Samstag, 12. November 2016

Nachtschatten

Da ich momentan im NaNoStress und NaNoRückstand stecke und weder zum Lesen noch zum Schreiben von Kurzgeschichten komme, präsentiere ich hier ein Schubladenwerk aus Urzeiten. Diese Geschichte ist lange vor der Schmökerbucht entstanden, auch in einer Art Schreibblockade. Man merkt bei meinen Geschichten sofort, wenn ich mal in einer solchen fest hänge, da ich das auch dann oft zum Thema im Lauf der Handlung mache ;). Ich habe mir vorgenommen, heute Abend endlich mal bei Kernstaub weiter zu lesen, schließlich wird mein Regal nicht von alleine leerer. Ich hoffe, diese alte, unüberarbeitete Geschichte gefällt euch, denn ich werde jetzt ganz schnell an meinem NaNo Projekt weiter schreiben, mir fehlen zum Aufholen des Wochenziels noch 10.031 Wörter, was vor allem daran liegt, dass ich meinen Plot komplett generalüberholen musste xD. Hurra!!! Hier also nun: NACHTSCHATTEN!!!

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„Liebes Tagebuch ...“
Sam kaut auf ihrem Stift und versucht fieberhaft ihre Gefühle in Worte zu fassen. Nach ein paar Minuten reißt sie genervt eine Seite – mittlerweile die dritte – aus dem unschuldigen Notizbuch, zerknüllt das Papier zu einem kleinen Kügelchen und schleudert es auf den wachsenden Haufen in der Ecke des Zimmers.

„Verdammt!“, flucht sie leise. „Ist es denn so schwer, sich einfach den Frust von der Seele zu schreiben?“ Mitleidig betrachtet Sam die Fetzen im Notizbuch, die das Herausreißen der Seiten hinterlassen hat. Die zackigen Ränder stehen beinahe traurig und einsam aus dem Büchlein hervor.
Schließlich legt sie den Stift aus der Hand, klappt das demolierte Buch zu und geht zum Fenster. Mit einem Seufzer öffnet sie es, streckt den Kopf in die Nacht und atmet die frische Luft tief ein, um hoffentlich endlich Ordnung in ihrem Gedankenchaos zu schaffen.
Es ist ein anstrengender Tag gewesen. Jeff hatte sie wieder nicht bemerkt. Dabei gibt sie sich doch immer solche Mühe! Figurbetonte Kleidung, scharfes Make-Up – vor allem ihre „Küss mich“ Lippen sollten doch so allmählich mal auffallen! 
Sam schürzt die Lippen, kaut den letzten Rest der roten Farbe ab. Sie ist kein Genie in Smalltalk. Sie traut sich nicht, auf diesen anbetungswürdigen Mann zuzugehen. Lieber gibt sie nur indirekt Zeichen und hofft darauf, dass er den ersten Schritt wagt. So gäbe er das Thema vor uns sie müsse sich nicht ihre grauen Zellen darüber zermatern, ob sie sich blamiert. Nur antworten und dann bäm! Zuschlagen. Aber eine besondere Portion Selbstbewusstsein bekommt man nicht nur vom gut Aussehen und Atmen. Ihre Methode ist ganz offensichtlich falsch!
Gebeutelt von ihren wirren Gedanken hebt Sam den Kopf und bestaunt den großen, silbernen Vollmond am Himmelszelt. Er wirkt beinahe magisch und gigantisch im Vergleich zu jeder anderen Vollmondnacht. So als wäre die Erde ein gutes Stück näher an ihn gerutscht, als hätte der Planet seinen Nachbarn weiter zu sich gezogen. Verträumt starrt sie auf die runde Scheibe. Die Sterne ringsum funkeln wie winzige Scheinwerfer.
Vergessen sind die negativen Gedanken. Vergessen ist Jeff – wenigstens für den Moment ist der unerreichbare Single nicht Zentrum ihres Universums. Nur sie und der Mond und das Dunkel zwischen den Lichtern.
