Mittwoch, 26. Oktober 2016

Kapitel 3: Erst Aqualand, dann Ritual

„Da das Wetter heute nicht ganz so Zootauglich ist, werden wir ins Aqualand nach Köln fahren“, verkündet Sani beim Frühstück. Unter den Teilnehmern brechen Jubelrufe los. Eilig schlingen wir das Essen hinunter, um möglichst schnell die Sachen für den Ausflug packen zu können. Es liegt eine Stunde Fahrt vor uns bis in die Großstadt. Auch die letzte Teilnehmerin – Honey – ist am gestrigen Abend noch angekommen. Somit ist das Castle nun endlich vollzählig. Oh wie ich mich doch irren sollte.


„Warum bewegt sich deine Tachonadel nicht?“, frage ich Sky, deren Auto ich nach dem Losverfahren zugeteilt wurde. Sani, Lava, Jennie und Paddy fahren die anderen Teilnehmer nach Köln. Ich sehe keines der anderen Fahrzeuge, sicher sind sie uns schon weit voraus.
„Ist kaputt“, erwidert Sky und folgt weiter den Anweisungen des Navis. Wir haben Waldbröl soeben hinter uns gelassen und steuern auf die Autobahn zu. Misstrauisch betrachte ich den Zeiger, der sich nicht einen Millimeter zuckt. Auch unter meinem strengen Blick gerät er nicht ins Wanken.
„Ich sehe ja im Navi, wie schnell ich fahre. Innerorts fahre ich aber mehr nach Gefühl und ohne Navi“, fügt sie noch hinzu.
Vor meinem inneren Auge sehe ich das Auto schon um uns herum auseinander fallen. Ich rüge mich für diesen Gedanken, meine Sorgen sind vollkommen überzogen. Grinsend schaue ich dem erstaunlicherweise fließenden Verkehr auf der Straße zu. Ein bisschen mehr Vertrauen kann ich diesem Wagen wohl entgegen bringen, schließlich ist „übertreiben“ mein zweiter Vorname. Ich genieße den Trip und freue mich auf die baldige Ankunft Schwimmbad. Ein Blick auf die Uhr verrät: In einer dreiviertel Stunde sind wir da.


Auf dem Parkplatz sind nur noch die matschigen Flächen frei. Viele Besucher des Aqualand sind uns bereits zuvor gekommen. Meine Stoffsneaker versinken im Schlamm als wir aussteigen. Schnell greift jeder seine Tasche aus dem Kofferraum, um diesem Dreck bald zu entkommen. Ein paar Meter weiter steigen auch Jennie und ihre Gruppe aus. 
„Alles klar, habt ihr alles?“, fragt Sky. Auf unser Nicken hin schließt sie das Auto ab. Wir schließen zu den restlichen Teilnehmern auf, teilweise sind sie schon in der Eingangshalle des Bades und warten sehnsüchtig auf uns Nachzügler. 
Die Eingangshalle ist voll von Gästen. Sie sind bepackt mit großen Taschen, Schwimmreifen, Poolnudeln. Eine endlos scheinende Schlange wartet an der Kasse. Durch ein Fenster sehen wir neben dem Pool auch die vielen, mit Handtüchern belegten, Liegestühle. Typisch deutsch eben, auch im eigenen Land. Außer den Tüchern liegt niemand auf den Stühlen. Ich wende mich um und entdecke ein bekanntes Gesicht.
„Ise! Du bist auch hier?“ Ich begrüße sie, die ich so gar nicht hier erwartet habe, mit einer Umarmung. Wie ich ist auch Iseree seit dem ersten Castle of  Night mit dabei. Dass sie erst am dritten Tag zu uns stößt habe ich entweder verschwitzt oder es wurde wirklich nicht bekannt gegeben. Soviel zum Thema „Das Castle ist vollzählig“. Aber ich freue mich sehr, sie hier zu sehen.
