Sonntag, 30. Oktober 2016

Kapitel 7: Der Abschied

Ich begrüße das Licht des Morgens nicht. Zu schön ist der Traum, hier im Castle zu sein. Doch mein Wecker klingelt und erinnert mich, dass es Zeit ist, aufzustehen. Müde reibe ich mir die Augen. Thalia liegt im Bett und liest auf dem Handy Nachrichten.
„Guten Morgen“, sage ich. Sie dreht sich um und lächelt.
„Morgen. Gut geschlafen?“
„Ja, du?“
„Naja.“ Sie streckt sich und richtet sich dann auf. „Letzter Tag. Schade drum.“
Ich nicke wehmütig.
„Willst du als erstes ins Bad?“
„Geh nur“, gähnt sie.
Ich schnappe mir meine Sachen und eile in den kleinen Raum. Ein letztes Mal im Baumhaus zurecht machen. Danach packe ich den Koffer, ziehe das Bett ab, stopfe ein paar der Süßigkeiten in den Rucksack. Ein Seufzer entweicht meinen Lippen. Ich werde das Wackeln dieser Hütte vermissen. Wer wiegt mich denn künftig in den Schlaf? 



Beim Frühstück wird der letzte Preis für diese Woche vergeben. Es gibt noch eine Kugel? Ich habe nicht mehr mitgezählt. Es ist die Kugel für das ordentlichste Baumhaus. Das Team Demeter hat mit die wenigsten Kugeln erhalten in Wettkämpfen. Da die Schlachtteams bei der zweiten Schlacht auch einzelne Hütten voneinander getrennt haben, haben nur zwei von uns eine Schlacht-Kugel erhalten. Nun erhalten wir alle noch eine Kugel. Sie ist grau, auf ihr eine Trompete, wie sie zum Appell geblasen wird. Ein schlichtes Symbol. Für mich hat es Bedeutung.


„Dubi dam dam da dubi daba dubi dam“, tönt es vom Nachbartisch. Lysee und Ally zappeln wild mit den Armen herum.
„Was macht ihr da?“, frage ich lachend. Das letzte gemeinsame Frühstück ist besonders verrückt am heutigen Morgen.
„Das ist der Flaggentanz! Uuuuund nach rechts“, antworten sie. Auf das Stichwort drehen die beiden die Arme nach rechts und ahmen die wehende Bewegung einer Fahne nach, singen dabei immerzu dieses Kinderlied. Grinsend beiße ich in mein Brot. Es ist schön, den Tag auf diese Weise zu beenden. Mit meinen Freunden, die noch einmal durchdrehen. Ich habe gerne einen Anteil daran, so singe ich nach dem Kauen mit. Wir machen Selfies und schicken uns gegenseitig Bilder der letzten Woche.
„Tanja!“, schreien Sani, Lavanun, Paddy und alle Ex-Anwärterinnen, inklusive dem von mir vergessenen Teammitglied Ise, zusammen.
„Du hast Jennie kaputt gemacht“, schimpft Sani und deutet auf ein weinendes Häufchen Elend, vor dem das aufgeschlagene Jahrbuch liegt. Oh Schreck, das wollte ich doch gar nicht!
„Sie hat das Jahrbuch gelesen. Wir noch nicht, wir wissen nicht, was mit ihr ist“, fügt Lavanun hinzu. Ich lächele. Wenn das so weiter geht, weine ich gleich mit. Schnell gehe ich zu Jennie hinüber, setze mich auf die Bank zu ihr.
„Och du, lass dich drücken, ist doch alles gut“, tröste ich, obwohl es hier nichts zu trösten gibt. Ich habe Jennie zum Weinen gebracht. Ist das nun in irgendeiner Form bedenklich?
„Wir haben auch deine Geschichte gelesen, die ist wirklich gut“, sagt Sani schließlich. „Hast du was dagegen, wenn wir sie auf dem Blog hochladen?“
„Nein, sehr gerne!“ Ich klatsche erfreut in die Hände. „Aber das ist ja noch gar nicht alles. Also, ich hatte mir ja erst überlegt, weil ich ein paar Leute in der Aqualand-Story gar nicht drin hatte, dass ich über die noch eine Geschichte schreibe. Aber ich glaube, ich will eine Geschichte über das ganze Castle schreiben.“
Die Gesichter vor mir beginnen zu leuchten. Es ist mir eine Ehre, für meine Zweitfamilie Geschichten zu schreiben. Ohne sie hätte ich doch sicher nie angefangen. Außerdem sprüht diese Truppe nur so vor inspirativer Energie. Diesem Einfluss bin ich gerne dauerhaft ausgesetzt. Das Castle-Fieber hinterlässt bei jedem irgendeine Spur. 
„Das ist schön. Wir freuen uns drauf.“ Lavanun nickt mir zu. Jennie trocknet die letzten Tränen. Sani grinst. Ich hoffe, meine Geschichte wird niemanden enttäuschen, wenn ich sie schreibe.


