Samstag, 29. Oktober 2016

Kapitel 6: Der Göttliche Ball

Die Pause hat allen gut getan. Wir gehen in alter Frische zu unserer Unterrichtsstunde mit Paddy, dem Gott der Träume. Ich fühle mich ausgeschlafen und fit für den letzten vollen Tag. Ich habe den gestrigen Tag genutzt, die Aqualand-Story zu korrigieren und abzuschreiben. Ich will sie als Abschiedsgeschenk überreichen, heute Abend beim Castle-Ball.
„Also ich erzähle euch jetzt zuerst etwas über den Gott der Träume, Morpheus“, beginnt Paddy seine Stunde. Wir nutzen dafür unser Demeter-Baumhaus. Die Gruppe ist wieder aufgeteilt. Die größere Hälfte sitzt jetzt bei Jenny im Schreibkurs. Von unserem Teil sitzen vier bei Paddy und vier bei den Anwärterinnen. Wir werden nach einer Stunde tauschen.
„Morpheus ist der Sohn von Hypnos, der insgesamt drei Söhne hat. Das ist einmal Morpheus, der die menschlichen Akteure in Träumen formt. Dann Phobetor oder auch Ikelos genannt. Er ist für die Darstellung von Tieren zuständig. Und zuletzt Phantasos, der alles Unbeseelte gestaltet.“
Ich notiere fleißig seine Ausführungen. Aber mehr als die Namen dieser Gottheiten schreibe ich nicht nieder. Sie werden die drei Oneiren genannt. Oneiroi heißt Traumdämon. Damit hat Paddy eher etwas Teuflisches als etwas Göttliches an sich. Ich entscheide mich, das lieber nicht weiter auszudiskutieren, und lausche lieber dem Unterricht.
Wir sprechen kurz darauf über Lebensträume. Jeder nennt seinen ganz persönlichen Lebenstraum und sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Ich denke an meinen Traum. Er ist zu groß, als dass ich ihn bewältigen könnte. Ich kehre zurück aus der Abschweifung meiner Gedanken und widme mich wieder dem eigentlichen Thema.
Paddy sammelt schließlich noch Liedtitel für eine Traumplaylist ein. Kurzerhand spielt er eines seiner Lieblingslieder ab. Das Klavier und die Trommel im Intro scheinen im Gleichklang mit meinem Herzen zu schlagen. Die Geigen zupfen an den Saiten meiner Seele. Die Strophe spricht zu all meinen Hoffnungen. Und der Refrain lässt all das in einem Feuerwerk der Emotionen aufleuchten. 
„Das ist eine Fassung des Digimon Soundtracks Leb deinen Traum von Ninotaku TV und Heartshot“, meint Paddy, als er meine Begeisterung sieht. Ich bin verliebt in dieses Lied, das alle meine Sorgen um Träume verblassen lässt. Denn es sagt, dass ich alles schaffen kann. Von neuem Mut gepackt eile ich durch das Baumhaus.
„Ich muss das mal eben auf Spotify suchen!“, entschuldige ich mich hastig und krame mein Handy aus der Tasche, die ich auf das Bett geworfen habe. Auf ein Klopfen an der Eingangstür hin strecke ich den Kopf aus dem Gang. Es ist die Gruppe der Anwärterinnen. Sie lösen uns ab. Der Traumunterricht ging schnell vorbei.


„Ich werde euch jetzt die Karten legen“, sagt Umi an der zweiten Station. Es gibt noch Wachsgießen und Handlesen. Zuvor haben wir eine Tasse Tee erhalten. Wenn er ausgetrunken ist, soll jeder aus dem Teesatz lesen. Doch da er dafür noch zu heiß ist, werden wir in der Zwischenzeit schon auf die anderen Wahrsagereien aufgeteilt. 
„Wir machen ein einfaches Legesystem. Erst lese ich für jede von euch beiden einmal die Karten, dann ihr euch gegenseitig.“
Ich schlucke einen Kloß herunter und schaue meine Partnerin Lysee zweifelnd an. Unsicher nehme ich einen Schluck Tee. Dabei verbrenne ich mir prompt Zunge und Lippen und stelle ihn eilig wieder weg.