„Eine herrliche Nacht für Träumerinnen, nicht wahr?“
Sam schreckt auf, die tiefe männliche Stimme dringt wie ein kühler Windhauch an ihr Ohr. Sie fühlt sich wie eine Irre, will schon in hysterisches Lachen ausbrechen und sich selbst tadeln, als sie sich dem Urheber dieser Worte zuwendet. Und er ist keineswegs nur ein Hirngespinst. 
Ein Mann hockt auf dem Dach und grinst sie verschmitzt an. Als er andeutet, zu ihr herein zu kriechen, springt Sam einen Meter zurück, schnellt dann jedoch wieder nach vorn und knallt das Fenster mit all ihrer Kraft zu.
„Ok, das war sicher doch nur Einbildung. Ich drehe mich jetzt noch einmal um und schaue raus. Und da werde ich nichts sehen! Es sitzen keine Männer auf Dächern.“
Sam wirft einen zaghaften Blick nach draußen und sieht tatsächlich nichts. Erleichtert fasst sie sich an die Stirn, ihr Puls beruhigt sich mit jedem Schlag ein wenig mehr.
„Hallo“, begrüßt die Stimme von vorhin die junge Frau erneut.
Wie vom Blitz getroffen erstarrt Sam, als sie den Fremden in ihrem Zimmer entdeckt. Seine frechen Augen mustern sie mit Neugierde. Entsetzt greift Sam nach der erstbesten Waffe, die sie in die Finger kriegt. Einen Regenschirm mit Ausklappautomatik.
„Geh weg! Weg, weg, weg! Geh, oder ich ...“
Ehe sie aussprechen kann, springt der Schirm wie ein möchtegern Schutzschild in ihren nervös zitternden Händen auf und entlockt dem Mann vom Dach ein zutiefst amüsiertes Lachen. Mit einem leichten Schnippen seines Zeigefingers entledigt er sich der Barriere.
„Da musst du dir nun wirklich besseres einfallen lassen“, raunt er. Diese Stimme geht Sam unter die Haut. Es fühlt sich an, als würde sie bei einem Konzert an den Boxen stehen und die Vibrationen bis tief in ihre Knochen fühlen.
„Verschwinde!“, schreit die verängstigte Frau in dem vergeblichen Versuch, bedrohlich zu klingen. Sie hebt die Hände und formt diese zu Fäusten, als könne sie in diesem Zustand  auch nur einer Fliege etwas zu Leide tun. Wackelige Beine, Arme wie Pudding. Wie sie sich kennt wird ihr Magen bald unter dem Ansturm des Adrenalins kapitulieren. Dann wäre sie leichte Beute für den Fremden, der sicher nichts Gutes im Sinn hat.
„Ruhig, ich tue dir nichts“, verspricht er flüsternd. „Aber du musst ruhig bleiben.“
Sam drückt sich an die Wand, so eng wie nur möglich. Doch je näher er ihr kommt, desto mehr wird klar, dass es keine weiteren Fluchtweg gibt. Sie sitzt in der Falle.
Unablässig tritt der Eindringling näher. Nur wenige Zentimeter vor Sam's Faust bleibt er stehen, greift nach dieser und haucht dann einen zarten Kuss auf den zusammen gedrückten Handrücken. Sam versteht nicht, runzelt die Stirn und betrachtet den seltsamen Mann misstrauisch. Sie kann die Fragezeichen geradezu um ihren Kopf tanzen sehen.