Es ist eine Tradition im Castle, dass alle – ausnahmslos alle – beim großen Abschied bittere Tränen vergießen. Ich wusste die letzten Jahre immer, im nächsten Jahr sehen wir uns wieder. Ich kannte keinen Grund für Tränen. Doch jetzt ist alles anders. Es gibt noch Treffen außerhalb des Castles, aber diese Treffen sind nicht DAS Castle. Es wird immer etwas daran fehlen. Ich liebe es, mit anderen verrückten Menschen eine Woche zu verbringen. Ich bin älter als sie alle, aber ich fühle mich nicht so. Jackie ist mir böse, dass sie nächstes Jahr ihr letztes Jahr alleine hat. Sie hätte mich gerne noch einmal mit dabei. So könnten wir gemeinsam Abschluss feiern. 
„Gehst du mit raus?“
„Eine Rauchen?“, frage ich sie, woraufhin sie nickt.
Ise steht ebenfalls vor der Tür von Panarbora. Die Castle Teilnehmer sitzen in der Mensa, jeder wartet auf sein Taxi. 
„Deine Geschichte ist schön“, sagt sie und ich ziehe reumütig den Kopf ein.
„Danke.“
„Sie hat Angst, du könntest sauer sein, weil sie vergessen hat, dass du im Team bist und deshalb nicht in der Geschichte stehst“, erklärt Jackie. Ich wünsche mir wieder mein Loch, das wohl nie kommen wird. Wer buddelt schon in Kies.
Ise zieht an ihrer Zigarette. „Ist schon OK.“
Ich hebe hektisch den Kopf und sage: „Ich schreib ja noch die Castle-Geschichte, da stehst du auf jeden Fall mit drin!“
Es ist mir höchst peinlich, so hier zu stehen. Ich fühle mich klein und schwach. Wie ein Kind, das einen Fehler gemacht hat, und dafür gerügt wird. Von sich selbst. Oder seinem Alterego, von mir. Ich streiche das Szenario aus einem Kopf, meine grauen Zellen brennen noch durch.
„Gehen wir wieder rein?“, fragt Ise schließlich. Jackie und sie werfen die Stummel noch weg, ich halte die Tür auf. 
Kurz darauf geht die erste Teilnehmerin. Wir sehen viele ungeduldige Eltern, die weinende Kinder in die Arme schließen, die sich teils vehement der Heimfahrt verweigern. Ich bringe Jackie ans Auto, sie fährt zusammen mit Lacrima.
„Ich will nicht weinen!“, protestiert sie dauernd. Und weint dann doch. So cool sie auch permanent ist und so unantastbar sie sich zeigt, den Abschiedsschmerz kann sie nicht verleugnen. Ich bleibe stark und drücke sie fest. 
„Wir sehen uns wieder“, verspreche ich.
Lacrima kommt zu mir und nimmt mich in den Arm.
„Auf Wiedersehen!“, sagt sie. Beide steigen in das Auto und fahren davon. 
Jennie, von der ich mich schon drinnen verabschiedet habe, fährt ebenfalls gerade vom Parkplatz. Sie winkt mir zu. Ich winke zurück. Ihr Fenster ist noch herunter gelassen, also rufe ich ihr nach: „Und nicht beim Fahren weinen, sonst siehst du nichts mehr!“ 
Ich erkenne ein zartes Grinsen auf ihrem Gesicht und gehe zufrieden zurück nach Panarbora. Ich bleibe hier, bis alle fort sind!