„Ja, ich konnte nicht eher“, antwortet sie. „Arbeit.“
Verständnisvoll nicke ich. Ein wenig erleichtert sehe ich, dass auch Jackie diese letzte Teilnehmerin überrascht empfängt. Ich bin also nicht die Einzige, die Ise nicht erwartet hat.
Sani meldet sich zu Wort: „Ich habe hier eure Eintrittskarten. Die braucht ihr auch für die Schränke. Verliert sie nicht.“
Reihum werden die Chipkarten verteilt. Mehr oder weniger geordnet quetschen wir uns durch die wartenden Menschenmassen zum Drehkreuz neben den Kassen. Vereinzelte Beschwerderufe folgen uns, aber ich nehme keine Notiz davon. Sie wissen nicht, dass wir unsere Karten längst haben.
„Teilen wir uns einen Schrank?“, fragt Jackie, nachdem wir im Umkleidebereich angekommen sind.
„Klar, gerne. Sind denn hier noch irgendwo zwei Umkleiden nebeneinander? Damit wir uns nicht verlieren.“ Ich schaue mich um und tatsächlich finden sich zwei Räume. Noch ehe jemand uns diese vor der Nase weg schnappt, laufen wir hinüber und verschließen kichernd die Türen. Ich packe so überstürzt mein Handtuch aus, dass erst einmal der halbe Tascheninhalt auf den Boden plumpst. Immerhin trage ich den Bikini bereits unter meinen Klamotten. 
„Du, Tanja, du musst mir gleich sagen, ob mein Bikini so ok ist.“
Jackie ist schneller fertig und wartet bereits auf dem Gang auf mich. Die engen Beine meiner Jeans lassen sich nur widerwillig abstreifen. Nicht zuletzt hält mich auch das Einpacken der Klamotten ungemein auf. Mit zitternden Armen stopfe ich Jeans und Shirt und Schuhe irgendwie in den plötzlich engen Shopper Bag. 
„Bin jetzt fertig, komme sofort“, teile ich Jackie mit. Dann kann auch ich endlich aus der Kabine heraus treten.
Jackie steht vor mir, umwickelt mit einem Handtuch, ein unsicherer Blick in den Augen. Sie versichert sich, dass sich niemand sonst in Sichtweite befindet. Anschließend zieht sie vorsichtig die Enden des Handtuches auseinander. Zum Vorschein kommt ein Bikini mit Disney Motiv, die Grinsekatze schaut mich an. Alice im Wunderland. Neidisch sehe ich mir jedes Detail an.
„Der ist super, Jackie! Ich weiß gar nicht, was du hast“, schwärme ich.
„Meinst du?“ Keineswegs überzeugt dreht sie sich vor mir einmal um die eigene Achse. Ich stemme die Hände in die Hüften.
„Du gehst damit jetzt schwimmen und basta!“
Allie kommt um die Ecke, bleibt stehen und bestaunt den Bikini. 
„Der ist ja cool!“, sagt sie aufgeregt. Und wahrscheinlich ebenso Neid erfüllt wie ich. 
Nach drei weiteren Fans des Wunderland-Bikinis ist Jackie schließlich überzeugt. 
Wir wählen einen freien Spint, stopfen unser Zeug hinein und eilen in das Hallenbad. Es ist angenehm warm. Regen prasselt auf die Fenster. Die Schreie glücklicher Kinder hallen durch das Aqualand. Wir ergänzen die Klänge mit unseren eigenen Freudenrufen und springen in das kühle Nass.


„Erst mal eine Pause.“ Erschöpft lasse ich mich auf einem der Stühle nieder, die das Castle Team in Beschlag genommen haben. Nach einer Stunde schwimmen bin ich müde, habe meine Tasche aus dem Spint genommen und mich her gesetzt. Allie leistet mir Gesellschaft. 
