich lache innerlich, als ich ihre Handyhülle erblicke. Ein Nutellaglas. Nun tut sie mir ebenfalls leid.
„Habt ihr gut geschlafen?“, frage ich in meine kleine Runde. Jackie, Sundala und Leila schauen mich verächtlich an.
„Also nicht“, schließe ich kleinlaut aus der Geste und beiße hastig ein Stück von meinem Brötchen ab.
„Es wackelt“, murmelt Jackie, die verzweifelt ihren Kopf mit beiden Händen stützt.
Leila nickt zustimmend. Sundala kaut lustlos auf einem Brötchen mit Käse herum. Ich lasse den Blick durch den Frühstückssaal gleiten. Erschöpfte Gesichter, die mich selbst mit Müdigkeit anzustecken drohen. Ich stehe auf und hole mir eine Tasse Kaffee. Sicher ist sicher.
„Sooooo, liebe Teilnehmer.“ Sani hat sich von ihrem Platz erhoben und lächelt in die Runde. Ein vergeblicher Versuch, die Halbgötter zu wecken. „Wir haben hier noch eine Kleinigkeit für euch vorbereitet.“
Sie deutet auf ein Paket auf dem Tisch. Sie erhält ein wenig mehr Aufmerksamkeit, jetzt wo es um Geschenke geht. Sani nimmt den Pappkarton in die Hand, zieht eine Kette daraus hervor. 
„Das sind eure Camp Half Blood Ketten“, teilt sie mit. Begeistert strecken wir die Hände nach den Talismanen aus. Die Ketten werden von den Anwärterinnen verteilt. Ich drehe meine in der Hand herum. Sie besteht aus einem schwarzen Lederband mit Metallverschluss. Der Anhänger ist ein Ring, auf dessen Rand „Camp Half Blood“ eingraviert ist, einmal rundherum. In der Mitte baumelt ein Pegasuspferd. Ich lege das Schmuckstück sofort an. Dann setzt Sani ihre Rede fort.
„Wenn ihr euer Frühstück beendet habt, dann geht bitte schon einmal vor zu den Baumhäusern. Aber wartet davor, geht noch nicht hinein.“
Die Masse horcht auf, die Ohren spitzen sich in Richtung der Rednerin. Eilig kauen einige auf den letzten Bissen ihrer Brote um, bemüht, bald fertig zu werden.
Dann erheben sich alle nach und nach, schleichen zu den Tablettwagen, um den Moment noch ein wenig hinaus zu zögern. Kaum verlassen wir die Mensa, nehmen die Gespräche wieder an Fahrt auf. Es gibt Stau am Drehkreuz in den Park. Da immer nur eine Person hindurch passt, dauert die Prozedur eine Weile.
Wir erreichen das Tor und warten. Die Anwärterinnen gehen hindurch, wir folgen in den Innenbereich. Doch dann stoppen die vier uns. 
„Ok, die Schlüsselbeauftragten der jeweiligen Hütte, bitte einmal nach vorne“, weist Lilly an. Zaghaft treten die vier Schlüsselwächterinnen aus der Menge. Dann sacken die drei Moiren und das Orakel von Delphi freudig jeden einzelnen Schlüssel ein. 
„Wer die Bücher gelesen hat, der weiß was jetzt kommt“, fährt Lilly dann fort. „Wir kontrollieren jetzt eure Hütten auf Ordentlichkeit.“
Es wird laut. Es ist wie ein gesprochenes „die Hände über dem Kopf zusammen schlagen“, nur eben mit Worten. Das Castle ist nun endgültig wach. Erschrockene Laute erklingen, nervöse Gespräche und angstvolle Spekulationen, Selbstkritik, Scham. Auch mich ergreift diese Stimmung, denn ich weiß warum. Wir haben nicht aufgeräumt.
Das Team übersieht die allgemeine Unruhe nicht.
Rieche ich da Angstschweiß? Ich verdränge meine Fantastereien und beschränke mich auf das wesentliche. Gedanken in Panik kreisen lassen. Ich suche die Reihen nach meinen Hüttenmitgliedern ab. Wir teilen ängstliche Blicke.
„Wir haben nicht gekehrt“, flüstert Thalia.
„Wir haben immerhin die Koffer in eine Ecke gestellt“, erwidert Kira.
„Das reicht aber doch nicht!“, entgegnet Thalia wieder.
„Ich habe mein Bett gemacht“, fügt Kathi hinzu. 
„Ich auch“, sagen Kira, Thalia und ich gleichzeitig.
„Immerhin liegt nichts auf dem Boden“, lacht Tessa hinter mir. Sie gehört zur Athene-Hütte, die sie sich mit Sundala, Tyra und der noch nicht angekommenen Honey teilt. Sie suchen ebenso wie wir nach Indizien, dass ihr Baumhaus gar nicht so unordentlich aussehen wird. Aber wirklich überzeugen können sie sich selbst nicht damit.
Lilly nimmt das Wort wieder an sich und unterbricht die nervösen Gespräche unter den Halbgöttern. „Es wird ein Punktesystem geben.“
Weiteres Lachen erklingt. Jemand sagt: „Wir haben verkackt.“ Schuldbewusst kichern wir nach diesen Worten alle mit.
„Die unordentlichste Hütte darf Tische abräumen nach dem Essen“, erklärt Lilly weiter.