„Also Tanja, erst mal du. Die Karte hier sagt du hast gerade sehr viel Glück und dass etwas Großes bevor steht. Du sollst aber nicht zu schnelle Entscheidungen treffen, das könnte nicht gut sein. Passt das?“
Ich denke an meinen Freund, der kürzlich vorschlug, dass wir zusammen ziehen. Nachdem ich nun erst ein halbes Jahr in meiner ersten, eigenen Wohnung lebe. Der Umzug mit ihm steht zwar noch in den Sternen, doch ich habe bereits eifrig geplant und mir alles ausgemalt. Ob dies eine Mahnung des Tarot ist, einen Gang zurück zu schalten? Es gibt noch etliche Punkte in meinem Leben, auf die diese Weissagung zutreffen könnte. Im Beruf. In meinem Autoren-Traum. Im Freundeskreis. Es ist zu allgemein gefasst.
Während ich noch über die Bedeutung grübele, hat Umi schon Lysee’s Tarotlegung gedeutet.
„Jetzt ihr“, weckt die Anwärterin mich aus meiner nachdenklichen Starre. Sie hält mir das Tarotdeck und eine Anleitung hin. Zögerlich nehme ich beides an. Und lese mehr schlecht als recht daraus. Was im Endeffekt dazu führt, dass wir uns bald lachend auf dem Boden kugeln – seltsamerweise ohne dabei den Tee umzustoßen.
„Du hast hier die Karte mit den Münzen“, murmele ich vor mich hin, blättere dabei in der Anleitung und suche die richtige Passage. „Ah ok, da steht, dass du mit deinem Besitz nicht zu geizig sein sollst, wenn ich das richtig interpretiere. Was auch auf deine inneren Werte zurückzuführen ist, du sollst dich mehr öffnen. Und dich erwartet eine große Liebe laut dieser anderen Karte hier.“
Irgendwann landen wir bei der Interpretation, dass Lysee eine glorreiche Zukunft als Luxus-Prostituierte bevor steht und der Spruch „Sei nicht geizig mit deinen Münzen“ wird zu einem Insider zwischen uns. Meine Legung ist dafür harmloser. Bei mir steht nur die Liebe. Glücklicherweise.


„Wie sieht deins aus?“, frage ich sie beim Wachsgießen.
„Wie eine Wolke.“ Lysee dreht kritisch ihren Wachsklumpen oder Fleck oder was auch immer hin und her. 
„Wolke steht nicht in der Tabelle“, lache ich. Wir haben ein Blatt erhalten mit Symbolen und Deutungen. Leider steht keine unserer erahnten Formen irgendwo darauf.
Ich betrachte mein Ding, das ich gerade aus dem Wasserbad ziehe. 
„Meins ist glaube ich ein Fisch.“
Doch auch einen Fisch suche ich vergebens. Wachs ist kein gutes Material für solche Spielereien. Es ist viel zu unberechenbar. Wir geben auf, weil auch Fleck nicht in der Tabelle steht. 


Der Vormittag vergeht noch schneller, als erwartet. Im Handlesen haben Lysee und ich uns nicht viel weiteren Spielraum gegeben, wir können getrennte Zwillinge sein in dieser Hinsicht. Wir sind beide nett und liebenswürdig und haben eine wundervolle Zukunft vor uns. In meinem Tee fand sich dieses Jahr ausnahmsweise nicht der Grimm, wie im Harry Potter Castle. Ich habe das damals eher als Dinosaurier gesehen, wurde allerdings mehrheitlich überstimmt. Sirius Black ist mir in der Zeit darauf jedoch nie begegnet und ein Grimm schon gar nicht. Schade eigentlich, ich hatte Hoffnungen.
Die verschobene Schlacht steht an und wir werden neu verteilt. Die Teams werden gelost, sodass Kathi und Thalia nicht in derselben Gruppe sind wie Kira und ich. Nicht jeder ist begeistert davon, dass dadurch mindestens eine Hütte für beide Schlachten die Gewinnerkugel einsackt. Mir ist das gleich. Ich habe nach dem letzten Kleinkrieg Freude am Spiel gefunden. Mal abgesehen davon, dass mein starker Muskelkater mich vermutlich laufunfähig macht, denn jeder Schritt wird gerade zur Tortur. Ich habe mich die letzten Tage bestimmt um ein zehnfaches mehr bewegt als gewöhnlich. Mein Körper hasst mich für meine gesteigerte Aktivität und gibt entsprechende Signale. Zu meinem Leidwesen sind diese ein wahrer Alptraum.