„Was macht ihr denn hier?“, fragt Sani, die gerade mit dem Rest des Teams bei uns auftaucht. „Ab ins Wasser, los!“
„Sani, wir brauchen eine Pause“, meint Allie. Ich nicke zustimmend. Sani zuckt darauf mit den Schultern und bittet mich, ihr Handtuch herüber zu reichen. Jennie tritt hinzu und zieht ihren Rucksack unter meinem Stuhl hervor. Die Zahnrädchen in meinem Kopf beginnen sich zu drehen. Meine Fingerspitzen kribbeln. Ich nehme das Bild des Teams in mich auf, so wie sie alle nun vor mir stehen. Sani, die sich das Gesicht abtrocknet. Jennie, die einen Schluck Wasser trinkt. Lava, die ungeduldig dahinter wartet, dass es wieder ins Wasser geht. Paddy turnt sicher durch einen der Pools. Und dann gehen unsere Göttermütter wieder zum Wasser. Ich kann nicht anders und zücke mein Notizbuch. Gut, dass ich es eingesteckt habe. Wie sollte ich mich denn sonst erkenntlich zeigen für all die Jahre, wenn nicht mit einer Geschichte? Mein Stift zeichnet wie von selbst die Worte:

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DIE ORGA IM AQUALAND

„Sind sie weg?“, fragte Jeanette, nachdem das Orgateam endlich in voller Bademontur den Pool des Aqualand erreichte.
„Ja, sie sind weg“, flüsterte Jennie und kicherte verschwörerisch. Sani trat hinzu. Laut grübelte sie: „Wo sind denn alle?“ 
Entferntes Kreischen und Lachen drang an ihre Ohren. Die Castle Teilnehmer hatten sich bereits im Schwimmbad verteilt. Die Luft war rein.
Jeanette stürzte als erste los. „Hier kommt Athene!“, brüllte sie. Eine Kriegserklärung an das Becken, das unter ihrer Stimme erzitterte. Kopfschüttelnd beobachtete Sani die Szene. Jeanette fuchtelte wild mit den Armen, womöglich um wie Poseidon das Wasser zu befehligen. Doch die vergeblichen Versuche fingen ihr nur ein höhnendes „Buh!“ von Jennie ein.
Paddy kam frisch geduscht und triefend nass aus den Herrenduschkabinen. „Hab ich was verpasst?“, fragte er bei dem kuriosen Anblick, der sich dort im dort bot. Der Kampfschrei der Kriegsgöttin hatte ihn in Alarmbereitschaft versetzt, war der Lärm doch bis in die hintersten Winkel des Schwimmbades zu vernehmen.
Ohne zu antworten rannte Jennie zum Pool, gefolgt von Sani, deren „Warte auf mich!“ im Tosen der Fluten unterging. Paddy zuckte mit den Schultern und trabte zum Whirlpool.
Unterdessen hatte Jeanette die erste Wasserrutsche erobert. „Diese Rutsche gehört von nun an Athene!“, beschloss sie feierlich. Mit ausgestreckten Armen verteidigte sie das auserkorene Revier. Jennie interessierte dieser Besitzanspruch herzlich wenig, da die Rutsche mit glockenheller Stimme nach ihr zu rufen schien. Doch die Verkörperung der Athene versperrte den Weg.
„Mama!“, rief Jennie – die Personifikation der Persephone – nach Sani. Sani alias Demeter reagierte sofort mit mütterlichen Instinkten.  „Jeanette, du bist ein Vorbild, geh da runter!“ Doch wer wagte schon einer überzeugten Athene Vorschriften zu machen?
Jennie warf Sani einen betrübten Blick zu. Nach einem kurzen telepathischen Austausch drehten sich beide in Richtung Whirlpool. „Paddy!“, hallten ihre Stimmen durch das Badeparadies. Paddy, der mittlerweile süßen Träumen nachjagte, wurde seinem Götterpaten Morpheus vollends gerecht. Zumal er auf den Ruf nicht reagierte. „Morpheus!“, schrien die beiden Göttinnen erneut. Der Name echote wie eine magische Formel durch die Hallen des Aqualand. Es zeigte Wirkung. Augenblicklich schreckte der schlummernde Paddy auf, ein verdattertes „Willst du meine Murmeln kaufen?“, auf den Lippen. 
