Donnerstag, 27. Oktober 2016

Kapitel 4: Der Sieg ist mein! Nein...

„Willkommen zum Schreibkurs“, eröffnet Jennie ihren Unterricht. Der Morgen ist schnell vergangen. An jedem Tag wartet ein neues, buntes Erlebnis direkt nach dem Frühstück. In Gruppen aufgeteilt macht jede Hälfte unseres Halbgottcamps einen anderen Unterricht.
Ich freue mich jedes Jahr auf den Schreibunterricht mit Jennie. Obwohl ich schon ein paar Jahre selbst Kurzgeschichten schreibe, glaube ich dennoch, gar nicht richtig schreiben zu können. Das ewige Scheitern an größeren Projekten, an den eigenen Zweifeln, macht mich fast süchtig nach Kursen wie diesem. Die Kästchen auf den Notizbuchseiten starren mich kritisch an. Und dass du dir schön alles notierst!, fordern sie. Ich verspreche ihnen insgeheim, mir heute viel Mühe zu geben. 
„Ihr habt die Auswahl, welches Thema ihr behandeln wollt. Wenn wir gut in der Zeit liegen, schaffen wir vielleicht sogar zwei Themen“, setzt Jennie ihre Erläuterung fort. 

„Ich biete euch an: Charaktere, Weltenbau, Stilverbesserung und die Heldenreise.“
Jennie nennt jedes Thema noch einmal einzeln und zählt die erhobenen Hände ab. Die Entscheidung fällt mehrheitlich auf den Weltenbau, für den auch ich gestimmt habe. 
„Sehr schön, der Weltenbau also. Dann bildet jetzt bitte zweier Gruppen und wir schieben noch die Tische so, dass sich immer vier Leute gegenüber sitzen.“
Ich schaue mich nach einem Partner um. Automatisch wählen alle ihren Sitznachbarn. Jackie und Lysee sind sich schnell einig. Ebenso wie Kathie und Tyra, Tessa und Shiki – deren Name von Paddy schon in den des Pokemon Schiggy umgetauft wurde. Shiki hat hellblonde, kurze Haare. Sie trägt schwarz. Immer. Und schwere, geschnürte Stiefel. Mit einem Pokemon hat sie damit recht wenig gemein, sie versucht allerdings ständig vergeblich Paddy die Flausen auszutreiben.
Meine Nachbarin Jessie und ich tuen es unseren Halbgottgeschwistern gleich und bilden ein Team.
„Eure Aufgabe ist nun, eine Welt aufzubauen. Und beim Weltenbau geht es um mehr, als nur die Welt selbst und wo sie spielt. Ihr müsst euch zum Beispiel Gedanken um die folgenden Fragen machen: Ist die Welt geschlossen? Welche Kultur gibt es? Welche Religion?“
Ich notiere eifrig jedes Wort, kann den Aufzählungen kaum folgen. Das Thema ist gut gewählt, ich habe mir bislang keine Gedanken um diese Aspekte gemacht. Ich lasse mir bei Kurzgeschichten spontan etwas einfallen und schmücke es immer weiter aus. Oftmals wird gar nicht richtig klar, wie diese Punkte sich genau ausprägen. Schließlich sind meine Geschichten – wie der Name schon sagt – kurz. Ich beschließe, mir in Zukunft zum Faktor Weltenbau mehr Gedanken zu machen.
„Hast du schon eine Idee?“, flüstert Jessie mir zu.
„Nein, noch nicht“, antworte ich, den Blick auf meine Notizen gerichtet. 
Ich höre Tuscheln zwischen den Teams, Diskussionen im kleinen Rahmen, erste Ideen werden ausgetauscht. Mein Kopf ist noch leer.
Jennie fügt schließlich noch hinzu: „Und auch die Regierungsform ist wichtig. Ist es eine Diktatur, eine Demokratie…“
Bei der Erwähnung einer Diktatur habe ich eine Idee. Jessie und ich stecken die Köpfe zusammen.
„Machen wir eine Diktatur?“, schlage ich vor. 
„Dachte ich auch. Wo fangen wir an?“
Wir sind uns einig und skizzieren die wichtigsten Gesichtspunkte unserer Horror-Welt. Denn meine Gedanken kreisen über einer Idee, abgeleitet aus den Büchern von Thomas Thiemeyer – Das verbotene Eden. Frauen und Männer leben getrennt voneinander. Einst gespalten von einem Virus, der die Gegenwart des anderen Geschlechts unerträglich machte. Ich stelle mir eine noch extremere Konstellation vor und erkläre Jessie, was ich plane. Sie hört aufmerksam zu. Und steigt mit ein in unsere fantastisch grausame Welt, in der Männer von Frauen versklavt werden. In der eine Welt, in der eine Frau an der Macht steht, ihr Volk in einem Sekten ähnlichen Konstrukt führt und sich selbst als die Reinkarnation einer Göttin bezeichnet. Es ist eine ziemlich schräge Idee, aber wir haben Freude daran, diese mit Leben zu füllen.
In unserem Land glauben die Menschen, dass hinter den Grenzen der Stadt nur noch ein Wald steht, hinter diesem Wald wartet eine zerstörte Welt. Ringsum die Stadt sind Felder angeordnet, die von den Sklaven bestellt werden.
„Wir haben jetzt eine Welt. Das gibt schon Möglichkeiten für verschiedene Geschichten“, sage ich zu Jessie. Sie hat in der Zwischenzeit den Umriss der Stadt mit den Feldern und dem Wald aufgezeichnet und beschreibt mir gerade, was sich wo befinden soll. Wir beschließen, dass die Güter gerecht nach Köpfen verteilt werden. Dass Wetter ist warm, kontinental betrachtet in Richtung Spanien. Wir spinnen das Rad noch weiter, in einer unvollkommenen Vollkommenheit. Oder einer Illusion dieser. Für die Männer wie auch die Frauen.