Ich verstecke mich zwischen dem Geäst eines Nadelbaumes. Hoffentlich habe ich keine Lücke in meinem Zeckenschutz. Ich bin auf die Deckung angewiesen, da ich nicht laufen kann. Und ich hocke hier und warte, denn mein Opfer müsste bald an diesem Weg vorbei kommen. Nicht weit von mir spielen Kinder, die mich misstrauisch beobachten. Sie ziehen an den Jacken ihrer Eltern, weisen darauf hin, dass jemand im Baum hockt. Solange sie mich sonst nicht auffliegen lassen, soll mir das recht sein. Ich bin heute wieder Gefreite. Thalia ist die Spionin. Ich komme nicht nah genug an sie ran, versuche es immer wieder mit heranpirschen. Noch ist mir kein anderer Gegner in die Quere gekommen. Ständig schleiche ich durch die wenigen guten Verstecke in Panarbora, die auch meine auffällige Kleiderfarbe verbergen können.
Ich erblicke mein Zielobjekt in der Nähe der Akademie. Sie biegt ab auf den Sinnespfad. Verdammt, ich war mir sicher, sie wäre auf dem Weg zurück zu ihrem Camp in der Nähe der Baumhäuser. So schnell es meine Krämpfe erlauben nehme ich die Verfolgung auf. Im Sinnespfad wird sie mich zu bald sehen, weshalb ich auf Abstand bleiben muss. Ich hole sie tatsächlich soweit ein, dass ich sie beobachten kann. Als sie sich umdreht, ducke ich mich eilig hinter eine kleine Erhebung. Sie schaut mich nicht direkt an, doch sie wirkt irritiert. Suchend blickt sie sich um. Ob sie weiß, dass ich ihr folge? Schon das ganze Spiel über?
Kurz verliere ich sie in Demeter’s Garten. Doch in der Nähe des Labyrinths finde ich sie wieder. Sie steht mir gegenüber, unerwartet, schaut mich mit großen Augen an. Ich habe sie schon einmal gefangen, sie weiß, was ich bin. Entsetzt werfe ich die Arme in die Luft.
„Ach Mensch, dich wollte ich doch gar nicht!“, rufe ich aus und gehe fort. Verwirrt folgt ihr Blick mir hinter die Hügel. Ich umrunde diesen und suche sie auf der anderen Seite. Eilig joggt sie zurück in ihr Camp. Ich folge so unauffällig wie nur möglich. An der Teamunterkunft verstecke ich mich wieder. Von hier bis runter zu ihrem Lager gibt es nicht einen Grashalm, hinter dem ich mich verstecken könnte. Ich stolpere einen Schritt zu weit hervor und Shiki entdeckt mich. Ich höre von hier ihre Stimmen nicht, kann sie nur sehen. Thalia wendet sich mir nun auch zu. Ich entscheide mich für ein freundliches Winken und trete den scheinbaren Rückzug an. Ich kann nicht laufen, mein Bein bringt mich um, sogar im Gehen. Ich bleibe heute wohl doch dem Psychoterror treu. Ist es normal, dass mir das einen solchen Spaß bereitet?


„Wir haben gewonnen!“
Ich stimme in das Jubeln meines Teams ein, wir sind die Sieger dieser Schlacht! Punktemäßig vor den anderen. Ich fädele die Schlacht-Kugel zu der anderen. Es ist die erste außer meiner Demeter-Kugel. Ein wundervolles Erinnerungsstück. 
Die Uhr tickt weiter, bis zum Ball sind es jetzt nur noch wenige Stunden. Es wird Zeit, sich in Schale zu werfen.


Die Anwärterinnen stehen zurechtgemacht vor uns und rufen die Teilnehmer aus den Baumhäusern. „Wir bringen euch jetzt zur Akademie. Da werden wir dann zu Abend essen und nachher feiern“, erklären sie.
Ich bin froh, flache Sandalen zu tragen. Absätze würden wahrscheinlich den sicheren Tod für meine Beine bedeuten. Der Muskelkater hat noch längst kein Erbarmen mit mir. Ich merke, wie sportlich inaktiv ich in letzter Zeit war, dass ein paar Tage Castle of Night mir derart zusetzen können. Welche Ironie, Faulheit hat wirklich ihren Preis.
Wir stehen in luftigen Outfits vor der Akademie, als die Anwärterinnen uns zum Stehen bleiben auffordern. Die Nacht ist herein gebrochen, es ist eisig kalt so ganz ohne Jacke und mit nackten Füßen. Numa wirft einen Blick in das Innere. Wir müssen uns wohl noch gedulden, das Team scheint die Vorbereitungen nicht ganz beendet zu haben. 
Ich greife in meine goldene Clutch und überprüfe den Inhalt noch einmal auf Vollständigkeit. Die Rolle mit der Aqualand-Geschichte habe ich mit einem Draht, der sonst Kabel zusammen hält, verbunden. Es ist eine hässliche Aufmachung mit bedeutungsvollem Inhalt. 
„Wir können“, verkündet Lilly. Die Anwärterinnen setzen sich in Bewegung, wir Teilnehmer folgen. In der Akademie betreten wir den Raum, in dem auch die Kennenlernspiele stattgefunden haben. Irgendwie finden wir so am Ende noch einmal zum Anfang zurück. 
Der Raum ist geschmückt mit weißen und goldenen Luftballons, die an der Decke entlang gleiten. Ein Tisch mit Masken und Kopfschmuck steht in einer Ecke. Eine Trennwand wurde zugezogen, die andere Hälfte des Raumes ist wohl geschlossen. 
Vier große Tische stehen parallel zueinander in den dominanten Farben Weiß und Gold eingedeckt vor uns. Der Teamtisch kommt mir vor wie ein langer Altar, an dem Demeter, Athene, Persephone, Morpheus und die Anwärter Platz nehmen. Und Ise. Mit Schrecken denke ich an die Geschichte in meiner Tasche. Verdammter Mist! Ich habe keine Rolle für Ise in der Geschichte eingebaut! Sie ist im Team. Wie konnte ich das vergessen. Ein dicker Kloß setzt sich in meinem Hals fest. Vielleicht sollte ich den Zettel lieber nicht abgeben? Ich schiebe die Entscheidung auf, suche mir einen Stuhl und lasse mich darauf sinken. Hinter mir steht ein kleines Buffet und wartet auf Beachtung. Ich freue mich auf die Nervennahrung.
Sani schlägt mit einem Messer an ihr Glas.
„So herzlich willkommen zum traditionellen Ballabend. Wie ihr seht ist hier nebendran Brot und Wurst und Käse bereitgestellt. Greift also gut zu, danach werden wir dann feiern.“
Ich stürme an den Tisch und lade mir den Teller voll mit Brot, Wurst, Fake-Nutella. Ally nimmt zu meiner Verwunderung Käse und zwei Scheibchen Gurke. Trotz des kalten Entzuges wirkt sie noch nicht gestresst auf mich. Oder sie hat einfach ein Talent dafür, das zu verbergen. Ich setze mich und schlinge nervös alles herunter. Spüle mit Eistee nach. 
Nach dem Essen erhebt Sani sich erneut zu einer kurzen Ansprache.
„Nun, da wir fertig sind, gehen wir noch nicht feiern. Erst einmal wird es Zeit, das neue Teammitglied willkommen zu heißen.“
Sie wendet sich den Anwärterinnen zu, die wohl weit nervöser sind als ich. Sie sehen aus, als würde ihr Leben von der folgenden Entscheidung abhängen. Ängstlich halten sich alle vier an den Händen. Sani grinst breit.
„Ach macht euch doch nicht in die Hose. Ihr seid aufgenommen“, gibt sie daraufhin bekannt. Ungläubig starren Umi, Numa, Lilly und Sky die Teamleiterin an. Ich kann die Last nicht beschreiben, die nun sichtbar von ihnen abfällt und einer hysterischen Erleichterung weicht. So muss die Personifikation von Glück aussehen. Und ich erkenne, wie sie eine Verwandlung vollziehen. Ich sehe es wie eine Aura, nicht bildlich, aber emotional. Es ist wie ein alter Schleier, der einem Neuen weicht. Plötzlich sind sie nicht mehr die Azubis. Plötzlich sind sie Team. Ich beneide sie um ihre Position, aber vielmehr freue ich mich, dieses Schauspiel betrachten zu dürfen. 