Während der Gott der Träume langsam in die Realität zurück fand, hüpfte Jennie vor Jeanette hin und her. In dem verzweifelten Versuch, eilig an der Gegnerin vorbei zu schlüpfen, schlug sie Haken wie ein aufgescheuchtes Kaninchen. Doch es gab keine Chance im Kampf gegen solch ein Strategisches Genie wie Athene.
Jeanette versuchte sich siegessicher an einem mächtigen Götterlachen. Als sie daraufhin in heftiges Husten verfiel, nutzte die listige Jennie die Gelegenheit die Rutsche zu stürmen. Schnell rannte sie an der hustenden Kollegin vorbei und sprang jubelnd in den Rutschkanal. Eine wütende Jeanette, die leider viel zu bald wieder Herrin ihrer Lungen war, eilte nach. Die rote Ampel strafte sie mit der Ignoranz einer Gottheit.
„Ich krieg dich Persephone!“ Die Worte trug das Röhrengeflecht wie ein Megafon zu Jennie, die daraufhin panisch mit den Armen rudernd durch den langen Tunnel flog. Am Ausgang fiel die verfolgte Persephone sogleich in die Obhut ihrer vermeintlichen Retter Morpheus und Demeter. Hastig versteckte sie sich hinter den beiden. 
Ein Poltern kündigte die Ankunft der rachsüchtigen Athene an. Das Wasser brodelte nahezu wo die Kriegsgöttin es berührte. Paddy fühlte sich an den Whirlpool erinnert und drohte wieder einzuschlafen. Sani schnippte mit zwei Fingern vor seinen Augen, Jennie floh aus ihrer Deckung um nicht vom fallenden Paddy erdrückt zu werden. Jeanette nahm unbemerkt Anlauf und schoss mit einem undefinierbaren Laut aus dem Wasser mitten in die kleine Gruppe. Jennie quiekte ein letztes Mal ehe sie mit in die Tiefe des Beckens gezogen wurde. Dann drang nur noch eine skurrile Mischung aus Lachen und Gurgeln an die Oberfläche. 
Paddy paddelte unbeholfen, aber immerhin wach, fort von dem Getümmel. Jennie im Schlepptau – in diesem Fall wortwörtlich – gesellte er sich zu der Gruppe schaulustiger Castle Teilnehmer, die sich zwischenzeitlich um den Pool herum eingefunden hatten.
Die verbleibenden zwei Gottheiten in den Fluten bemerkten die Flucht der Kollegen nicht. Zu vertieft waren sie in die eigene Schlacht. 
„Go Demeter!“, feuerte das Haus Demeter ihre Göttin an. 
„Athene vor!“, brüllten Athenes Töchter im Chor.
Paddy, der im Spektakel die Orientierung verloren hatte, erhielt Anweisungen vom Haus Morpheus. Allerdings ließ der Geräuschpegel es nicht zu, dass er auch nur eine davon verstand.
Die Persephone-Gruppe hielt eine kampflustige Jennie fest, die zur Rettung ihrer Mutter ins sichere Verderben schwimmen wollte. 
Der Kampf zog sich über Minuten, vielleicht auch Stunden. Was man zumindest beim gebannten Zuschauen glaubte. 
Irgendwann schließlich erkannte Paddy die Botschaft seiner Schützlinge, schwamm zu den im Eifer des Gefechts verschlungenen Körpern. Wie siamesische Zwillinge klebten sie aneinander, völlig in das Geschehen versunken. „Genug gespielt, Kinder.“ Paddy trennte die beiden Gottheiten voreinander und zog sie aus dem Wasser. 