Wir schätzen unser Baumhaus als das im schlimmsten Zustand ein. Auf dem Boden liegt der Schmutz, den unsere Schuhe mit hinein getragen haben. Der Tisch ist unordentlicher als gestern, die Notizbücher liegen querbeet verteilt darauf herum. Bleistifte und Kugelschreiber rollen darüber. Die Hüttenbewohner der anderen Gottheiten teilen unsere Sorgen.
Während die Anwärter sich zu den Häusern begeben, warten wir mit Angst und Bange eingepfercht in dem kleinen Bereich am Eingangstor. Jennie begleitet uns ständig mit ihrer Handykamera. Sie grinst verschlagen und ich sehe ihr an, wie sie in Gedanken ein fertiges YouTube Video aus der Szenerie schneidet.
Wir blicken den Anwärtern nach, die zum ersten Baumhaus nach rechts oben abbiegen. Die Morpheus-Kinder jaulen los. „Nein! Sie gehen zu uns!!!“
Wenige Minuten später ist die Besichtigung beendet. Reihum untersuchen sie die Unterkünfte von Athene, Demeter und Persephone. Begleitet von dem Jammern der Halbgötter.
Schließlich kehren sie zu uns zurück.
„Also wir haben echt mehr erwartet“, meint Umi. Sie zeigen sich geschockt und erschüttert über den Anblick der Häuser. 
„Auf dem letzten Platz“, beginnt Umi. „Ist die Morpheus Hütte. Bei euch sah es echt gar nicht gut aus.“
Ich höre Jackie stöhnen. Ihre Gruppe stimmt mit ein. In einer kurzen Abstimmung beschließen sie, morgen die Sieger zu sein.
„Dann folgt die Jennie Hütte. Ihr wart schon etwas sauberer.“
Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Wir haben nicht verloren, aber dennoch kann ich die nächsten Worte kaum verstehen.
„Und auf Platz zwei ist Athene, damit gewinnt Demeter.“
Ich merke entfernt, wie meine Schwestern in Jubeln ausbrechen. Warum jubeln sie. Schweigend stehe ich da, während die Bedeutung allmählich in meine still stehenden, grauen Zellen sickert. Wir sind Haus Sani. Augenblicklich erwache ich aus dem Tagtraum, der mich schon in dem Glauben zu verlieren zurück gelassen hat. Ich stimme mit ein in den Jubelgesang. Doch wir schwören uns, morgen noch ordentlicher zu sein. Denn eigentlich haben wir ja nicht mal aufgeräumt. Berauscht vom Sieg, wollen wir auch morgen siegen.


Wir betreten den Unterrichtsraum in der Akademie und finden Lava inmitten von Technik an ihrem improvisierten Pult. Ein Beamer, ein Laptop und ein Lautsprecher. Lava selbst ist vertieft in die Vorbereitungen. Ich bestaune das Equipment und suche mir einen Platz an den unverändert in U-Form angeordneten Tischen. Es wird getuschelt. Gespannt warten wir, dass der Vortrag beginnt. Ich habe mein kleines Notizbuch bei mir, falls ich mitschreiben will.
„So, ich werde euch jetzt etwas über die griechischen Gottheiten und die Schöpfungsgeschichte erzählen“, beginnt die Lehrerin und die Wand hinter ihr leuchtet auf. Der Beamer projiziert das Deckblatt einer Power Point Präsentation an die weiße Fläche. Göttlich anmutende Musik erklingt im Hintergrund. Zwei Säulen der griechischen Architekturkunst stehen rechts und links vom Titel. Lava gibt sich wie immer viel Mühe mit ihrem Auftritt. Ich stütze den Kopf auf die Hände und lausche ihren Worten.
„Am Anfang war das große Nichts.“ Nach diesem Satz wechselt das Bild, die Seite ist noch leer. „In diesem großen dunklen Raum voller Nichts warteten die Urbestandteile des Lebens ziemlich unordentlich verteilt und verbanden sich irgendwann zu einer festen Masse, der Erde.“
Das Wort „Gaia“ erscheint in der Überschrift. Die Göttin der Erde.
„Gaia war die Urmutter aller Götter, sie war die erste Göttin der Griechen. Und weil Gaia so alleine war, gesellte sich das Chaos zu ihr und sie zeugten ein Kind, Eros, die Liebe. Und es folgten noch weitere Kinder.“
Zwei Linien verbinden nun Chaos und Gaia miteinander und in der Mitte zeichnet sich ein Pfeil auf das Kind Eros. Weitere Pfeile ziehen schließlich die Verbindungen der Eltern zu weiteren Nachkommen. Erebos, Nyx, Aither und Hemera. Ich kenne Erebos und Nyx aus der House of Night Reihe, aus der das Castle of Night ursprünglich entstanden ist. Die Namen wecken Erinnerungen. Aber nun ist nicht die Zeit, darin zu schwelgen.
„Und weil Gaia sich irgendwann langweilte“, führt Lava fort. „Schuf sie aus sich selbst noch Uranos den Himmel und Pontos das Meer, sowie Ourea die Berge und Tartaros die Unterwelt. Und so begann auch der erste Inzest in der Götterfamilie, denn Gaia und Uranos fanden sich sehr anziehend.“
Ein Lachen geht durch die Reihen. Mutter mit Sohn? Nun gut, sie hat ihn aus sich selbst geschaffen. Da er dadurch nur ihre Erbanlagen in sich trägt, macht das den Inzest nicht rein biologisch schlimmer? Offenbar stehen Götter wirklich über allem.