„Es gibt noch eine Kugel zu vergeben“, sagt Athene dann.
„Oh Nein, die Wertung für das beste Kleid!“, flüstert Kathi. 
Athene lacht, sie hat die Worte bis zum Altar hinauf vernommen.
„Nein, nicht das beste Kostüm“, erwidert sie neckisch. „Wir wählen jetzt das Campvorbild. Oder besser gesagt: Ihr wählt das Campvorbild.“
Es herrscht Stille und wir schauen uns um. Jeder beguckt jeden, jeder überlegt. 
„Na los, ruft Namen rein“, fordert Sani ungeduldig.
„Kathi!“, sagt Tyra. Die Genannte steht schüchtern auf und tritt an die Trennwand, wo sie sich aufstellen soll.
„Thalia“, sagt jemand anders. 
„Jackie!“
„Sundala!“
„Tanja.“
Ich suche den Verantwortlichen für diesen schlechten Scherz. Lysee lacht mich an. Ich weiß nicht, ob ich sie anspringen oder doch unter den Tisch flüchten soll. Alles, bloß nicht ich!
Auf dem Weg nach vorne stolpere ich über meine Füße, schaffe es allerdings unverletzt in die Reihe der potentiellen Vorbilder. Ich sehe mich nicht als Vorbild. Zu einem Vorbild gehört es, dass man sich um die anderen kümmert, Streitigkeiten schlichtet, Vermittelt. Dass andere von einem lernen können. Was lernt man denn von mir? Doch an den Gesichtern meiner Leidensgenossinnen erkenne ich, dass ähnliche Gedanken sie plagen.
„Soooo“, beginnt Sani. „Jetzt sagt jeder von euch, warum er glaub, gewählt worden zu sein.“
Kathi, die als erste dran ist, tritt von einem Fuß auf den anderen. Ich bin auch nicht scharf darauf, jetzt nach einer Erklärung dieses Desasters zu suchen. 
„Also ich bin nett… und man mag mich hier…“, stammelt sie. 
Und wir alle sagen schlichtweg dasselbe, nur in unterschiedlicher Reihenfolge, damit es sich stets ein wenig abhebt. Selbstvertrauen scheint in diesem Augenblick nicht gerade unsere Stärke. Ich würde gerne mit jemandem, der noch sitzt, tauschen.
„Daaaaann sagen jetzt die, die euch aufgestellt haben – und der Rest des Castles – weshalb ihr da steht“, befiehlt Sani. Nach kurzem Überlegen schießen die ersten Hände in die Luft. 
Es fallen zunächst so ziemlich dieselben Gründe, die wir auch genannt haben. Ich warte sehnsüchtig darauf, dass sich ein Loch vor mir auftut, in das ich hüpfen kann. Die Reihe kommt unvermittelt bei mir an. Ich werde rot. Obwohl mich nichts Neues auszeichnet, als meine Mitleidenden hier auch. Sundala neben mir hebt die Hand. Erschrocken schaue ich nach rechts. 
„Also immer, wenn ich in deiner Nähe war, bin ich plötzlich ganz ruhig geworden, wenn ich aufgeregt oder wütend war. Du hast so eine beruhigende Ausstrahlung.“
„W-waaas???“ Meine Mundwinkel rutschen bedenklich nach unten. Ich starre sicher wie eine geflohene Irre in die Menge. Fehlt nur noch die Zwangsjacke. Ich höre Lachen. 
„Das ist jetzt voll gruselig“, sage ich. Das Lachen wird lauter. Hilfesuchend schaue ich durch die verschiedenen Gesichter vor mir. Wo ist mein Loch???
„Nein, das ist doch was voll Gutes!“, versucht Sundala mich zu beschwichtigen.
„Danke?“, frage ich mehr als dass ich es sage. 
„Gern geschehen.“ Sundala lächelt ermutigend. Jackie ist als nächste dran. Ich bin vorerst erlöst. Nach dem Voting gewinnt Thalia mit der Mehrheit der Stimmen aus dem Publikum. Ich hatte also doch recht mit meiner Vermutung bezüglich der großen Schwester am ersten Tag. Thalia hat den Titel verdient. Auch wenn sie es am wenigsten glaubt.