„Seid ihr soweit?“, fragt Jennie nach zehn Minuten. 
Acht Augenpaare wenden sich augenblicklich zu unserer Lehrerin um. Alle nicken stolz. Bereit, ihre Werke zu präsentieren.
„Dann legt mal los, wer fängt an?“
Jessie und ich halten uns zunächst zurück. Wir wollen erst den Welten der anderen lauschen. Und wir grinsen breit, als die Ideen besprochen werden.
Jackie und Lysee haben zwei Spezies geschaffen, die in einem wackeligen Einklang miteinander leben. Oder vielmehr nebeneinander. Sie tolerieren sich, mehr möchten sie nicht miteinander zu tun haben. 
Kathie und Tyra siedeln ihr Volk an einem aktiven Vulkan an. Die Menschen haben über die Jahre gelernt, in dieser harten Umgebung zu überleben. Sie haben sich angepasst und nutzen die fruchtbare Vulkanerde zum Anbau von Nahrung.
Tessa und Shiki setzen auf Magie und eine Einteilung nach verschiedenen Ländern, die jeweils ein Element verkörpern. Jeder Bewohner in kann mit dem in seinem Land geltenden Element Magie wirken. Es gibt eine Art hohen Rat, in dem ein Mitglied aus jedem dieser Gebiete gewählt wird. Und es gibt Frieden. Etwas, das sonst niemand von uns wirklich aufgenommen hat. Jennie zuckt zweifelnd mit einer Augenbraue, kehrt aber dann zu ihrem Plan mit unseren Welten zurück:
„Jetzt habt ihr alle eine Welt, jetzt stürzen wir die mal ins Chaos“, verspricht sie neckisch. In ihren Augen blitzt Neugierde auf. „Was wäre, wenn Aliens die Erde angreifen, auf der alle diese Völker wohnen. Die Aliens wollen einen Ring, mit dem man die ultimative Macht an sich reißen kann. Mit wem würdet ihr euch verbünden?“
Ich lache los: „Also wir würden uns eher mit den Aliens verbünden als mit irgendwem anders. Schließlich vertritt hier keiner unsere Vorstellungen.“
Jennie stimmt mir grinsend zu, während die achtköpfige Gruppe um mich herum ebenfalls in Gelächter ausbricht. 
Jackie und Lysee geben nach einer stillen Beratung untereinander zu: „Unsere beiden würden sich vielleicht miteinander vertragen und mit den Vulkanleuten von Kathi und Tyra zusammen tun.“
Die Schöpferinnen der von Jackie genannten Vulkanleute nicken zustimmend. Somit ist der Friedensvertrag geschlossen, es herrscht Krieg gegen die Aliens und eine Allianz zwischen drei Völkern.
„Wir schließen uns ihnen an“, bekennt Tessa, womit Jessie und ich alleine da stehen. Es macht uns nichts, wir wollen es ja selbst so. Die anderen Völker vertreten das Prinzip der Gleichberechtigung, das ist schon das Erste, was uns nicht passt. Außerdem hat doch unsere Anführerin allen weiß gemacht, außerhalb der Stadt gäbe es außer den umliegenden Feldern und dem Wald nichts weiter. Es wäre eine Bedrohung ihrer Integrität, müsste sie sich solch ein Wunder eingestehen. Sicher würde sie für dieses Problem irgendeine tolle Lösung, eine Antwort finden. Doch ich zweifle und halte mich zurück. 
„Wir holen uns den Ring vor den Aliens“, meint Jessy. Ungläubige Blicke ruhen auf uns. Aber wo sie recht hat, hat sie recht. 
„Klar“, sage ich. „Lieber betrügt unsere Führung sämtliche Völker, ihrem eigenen eingeschlossen, und reißt die ultimative Macht an sich, als einen Krieg zu führen in Verbündung mit irgendwem.“
„Aber wie wollt ihr an den Ring kommen?“, fragt Tessa schnippisch. Ihre Locken zucken unter jeder Bewegung. Besserwisserisch schiebt sie die Brille auf ihrer Nase zurecht. Ich lasse nicht locker.
„Wir tun einfach so, als würden wir uns mit den Aliens verbünden, und schnappen ihnen das Ding dann vor der Nase weg.“
Jennie beobachtet unsere Debatte interessiert. Sie mischt sich nicht ein, zu spannend sind die Verstrickungen in diesem konstruierten Machtspiel.
„Wir schnappen uns einfach alle die Anführerin dieser Sekte und werfen sie in den Vulkan!“, schaltet Kathi sich ein. In einer Geste, die man nur als zuckersüß bezeichnen kann, wirft sie die Arme in die Luft uns das zarte Wort „Puff!!“ tritt über ihre Lippen. Die Symbolik kippt die Stimmung im Raum hinein in einen Massenlachkrampf. Ich stelle mir bildlich vor, wie Kathi freudig einen Menschen in einen Vulkan schubst, und dabei „Puff“ ruft. So viel diabolische Energie in diesem unscheinbaren Mädchen.
Da der Kriegsrat nach einer langen Diskussion beschlossen hat, dass die Sektenanhänger einfach nicht zu bekehren sind und keiner etwas mit ihnen zu tun haben will, beenden wir das Thema Weltenbau.
„Ihr habt da wirklich schon viele tolle Sachen erschaffen“, lobt Jennie uns fleißige Schülerinnen.
„Wir haben jetzt noch ein wenig Zeit, wollt ihr noch ein Thema?“
Shiki meldet sich. „Ich würde gerne noch Stilverbesserung besprechen.“
„Sind alle einverstanden?“, fragt Jennie in die Runde. Wir widersprechen nicht. Ich schlage eine neue Seite im Notizbuch auf. Nur um mir dann doch keine Notizen zu machen. Wir reden über zu viele Adjektive – die ich glücklicherweise ohnehin nicht übermäßig großzügig verwende – und Wortwiederholungen – welche ich meiner Meinung nach doch immer recht akribisch zu umgehen weiß. Meine Gedanken verweilen noch ein wenig bei der verkorksten Sektenwelt in den Notizen. Ich würde sie gerne weiter ausschreiben, jedoch fehlt mir der Ansatz für eine richtige Geschichte in dieser Welt. Eine Geschichte, die Hand und Fuß und vielleicht auch noch einen guten Mittelteil hat. Ich seufze. Es gibt im Grunde nur eine Frage, deren Antwort ich in keinem Schreibkurs der Welt je finden werde. Wie bringe ich endlich ein Buch zustande? Bald, beschwichtige ich meine Zweifel und sie geben Ruhe. Vorerst.
Jennie verabschiedet sich und entlässt uns zum Mittagessen.


Wieder stehen wir versammelt in der Eingangshalle von Panarbora, um die Gruppen auf die Autos der Teammitglieder zu verteilen. Der heutige Tagestrip führt uns fast schon nah an meine Heimat. Wir fahren nach Königswinter zur Nibelungenhalle.
„Nummer vier zu mir!“, verkündet Jennie und hebt den Autoschlüssel in die Luft. Meine Nummer ist die Vier. Ich geselle mich zu ihr, warte auf den Rest meiner Gruppe. Allie und Sundala, sowie auch Lilly die Anwärterin fahren mit. Stillschweigend trotte ich hinter ihnen her.
Es liegt auch heute etwa eine Stunde Fahrt vor uns. An Königswinter bin ich bisher nur mit dem Zug vorbei gefahren. Der Nibelungen-Attraktion habe ich dementsprechend auch noch nie einen Besuch abgestattet. Ich beschließe, mich überraschen zu lassen, als plötzlich Disney Musik durch das Auto hallt. Der Soundtrack von Frozen erfüllt den Innenraum des Wagens. Sofort wallt heitere Stimmung auf. Jennie und Lilly legen eine perfekte Performance des Liebesliedes zwischen Anna und Hans hin. Belustigt beobachte ich das Zusammenspiel. Wenn sie das die ganze Tour über durchziehen, wird das die unterhaltsamste Autofahrt aller Zeiten.


„Ihr habt hier einen Fragebogen, den füllt ihr bitte aus. Alle Antworten findet ihr auf den Schildern drinnen.“ Sani und Lava verteilen die Flyer mit den Fragen. Auf dem Deckblatt ist die steinerne Figur eines Drachen abgebildet. Das Museum enttäuscht mich auf den ersten Blick, besteht es doch nur aus einem Raum. Er ist beinahe rund und an den Wänden hängen Bilder des Nibelungenliedes. Sie zeigen die Geschichte, wie  der Drachen entsteht und wie Siegfried ihn niederstreckt. Vor den Gemälden stehen Artefakte. Ein Schwert. Eine unheimliche Büste, deren Ausdruck undefinierbar verzerrt ist. Auf dem Boden schlängelt sich eine große Schlange um den Globus. Die Schlange trägt einen gelangweilten Blick zur Schau. Ich identifiziere sie mithilfe der Infotafeln als die Midgardschlange, deren Umfang um den Äquator reicht. Außerdem sieht diese aus, als würde sie einen Schnurrbart tragen. Äußerst schick. Ich notiere die Größe der Schlange unter der zugehörigen Frage und begebe mich zur vordersten Tafel. Ich verstehe den Text kaum, die Geschichte verwirrt mich. In ihren Grundzügen ist mir die Nibelungensage ein Begriff. Siegfried, der den Drachen tötet und in seinem Blut badet. Ein Ahornblatt bedeckt seine Schulter. Das Blut, das ihn gänzlich unverwundbar macht, versagt seinen Dienst an der abgedeckten Stelle. Seine Achillesferse, die ihm später zum tödlichen Verhängnis wird.
Nach einer halben Stunde ruft Sani die Gruppe zusammen.
„Habt ihr hier alles ausgefüllt? Es geht noch weiter in ein Terrarium.“
Meine wilden Krakeleien werden mir wohl kaum Punkte bei der Auswertung einbringen. Ich kann meine Schrift selbst nur mit Mühe lesen. Mal hier, mal da sind Wörter oder komplette Sätze hinzugefügt. Sei es drum, ich verzichte auf die Kugel für die heutige Disziplin. 
Geschlossen folgen wir dem Weg zum Terrarium. Er führt durch eine Enge Höhle, deren Decke mir eindeutig zu niedrig ist. Ich ziehe den Kopf ein. Kathi geht glücklich und zufrieden hindurch. In diesem Umfeld kommt ihr ihre Körpergröße zu Gute.
Am Ende der Höhle erreichen wir einen Teich, an dem ein Drachen liegt. Der Steindrache von unserem Fragebogen blickt mir aus seinen Felsenaugen entgegen. Seine gespaltene Zunge hängt über sein Kinn hinab. Ich betrachte jedes Detail eingehend. Er misst sicher zehn Meter in der Länge. Seine Züge sind fein gemeißelt. Gerne würde ich ihn Streicheln, wenn mir nur das Schwimmen durch den Teich erspart bliebe. Ich entscheide mich für das Terrarium und gegen den Drachen, für die lebenden Tiere. Die Vorbilder der Drachenlegenden. Schlangen, Echsen. Die Spinnen ignoriere ich wohlwissend. Ich kann keine Alpträume gebrauchen.
„Wo ist die Anakonda?“, frage ich in den Raum hinein. 
„Hier drüben“, antwortet Thalia. Ich folge der Stimme, finde das Gehege der Riesenschlangen. Wie lang werden sie? Kommt auf das Geschlecht an. Unsicher notiere ich für jede Art und dann noch einmal für Männchen und Weibchen die Maße auf. Ich suche Sani, stecke ihr den Zettel zu und schaue mich weiter um. Es sind noch nicht alle fertig.