„Ian. Freut mich, dich kennen zu lernen, schöne, verängstigte Frau.“ Mit einer leichten Verbeugung stellt er sich vor, mit einem Zwinkern unterstreicht er das Wort „Freut“. Sein wahrscheinlich charmantestes Lächeln schmückt seine Lippen. Sam's Knie drohen unter ihr weg zu sacken, so weich werden diese verräterischen Gliedmaßen in Anbetracht der knisternden Szenerie. Langsam lässt sie die Arme sinken, gewinnt stetig die Fassung zurück, wird jedoch nicht die Spur unachtsamer. Diesen Mann wird sie genau im Auge behalten müssen. Er ist immer noch ein Einbrecher. Ein viel zu heißer Einbrecher. Erst jetzt nimmt Sam sein Aussehen wirklich wahr. Er trägt einen langen schwarzen Mantel, fast schon klischeehaft. Der Mantel ist offen und man erkennt ein dunkelblaues T-Shirt darunter, unter dem sich widerrum stahlharte Muskeln abzeichnen, die wirken wie in die Kleidung geprägt. Ein brauner Haarschopf, ziemlich verwuselt für einen so attraktiven Menschen, ziert den Kopf des Fremden. Allerdings macht ihn diese Tatsache nicht minder schön. In seinen Augen leuchten die Sterne. Die tiefblaue Nacht muss seine Mutter sein, so sehr erinnern diese Gebilde Sam an den Himmel, den sie bis eben noch durch das Fenster angesehen hat.
„Gefällt dir, was du siehst?“, fragt Ian, breitet die Arme aus und dreht sich einmal um die eigene Achse. Sam's Gesicht wird noch vor Röte explodieren, also schüttelt sie hastig den Kopf und versucht von ihrer Scham abzulenken. Mit Fragen. Mit verdammt guten Fragen!
„Was hast du in meiner Wohnung zu suchen? Wie bist du überhaupt hier rein gekommen? Was hast du auf dem Dach gemacht? We ...“
Eine Hand legt sich über ihren Mund und drückt sachte zu. Genug, um sie zum Schweigen zu zwingen. Protestierend murmelt Sam gegen die Hand an.
„Langsam“, mahnt Ian. „Ich kann mir nicht die ganze schöne Vollmondnacht deine unzähligen Fragen anhören. An die Antworten, die ich dir geben müsste, mag ich schon gar nicht denken.“
Sam stöhnt und verdreht die Augen. Jetzt, wo der Schock nachgelassen hat, will sie Antworten! Schön und gut, dass er sie nicht töten, vergewaltigen oder sonstwas wird, aber was macht er dann in ihrer Wohnung? Wenigstens dieses Geheimnis könnte dieser Mistkerl endlich lüften. Die Neugierde brennt in ihrem Bewusstsein und verlangt nach Nahrung!
Sam's Proteste verstummen und Ian's Hand lässt ein wenig locker.
„Ich werde dir eine Sache verraten, wenn du nicht wieder los plapperst. Einverstanden?“
Sam nickt, vielleicht würde sie ja in einer entspannteren Atmosphäre noch etwas mehr aus ihm heraus bekommen. Der Eindringling hält Wort und gibt ihren Mund frei.
„Ich bin Ian, der Nachtschatten. Ich bin nur auf der Durchreise, rein zufällig kam ich an dein offenes Fenster. Du hast nicht das geringste zu befürchten, meine Teure. Vor allem, da ich dich nun wieder verlasse.“
Als er auf das Fenster zu geht klammert Sam sich an den muskulösen Arm des Nachtschattens. Er kann doch nicht einfach gehen und noch mehr Fragen zurück lassen! Das würde sie so nicht akzeptieren. Er hat ihr eine Heidenangst eingejagt, ist bei ihr eingebrochen – Gott weiß wie er das durch das geschlossene Fenster geschafft haben mag. 
„Du bleibst!“, erwidert Sam und verstärkt den Klammergriff. „Du hast dir genug geleistet um mir diese Antworten zu schulden, Freundchen!“
„Nanu, auf einmal so selbstbewusst? Ich dachte ja gerade das wäre nicht deine Stärke.“ Ian schmunzelt als Sam's Wangen erneut erröten. Er hat den wunden Nerv getroffen. Zufrieden öffnet er mit der freien Hand das Fenster und will sich von der Frau befreien. Diese aber ist wohl das hartnäckigste weibliche Wesen, das ihm je begegnet ist. 