„So dann haben die beiden also auch fleißig Kinder gezeugt und bekamen sechs Jungs und sechs Mädchen. Die Titanen, aus denen dann die späteren olympischen Götter entstanden.“
Der Stammbaum verzweigt sich mehr und mehr. Mit einem erneuten Klick verschwinden alle bisherigen Einträge und wieder öffnet sich eine leere Seite. Ich schaue stumm auf mein Notizbuch. Nach den Kindern von Gaia und Chaos habe ich aufgehört, mir die Daten aufzuschreiben. Ich fürchte, dieser Stammbaum wird über zu viele Blätter wachsen.
Lava erklärt, als hätte sie meine Gedanken gelesen: „Der Stammbaum wird zu groß für eine Seite.“ Wir nicken aufmerksam. Das Bild verlischt und macht Platz für die Fortsetzung der verzweigten Äste.
„Nun bekamen Uranos und Gaia aber nicht nur die Titanen. Da kam auch so manch seltsame Gestalt bei heraus. Beispielsweise die Zyklopen und die Hekatoncheiren. Letztere waren die Krönung der hässlichen Schöpfung, schließlich besaß jeder von den dreien fünfzig Köpfe, hundert Arme und Hände. Uranos verbannte diese beiden Spezies in den Tartaros.“
Ich versuche, mir diese Wesen bildlich vorzustellen. Aber meine Fantasie reicht leider nicht aus. Unheimlich, so viele Köpfe und Arme. Ob sie dann auch für jeden Kopf einen eigenen Willen hatten? Ich will diese Gedanken lieber nicht weiter spinnen.
„Gaia war natürlich nicht so glücklich, eine Mutter liebt auch die fürchterlichsten Kinder“, fügt Lava hinzu. „Sie bat also ihren Sohn, den Titanen Kronos, Uranos zu entmannen.“
Wir beginnen zu Kichern. Es wird blutrünstig, Mord und Inzucht, denke ich mir. Schon in der Antike gab es offenbar gute Krimi-Autoren.
„Und zusammen mit seinen Brüdern tat er das dann auch. Sie zogen Uranos in alle vier Himmelsrichtungen, Kronos schnitt das Glied ab und warf es ins Meer. Und da dieses Ding wohl noch immer fruchtbar war, entstand aus dem Schaum der Wellen die Göttin der Liebe, Aphrodite.“
Wir lachen laut, ungläubig. Ein Wahnsinn, diese Geschichte. Die Dichter und Denker aus alten Zeiten haben wohl auch schon immer die schönsten Fantasien gesponnen und geglaubt. Wer sich dies wohl als erster ausgedacht hat? Ehe die Naturwissenschaft sich einen Namen gemacht hat, blieb den Menschen wohl nichts übrig, außer die unerklärlichen Dinge auf der Welt mit der Existenz von Göttern zu beschreiben.
Lava setzt den Unterricht fort, Folie für Folie baut sich der monströse Stammbaum vor unseren Augen auf. Es ist schwer, ihr zu folgen. Ich weiß nun endgültig nicht mehr, was ich notieren soll. Das gesamte Ausmaß findet nicht einmal in der kleinsten Schrift, zu der ich fähig bin, angemessenen Platz in dem DIN A6 Notizbuch. 
Sie berichtet von der Angst von Kronos, von seinen Kindern gestürzt zu werden, und wie er sie allesamt verschlingt. Außer dem jungen Zeus, der zu einem mächtigen Gott heran wächst und bald darauf alle befreit.
Die olympischen Götter, wie wir sie kennen, werden eingeblendet. Ich kenne ihre Herkunft nicht, ebenso wenig die Verwandtschaftsverhältnisse. Doch immerhin die Namen sind mir ein Begriff. Disney’s Herkules sei Dank. 
„Erzähl uns von Athene“, ruft eine Teilnehmerin herein. Ich suche nach der Sprecherin, da greift unsere Lava schon nach den Notizen. Sie grinst und erzählt:
„Athene ist die Göttin der Weisheit, Strategie und des Kampfes. Sie ist die Tochter des Zeus und der Metis. Da Zeus ja aus seiner Vergangenheit gelernt hat, wie sein Vater ihn damals vertilgte, um nicht von den Kindern einst besiegt zu werden, tat er dies gleich mit der Schwangeren Metis. Aber Zeus hatte so große Schmerzen, dass Hephaistos ihm auf dessen Geheiß den Kopf zerschlug. Und heraus sprang die voll ausgerüstete Athene. Man könnte es eine Kopfgeburt nennen.“
Stolz deutet Lava auf sich. Wer aus dem Kopf geboren ist, der muss vor Intelligenz strotzen. So lautet wohl die logische Schlussfolgerung. Und der Titel steht ihr. Sie gestaltet den Unterricht interessant, es gibt keinen Raum für Langeweile. Auch außerhalb vom Castle wird sie eine Lehrerin sein und eine gute noch dazu. Sogar dieses Thema, das in seinem schieren Umfang schon überfordert, vermittelt sie verständlich. Ich habe mich nie detailliert mit der griechischen Mythologie beschäftigt, aber es macht Spaß, den alten Sagen zuzuhören. Ich stelle mir vor, wie Hera den missgestalteten Hephaistos, den sie Kraft ihres Willens schwanger zu werden mit sich selbst zeugte, angewidert aus dem Fenster wirft. Ich sehe Zeus in Gedanken, wie er den Götterfrauen nachsteigt. Dass Hera ihn nicht am Kragen zurück an ihre Seite gezerrt hat bleibt mir ein Rätsel. Aber vielleicht war es einfach nicht klug, sich mit einem derart mächtigen Gott anzulegen. Sicher hat sie dennoch in Eifersucht gelebt. All seine Kinder vor der Nase. Ich richte meine Aufmerksamkeit zurück auf den Rest der Stunde, die sich langsam dem Ende neigt.