„Hier drüben sind noch Vögel!“, ruft Shiki und ich folge dem Ruf zu einem Seitenausgang dieses Reptiliennests. Käfige mit bunten Papageien erwarten mich. Manch einer redet laut daher, andere zwitschern in einem schrillen Ton. Und wieder andere schweigen einfach.
In kleinen Gruppen versammeln sich Castle-Teilnehmer vor unterschiedlichen Käfigen.
„Der hier hat gerade gelacht!“, höre ich von einem der hinteren Gehege und steuere geradewegs darauf zu.
„Was? Wie?“, frage ich interessiert. Der Ara vor uns macht einen verwirrten Eindruck auf mich. Er schreitet auf seinem Ast auf und ab. Sagt dabei ständig „Hallo“. Wir sprechen ihm nach und bald frage ich mich, wer hier wen imitiert und was der Vogel wohl von uns denken mag. 
„Nun lach doch mal!“, fordert Lysee und geht mit gutem Beispiel voran. Der Vogel versteht nicht, legt den Kopf schräg.
„Hallo“, antwortet der Papagei. Er hält uns sicher für dumm, schließlich verstehen wir ihn nicht. Außerdem reagieren wir ebenfalls immer nur mit dem Wort „Hallo“. Wer ist hier nun begriffsstutzig?
Irgendwo links von mir ertönt ein ohrenbetäubender Lärm, als kleinere Sittiche einen großen Papageien, der mit ihnen in einem Käfig sitzt, angreifen. Es ist klar, wer dort die Hosen an hat. Schmollend zieht der Papagei sich in eine Ecke zurück. Sani steht kopfschüttelnd vor Jackie. „Was hast du den armen Tieren nur angetan“, fragt sie in gespielter Entrüstung.
„Nichts, die haben von jetzt auf gleich angefangen sich zu fetzen“, verteidigt Jackie sich. 
„Wuff.“ Das Bellen ertönt von einem der Käfige an der Tür zum Terrarium. Schnell zücke ich mein Handy und eile hinüber. Das Spektakel muss ich doch für die Nachwelt festhalten.
„Das ist Jaco“, erklärt Kira. „Hier steht, wenn man diese Sätze auf der Liste sagt, kommt entsprechend Antwort.“
„Ja und wenn du das machst“, meint Lavanun, die zwischen uns zum Vorschein kommt. Sie pfeift wie die Sirene eines Krankenwagens und der Vogel stimmt sofort mit ein. Ich halte mir die Ohren zu, so laut ist der Ton. Man könnte das Tier wohl gut auf das Dach eines Einsatzwagens stellen, sollte das Martinshorn einmal ausfallen. 
„Sollten wir ihm nicht etwas Sinnvolleres beibringen?“, frage ich Lava.
„Was denn?“
Ich überlege und fasse den Entschluss gleich darauf.
„Pass auf“, weise ich sie an und beginne, die Melodie der Tribute von Panem zu pfeifen.
Die Idee findet schnell Anklang. Dieser Vogel wird uns sicher für noch irrer halten, als der „Hallo-Ara“. Schließlich stehen hier fünf Menschen, pfeifen eine ihm unbekannte Melodie, die er sich möglichst innerhalb einer Viertelstunde einprägen soll.
Wir lachen bald mehr, als dass wir pfeifen, also geben wir auf und gehen zurück ins Terrarium. Wer dies noch nicht getan hat, gibt den ausgefüllten Fragebogen ab. Dann wandern wir zu den Parkplätzen. Der heutige Tagestrip mag hier enden. Aber der Mittwoch ist noch nicht vorbei.


„Sinn der Schlacht ist es, die Flagge des gegnerischen Teams ins eigene Lager zu entführen.“ 
Aufmerksam folgen wir Sanis Erläuterung des folgenden Spiels: Die Schlacht. Ein ziemlich brutaler Name für ein Spiel.
Es hat aufgehört zu regnen, schon vor einer ganzen Weile. Aber der Matsch in Panarbora wird dieses Spielchen zu einer schmutzigen Angelegenheit machen.
„Wir haben hier Karten. Es sind jeweils zwei Häuser in einem Team. Heute sind das Athene mit Morpheus und Persephone mit Demeter.“
Ich präge mir die Regeln so gut ein, wie es in der kurzen Zeitspanne eben möglich ist. Da ich nie zuvor Flagge erobern gespielt habe, gestaltet sich das schwierig. Auf einem Zettel stehen die verschiedenen Rollen und wer wen schlägt. Jeder erhält eine Rollenkarte in unterschiedlicher Anzahl – abhängig von den Leben der entsprechenden Rolle. Wird man von der nächsthöheren Rolle auf dem Feld gefangen, muss man eine Lebenskarte abgeben. Die Gruppen ziehen sich zurück, um die Aufteilung des Teams nicht zu beobachten. Niemand darf die Spielfiguren des Gegners kennen. Das müssen wir selbst herausfinden.
„Also ich bin für Jessie als Flagge, sie kann schnell weg rennen“, meint Kira. Wir sitzen in der Demeter-Hütte und besprechen das Vorgehen. Jessie stimmt zu.
„Ich mache den Feldmarschall“, schlägt Thalia vor. Kira notiert die beiden vergebenen Parts in ihrem Notizbuch. Ich starre auf die Anleitung in meiner Hand und suche nach einer passenden Besetzung für mich. Irgendwie ist mir das alles schleierhaft.
„Tanja, machst du den Gefreiten?“, fragt Kira. In meiner gedanklichen Abwesenheit bin ich sicher zu weit abgedriftet. Eilig werfe ich einen Blick auf die Aufgabe des Gefreiten. Ich muss den Spion des Gegners zweimal fangen, damit er aus dem Spiel ist. Der Spion ist die einzige Karte, die die tödlichste Rolle, den Feldmarschall, killen kann. Ich wiederum kann von allem getötet werden, außer dem Spion. Glorreiche Aussichten.
