Freitag, 28. Oktober 2016

Kapitel 5: Die Rallye zum Zoo

Ich lerne viel Neues hier im Castle. Da ich erst jetzt Band eins von Percy Jackson lese, ist mir der Name Thalia nur als der Name einer Castle-Teilnehmerin ein Begriff. Dass es in der Geschichte die Tochter von Zeus ist, erfahre ich erst hier beim Frühstück. Thalia macht sich schnell einen Namen als Schutzfichte. Tagelang habe ich gerätselt, weshalb sie immer in Tränen ausbricht vor Lachen. Nun höre ich Jackie zu, die einen Tisch weiter sagt:
„Einsamer Ahorn sucht Fichte zum gemeinsamen Wurzelschlagen.“
Lacrima hält sich den Bauch. Sie kann nicht aufhören, zu kichern. Thalia läuft rot an. Es steckt mich nicht zum Lachen an, aber der Anblick allein ist schon goldwert. Und als jemand Thalia mit der Bezeichnung Schutzfichte anspricht, dreht sie sich tatsächlich um. Vielleicht sollte sie ihr Namensschild umschreiben.


Den Kölner Zoo habe ich seit frühester Kindheit wohl nicht mehr besucht. Das Wetter ist uns gnädig, ab und an scheint sogar die Sonne. Nur die Temperaturen lassen den Sommer kaum erahnen. Ohne Jacke friere ich doch noch.
„Die Nummer fünf zu mir!“, ruft Jennie durch die Eingangshalle. Wir werden für diesen letzten Trip neu auf die Autos aufgeteilt. Der Zufall will es, dass ich heute die Nummer fünf habe. Eine weitere Disney Tour mit Jennie? Dann mal los. Und zu meiner großen Überraschung teilt sie heute eine andere musikalische Leidenschaft mit uns. Nena. Diesmal singen wir bei „99 Luftballons“ alle mit.


„Ihr kriegt uns doch nie“, spricht eine Stimme aus der Voice Nachricht in der Whatsapp Gruppe. Es ist ein Castle Teilnehmer aus Paddys Gruppe, die soeben winkend an uns vorbei gerauscht ist. Jennie schnaubt als Antwort. Paddy ist noch in Sichtweite, doch der Verkehr ist hier zu dicht. Wir antworten eifrig, sie sollen uns bloß nicht unterschätzen! 
Vor dem Wagen öffnet sich eine Lücke und Jennie reißt das Lenkrad herum. Mit einem Affenzahn nehmen wir die Verfolgung auf, unserem Ziel dicht auf den Fersen. Paddy bemerkt uns noch nicht. Wir kommen näher, heizen Jennie mit Sprechchören an. Ihr Auto rumort unter dem beständigen tritt des Fußes auf das Gaspedal. 
Wir erreichen Paddy’s Auto und blicken in erstaunte Gesichter. Hastig wenden sie sich ab, um ihren Fahrer zu warnen. Er bemerkt seinen Fehler, uns nicht weiter Beachtung geschenkt zu haben, und weicht nach links auf eine freie Spur aus. 
„Biegen Sie rechts ab“, sagt die Dame aus dem Navigationsgerät. Ich betrachte das Bild und die Linie, der wir mit dem GPS folgen. 
„Er schafft es nicht!“, stellen wir belustigt fest. Während Jennie sich problemlos auf die Abbiegespur einordnen kann, steckt Paddy noch immer auf der äußersten linken Seite fest.
„Ha!“, verkündet Jennie siegessicher. Wir fädeln uns in den fließenden Verkehr rechts von uns ein und winken zum Abschied. Was sich recht bald als Fehler heraus stellt. In einem halsbrecherischen Manöver zieht Paddy zwischen zwei Autos hindurch, fängt sich ein Huporchester ein und reiht sich noch vor uns zum Abbiegen ein. Empört klappen uns allen gleichzeitig die Kinnladen herunter. Die Handys vibrieren.
„Ätsch!“, erscheint auf dem Display. Dann folgt eine Voice Nachricht mit Jubelgesang. 
„Na warte“, schwört Jennie. Wir erreichen den Stadtverkehr und finden keine Möglichkeit zum Überholen. Ich schaue mich um, vergesse das Wettrennen und halte Ausschau nach dem Zoo oder zumindest einem Hinweisschild. 
„Biegen Sie links ab“, meint das Navi. Links von uns erstreckt sich ein Parkhaus in die Höhe.
„Ist es das?“, fragt Jennie unsicher.
„Keine Ahnung“, meint Lilly. „Ich glaube nicht.“
„Wir haben früher immer unter so einer Brücke geparkt“, bemerke ich. „Ich erinnere mich überhaupt nicht an ein Parkhaus.“
Paddy ordnet sich links ein, während wir uns dem Navi widersetzen und auf der Spur rechts von ihm weiter fahren, die auch nach links führt, aber eben nicht nach Paddy’s links. 
Verwundert schauen uns die Insassen des roten Wagens nach, als wir an ihnen vorbei fahren. Wir fühlen uns im ersten Moment schlau, im zweiten dann dumm. Das Navi führt uns ein weiteres Mal nach links. Dann nach halblinks – was immer das heißen mag, im Grunde ist es fast geradeaus. Zwischendurch nach rechts. Verwirrt folgen wir der Linie und mindestens ebenso orientierungslos. Paddy ist weit und breit nicht zu sehen. Nach einer Weile finden wir den Zoo doch noch. Die Odyssee durch Köln findet ein Ende. 
Es ist tatsächlich der Parkplatz unter der Brücke, auf den wir nun zu fahren. Ich erkenne ihn wieder, er hat sich kaum verändert. Nur die netten Herren mit der Warnweste kommen mir neu vor. Aber was zählt das schon, wir werden vom Rest des Castle sehnlichst erwartet. Und wir sind nicht die letzten. Paddy kommt nach uns an.