Gleich im Anschluss an Lava’s Geschichten rund um den Stammbaum der antiken Gottheiten Griechenlands beginnt Sani’s Trip durch die Natur. Sie hat uns bereits vor dem Castle gewarnt, dass wir egal bei welchem Wetter nach Draußen gehen müssten. Nun werden wir erfahren, was genau dahinter steckt.
„Soooo liebe Teilnehmer, willkommen zu meiner Unterrichtsstunde. Passend zu meiner Verbindung zu Mutter Erde werden wir uns jetzt mit einem so genannten ewigen Terrarium beschäftigen.“
Sani setzt sich an den Laptop, der noch immer auf dem Tisch bereit steht. Auf ihrem Kopf trägt sie einen Blumenkranz, überaus passend zur Personifikation der Demeter. Sie spielt ein Video aus dem YouTube-Kanal der Slivki Show ab. Ich erinnere mich an dem Mann mit dem russischen Akzent und der süßen Katze. Dieses Video zeigt, wie er in einer Glühbirne ein solches ewiges Terrarium bastelt, sie mit einer Eichel versiegelt und dann den Dingen ihren Lauf lässt. Der Anblick ist faszinierend. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das Gemüse in der Birne tatsächlich ewig überleben wird. Zumindest meines wird das sicher nicht tun.
Als das Video endet, bittet Sani erneut um unsere Aufmerksamkeit. „Also, ihr wisst jetzt, was ihr alles braucht. Hier vorne haben wir für euch die bereits ausgehöhlten Glühbirnen auf den Tisch gelegt. Außerdem bekommt jeder eine Plastikschale und dann dürft ihr raus gehen und drauf los sammeln.“
Ich stehe auf und folge den anderen nach vorn. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt zumindest, dass es nicht mehr regnet. Womöglich können wir diesen kurzen Sammelausflug sogar vollkommen trocken hinter uns bringen. Ich habe nichts gegen das auflesen von Moos, Erde und Steinchen. Ich mache mir nichts aus Dreck. Aber die Tierchen, die in dem Dreck wohnen, die sind mir nicht geheuer. Ich bin einmal mehrere Nächte aus meinem Schlafzimmer ins Wohnzimmer umgezogen, weil eine dicke Spinne sich in meinem Reich eingenistet hat, und ich sie einfach nicht mehr finden konnte.
„Was brauchen wir nochmal alles?“, fragt Jackie neben mir.
„Moos, Erde, Sand, kleine Steinchen und eventuell noch Holz, einen großen Stein, was zum Verschließen der Birne“, erwidert Thalia.
Ich folge meinen Freunden unauffällig vor die Akademie. Sie senken die Blicke derart vertieft zu Boden, dass sie nichts weiter wahrnehmen. Ich sehe mich um. Der Schotterweg sieht nicht aus, wie die optimale Heimat für Moos. 
„Wo finden wir hier bitte Moos?“, will ich von meinen Kolleginnen wissen. Meine Worte gehen unter, schließlich ist hier jeder sehr beschäftigt. Aber die Antwort folgt kurz darauf ohnehin, wenn auch für die Allgemeinheit und nicht allein für mich. Jemand ruft: „Ich habe Moos gefunden!“ Die Meute setzt sich in Bewegung, den Hügel voll Moos vor Augen. Natürlich hätte ich Hornochse auch selbst auf die Idee kommen können, in der Nähe der Bäume zu suchen. Naturkunde ist wohl nicht meine Stärke. 
Ich knie mich neben Sani, die ebenfalls eifrig die weiche Erde aufwühlt. Um sich nicht die Finger zu beschmutzen, nutzt sie einen Stein, um das Moos mitsamt Erde in die Schüssel zu befördern. So tue ich es ihr gleich, das erspart mir die Berührungsängste mit den Ameisen, die sich in der Nähe tummeln. Lasst mich in Frieden, Leute, ich klaue nur ein wenig Moos.
„Wie viel brauchen wir wohl?“
„Ich nehme mal eine Hand voll mit.“
„Ist das nicht zu viel?“
Hoch konzentriert lasse ich die Gespräche hinter mir und gehe zur nächsten Station. Erde. Moos im Überfluss, nun fehlt Erde. Den Stein nehme ich mit mir, er wird mir auch dort nützlich sein. An einem kleinen Vorsprung kratze ich den Boden ab und lasse ihn in meine Schale rieseln. 
„Nimm nicht zu viel“, mahnt Sani hinter mir. „Wir wollen ja keine Beschwerden vom Park kriegen.“
Ich nicke ihr verständnisvoll zu. Es ist ohnehin genug Erde in meiner Sammlung vorhanden. Den Sand nebendran kehre ich noch hinzu, dann lasse ich den Stein liegen, um an seiner statt kleine Steinchen aufzuheben. 
„Was tust du noch so rein?“, fragt Kira, deren Schüssel schon beachtlich gefüllt ist mit allerlei Moosen und Gräsern.
„Ich suche jetzt noch Grünzeug“, antworte ich. „Und was zum Verschließen. Ob wir hier Eicheln finden? Wie im Video?“
„Keine Ahnung.“ Kira zuckt mit den Schultern.