„Ja, ok, ich mach’s“, antworte ich wagemutig. Es kann nicht schaden. So richtig perfekt für mich klingt ohnehin keine Rolle.
„Wartet!“, wendet Shiki ein. „Da fehlt noch was.“
Sie öffnet eine Lidschattenpalette und zieht zwei lilafarbene Striche mit den Fingern über ihre Wangen. 
„Das ist es, mach das bei uns allen, so erkennen wir uns!“, bemerkt Thalia.
Cool, Kriegsbemalung, denke ich mir und halte Shiki bereitwillig meinen Kopf hin. Sie malt zwei grüne Streifen in mein Gesicht. Die Farben unterscheiden uns nochmal nach unseren Muttergottheiten. Die Linien an sich grenzen uns von Athene und Morpheus ab. So verlieren wir uns auf dem Feld nicht.
Wir begeben uns nach Abschluss der Vorbereitungen vor das Baumhaus, wo uns Umi und Sky bereits erwarten. Um nicht vom gegnerischen Team beobachtet zu werden, lotsen sie uns zu der abgelegeneren Hütte der Persephone-Kinder, um die Rollenkarten zu verteilen. 
„Nochmal zu Erklärung. Wenn euch jemand von den anderen abklatscht oder ihr jemanden abklatscht zeigen sich beide die Karten. Die stärkere Rolle sammelt dann eine Karte ein. Ist man gleich auf, darf man die Karten behalten.“
Nachdem jeder seine Karten eingesteckt hat, wird es Zeit, dem Gegner ein letztes Mal auf neutralem Boden entgegen zu treten. Beeindruckt empfangen die Mitglieder der Athene und Morpheus Hütte uns mitsamt Kriegsbemalung. Doch sie zögern nicht, auch für sich ein Zeichen zu setzen. Mit einem lauten Schlachtruf verkündet Jackie:
„Morthene!!!“ Ihr Team jubelt und wir lachen. Wir haben die Farben. Sie haben einen Namen. Und irgendwie muss ich mir eingestehen, dass die Kombination aus Athene und Morpheus deutlich besser klingt, als unsere Variante Persemeter es tun würde. In Morthene schwingt ein Hauch von Mord mit. Ein Hauch von Sieg. Aber so schnell gebe ich meine Gruppe nicht auf.
„Persephone und Demeter, mir nach bitte“, verkündet Lilly, die uns Geleitschutz bis zu Demeter’s Garten bietet. 
„Jessie, du bleibst in Bewegung“, flüstert Kira dieser zu. 
Wir kommen in Demeter’s Garten an, Lilly telefoniert mit Umi, sie geben gleichzeitig den Startschuss. Es kann losgehen.
Jessie begibt sich auf Patrouille in halbwegs sicheren Gefilden um den Sinnespfad herum. Kathi postiert sich als Wache in der Nähe. Thalia, Kira und wir anderen schwärmen aus. Ich schleiche durch das Dickicht, um bloß nicht zu früh erwischt zu werden. Wer könnte der Spion sein, wer ist mein Ziel? Betrübt stelle ich fest, dass meine Stoffsneaker dem Schlamm nicht gewachsen sind. Meine Füße schwimmen bald im Wasser. Ich finde mich für die Dauer der Schlacht mit dem Ekel ab und krieche weiter durch das Gestrüpp.
Ich sehe Lysee. Und Honey. Sie kommen in meine Richtung. Ein Blick nach hinten zeigt mir, dass Jessie zu nah ist. Ich bedeute ihr mit einem hektischen Winken, sich aus dem Staub zu machen. Thalia bewegt sich vorsichtig von der anderen Seite um die Feinde herum. Sie wurde noch nicht gesehen. Aber ein unvorsichtiger Schritt und ich werde entdeckt. Lysee stürmt auf mich zu. Ich drehe mich um und erkenne, dass mir auf dem Weg, den ich gekommen bin, nun ein kläglicher Absturz droht. Meine Deckung wird mir zum Verhängnis, ich kann nicht rennen, bin in einer Sackgasse. Grinsend schließt Lysee zu mir auf. Immerhin ist Jessie mittlerweile verschwunden. 
Mein Tod greift nach meinem Arm. Ich ergebe mich folgsam und reiche ihr meine Karte. Sie reicht mir ihre.
„Och nein“, flucht sie. „Ich dachte du bist der Spion!“
Überrascht schaue ich sie an. Ich der Spion? Sie zeigt auf meine Aufmachung. Eine Kappe. Meine Kapuze, weit ins Gesicht gezogen. Die Jacke hochgeschlossen. Die Haare unter der Kappe versteckt. Zugegeben, ich sehe sehr spionmäßig aus.
„Tia, wir sind Kollegen“, scherze ich. Sie ist die einzige, die mich nicht killen kann. Sie ist die Gefreite der Feinde. Und sie weiß, wer ich bin.
Nach der Drei-Minuten-Regel, aufgrund der wir uns drei Minuten nach einer Begegnung erst wieder abklatschen dürfen, entfernen wir uns voneinander.
Thalia kommt mir entgegen, als ich auf dem Weg zurück zu unserem Lager trotte, um von vorne zu beginnen.
„Hast du ein Leben verloren?“, fragt sie.
„Nein. Lysee hatte mich, aber sie ist auch Gefreite.“
Thalia nickt. „Der Spion ist Sundala“, sagt sie dann. 
Ich habe mein Ziel. Jetzt muss ich angreifen. Bevor Lysee die Information über mich weiter geben kann. Thalia hebt die Hand in eine Richtung und mimt mit den Lippen das Wort „da“. Ich danke ihr mit einem Nicken, ziehe die Kappe wieder weiter ins Gesicht und mache mich auf. Ich habe einen Job zu erledigen.