Vollkommen außer Atem einigten sie sich schließlich auf Frieden. Jennie verkündete jubelnd: „Gleichstand!“ Das Castle of Night verfiel in ein lautes Klatschen, voller Stolz auf die Eltern des Camps. Denn trotz allem Ernst mit dem sie seit Jahren an der Organisation des CoN arbeiteten, bewahrten sie sich stets den Spaß und die Freude am verrückt sein im Herzen. Mit Liebe und Tinte aus Herzblut entsteht jedes Jahr aufs Neue eine Veranstaltung für alle Buchverrückten und Fantasyfans. Und unter dem Motto „Percy Jackson“ wurden womöglich auch die wahren Götter des Olymp auf diese erstaunlich vielfältige Gruppe von Menschen aufmerksam und erzählen noch morgen die Geschichten vom Aqualand-Ausflug des Castle of Night.

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Der Tag geht so schnell dahin wie er begonnen hat. Ich fasse kaum, dass die vier Stunden im Aqualand bereits enden. Jackie gesellt sich zu Ise ins Auto, die restlichen Gruppen bleiben bestehen wie bei der Hinfahrt. Es freut mich, dass Ise nicht nur für den Trip ins Schwimmbad angereist ist. Alles andere wäre wohl auch ziemlich unwirtschaftlich, schließlich wohnt sie im hohen Norden Deutschlands. 
Müde sinkt mein Kopf gegen die Scheibe zu meiner linken. Ich schlafe ein, träume wieder von den Baumhäusern. Bald sind wir daheim. Und dann, dann gibt es ein weiteres Highlight der Woche: Das Ritual.


Es ist dunkel und ich sehe nichts. Der Park ist um diese Uhrzeit nur spärlich beleuchtet. Wie sollte es auch anders sein? Für gewöhnlich schleicht nun niemand mehr durch die Gegend, abgesehen von den Nachtwächtern natürlich. Die Anwärterinnen führen uns geschlossen zu einem Grillplatz. Vier Bierbankgarnituren sind rundum das Feuer in der Mitte aufgestellt. Auf den Tischen flimmern Teelichter. Sie spenden kaum Licht, dafür aber umso mehr Atmosphäre. Das Feuer in der Grillstelle glüht nur schwach vor sich hin. 
Die Anwärterinnen halten uns zum Schweigen an. Sie sind symbolisch in Glockenmäntel gehüllt. Ein Hauch von Geheimnis liegt in der Luft. Es ist Nachtruhe und in den umliegenden Herbergs-Dörfern von Panarbora schlafen die Menschen womöglich längst. Ein zartes Flüstern weht durch unsere Reihen. Thalia, Kira, Kathi und ich stehen beieinander. Die anderen Halbgotthütten erwarten ebenso gespannt wie wir das große Finale des heutigen Tages. 
Ich denke zurück an mein erstes Castle of Night Ritual, damals noch unter dem Stern von House of Night. Ich versetze mich zurück in Zoey Redbird, die die Elemente beim Ruf nach den Himmelsrichtungen bis tief in ihre Seele hinein spürte. Wehmutstränen steigen mir in die Augen. Das heute wird mein letztes Ritual sein. Das ist das erste Mal in dieser Woche, dass ich begreife, was ich wohl nie mehr erleben kann. Umso mehr will ich diesen Augenblick auskosten. 
Sky, Umi, Lilly und Numa gehen auf die andere Seite der Grillhütte, zum Haus Athene. Ich erkenne nicht, wem sie den Zettel in die Hand stecken. Die Athene-Tochter faltet das Papier auseinander. Bei vorgehaltener Kerze liest sie die Botschaft laut vor. Ich sehe eine Flamme auflodern, der Zettel wird verbrannt. Ein Blatt voller Funken sinkt zu Boden und vergeht im Kies. Die Formel ist gesprochen, der Kreis wird begonnen.
Lavanun erscheint in einem wunderschönen, dunkelblauen Kleid am Lagerfeuer. Sie folgt der Anrufung ihrer Namensgeberin in diesem Castle. 
„Ich, die Göttin Athene, habe euren Ruf gehört und bin in euren Kreis getreten“, spricht sie. Meine Gedanken kommen zum Stillstand. Ich fühle die Kälte der Nacht nicht mehr, dennoch stellen sich mir in einem wohligen Schauer die feinen Härchen an meinen Armen auf.
Nicht weinen!, mahne ich mich. Meine Augen versagen mir bei diesem Befehl. Ich blinzele die Tränen fort. Wie dankbar ich doch jetzt der Nacht für ihren düsteren Schleier bin. Niemand sieht meinen Kampf mit den Tränen.
Die Anwärterinnen schreiten weiter, zum Haus Persephone. Ich höre die Anrufung nicht, meine Ohren fühlen sich taub an. Mir schmerzt der Hals, das Unterdrücken einer Heularie kostet Kraft. Irgendwie ringt mir die Absurdität dieser Situation ein stummes Lachen ab. 
Jennie tritt in den Kreis, spricht ihren Gruß und gesellt sich zu Lava. Sie wirkt wie die Unschuld in Person. Ihr Ausdruck ist ruhig und beruhigend. Sanft. 
Morpheus folgt ihr. Nicht weit von mir flammt der Zettel seiner Beschwörung auf. Ich bete, dass ich Demeter‘s Zettel lesen darf. Alles in mir brennt darauf. So wie die Flamme der Kerze, die sich langsam auf mich zu bewegt. Und dann vor mir stehen bleibt. Wenn ich jetzt die Haltung verliere und meine Dämme brechen, kann ich es nicht verbergen.
Ich nehme den Zettel von Lilly an. Sie hält mir die Kerze hin, damit ich die Buchstaben lesen kann. Die Worte fließen mir von den Lippen. Ich nehme es kaum wahr, ich spreche sie nur. Meine Finger halten das Papier ins Feuer und lassen los. Vor meinen Füßen verlöscht das Licht. Lilly und die drei anderen treten zur Seite. Sani betritt die Hütte in einem grünen Ballkleid mit Blumenschmuck. Sie spricht ihren Gruß. Ich kneife den Mund zu einer schmalen Linie zusammen. Reiß dich am Riemen!, schimpfe ich meine sentimentale Seite. 
Die Gottheiten gesellen sich dann zu ihren Kindern. Sani alias Demeter steht vor uns, ein kleines Säckchen für jede ihrer Töchter in der Hand. Ein Geschenk. Wir nehmen es dankbar an. Ich schaue mich um. Auch die anderen haben ein Präsent erhalten. Ungeduldig öffne ich die Gabe. Es ist eine Kette, allerdings kann ich in der Dunkelheit den Anhänger nicht erkennen. 
Neben mir sagt eine Stimme: „Steine? Nicht ernsthaft.“ Es ist Jackie. Die Morpheus-Clique lacht über das Geschenk ihres Vaters, der sich ungeachtet dessen zusammen mit den anderen Gottheiten nun verabschiedet. Ich beobachte ihr Verlassen, drehe mich dann um zu den Teelichtern auf den Tischen. Mit drei Kerzchen beieinander erkenne ich den Anhänger nun. Es ist eine Lavendelblüte in einem Glasanhänger. Ich lasse es zu, dass der Damm für eine einzelne Träne bricht.


Ise zerteilt eifrig Kartons, um sie in das schwache Feuer zu werfen. Nur wenige sind schon nach dem Ritual ins Bett gegangen. Ich bin mit den meisten geblieben. Wir haben die Bänke um die Grillstelle aufgebaut und sitzen nun im Kreis darum. 
„Es brennt!“, ruft Ise aus und wir klatschen Beifall. Die Flammen fressen die Pappe gierig auf, nagen an den kleinen Ästen, die wir als Snacks beigelegt haben. 