„Gehen wir doch mal bei den Bäumen auf dem Pfad drüben nachsehen“, schlage ich vor. 
Hier stehen dünne Stämme dichter beieinander, gespalten von einem engen Weg, der sich einmal am linksseitigen Rand von Panarbora entlang erstreckt. Wir bleiben auf den ersten Metern, um uns nicht zu weit von der Gruppe zu entfernen. Dieser Weg nennt sich der Sinnespfad. Er erstreckt sich wie ein Halbkreis um den Park. An einigen Wegpunkten hängen hole Rohre zum musizieren oder schmale Baumstämme, die man schlichtweg passieren kann wie einen Vorhang aus Holz. 
„Ha, ein Blümchen“, jubele ich stolz und pflücke das zarte Pflänzchen für mein Sammelsurium. Ein paar Grashalme wandern gleich mit in die Plastikschale. Gebückt schleiche ich durch das Dickicht, auf der Suche, nach einem guten Verschluss. Es muss dünn sein und doch dick genug, um das Birneninnere luftdicht abzuschirmen. Da meine Birne intelligenterweise auf dem Tisch in der Akademie auf mich wartet, bleibt mir nur das Spekulieren. Und dann erblicke ich sie.
„Kira, schau mal!“, rufe ich ihr zu. Sie erreicht mich schnell, wir teilen ein Lächeln. „Eicheln“, sprechen wir im Chor. Hastig sammelt jede von uns einige der wertvollen Entdeckungen ein. Unser Bauchgefühl hat uns richtig geleitet. Anders kann ich es nicht erklären, denn ich kann Eiche von Buche nicht unterscheiden.
„Wir erzählen niemandem von dieser Fundgrube“, meint sie schließlich.
„Ja, das ist unser Schatz“, bestätige ich freudig.
„Kommt ihr alle zurück!“ Sani’s Stimme setzt unserer Sammlerstimmung ein jähes Ende. Wir sammeln die letzten Eicheln ein, folgen dann der Anweisung zurück zur Akademie. 
Viele sitzen bereits an ihren Plätzen und stopfen eifrig die Errungenschaften in die hohlen Birnen. Ein Anschauungsexemplar fällt mir ins Auge, auf dem Tisch neben dem Laptop. Ich greife danach, präge mir den Anblick genau ein.
„Ob meine Birne auch so schön wird?“, flüstere ich mir selbst zu. 
Voller Motivation beginne ich mit dem Basteln. Erst Steinchen. Dann Sand. Dann Erde. Dann Moos. Dann Krimskrams. Dann Eichel. Dann Kleben. Dann Basteldraht als Stütze. Ich schüttele vorsichtig jede Zutat einzeln hinein, bin sicher zu großzügig in meiner Handwerkskunst. Die Glühbirne wirkt auf mich erst leer, als alles darin ist sieht sie recht überfüllt aus. Seufzend schnappe ich mir die Eichel und stelle mich in die mittlerweile recht lange Schlange zu den Heißklebepistolen. Rauspulen will ich nun auch nicht wieder alles, schmolle ich in Gedanken.
„Die rechts klebt nicht richtig“, informiert Sundala mich, deren Mini Terrarium gerade trocknet. 
„Ok, dann links, danke.“
Aber links stehen nun alle an. Tia, kleine Birne, dann müssen wir wohl warten.
Während das Blümchen schon in der Enge ihrer neuen Behausung verdorrt, überlege ich, was nach dem folgenden Mittagessen nochmal ansteht.


Stichwort Schnitzeljagd. Ich verbinde viele, gruselige Erinnerungen aus meiner Kindheit mit dieser
Vokabel. Rätselraten, durch die Gegend rennen, Hinweise sammeln, Punkte ergattern.
Wir stehen versammelt an den Baumhäusern, pappsatt vom heutigen Mittagessen. So mehr oder weniger, nicht jeder mochte das seltsame Gemüse Potpourri mit Hühnchen und Kartoffelirgendwas. Ich habe wie immer einfach drauf los gegessen. Und die Hälfte übrig gelassen. Wahrscheinlich geht das schlechte Wetter heute auf mich.
„Also, wir machen nun eine Schnitzeljagd“, verkündet Lava. 
Der Rest des Teams steht hinter ihr. Die Anwärterinnen hantieren mit ein paar kleinen Stapeln von Karten. 
„Auf diesen Karten sind jeweils Bilder mit Bezeichnung zu sehen. Wir wählen nun vier Bilder aus. Ihr sollt später erraten, welche der Bilder in dem Umschlag sind“, erklärt Lilly. Von jedem Stapel wird anschließend eine Karte gezogen, und vor aller Augen verdeckt in den Umschlag geschoben. Ich bin gespannt, welche Aufgaben nun auf uns warten.
„Jedes Halbgotthaus bildet ein Team. Ihr fangt alle an unterschiedlichen Stationen an und geht diese dann im Uhrzeigersinn um den Park herum ab“, erhebt Lava ihre Stimme. Wir wenden unsere Blicke wieder an sie, lauschen der Einführung in das Spiel.
Sie hält einen Parkplan hoch und verteilt kurz darauf an jede Gruppe ein Exemplar zusammen mit einem Fragebogen. Ich überfliege den Flyer. Die Fragen drehen sich um den Wald rund um Waldbröl.
Geschichte, Baumarten, Lebewesen. Nichts, das eine von uns aus dem Kopf beantworten könnte. Auf einer weiteren Seite stehen mehrere Wörter. Wer, mit wem, wo, wann. Verschiedene Namen und Bezeichnungen befinden sich jeweils unter den Überschriften.