Nach wenigen Minuten habe ich Sundala aufgespürt. Sie hat mich noch nicht bemerkt. Doch als sie mich sieht und auf mich zu stürmt, weiß ich, dass Lysee sie noch nicht gewarnt hat. Ich spiele das Opfer vor und laufe los, in die andere Richtung. Laufe langsam. Werde langsamer. Als sie nah genug bei mir ist, mache ich auf dem Absatz kehrt und springe ihr entgegen. Gleichzeitig rufen wir einander „Hab dich!“ zu. Sie schaut mich überrascht an und ich hebe grinsend meine Karte.
„Verdammt!“, jammert die Spionin. Gnadenlos kassiere ich ein Leben von ihr ein. Es ist zwecklos, der eine Sieg geht an mich. Aber ich weiß, dass sie beim nächsten Treffen vorbereitet sein wird. Ich muss sie überraschen.
Wir trennen uns und bald darauf treffe ich auf mein erstes Verhängnis. Jackie steht vor mir. Ihr Lächeln zeigt, dass sie weiß, dass ich schwächer bin. Verlegen ziehe ich die Mundwinkel hoch, zucke mit den Schultern und renne los. Sie ist mir dicht auf den Fersen. Ich sehe den matschigen Hang und denke an meine schwimmenden Füße. Ach Scheiß drauf!, sage ich mir und stakse den Hügel hoch. 
„Och komm schon“, mault Jackie.
Ich drehe mich um und sehe, dass sie stehen geblieben ist. Anklagend hebt sie die Arme, folgt mir dann langsam.
„Dann komm du doch!“, rufe ich und laufe weiter. Ich merke, dass ich sie hinter mir lasse. Dann gönne ich mir eine Atempause. 
„Kuckuck“, spricht jemand nicht weit von mir. Tessa tritt aus dem Gestrüpp. Meine Ruhepause hat erst begonnen, meine Lungen gieren nach Sauerstoff. Kläglich zwinge ich mich zu einem Lächeln. Nur einen Wimpernschlag später nehme ich die Beine in die Hand. Tessa schließt zu mir auf. Mein Brustkorb brennt, ich kann nicht mehr. Dieses Spiel treibt mich quer durch Panarbora, im Laufschritt, auf dem besten Weg in den Wahnsinn. Meine Unsportlichkeit rächt sich bitter, als Tessa mich abklatscht.
„Dann zeig mal die Karte“, fordert sie.
„Moment“, jauchze ich vor mich hin, stemme die Hände an die Knie und nehme in dieser gebückten Haltung einige tiefe Atemzüge. Als ich genug Luft zum Handeln habe, reiche ich ihr eine Lebenskarte. Bleiben noch 3.


Mein Team ist tot. Die Flagge lebt noch, aber kaum mehr jemand kann sie beschützen. Kathi ist unauffindbar, sogar für uns. Morthene sucht nach Kathi, weil sie sie nicht finden. Sie halten sie für die Flagge. 
Ich wandere entlang dem Weg in Richtung Akademie, herum um das Haus, in dem das Team untergebracht ist. Oben an der Mensa vorbei. Nicht weit von dort finde ich die Meute. Sie treffen sich für den Kriegsrat, sind dabei, sich zu zerstreuen. Ich habe noch drei von vier Leben. Wenn ich nur Sundala erwische, kann ich in Frieden sterben. Einen anderen Zweck hat mein Dasein in diesem Spiel nicht. 
Mein Ziel geht an der Spitze und lacht mit Jackie, Leila und Tessa. Ich gehe offen auf die Gruppe zu, riskant aber nötig. Wenn Tessa los stürmt, bin ich geliefert.
„Da ist eine!“, brüllt Sundala. Ich bleibe stehen. Ob mein Plan aufgeht?
„Na kommt“, erwidere ich mit trügerischer Sicherheit. Sundala fällt darauf herein, sie eilt voran. Doch nur ein Schritt von mir nach vorn und sie zuckt zurück hinter die Linie. Ich habe versagt. Habe mich zu früh bewegt. Nun kann ich es nicht mehr ausnutzen, dass sie übermütig wird. Hier bin ich jetzt die Übermütige. Ich suche mein Heil in der Flucht, kaum dass Jackie mit lautem Gebrüll und folgsamem Anhang auf mich zu rast. Wohin verdammt? Mir bleibt keine Zeit. Wie ein Reh auf der Flucht renne ich in mein Verderben. Wähle einen Weg um einen Hügel, um auf der gegenüberliegenden Seite zu verschwinden. Aber der Hügel ist zu klein, sein Umfang nicht groß genug, dass ich mit Geschwindigkeit und List und Haken schlagen hier lebend heraus komme. Ich gebe nicht auf, nicht mal im Angesicht des Spiel-Todes. So tragen meine Füße mich in einer verzweifelten Hoffnung hoch auf den Hügel. Ins Gras, um Tarnung zu suchen. Zu niedrig ist das Gestrüpp hier und meine Jacke ist lila. LILA!!! Das Gras ist blassgrün. Ich hätte Tarnfarben einpacken sollen.
Jackie stellt mich auf der Spitze des Miniatur-Berges. Strahlend klopft sie mir mit der Hand auf den Arm. Ich gebe ihr eine Karte. Hinter mir traben Tessa und Leila hinauf. Jede von ihnen legt mir eine Hand auf den Arm und ich gebe die letzten Karten her. 
„Jep. Ich bin tot“, bestätige ich der versammelten Mannschaft. Sundala jubelt, sie ist außer Gefahr. Geschlagen trete ich den Rückzug zum Camp an. Wir haben das Spiel verloren. Sie haben zwar nicht die Flagge erobert, doch mehr Karten gesammelt. Hinter mir erklingen die Siegesschreie von Morthene. Ein Team, das an Blutrünstigkeit heute nicht zu überbieten war. 