Die Menge ist stark ausgedünnt, bald sitzen nur noch Leila und ich mit dem Team in der Mensa. Wir sind mit dem eigenen Auto angereist. Solidarisch sind wir beide bis zum Schluss geblieben. Wir spielen Spiele wie „Ich packe meinen Koffer“ und solche Sachen. Thalia und Allie werden als letzte abgeholt. Thalia hat sich schon den ganzen Tag bei jedem Abschied heftig Luft mit der Hand zu gefächelt. Dabei ist ihr Kopf wieder rot angelaufen, die unterdrückten Tränen fordern einen Tribut. Ein letztes Mal weinen. Ein letztes Mal alle drücken. Mir wird das Herz schwer, es ist vorbei.
„Wir sehen uns auf der Buchmesse“, verspricht Sani. Auch Lava zieht mich ein letztes Mal an sich. Ich nehme Umi, Numa, Lilly, Sky in den Arm. Verabschiede mich ebenso herzlich von Paddy und Ise, die sarkastisch sagt: „Endlich sind sie weg!“ 
Leila und ich gehen zu unseren Autos. Die Koffer haben wir bereits eingeladen.
„Das war’s dann wohl“, meint sie auf dem Weg.
„Ja. War schön. Ich hoffe, wir beide sehen uns auch mal wieder?“
Sie nickt. Da wir uns schon umarmt haben, winken wir nur noch zum Abschied. Ich gehe zum Auto und mich erfasst ein Gefühl der Stille und Leere. Etwas in mir zerbricht, als ich den Türgriff berühre. Ich kann die Scherben praktisch vor mir sehen, wie sie zu Boden fallen und im Kies versinken. Ich habe eben nicht viel geweint, habe den Großteil meines Solls schon auf dem Ball erfüllt. Nun kämpfe ich umso mehr mit den Tränen. 
Ich suche nach Leila, die schon vom Parkplatz fährt. Ich bin allein. Zitternd öffne ich die Tür und steige ein. Klemme mein Handy in die Halterung und klebe das Navi an die Fensterscheibe. Auf dem Handy wähle ich halbblind Spotify aus. Noch einmal atme ich tief ein und stoße die Luft aus. Es ist vorbei. Sie sind weg. Mein letztes Castle lässt mich in diesem Moment in einem recht gestörten Zustand zurück. Es ist nicht jenseits von Gut und Böse, nur irgendwo dazwischen. Ich schüttele das Gefühl ab und drehe den Schlüssel. Der Motor springt an, ich klicke auf Shuffle auf dem Display, mache das Autoradio an. Das Navi zeigt mir den Weg Richtung Heimat und noch während ich rückwärts ausparke muss ich wieder bremsen. Spotify spielt eiskalt das Lied Herz über Kopf ab. Ich lache meine Tränen ungläubig fort.
„Ist das dein ernst?“, frage ich das Handy. Da keine Antwort folgt, entscheide ich mich, einfach mit zu singen. Denn es stimmt doch:
„Immer wenn es Zeit wird zu geh’n, vergess‘ ich was mal war und bleibe steh’n. Das Herz sagt bleib, der Kopf schreit geh‘! …“ Und ich entscheide mich für Kopf und gehe. Denn bleiben kann ich nicht. Aber mein Herz wird mich immer hierher zurückführen. Ich glaube nicht, dass meine Reise hier schon endet.

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