Sani zählt die Teilnehmer durch und verteilt anschließend die Eintrittskarten inklusive einem Fragebogen. Es ist der dritte und letzte in dieser Woche. Für mich der letzte für immer.
„Hat jeder eine Karte?“
„Ja“, antworten alle Sani wie aus einem Mund.
„Jeder einen Fragebogen?“, fügt sie hinzu und wie ein Echo folgt das zweite „Ja“.
„Dann könnt ihr jetzt rein gehen und loslegen. Wir treffen uns um 15:00 wieder hier am Eingang. Ihr könnt in Gruppen zusammen arbeiten, die Größe ist egal. Seid nur pünktlich wieder hier.“
Die Halbgötter des Castle of Night stürmen die Drehkreuze des Kölner Zoos. Ich schließe mich mit Leila und Honey zusammen.
„Was sagt der Bogen?“, frage ich, als wir auf dem Platz vor den Eingängen ankommen.
„Wir müssen zu den Bären“, murmelt Leila.
„Ich glaube, die sind direkt dort vorn vor den Erdmännchen.“ Ich beäuge den Parkplan in meiner Hand, suche nach dem Bärengehege. Meine Erinnerung trügt mich nicht, der Zoo wurde in den letzten Jahren nicht umgebaut, ich finde die Bären auf der Karte sofort. 
Leila nickt. „Dann mal los. Moment. Wo ist Honey?“
Ich schaue mich um und finde sie nicht. War sie nicht gerade noch genau hinter uns?
„Honey?“, rufen wir. Kurz darauf löst sich ihre Gestalt aus einer Gruppe von Menschen, die eindeutig nicht zu uns gehören. Wir fangen sie eilig ein und machen uns auf den Weg zur ersten Station auf dem Fragebogen.