„Der Fragebogen ist für den Baumwipfelpfad am Aussichtsturm. An jeder Station erhaltet ihr pro Punkt, den ihr erspielt, Einsicht in eine Spielkarte. Da die fehlenden Bilder eben vor euren Augen in den Briefumschlag gesteckt wurden, müsst ihr nur die Karten, die ihr in den Spielen ergattert, auf euren Zetteln durchstreichen. Wer Einsicht in die meisten Karten gewinnt, hat die besten Chancen auf den Sieg“, erklärt Lava noch, ehe sie jeder Gruppe eine Richtung zuweist. Wir sind die letzten, die noch stehen. „Wo müssen wir jetzt hin?“, fragt Thalia mit strengem Blick auf den Parkplan.
„Ihr geht hier zu Station eins, von da an dann einmal rechtsherum durch Panarbora.“ Lava deutet mit dem Zeigefinger auf den Punkt, der unser erstes Ziel sein soll.
„Ok, beeilen wir uns“, schlägt Kira vor. Wir liegen zwar erst wenige Minuten zurück, doch wer weiß, wie schnell die anderen sein werden.


„Los Kira!“
„Du schaffst das!“
„Gib nicht auf“, feuern wir unser Teammitglied an. Kira balanciert kunstvoll einen Schoko-Cookie über ihre Wange. Jennie, die Leiterin dieser Station, filmt das Geschehen aufmerksam. Stück für Stück rutscht der Keks in Richtung Mund. Kira streckt die Zunge heraus, doch kommt nicht zu dem Leckerbissen heran. Die Challenge besteht darin, den Cookie vom Auge, über die Wange, in den Mund zu befördern. Abgemildert gilt es auch schon, wenn die Zunge den Keks berührt. 
Ich denke an die letzten beiden Stationen.  Nummer eins war ein totaler Reinfall. An zwei dünnen Seilen einen Ball bis hin zu einem Eimer führen. Unmöglich zu meistern, das olle Ding rollte stets munter von den Tauen herunter, sobald er nur wenige Millimeter von der Stelle gerutscht war. 
Station zwei war schon unterhaltsamer. Kathi durfte Einhorn spielen. Mit einer spitzen Nadel an einem Stirnband auf dem Kopf galt es, Luftballons, die wir anderen ihr zuwarfen, aufzuspießen. Gar nicht so einfach, bedenkt man den Wind und die Leichtigkeit der Ballons. Bis auf knapp zwei Meter durften wir heran. Die Wurftechnik fiel jedem schwer. Dennoch gelang es, ein paar Punkte zu ergattern. In Form von Kärtchen, aus denen wir später den korrekten Lösungssatz bilden müssen. Ich hoffe, wir sammeln genug Bilder. 
Glücklicherweise durfte Kathi ihren schwebenden Opfern nachstellen, so erwischte sie immerhin ein paar davon. 
„Bravo!“, ruft Thalia begeistert aus. 
Kira hat den Keks mit der Zunge berührt und einen Punkt für uns gewonnen. Jennie klatscht erfreut. Damit haben wir an dieser Station Einblick in zwei Karten. Ein Fortschritt im Hinblick auf unsere Erfolgsquote der letzten Spiele.
„Das habt ihr gut gemacht“, gratuliert Jennie stolz. „Geht jetzt den Sinnespfad hier hinten am Park entlang und bei Demeter‘s Garten werdet ihr zum nächsten Spiel empfangen.“
Freudig traben wir weiter. Demeter’s Garten besteht aus mehreren großen Pflanzkästen, in denen nicht sonderlich viel wächst. Er befindet sich am oberen Ende des Sinnespfades. Wir haben ihn liebevoll nach unserer Muttergöttin benannt.
„Das hat Spaß gemacht.“ Meine Worte entlocken jedem ein Lächeln. 
„Immerhin durften wir, selbst bei Nicht-Bestehen, den Keks anschließend essen“, meint Kathi.
„Ja, aber wir müssen uns jetzt mehr Mühe geben, wir brauchen mehr Punkte“, mahnt Thalia. Sie hat wortwörtlich das Heft in der Hand, hütet sie doch die Zettel mit Argusaugen. Sie spielt fast schon verbissen, als könnte sie eine Niederlage nicht akzeptieren. Ich muss grinsen bei diesem Gedanken. Das nenne ich mal Kampfgeist, füge ich mental hinzu.
Der Garten kommt in Sichtweite und Umi erwartet uns bereits.
„Hallo, willkommen zu eurem nächsten Spiel.“ 


Auf der Spitze des Aussichtsturms von Panarbora stehen wir und wissen die letzten Antworten nicht. Wir sind die letzte Gruppe hier oben, alle anderen haben die Schnitzeljagd bereits beendet. Die wenigen Minuten Vorsprung haben sich also für alle ausgezahlt. Außer für uns, die sich selbst ein wenig aufgehalten haben. Auf dem Baumwipfelpfad haben wir lange nach den richtigen Hinweisen gesucht. Jede Tafel einzeln gelesen. Nicht auf jeder steht eine nützliche Information.
Thalia hat das Zepter bei den letzten Spielen gut bei sich gehalten. Bei Umi konnten wir noch einen Punkt erspielen. Bei Numa leider nicht mehr. Beide Spiele enthielten Bälle. Das war wohl von Station eins an unser Fluch.
„Habt ihr was gefunden?“, frage ich meine Baumhausschwestern.