„Du bleibst!“, wiederholt Sam. Es ist wie im Traum. Sie glaubt immer noch nicht so recht, dass dieses Zusammentreffen real ist. Sie glaubt auch nicht, dass das da sie selbst ist. Als könne sie, die schüchterne Kleine, irgendeinem Mann – oder auch irgendeiner Frau – überhaupt auch nur ein Fünkchen Paroli bieten. 
Ian versucht die Klette abzuschütteln, ohne Erfolg. Das Fenster ist offen, er könnte einfach hinaus springen ohne Rücksicht auf die Frau an seinem Arm. Früher oder später wäre er dieses lästige Wesen los. Doch ein Gentleman verhält sich nicht derart ungehobelt. Seine guten Manieren werden dem Nachtschatten zum Verhängnis. Er nickt anerkennend und wendet sich vom Fenster ab. Sam lässt locker, sodass er seinen Arm befreien kann.
„Du willst Antworten? Meinetwegen.“
Sam jubelt innerlich.
„Doch sei gewarnt. Du wirst vergessen.“
„Ich werde was?“
Um sie abermals zum Schweigen zu bringen presst er seinen Zeigefinger auf ihren Mund. Als sie sich beruhigt, zieht er ihn zurück.
Er umfasst Sam's Schultern und drängt sie in Richtung Fenster. Dann deutet er auf das nächtliche Himmelszelt.
„Siehst du die Sterne?“
Sam nickt. Sie sagt kein Wort, um ihn nicht zu unterbrechen.
„Heute Nacht werden einige dieser Sterne für mehrere Minuten aufhören zu strahlen. Wenn sie gleichzeitig wieder Feuer fangen, wird sich das Tor zur Unterwelt öffnen. Wir nennen das Sternengewitter.“
Es klingt wie ein Fantasyroman, eine unglaubliche Geschichte, wie sie nur der Vorstellungskraft eines leidenschaftlichen Schreibers entspringen kann. 
„Sternengewitter“, flüstert Sam vor sich hin. Ian tätschelt ihr den Kopf und fährt dann fort.
„Bald ist es so weit. Um Mitternacht wird es geschehen. Nur wir Nachtschatten können das Tor von dieser Welt aus sehen. Und nur wir können diese Welt vor ungewünschten Eindringlingen schützen.“
Und Sam macht sich Gedanken um eine dämliche Schwärmerei, wo doch die Mächte der Hölle in dieser Vollmondnacht um Einlass in die Menschenwelt kämpfen würden.
„Kommt denn jemand durch? Ich meine, hierher?“, fragt sie ängstlich.
„Manchmal. Aber nicht viele und wenn doch fangen wir sie und sorgen für ihre Exekution.“
Ian blickt Sam tief in die Augen. Wieder sieht sie die Sterne in ihm leuchten. Wie hypnotisiert fragt sie schließlich: „Werde ich dich wiedersehen?“
„Nein“, erwidert Ian sachlich. Er wendet sich wieder dem Fenster zu und entschwindet wortlos in die Nacht. Sam eilt zum Fenstersims, starrt dem Nachtschatten hinterher, kann ihn allerdings nirgends mehr entdecken. Enttäuscht lässt sie den Kopf sinken.
„Hey“, erklingt seine Stimme vor ihr. Er baumelt an der Wand, eine Hand an der Regenrinne bewahrt ihn vor dem Sturz. „Kopf hoch, Mädchen. Heute Nacht warst du stark. Denk an das Sternengewitter. Kämpfe gegen die Dämonen in deinem Herzen und lebe ohne Zweifel.“ Er streckt seine Finger nach ihrem Kinn aus und hebt Sam's Kopf leicht an. „Er hat dich nicht verdient“, sagt Ian mit wissendem Blick und drückt Sam einen Abschiedskuss auf die Lippen. Sie schließt die Augen, genießt den Moment. Als sie die Lider aufschlägt ist er verschwunden. In der Ferne sieht sie die ersten Sterne verlöschen.

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