„Das ist nun das dritte Mal, oder?“, überlege ich laut und schaue Leila ratlos an. Sie schüttelt den Kopf. Wir haben Honey an diesem Tag mehrfach verloren und wiedergefunden. Kurz vor dem Madagaskarhaus ist sie jetzt erneut wie vom Erdboden verschluckt.
„Oh Honey“, stöhnen wir im Gleichklang und lachen gemeinsam drauf los. Das hat fast schon How I met your Mother Charakter. Mit dem Unterschied, dass deren Honey nicht verschwunden ist. 
„Ich glaube da ist sie!“ Ich deute in Richtung der Giraffenanlage, vor der eine große Holzgiraffe mit einem künstlichen Herzen steht. Zu dem Herz führen Plexiglasrohre, die mit rot eingefärbtem Wasser gefüllt sind. Eine Pumpe am Boden wird von mehreren Kindern betätigt. Sie simulieren angestrengt die Kraft des mächtigen Giraffenherzens, das viel Energie aufwendet, um das Blut durch den Kreislauf des Tieres zu befördern. 
„Ich will das auch mal probieren“, meint Honey, als wir sie wieder einholen. Interessiert beobachtet sie das Spektakel. Zwei Kinder haben Mühe, die Pumpe zu betätigen. Ein drittes wird hinzugerufen, dann ein viertes. Gemeinsam unterstützen sie den Blutkreislauf des Holztieres und bezwingen die Glasbahnen mit einem lauten „Hauruck!“. 
„Wenn die das schaffen, schaffen wir das auch.“
Leila und ich werfen uns nachdenkliche Blicke zu. Honey tritt bereits zur Pumpe und bedeutet uns, ihrem Beispiel zu folgen. 
„Na komm, ist doch auch lustig“, sagt Leila. 
Ich habe eine tiefgehende Furcht, mich vor anderen zum Deppen zu machen. Genau genommen hätte ich dann die Einverständniserklärung für Bild- und Videoaufnahmen im Castle ablehnen müssen. Mindestens eine Szene zeigt mich in einer unvorteilhaften Position, da bin ich sicher. Schließlich lauern Sani und Jennie mit ihren Kameras überall und nirgends. Big Brother is watching you.
„Kommst du?“, erinnert Leila mich, da ich noch immer wie angewurzelt vor der Pumpenkonstruktion stehe. Ich krempele die Ärmel der Jacke hoch, packe mit an. 
„Bei drei“, sagt Honey. „Eins … Zwei … Drei!“
Gemeinsam lehnen wir uns gegen die schwere Pumpe, die sich nicht sonderlich einfach von der Stelle bewegen lässt. Auch zu dritt, auch mit mehr Kraft als die Kinder sie hatten, ist dieses Ding nur mäßig zu bewegen. Noch einmal lehnen wir uns mit all unserem Gewicht gegen den Balken, der sich dann endlich rührt. Ich sehe, wie das Wasser ansteigt, schneller und höher, bis es das Herz erreicht und wir lassen los.
„Geschafft!“, jubelt Honey. Wir klatschen einander stolz ab. Ich denke, dass bei diesem Sieg jegliches Schamgefühl unangebracht wäre.
„Wo ist Honey?“, fragt Leila.
Unbemerkt ist unser drittes Gruppenmitglied erneut auf Wanderschaft gegangen. Ohne uns. 
„Oh Honey“, lachen wir im Chor und machen uns auf die Suche. 


„Ich werde mir kein Plüschtier kaufen“, verspreche ich mir vor den Ohren von genügend Castle-Ohrenzeugen. Mittlerweile versammeln wir uns alle auf dem Platz vor dem Eingang. Die Bögen sind ausgefüllt, wir warten nur noch auf das Team. Der Souvenir-Shop ist in greifbarer Nähe. Ich muss widerstehen. Ich habe doch so viele Kuscheltiere. Ich brauche kein weiteres. 
„Bist du sicher?“, fragt Thalia und schaut mich zweifelnd an. Sie zieht eine Augenbraue in die Höhe. Ich tue es ihr gleich, denn ich stelle meine Behauptung selbst infrage. Nach fünf Minuten stehe ich von der Bank auf.
„Wo gehst du hin?“, erkundigt Thalia sich erheitert.
„In den Souvenirshop“, murre ich ihr zu. Ein Lachen folgt mir in den Laden.
Ich reiße mich von den Tieren vor der Tür fort und laufe Schnurstracks hinein. Wo noch viel viel mehr süße, einsame, zahlreiche Kuscheltiere auf einen liebenden Besitzer warten.
Sei stark, du kannst sie nicht alle retten!, rede ich mir zu. Ich unterdrücke ein theatralisches Schluchzen und inspiziere jedes Regal so detailliert wie nur möglich. Die Erdmännchen flehen mich mit knuffigen Augen an, sie zu kaufen. Ein Ameisenbär streckt mir die Zunge heraus zur Begrüßung. Die Elefanten heben vergnügt die Rüssel. Meine Augen leuchten so hell wie die Knopfäuglein der possierlichen Kuscheltierchen. 
„Ich kann mich nicht entscheiden“, jammere ich mir zu und ernte für meine Selbstgespräche entsetzte Blicke. 
„Etwas kleines, nur etwas kleines, ich muss ja nicht übertreiben, nur etwas kleines“, mein Mantra klingt verrückt. So ungefähr muss ich auch aussehen, wie ich in gebückter Haltung jedes Regal mehrfach untersuche und ein Preisschild nach dem anderen umdrehe. Zu teuer. Zu groß. Wo finde ich denn klein und günstig und nicht übertrieben? 
Ich entschließe mich, die Körbe vor der Tür genauer unter die Lupe zu nehmen. Augenblicklich springt mir eine kleine Schildkröte entgegen. Sie starrt mich an. Ich starre zurück.
„Liebe auf den ersten Blick, gekauft!“, frohlocke ich und adoptiere das Tier, ehe es jemand anderes tun kann.