Sie schütteln freudlos die Köpfe. Thalia kaut nervös auf ihrem Stift herum. Sani erwartet geduldig unsere Antworten. Von ihrer Sitzbank aus verfolgt die Linse ihrer Kamera unsere Ratlosigkeit. Wieder und wieder lesen wir die Tafeln auf der Aussichtsplattform. Der Turm macht es uns auch nicht sonderlich einfach. Von Minute zu Minute wird Kira blasser. Ihr bekommt die Höhe nicht. Ich kann sie verstehen. Dieses Holzgebilde wackelt bedrohlich im wehenden Wind. Dagegen wirken die wankenden Baumhäuser äußerst beruhigend.
„Keine Sorge“, muntere ich sie auf. „Hier dürfte niemand drauf, wenn der so einfach umfallen könnte.“
„Ok“, erwidert sie, keineswegs überzeugt. Ich weiß schon, Angst ist kein Gefühl, das sich einfach umstimmen lässt. Ich vermisse festen Boden unter den Füßen.
„Sani, bist du sicher, dass hier auf den Tafeln die Antwort steht?“, erkundigt Thalia sich. „Müssen wir wirklich nicht noch einmal den Pfad entlang gehen?“
Sani verneint und deutet auf die Infotafeln in der Mitte der Plattform. Ein Seufzen geht durch unsere Runde. Was für eine dumme Frage auch. Wir stellen uns zusammen und beginnen zu spekulieren.
„Was schlängelt sich durch das bergische Land?“, liest Thalia vor. „Da wäre doch ein Fluss naheliegend. Sollen wir das nicht einfach aufschreiben? Die anderen Fragen haben wir ja ohnehin richtig.“
Ein bedächtiges „Mh“ geht durch die Runde.
„Nein, ich bin sicher, wir haben hier oben etwas übersehen“, entgegne ich. Irgendwo muss die Antwort stehen. Wenn es ein Fluss ist, warum sollten sie die Frage überhaupt stellen. Das klingt mir zu offensichtlich und selbst wenn hier der Bach „Bröhl“ entlang verläuft, diese Antwort fühlt sich falsch an.
„Was schlängelt sich durch das bergische…“, murmele ich gedankenverloren vor mich hin. Kira, Kathi und Thalia verteilen sich wieder auf der Plattform, suchen die Lösung. Ich bleibe vor einer mit dem Bild einer Straße stehen. Sie ist gewunden und ich verstehe nicht recht, was so besonders an ihr sein soll. Aber woran erinnert mich das? 
„Komisch“, denke ich laut. „Das sieht aus wie eine… . Leute!“ Erschrocken wenden sich die anderen meinem hysterischen Ruf zu. Ich fuchtele begeistert mit den Armen und zeige auf meine Infotafel. „Die A4!“
„Was?“, fragen sie im Chor. Unsicher gesellen die drei sich zu mir und starren auf den Text unter dem Bild der Straße. 
Unter dem Bild steht: „Die A4 schlängelt sich durch das bergische Land.“
Statt dies zu kommentieren, verfallen wir gleichzeitig in Lachen. Die Leute um uns, die nicht zum Castle gehören, schauen uns verdattert an. Sani wirkt erleichtert. Wir reichen ihr den Fragebogen und sie nickt uns zu.
„Super, die Bögen werten wir später aus. Beim Abendessen wird dann das Gewinnerteam bekannt gegeben“, sagt sie. „Jetzt müsst ihr nur noch eines tun. Ihr habt da ein Gedicht von jemandem gelesen über den Wald. Eure letzte Aufgabe ist, ein ähnliches Gedicht selbst zu verfassen.“
Unsere Freude verfliegt für einen Moment. Ein Gedicht schreiben? Nun gut, Zeit, kreativ zu werden. Wir wühlen in unseren Taschen nach den Notizbüchern und den Kugelschreibern und hocken uns im Kreis auf den Boden. Nur noch ein paar Zeilen Gedicht, dann können wir diesen Teufels-Wackel-Turm verlassen. Aber irgendwie auch schade. Die Aussicht ist traumhaft.


Beim Abendessen wird bekannt gegeben, dass unser Team nicht gewonnen hat. Am Ende haben wir das meiste spekuliert und nach dem Ausschluss- und Zufallsverfahren geantwortet. Thalia wirkt enttäuscht. Die Gewinner erhalten eine Holzkugel, ähnlich der, die jede Hütte mit dem Symbol ihrer Gottheit um den Hals trägt. Die Kugel, die gestern bei der Verteilung der Teilnehmer auf die Baumhäuser ausgegeben wurden. Es ist eine Trophäe, ein Preis. Ich hoffe, wir erhalten noch mehr Chancen auf einen solchen Sieg.


„Zeit für den Karaokeabend!“, eröffnet Jennie und wir betreten staunend unseren Unterrichtsraum in der Akademie. Der Beamer und der Laptop sind noch immer dort aufgebaut. Tische stehen ringsum am Rand des Raumes, die Stühle sind in einem Kreis angeordnet. Ich setze mich wahllos auf einen Platz, wie auch schon bei den Kennenlernspielen am Vortag. Kira setzt sich rechts neben mich. Sundala nimmt links von mir Platz. Sani und Lava stehen in der Mitte. Unsere Stimmen verstummen so schnell, wie sie eben noch zu lauten Gesprächen angeschwollen sind. 