„Willkommen in der Hölle“, eröffnet Jennie feierlich und reißt die Tür zum abgetrennten Teil des Raumes auf. Wir betreten ein Reich voller bunter Ballons und Lichtern und Fenstern mit Spiegelfolie und einem Tisch mit Körperfarben, die im ultravioletten Licht leuchten. Ein Spielplatz für Jugendliche, wie er im Buche steht. 
Die Tanzfläche ist im Nu voll von verrückten, schreienden, zappelnden Gestalten. Shiki und Jackie lassen sich von jedem ein knalliges Tattoo verpassen. Ich schreibe in neongelben Lettern die Worte
„Camp Half Blood“ auf Jackie’s Rücken. Kathi lässt sich kurzerhand ein ganzes Bein pink und gelb anmalen. Auf ihrem Dekolleté prangt das quietschgelbe Wort „Cupcake“. Darüber trägt sie zwei Herzen. Ihr Gesicht ist das einer vergnügten Raubkatze. Tyra trägt das Wort Liebe mit einem „i“ in Herzform auf der Stirn. Ihr linkes Auge weint einen gelben Schwall tränen. Lysee hat jemand in Orange „Voll Haarwuchs“ auf den Arm geschrieben. Per Definition stammt das aus dem Castle im letzten Jahr. Das muss 2015 der letzte Schrei gewesen sein. Ich habe zu viel verpasst, dabei war ich nur einmal abwesend.
Jemand zwingt mich auf die Tanzfläche, vor der ich mich bis gerade noch ganz gut gedrückt habe. 
„Du tanzt jetzt“, befiehlt Umi. Sie zieht eilig noch weitere unfreiwillige Tänzer mit in die Mitte der Party.
„Ich kann nicht tanzen“, schmolle ich, doch es hat keinen Zweck.
Ich trete rhythmisch von einem Bein auf das andere und versuche das irgendwie gut aussehen zu lassen, indem ich meine Hüfte ein wenig mitschwinge. Das fühlt sich ein wenig lächerlich an. Doch dann schaltet unsere DJane Anime Lieder ein und es ist kein Halt mehr.
„Oh mein Gott, das ist Sailor Moon!“, rufe ich aus.
„Jaaaaaa, oh das ist so toll“, fügt Leila hinzu. Wir sind uns einig, hampeln durch die Gegend und haben eine Menge Spaß.
„Wenn sie jetzt Digimon anschalten, dann weine ich.“
Leila stimmt mir sofort zu und schon hallt „Leb deinen Traum“ in der Originalversion aus den Boxen. Wie verrückte Fangirls kreischen wir drauf los. Verfolgt von verständnislosen Blicken aus dem Halbgottcamp, von jenen, in deren Brust kein Animeherz schlägt. Ich genieße den Moment, es wird bald wieder andere Musik laufen. Und auf diese Weise kann ich noch ein wenig hinaus zögern, das Stück Papier in meiner Tasche abzugeben.


„Gehst du mit mir raus?“, fragt Jackie und ich bin dankbar über die Pause an der frischen Luft. Es ist kühl, aber ich begleite sie gerne zum Rauchen vor die Tür.
„Und, hast du Spaß?“, frage ich. Ihr Feuerzeug klimmt auf. Als die Zigarette brennt antwortet sie: „Ja, und du?“
„Ja, hab ich.“
„Hast du die Geschichte schon abgegeben?“
Mein Blick ist traurig, obwohl ich so vollgepumpt bin mit Glückshormonen durch diesen wahnsinnigen Abend. Die Sache mit meiner Geschichte hat sich herum gesprochen. Tessa hat sie begeistert verschlungen am gestrigen Nachmittag. Kira und Thalia haben mir gut zugesprochen. Meine Betaleser warten darauf, dass ich das Geschenk abgebe.
„Nein, hab ich nicht. Ich weiß einfach nicht. Ise ist im Team. Ich habe sie gar nicht in der Geschichte drin. Das kommt doch bestimmt nicht gut an, oder?“
„Ach das ist schon nicht so schlimm, Ise nimmt das bestimmt ganz locker“, erwidert Jackie. Ich schließe die Arme enger um meinen Körper.