Auch nach dieser nervenaufreibenden Jagd durch Panarbora ist der Tag nicht vorbei. Morthene hat gewonnen. Am Ende hat das Team die Begegnung von mir und der Meute als teilweise ungültig bezeichnet. Es waren zu viele daran beteiligt, die Drei-Minuten-Regel gilt für alle an der Begegnung beteiligten. Niemand hätte mich nach Jackie noch abklatschen dürfen. Dennoch führt die Gruppe nach Punkten, auch wenn sie zwei wieder abgeben mussten.
Ein letzter Programmpunkt steht heute noch an und er soll uns das Fürchten lehren.
Nach Anweisung des Teams machen wir uns nach und nach auf zur Eingangshalle. Lavanun erwartet die Castle-Teilnehmer dort. Vom Rest des Teams fehlt jede Spur. 
„Ihr dürft euch jetzt in drei oder vier Personen zu Gruppen zusammenschließen. Jedes Team erhält eine Taschenlampe. Handys gebt ihr bitte hier ab oder habt ihr hoffentlich in den Hütten gelassen.“
Kira tritt an meine Seite und flüstert: „Machen wir ein Team und gehen als erste? Ich will das schnell hinter mich bringen.“
„Gerne, ich auch“, stimme ich ihr zu. Nachtwanderung. Eine Taschenlampe. Ein verrücktes Team. Eine giftige Kombination für meine Nerven.
„Nehmt ihr mich mit?“ Allie kommt hinzu. Wir nehmen sie gerne auf.
Lavanun schickt uns vor die Tür und gibt letzte Anweisungen.
„Also, ihr geht nun dort oben links die Straße runter. Wenn ihr am Weg in den Wald ankommt, fangen die Schilder an. Denen folgt ihr.“
Wir nicken stumm. Kira nimmt die Taschenlampe an sich. Unsicher gehen wir los. Es ist dunkel, keine Laterne weit und breit. Die Lichter des Parks verlöschen bald hinter uns. Nur der kleine Kegel der Taschenlampe spendet uns jetzt noch einen gewissen Trost. Aber unsere Angst vermag er nicht auszulöschen. Wir erreichen den Eingang zum Wald und bleiben stehen.
„Ok… gehen wir?“, frage ich mit zittriger Stimme. Es braucht keine Antwort, nur den ersten Schritt. Wir setzen uns in Bewegung, Hand in Hand. 
„Lasst uns was singen“, schlägt Allie vor.
„Dieser Weg, wird kein leichter sein“, beginnt Kira und Allie und ich singen sofort mit. Doch vor lauter Panik schaffen wir nie mehr als die ersten Zeilen des Songs und so starten wir das Lied in einer Endlosschleife der ersten Worte ständig von neuem.
„Da vorne ist was“, unterbricht Kira den Gesang.
In der Ferne flimmern Kerzen. Ein weißes Laken ist auf dem Waldboden ausgebreitet, darunter zeichnet sich die Silhouette eines Menschen ab. Stocksteif gehen wir zu dem unbekannten Wesen. Die Stille wird hier und da vom Knacken von Ästen gestört. Tiere, die im Schutz der Nacht erst aktiv werden. Die uns zusätzlich zu Tode ängstigen.
„Wer ist das?“, fragt Allie.
„Ist das Jennie?“, fragt Kira.
„Sie hat sowas Ähnliches schon mal gemacht“, ergänze ich. „Vielleicht ist sie es.“
Nur diesmal ist es nicht Jennie. Vor uns wird Numa’s blutiges Gesicht von den Teelichtern in ein unheimliches Leuchten getaucht. Wir schlucken den Kloß im Hals herunter. Sie liegt wie eine zugedeckte Leiche hier. Die roten Spritzer steigern unsere Nervösität.
„Hallo?“
Numa richtet sich wie aufs Stichwort auf. Ihre ausdruckslosen Augen geben nicht mehr Preis, als sie müssen. Ihr Arm hebt sich wie von Fäden gezogen und zeigt in den Wald hinein. Wir folgen ihm mit Blicken, schauen sie an, schauen uns an.
„Ok“, sagen wir im Chor und gehen weiter. Noch enger aneinander geklammert.
„Lasst uns weiter singen“, meine ich dann.
„Nein, dann hören wir nicht, was hier vorgeht“, beschwert Kira sich.
Ich lache. „Das ist ja Sinn der Sache, ich will das gar nicht wissen, was vorgeht!“ 
Wir reden wirres Zeug. Numa ist gruselig genug, was mag jetzt noch folgen.
„Kira, verdammt, schwenk die Lampe auf den Weg!“, schimpfe ich, als sie das Licht hinein ins Geäst schwenkt.
„Wir müssen doch sehen, ob da etwas kommt“, erklärt sie.
Allie stimmt mir zu. „Aber wir müssen auch sehen, wo wir hin laufen.“
Kira gibt sich geschlagen und leuchtet weiter stur den Weg aus. Sie scheint schon viel lockerer als Allie und ich. Völlig verständnislos klammere ich mich an Allie fest, und sie sich an mir und Kira.
„Was war das?“, will Kira wissen. Ich möchte antworten, aber meine Stimme erstirbt in der Kehle und weicht einem gellenden Schrei. Allie schreit synchron drauf los. Ich fühle, wie meine Beine von selbst in den dunklen Wald hinein rennen. Ich sehe nichts! Ich weiß wo Allie ist, weil sie so laut brüllt, wie ich es tue. Kira ist weg! Verdammt, irgendetwas hat mich am Rücken berührt! Es hat mich berührt! Panisch suche ich den Wald nach einem Licht ab und finde den Schein der Taschenlampe. 