„Also“, beginnt Jennie, die einen Platz am Kopfende einnimmt. „Wer hat Lust auf eine Lagerfeuer-Geschichte?“
Lautes Murmeln von allen Teilnehmern bekundet Begeisterung. Und wer könnte eine solche Geschichte besser erzählen, als die Autorin in unseren Reihen. Aufgeregt lausche ich. Das hier hat fast Vorbildfunktion. Praktisch ein Appetitanreger für den morgigen Schreibkurs.
„Ok, wir machen das so. Jeder gibt mir Reihum ein Wort vor. Und ich baue dieses Wort in die Geschichte ein.“
Nun ist es nicht nur das Feuer, das die Stimmung deutlich aufheizt. Die Spannung im Kreis ist greifbar. Ich habe noch nie eine improvisierte Story live erlebt. 
Jennie beginnt zu erzählen. Von Lava, die zu Sani’s Rettung in die Unterwelt eilt. Wie sich bald durch die Stichworte heraus stellt, wird Sani eines Verbrechens bezichtigt und soll in der Unterwelt bleiben. 
„Hundesabber“, ruft jemand.
Sani und Lava werfen sich angeekelte Blicke zu. Keine von ihnen will sich vorstellen, was aus diesem Wort wird. Zu Recht, denn kurzerhand hüllt Jennie’s Fantasie die zwei in einen Schwall aus Hundesabber ein. Wir lachen, während unsere Göttinnen sich angewidert schütteln. 
Die Geschichte schreibt sich von selbst und während Lava einen One-Night-Stand mit einem Zyklopen hat und schwanger zurückkehrt, folgt ein Lavaeichhörnchen namens Paddy mit seinem nervenden Geplapper Sani auf Schritt und Tritt. 
„Sani, Sani, Sani“, spricht das Hörnchen im Dauertakt. 
Jennie baut unterdessen Andeutungen auf ihren – alias Persephone’s – heißen Ehemann Hades ein. Ich baue die Bilder in meinem Kopf aus ihren Worten zusammen wie Legosteine. Ihre Betonung gibt dem Kopfkino eine zusätzliche Würze. Es regt die Vorstellungskraft an und ich frage mich, ob auch die anderen es so empfinden.
„Sani und Lava wachten total bekifft auf“, fährt Jennie fort und malt einen Spannungsbogen mit den Händen in die Luft. Die Situation hat sich zum Teil aufgelöst. Unsere Persephone beschreibt den LSD-Trip der beiden Orgamitglieder auf ihrem Zimmer in Panarbora. Dann klopft es an der Tür. Sani und Lava sind erschrocken.
„Polizei?“, denken sie sich. Sani handelt sofort und zückt eine Pistole. Wir halten den Atem an, während Jennie mit der Hand eine Waffe formt und wissend nickt. Die Tür schwingt auf und ein Schuss löst sich. Erschrocken sitzen wir um das verstummende Lagerfeuer und erwarten zu erfahren, ob Sani’s Opfer überlebt hat.
Nach einer Minute des Schweigens sagt Jennie: „Auf Paddy’s Beerdigung…“
Viel weiter kommt sie nicht, denn das Castle lacht laut drauf los. Nicht einmal die Orga erinnert sich in diesem Moment an die Nachtruhe. Paddy verschränkt entrüstet die Arme, die Rolle des nervenden Eichhörnchens hat ihm besser gefallen. Nun ist er tot. Und wir trauern nicht einmal. Sani und Lava heiraten und die Geschichte endet glücklich. Außer für Paddy, er droht mit Rache. 
Ich gähne, strecke die Arme von mir. Es wird Zeit für eine Mütze Schlaf. In der Dunkelheit der späten Nacht gehen wir gemeinsam zu den Baumhäusern. Und irgendwie könnte ich mir mittlerweile nichts schöneres mehr vorstellen, als von den Hütten in einen ruhigen Schlaf gewogen zu werden.



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