„Soll ich mit dir kommen?“, bietet sie an. Die Traurigkeit weicht einem Gefühl von Sicherheit. Jackie wird mich vor meinen Zweifeln und Ängsten jetzt beschützen. Ich halte mich an diesem langen Mantra fest und nicke. Wird schon schief gehen. 
„Dann komm.“ Sie drückt ihre Zigarette aus und schiebt mich zurück in die Akademie. Ich ziehe die Rolle aus der Clutch, umklammere sie fest.
Das Team steht am DJ Pult, das eigentlich nur aus einem Tisch mit einem Laptop und Boxen besteht. 
„Tanja möchte euch etwas sagen“, erklärt Jackie. Sani macht noch Fotos in einer Ecke des Raumes, Lava schaut überrascht zu mir auf.
„Erst wenn alle da sind“, übernimmt Jackie weiterhin für mich. Ich bin so nervös, dass mir die Stimme versagt. In meinem Hals zittert etwas und mein Gesicht ist ganz heiß. Wäre es nicht so dunkel, hätte ich sicher für jeden sichtbar die Farbe einer reifen Tomate.
Lava stupst Sani an. Paddy ruft Jennie hinzu. Ich halte mich noch fester an der Rolle fest, die glücklicherweise dabei nicht zerknittert. 
„Also…“ Nach dem ersten Wort muss ich ein heftiges Schluchzen unterdrücken. Besorgt schauen die vier mich an. Ich will mehr sagen, aber ich kann nicht. Ich fühle starke Hände auf meinem Rücken, als mir die Tränen kommen. Jackie hält mich fest. Lava springt auf und nimmt mich in den Arm. Sani tritt hervor.
„Was ist denn los, och Gott.“
„Ich… Ich bin dieses Jahr das letzte Mal dabei. U-und es war so schön die letzten Jahre. Und ich w-wollte einfach danke sagen. Da habe ich eine Geschichte über euch geschrieben.“
Ich habe noch nie jemanden sprachlos gemacht. Oder auf diese Art und Weise glücklich. Ich muss noch mehr weinen, als mich plötzlich alle nacheinander feste drücken. Ich will nicht, dass dieser Moment jemals endet. Die Zeit kann gerne an diesem Abend einfrieren, dann können wir ewig miteinander das Castle feiern. Eine unrealistische Vorstellung. Schnell überreiche ich die Aqualand-Story an Lava. 
„Ich hab sie nur da drauf abgeschrieben. Aber ich hab sie auch auf dem Tablet. Ich kann sie auch nochmal an euch schicken.“
„Ja sehr gerne. Vielen Dank, das freut uns sehr. Wir werden sie heute Nacht noch lesen“, verspricht Sani. Ich wende mich zum Gehen. Die Anwärterinnen kommen mir entgegen.
„Was ist denn los, ist was passiert?“
Ich schaue Umi, Numa, Lilly und Sky an. Bedrückt, dass ich auch sie nicht in die Geschichte geschrieben habe.
„I-Ich habe eine Abschiedsgeschichte für das Team geschrieben. Ihr seid leider nicht drin. Aber ich schreibe noch eine Geschichte über euch! Versprochen!“
Wieder werde ich von allen Seiten geknuddelt und getröstet. Jackie begleitet mich zu den Toiletten, damit ich meine Tränen fortwischen kann. Ich fühle mich so erleichtert wie verbraucht. Mein Energielevel ist nicht höher als das einer leeren Batterie. Ich spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und tupfe die Tränen von den Wangen. Jackie wartet vor der Tür auf mich. Na komm, sage ich mir. Geh da raus und strahl noch den Rest des Abends. 
Und wie auch immer, aber nach diesem Abschied könnte ich glücklicher nicht sein. Ich haste zurück auf die Tanzfläche und es fühlt sich an, als wäre die ganze Welt mein. Jemand legt Makarena auf. Das Halbgottcamp versammelt sich zu einer gemeinsamen Eskalation auf dem Dancefloor. Ich speichere die Erinnerung so gut es geht ab. Ich habe viele Jahre ohne das Castle vor mir, in denen ich davon zehren kann.


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