„So, Folgendes. Wir werden jetzt im Stundentakt spielen. Also eine Stunde SingStar und dann eine Stunde Let’s Dance. Einwände?“ Lava schwenkt den Blick durch den Raum. Niemand widerspricht. 
„Ok, dann fangt mal an mit SingStar“, fügt sie hinzu und sucht einen Platz beim Team. Sani gesellt sich zu ihr. Sie sind vorerst nur Publikum. 
„Ich würde furchtbar gerne singen“, flüstere ich Kira zu.
„Ich weiß nicht“, zweifelt diese. „Ich möchte nicht, dass die anderen mich singen hören.“
„Wer fängt an?“, ruft Lava in den Raum, denn noch hat niemand Position beim Mikorofon bezogen. Unser Gespräch verstummt. Niemand meldet sich freiwillig. Links von mir schnellt ein Arm in die Höhe.
„Ich will!“, kichert Sundala. Lava winkt die kleine Schwester nach vorne auf die Bühne. Sundala sucht sich einen Partner – oder eher ein Opfer – zum gemeinsamen Trällern aus dem Publikum. Und die Show wird eröffnet. Ich stelle fest: Hier können verdammt nochmal alle gut singen! Und als „An Tagen wie diesen“ angestimmt wird. Stehen wir alle auf und schlingen Arm um Arm, schunkeln zu der Melodie. Singen zusammen dieses Lied. Mir kommen die Tränen. Ich unterdrücke sie, da mir momentan keine Hand frei ist, um auch nur das kleinste Tröpfchen Wasser von der Wange zu tupfen. Mein Hals schmerzt dabei, aber das Grauen in meiner Stimme, das daraus entsteht, nimmt in diesem Chor niemand wahr. Jennie steht vor uns und filmt hellauf begeistert. Ich freue mich schon auf das fertige Video.
Nach dem Lied verfallen wir in heftigen Beifall. Nun wird das Spiel gewechselt. Jeder sucht sich wieder seinen Platz.
„Komm schon Kira. Lass uns beide mal!“, flehe ich meine Nachbarin an. Ich sehe ihr die Angst an, noch ist da nichts zu machen. 
„Vielleicht in der nächsten Runde, jetzt ist doch eh erst mal Let’s Dance wieder dran.“
Mutlos lasse ich den Kopf sinken. Doch mein Beschluss steht fest. Wir werden heute noch singen.
Nach einer Weile wird Kira zum Tanzen auf die Bühne gezogen. Ich bleibe teilnahmslos sitzen. Nie und nimmer schwinge ich meine Hüften zu diesem Spiel. Ich fürchte, das wird grausam aussehen. Beim Singen hört niemand einen falschen Ton, es singen einfach immer alle Castle-Teilnehmer mit. Doch beim Tanzen wird jeder falsche Schritt gesehen. Und auch, wenn es keinen Grund gibt, mich zu genieren. Noch will ich mich nicht trauen.
„Jetzt muss das Team tanzen!“, stimmen die Anwärter ab. „Und wir wählen das Lied für euch.“
„Dann wählen wir nachher euer Lied“, beschließt Lava, ehe sie mit Jennie, Sani und Morpheus auf die Tanzfläche geht. Die Anwärter wählen den Tanz ohne lange zu überlegen. Tetris soll es sein. Ein klägliches „Nein“ seitens des Teams ertönt. Doch ihnen bleibt keine Möglichkeit zur Flucht. 
Kaum haben sie die Positionen eingenommen, beginnt auch schon der Song. Vier bunte Männchen erscheinen auf der Bildfläche. Die typische Tetrismelodie erklingt. Und das Desaster nimmt seinen Lauf. Schon wenige Schritte nach Beginn des Liedes hören wir das Kichern lauter als jedwede Note aus dem Lautsprecher. Das Publikum stimmt mit Lachen und Klatschen in die verzweifelten Versuche unserer Gottheiten ein, den Tanz einigermaßen elegant auf das Parkett zu legen. Nur um am Ende über- und untereinander auf demselben zu liegen, während das Lied noch immer läuft. 
Doch die Anwärter trifft die Rache hart. Der Sirtaki ist die Wahl des Teams, das sich nun in teuflischer Erwartung die Hände reibt. Zu recht. Denn schon bald sind die Anwärter der Mittelpunkt des Lachens. Sie wirbeln im Kreis umeinander, verlieren die Orientierung und zu guter Letzt vielleicht sogar sich selbst. Ich kann kaum an mir halten, denn ein Tanz ist das sicher nicht. Wir feuern sie an mit Jubelrufen und tosendem Klatschen. Und kaum anders, als der Auftritt des Teams, endet auch der der Anwärter. 
Und so beginnt auch wieder die nächste Stunde SingStar. Hoffnungsvoll schaue ich Kira an, die nicht mehr ganz so arg zu zweifeln scheint. Sie bemerkt meinen Hundeblick und seufzt.
„Du darfst dir das Lied aussuchen“, verspreche ich ihr.
Nach kurzer Überlegung sagt sie schließlich: „Christina Stürmer?“
„Christina Stürmer!“, bestätige ich ihren Wunsch. Ehe uns jemand stoppen kann, greifen wir nach den Mikrofonen. Wir sind müde, der Abend ist schon lang. Draußen steht der Mond hoch am Himmel, die Nachtruhe ist eingekehrt in Panarbora. Nachtwächter laufen Streife auf den Kieswegen, während wir hier singen und tanzen und feiern. Und während Kira und ich unser letztes Lied vor dem Schlafen singen. Ich lebe von Christina Stürmer.

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