„Kira!“, rufe ich. „Allie?“
Irgendwie finden wir einander wieder. 
„Oh mein Gott, wir lassen uns nie wieder los“, verspreche ich. 
Kira wirkt verständnislos.
„Hast du das nicht gespürt?“, frage ich sie. Offenbar hat sie nur ein Geräusch vernommen, die Berührung traf nur Allie und mich. Schöne Sch… ach ist auch egal.
Allie und ich schlingen unsere Arme und Hände fest umeinander, um das Versprechen zu festigen. Kira ist noch immer deutlich entspannter als wir. Das wirkt immerhin ein wenig beruhigend.
„Lasst uns weiter reden. Bitte?“, fleht Allie. Wir fangen wieder an, Unsinn zu quatschen. Zumindest bis die Stille von einer anderen Stimme durchbrochen wird. Erschrocken verfallen wir in Schweigen.
„Was zum…“, setze ich an. 
„Maaaaaama“, tönt es aus einem Rekorder zwischen den Sträuchern. Wir bleiben davor stehen und starren ins Dunkel. Nicht einmal mit dem Licht der Taschenlampe erkenne ich das Gerät, aber zu überhören ist es keinesfalls.
„Das ist nicht euer ernst?!“ Meine Frage ist zumindest aus meiner Sicht rhetorisch. Leider erhalte ich die Antwort dennoch ungewollt. Ich weiß nicht, was zuerst passiert. Das „Dam dam daaaaam“, das charakteristisch in Filmen in Schreckmomenten erklingt, oder Sky, die hinter uns auf den Weg springt und uns anschreit. Dieses Mal halten wir aneinander fest, nur die Schreie sind lauter.
„Ach verdammt!“, fluchen wir und gehen eilig weiter. 
Der Weg wird enger. An einer Gabelung beginnen neue Schilder, auf denen inklusive kunstvoll gemalter Blutflecken der Name Bloody Mary steht.
„Och nein, bitte nicht“, jammert Allie.
„Wollen wir da wirklich rein?“ Ich wünschte diesmal wäre meine Frage auch rhetorisch. Kira verneint und zieht uns hinein in das wachsende Übel.
Ein paar Meter weiter erkennen wir eine Gestalt am Wegesrand. 
„Ist das Paddy?“ Kira hält abrupt an, wir halten mit ihr. „Paddy?“
Stumm und starr steht die Figur dort herum. Der Glockenmantel kann nicht verbergen, dass es Paddy ist. Er lässt sich in seiner Rolle nicht von uns stören. In der Hoffnung, dass er aufgrund seiner Enttarnung nicht auch das Schreckgespenst spielt, wenden wir ihm den Rücken zu und gehen weiter.
„Buh!“
Geschockt springen wir auf, er ist uns gefolgt! Das Adrenalin rauscht mir in den Ohren, dieser Schreck macht schon gar nicht mehr allzu viel. Und als dann auch noch Jennie als Bloody Mary hervor springt, reißt mein gesunder Menschenverstand ab und weicht einem entsetzten: „Ach komm, nu reicht es aber!“
Ein bisschen fühle ich mich dann über meine Angst erhaben. Was nur wenige Minuten anhält. Der enge Waldpfad bereitet mir noch immer Sorge. Aber wir erreichen sein Ende und Sani erwartet uns. Sie liest eine Geschichte vor. Ich folge ihr kaum. Es ist irgendetwas von einem Grafen oder sonst einem Adeligen. Und ein Klopfen. Ein Geist. Das Übliche. Ich bin zu berauscht von Angsthormonen, um noch irgendetwas wahrzunehmen. Ich will nur noch ins Bett.
„Also entweder, ihr wartet jetzt noch hier, bis die nächste Gruppe kommt. Oder ihr geht jetzt los auf die Straße rauf und zurück.“
Wir beschließen, dass wir letzteres tun wollen. Auf der Straße steht zwar auch keine Laterne, schließlich sind wir mitten im Wald, aber es ist beruhigend. So mehr oder weniger.
„Wusstet ihr, dass Serienkiller sich an ihre Opfer anschleichen, und warten, bis diese sich umdrehen? Sie wollen das Gesicht sehen, wenn sich die Erkenntnis und der Schock darin abzeichnen.“ Kira erzählt das so beiläufig, als würden wir nicht gerade nach einem Horrortrip durch den Wald den Weg zurück suchen. 
„Hey, warum geht ihr plötzlich so schnell“, meckert Kira dann.
„Ich werde den Teufel tun und mich umdrehen“, lache ich. „Ich will schleunigst weg von hier, deine Story hat mir den Rest gegeben.“
„Ja Kira, das war böse“, fügt Allie hinzu.
Wir finden den Weg zurück nach Panarbora, beschäftigen uns mit Albereien und Geplapper. Es herrscht kein Missmut über Kira’s Worte, nur die Furcht sitzt uns tief in den Knochen.
Lavanun empfängt uns kichernd am Eingang zu Panarbora.
„Ey Leute, ihr wart der Hammer!“, schwärmt sie. „Ich habe gerade die zweite Gruppe los geschickt, da habt ihr geschrien. Und die fragten: ‚Was war das?‘. Ich sagte dann: ‚Pfff, da ist nur wer gestolpert‘.“
Das muntert uns auf, die Vorstellung allein ist schon höchst belustigend. So war unsere Angst am Ende sogar dazu nutze, noch mehr Schrecken zu verbreiten. Ein gelungener Abend. Eine lange Nacht. Allie bittet Kira und mich noch, sie in ihre Hütte zu begleiten, bis der Rest der Persephones zurückkehrt. Gerne begleiten wir sie, denn uns ist beim Gedanken an Einsamkeit nun auch nicht sonderlich wohl. Wobei man doch sagen muss, dass diese Nachtwanderung im Nachhinein richtig genial war.


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