So schnell finden wir uns auf dem Heimweg wieder. Der Tag kommt mir so verdammt kurz vor. Zum Schluss haben sie die Ereignisse fast wortwörtlich überschlagen. 
Das Wettrennen mit Paddy ist noch nicht ausgestanden. Ich reibe mir über das schmerzende Schulterblatt und werfe Tessa einen erinnernden Blick zu. Reumütig zieht sie den Kopf ein und haucht ein „Entschuldigung“.
Um einen Vorsprung zu erhalten, haben wir wie die Irren unsere Taschen in den Kofferraum geknallt. Ich war zu langsam. Tessa hat die Klappe herunter gehauen und die Klappe hat mich herunter gehauen. Falscher Ort, falsche Zeit. Nunja, besser Schulter als Kopf.
Paddy hat dadurch den erhofften Vorsprung erhalten, wir nicht. Mit Kampfmusik aus Fluch der Karibik versuchen wir, ihn voller Motivation noch einzuholen. Doch ein Paddy, der bereits über alle Berge ist, ist leider nicht mehr zu übertrumpfen. 
Meine Schulter schmerzt schon nicht mehr, als ich die Kurve kommen sehe. Und die Geschwindigkeit fühle, mit der wir uns bewegen. Auf die Kurve zu. Immer näher. Ich kralle meine Finger in den Sitz, ahne, was nun kommen wird.
„Festhalten!“, schreit Jennie und fliegt um die Ecke. 
Unerwartet fällt die Rückbank über mich her, die Wucht der Kurvenraserei presst den Rücksitz wie einen Sandwichtoaster gegen meinen Körper. Erschrocken klappe ich mit dem Sitz zusammen. Kaum fahren wir wieder in einer Geraden, klappen wir gemeinsam in unsere Ursprungsposition zurück. Also das toppt nun den Disney-Trip um Längen.


Laut Stundenplan sollte jetzt noch eine Schlacht stattfinden. Ich schaue mich um und sehe müde Gesichter. Augenlider, die schon halbgeschlossen auf die Nacht hoffen. Ich gähne automatisch, andere tun es mir nach. 
„Können wir die Schlacht auf morgen verschieben?“, bittet Sundala, die auf der Rückfahrt schon geschlafen hat. 
Nach kurzer Beratung gibt das Castle Team uns den Rest des Abends frei. Die zweite Schlacht wird morgen nachgeholt. Ich freue mich auf die Pause.
„Ach ehe wir es vergessen“, meint Sani. „Hier ist das Jahrbuch. Sorgt bitte dafür, dass jeder sich einträgt.“ Ich nehme es mit ins Baumhaus. Zwar habe ich schon die Aqualand Geschichte für das Team geschrieben, aber eine normale Danksagung an alle Teilnehmer und Teammitglieder kann auch nicht schaden. Ich reiche das Buch in meiner Gruppe herum und schreibe dann meinen Text hinzu. Aus einer Seite mache ich prompt zwei. Wie war das, übertreiben ist mein zweiter Vorname? Und trotzdem macht es gerade jetzt Spaß, mich bei Jennie als meinem Schreibauslöser, Lava als unsere Super-Lehrerin, Sani als das Herz des Castles und Paddy als den witzigen Typen, den ich leider erst dieses Jahr kennen gelernt habe, zu bedanken. Und bei den Anwärtern für ihre tolle Arbeit und den Teilnehmern für ihre Freundschaft. Ich quetsche den letzten Satz in eine Ecke. Der Punkt passt gerade noch so dahinter.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen