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Samstag, 24. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 24

„Die Plätzchen wurden nicht gestohlen“, verkündete der Weihnachtsmann lachend. „Ich habe die Lieferung am frühen Abend bereits erhalten. Weitaus früher, als ich sie sonst immer bekomme. Es waren ein paar weniger als sonst, aber damit komme ich aus.“
Emma, Tom, Marta und Collin wechselten verwirrte Blicke. Niemand hatte die Plätzchen  gestohlen? Doch warum wussten weder die Magd noch der Oberwichtel von deren Verbleib und dass sie bereits dem Weihnachtsmann zugestellt wurden? 
„Aber wie? Ich habe niemanden mit den Plätzchen geschickt!“, rief Marta aus.
„Unerhört. Ich habe auch niemanden empfangen, der die Plätzchen für Euch abgegeben hätte, Herr“, schaltete Collin sich ein. Die beiden Angestellten des Weihnachtsmannes liefen knallrot an. Sie hatten sich bis vor wenigen Minuten noch lautstark gegenseitig beschuldigt und nun war niemand von ihnen der Übeltäter. Das ließ nur noch den Dritten im Bunde als Lösung des Rätsels zu. Der Engel räusperte sich.
„Ich denke, ich kann das erklären“, sagte er scheu. Das Unbehagen stand ihm ins Gesicht geschrieben und Emma wartete gespannt auf seine Geschichte. Auf den letzten Rest der Wahrheit.
„Ich habe die Plätzchen am Nachmittag aus der Backstube entwendet, habe ein paar davon eingesteckt und die restlichen beim Weihnachtsmann abgeliefert“, gestand Tom reumütig. Verblüfft starrten Marta und Collin den Engel an. Mit allem hatten sie gerechnet, doch nicht damit. 
Collin fluchte. „Ich wusste es, dir kann man nicht trauen!“
Marta stemmte die Hände in die Hüften. „Da brat mir doch einer einen Storch, du Schuft. Schäm dich, Tom, uns das alles anzutun. Und wozu? Sag es!“
Emma stellte sich schützend vor den Engel und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sah sie an mit einem Blick,  der von tiefer Wehmut sprach. Das Mädchen nickte, der Engel führte seine Erklärung fort. „Ich habe Emma kennenlernen wollen. Dazu musste es einen Weg geben, dass ich zur Erde durfte. Ich habe euch beide“, Tom deutete auf Marta und Collin, die aufgeplustert wie zwei Luftballons vor ihm standen und kurz vor dem Platzen zu sein schienen. „in Unwissenheit gelassen. Anders war es nicht möglich, ihr musstet getäuscht werden. Dann habe ich die Plätzchen, die ich aus der Packung genommen hatte, zerbröselt und eine kleine Spur in Emmas Zimmer legen lassen während sie schlief.“
„Du hattest auch noch Komplizen???“, schrie Marta entsetzt auf. Sie holte mit der Hand aus, wollte dem Engel eine Ohrfeige verpassen. Der Weihnachtsmann trat vor und fing ihren Arm auf. Er schüttelte stumm den Kopf. Die Bäckerin zog schuldbewusst den Kopf ein, ging dann zwei Schritte zurück. Der wenige Abstand ließ Emma aufatmen. Sie selbst wäre der Magd sicher kein ausreichendes Hindernis gewesen.
„Mit ein wenig Sternenstaub und ein bisschen Fantasie kriegt man auch Lebkuchenmänner dazu, dass sie kleine Botengänge erledigen“, meinte Tom schulterzuckend. 
Emma lachte auf. „Deshalb ist Felice also sauer auf dich?“, fragte sie heiter. „Hast du ihr einen Lebkuchenmann geklaut und für deine Zwecke missbraucht?“
Tom grinste frech, schenkte Emma ein Zwinkern. Ein echtes Zwinkern. Ihr Blut kochte vor Freude, dass sie endlich keine Lügen mehr hinter seinen Augenlidern sah. 
„Nun, dann müssen wir wohl nun die Konsequenzen ziehen“, murmelte der Weihnachtsmann. Tom erstarrte. Er senkte beschämt den Kopf. Das Menschenmädchen ergriff die Hand des Engels. Als er feste zudrückte, ergriff eine Wärme Besitz von ihr, die sie auf diese Weise nicht kannte. Ein Kribbeln wuchs in ihrem Magen heran. Keine Schmetterlinge, eher eine Schar Glühwürmchen, die wild um die Wette blinkten.
„Tom. Du hast weiterhin Erdenverbot. Zudem darfst du dieses Mädchen hier nicht mehr besuchen. Tut mir wirklich leid.“ Der alte Mann sprach sein Urteil und fing sich einen kritischen Blick von Emma ein. 
„Aber ich möchte das nicht!“, widersprach sie. „Gibt es denn kein milderes Urteil? Eine Mäßigung? Er hat mir nichts getan und außer mir weiß auch niemand von ihm.“
Grübelnd ging der Weihnachtsmann auf und ab. Marta erhob die Stimme. „Ich denke, Ihr solltet Eure Strenge beibehalten. Schließlich ist das schon fast ein Wiederholungsvergehen.“
„In der Tat“, stimmte Collin hastig zu. „Er hat keine Milde verdient.“
Mit einem Ausdruck des Grolls wandte der Weihnachtsmann sich an seine Mitarbeiter. „Ach. Und welche Strafe erwartet ihr beide von mir? Ich wusste all die Jahre von euren Machenschaften. Ich habe euch keine Strafen gegeben. Weil ihr euch im Lauf der Zeit als sehr gute Mitarbeiter heraus gestellt habt. Soll ich diese Milde auch wieder zurücknehmen?“
Marta und Collin zogen sich kleinlaut zurück, hoben abwehrend die Arme. 
„Nein“, sprachen sie im Chor und der Weihnachtsmann nickte. 
„Geht wieder an die Arbeit. Los. Das hier hat mit euch nichts mehr zu tun.“
Emma konnte den zweien nicht mit Blicken folgen, so schnell waren sie verschwunden. Traurig sah sie zum Weihnachtsmann auf, während sie Toms Hand umso fester drückte. Sie wollte ihren neuen Freund, ihren Engel nicht mehr loslassen. Er hatte sich doch nur seinen Wunsch erfüllt. Wie konnte man ihm denn daraus einen Strick drehen?
„Nun gut“, grummelte der Alte. Emma und Tom lauschten ihm aufmerksam. „Tom. Du wirst die nächsten fünf Jahre vom Engeldienst suspendiert. Du wirst direkt für mich arbeiten, als mein Bote. Keine Erdenbesuche. Nach Ablauf dieser fünf Jahre darfst du zur Erde zurückkehren, aber nie wieder in den Himmel.“
„Ihr gebt mir ein neues Leben?“ Tom riss erschrocken die Augen auf. War es Furcht oder Freude, die aus seinem Blick strahlte?
„Nenn es Verbannung, das klingt für eine Strafe weitaus besser.“ Der Weihnachtsmann lächelte keck und blinzelte einige Male übertrieben. Emma sprang schreiend hervor, umarmte den alten Mann, der dabei beinahe umfiel. 
„Danke, danke, danke!!!“, kreischte das Mädchen aufgeregt.
„Nicht so schnell!“, fuhr er fort. „Fünf Jahre. Ihr dürft euch Briefe schreiben, mehr nicht. Danach wird Tom aus dem Himmel verbannt und lebt wieder als Mensch. Kein Fliegen mehr“, betonte der Alte.
„Und jetzt los. Tom, bring das Kind zurück zur Erde und dann flieg zum Nordpol. Ich werde meinen Boten brauchen.“
Ohne weitere Worte ging der Weihnachtsmann davon. Emma und Tom sahen sich schweigend eine Weile an. Dann reckte der Engel die Flügel, breitete die Arme aus. Die Einladung zum allerletzten Flug ihres Lebens. Emma nickte freudig. Am Ende hatten die verfluchten Plätzchen ihr Weihnachten doch nicht gestohlen.


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Wie geht es weiter mit Emma und Tom? Nun, ich weiß es. Zumindest teilweise, ein paar Bilder habe ich doch im Kopf dazu. Ein Weihnachtsspecial werde ich aus Zeitgründen nicht schreiben. Hoffentlich könnt ihr mir das nachsehen, denn dieses Wochenende ist der Familie gewidmet. Und da bin ich jetzt gerade, wenn dieser Post online geht. Aber ich kann euch versichern, Emma und Tom werden noch lange Zeit Freunde sein. Und Emma wird sein Geheimnis gut bewahren. Tom unterdessen schreibt jeden Tag mit ihr und schickt ihr kleine, verzauberte Botschaften in seinen Briefen. Er klaut immer noch vom Sternenstaub. Emma lernt fleißig mit der Gitarre. Sie hat schon etwas aufgenommen und eine CD für den Engel gebrannt, in der Hoffnung, dass er das im Himmel überhaupt abspielen kann. Probieren geht ja immerhin über studieren ;).

Ich wünsche euch allen ein Frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Ich werde mir die nächste Woche Zeit nehmen, einiges wegzuarbeiten. Es gibt viel zu lesen und zu schreiben. Und im neuen Jahr wartet noch viel, viel mehr Arbeit. Aber die Schmökerbucht soll nicht verstummen. Ich halte euch gerne mit Geschichten und Rezensionen auf dem Laufenden ;). Also nicht weglaufen. Ich komme wieder. Wir lesen uns!

Freitag, 23. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 23

"Was im Namen der Weihnacht geht hier vor?", brummte der Weihnachtsmann. Er sah genau so aus, wie man ihn sich eben vorstellte. Als wäre sein Abbild aus der Cola Werbung gesprungen, rote Uniform und Zipfelmütze. Dazu die schwarzen Stiefel, der Gürtel mit der goldenen Schnalle um den dicken Bauch. Die runden Gläser seiner Brille thronten auf seiner Knollennase. Das Gestell war dünn genug im Vergleich zu dem großen, rundlichen Gesicht des alten Mannes, dass man es leicht übersehen konnte. Der weiße Bart schien äußerst gepflegt und Emma war sicher, dass er noch weitaus weicher war als die Wolken unter ihnen.  
Marta und Collin lauschten auf. Sie hatten den alten Herrn bemerkt und erblickten nun auch Tom und Emma. Die Scham stand beiden ins Gesicht geschrieben. Es war sowohl dem Wichtel als auch der Magd sofort klar, dass der Engel und das Menschenkind gelauscht hatten. 
"Das fragt Ihr das Kind zurecht!", rief Marta herüber. Sofort fand sie in ihre übliche Rolle zurück. Collin nickte eifrig, stimmte der Frau zu. Eben noch waren sie Konkurrenten gewesen, jetzt wetterten sie beide gegen ein unschuldiges Mädchen, um sich selbst zu schützen. Emma verzog das Gesicht und streckte ihnen frech die Zunge heraus. Der Weihnachtsmann quittierte dieses Verhalten mit einem tiefen Räuspern und das Mädchen zuckte zusammen. 
"Ich höre, Kind." 

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 22

"Du warst das!", schallten die Worte aus der Ferne zu den beiden Fliegenden. Emma erschrak vor dem Geschrei. Tom verstärkte seinen Griff um seine Begleiterin, die beinahe aus der Umklammerung des Engels rutschte. 
"Pssst", mahnte er sie. "Wir nähern uns der anderen Seite. Dort befindet sich die Weihnachtswerkstatt. Hinter der umgrenzenden Mauer können wir uns verstecken und unbeobachtet mithören."
"Sind wir am Nordpol?", fragte Emma verwirrt. Es war weder kälter geworden noch sah sie am Erdboden eine kahle Eiswüste. Sie konnten nur wenige Kilometer weit geflogen sein. Möglich, dass ihr Gefühl für Höhe und Weite mittlerweile zu sehr getrübt war. In den Armen ihres Engels vergaß sie beim Fliegen alles um sich. Zu schön war die Aussicht, zu berauschend das Fliegen selbst. Zuletzt hatte sie mit geschlossenen Augen einfach nur den Wind in ihrem Gesicht genossen.
Tom schüttelte den Kopf. "Das hier ist eine Zweigstelle. Die Hauptstelle ist natürlich am Nordpol bei den Ställen, der Startbahn, dem verborgenen Weihnachtsdorf. Ich erzähle dir später gerne mehr, aber jetzt gibt es Wichtigeres."
Emma nickte fügsam, während Tom sie sachte auf die Wolke flog. Die Werkstatt bestand aus einer mittelgroßen Lagerhalle mit flachem, rötlichem Dach. Unscheinbar und grau thronte sie über der Menschheit. Der Engel landete direkt neben dem blechernen Gebäude, das unmittelbar am Rande des Himmels stand. Kleine Fenster, zu hoch oben, als dass man mit menschlicher Körpergröße hinein spähen konnte, zierten die Außenwände. Tom zog seinen Schützling langsam herüber zu dem Eingangsbogen. Emma lauschte auf Hammerschläge und das Geräusch von Bohrmaschinen. Oder sonst einem Werkzeug, das fleißige Arbeit an den Geschenken der Kinder verlauten ließ. Aber es blieb still.
Die beiden erreichten das Tor. Eine Mauer aus Zuckerstangen umrundete das Gelände, zwischen jeder Stange ragte eine undurchsichtige, metallene Wand herauf. Der Anblick mutete beinahe bizarr an. Offenbar der verzweifelte Versuch, das Fabrikgelände ein wenig ansehnlich zu gestalten. Die grüne Farbe der Zwischenwände bröckelte bereits und darunter wurde schmutziger Stahl sichtbar. In diesem Moment jedoch bot die hässliche Fassade ein willkommenes Versteck.
"Du hast die Plätzchen gestohlen und willst mir die Schuld in die Schuhe schieben!"

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 21

Tom warf Emma einen verständnislosen Blick zu. Doch das Mädchen erkannte mehr als nur das in seinen Augen. Vorsicht und Zurückhaltung. Eine unterschwellige Anspannung, nur ein halber Lidschlag verriet die Unsicherheit des Engels. Aber Emma blieb nichts verborgen. Sie glaubte nicht daran, dass Tom vollkommen unschuldig war. Seit Stunden streifte sie mit ihm zwischen Himmel und Erde umher, suchte Hinweise zu einem mysteriösen Plätzchendiebstahl, wusste noch immer nicht das Geringste über ihren geflügelten Begleiter.  
"Was meinst du, Emma? Ich habe keinen Schimmer, wovon du sprichst." Tom setzte sein verführerischstes Grinsen auf. Das Schauspiel beeindruckte Emma dieses Mal kein bisschen. Sie verschränkte trotzig die Arme und starrte ihn fordernd an.  
"Du verbirgst etwas vor mir. Ich komme nicht von selbst dahinter, also sag endlich, wieso du mich unbedingt begleiten wolltest. Was hast du davon?", fragte Emma stur. Sie deutete auf die Umgebung, auf die Wolken wie auch die Erde darunter. "Das alles hier ist so unreal. Und ist es doch nicht. Und du bist unmöglich. Du hast mir schon einmal gezeigt, dass ich dir lästig bin. Dann plötzlich bist du freundlich. Dann hältst du wieder Abstand, bist genervt oder von einem zum anderen Moment fürsorglich." 
Tom hob die Hand an den Kopf und strich durch seine Haare. Das Grinsen verschwand und wich einer zusammengepressten Linie in seiner Mine. Er kaute auf den Lippen, unschlüssig, wie er sich dieses Mal herausreden sollte. Emma wusste es. Der Engel verriet sich allein durch seine Gestik. Sie hatte ihn am Haken. Ein Gefühl von Stolz wuchs in ihrem Magen, ein aufgeregtes Kribbeln zeugte davon.  
"Emma", begann ihr Begleiter, verfiel danach erneut in Schweigen. Emma glaubte fast, er würde einfach fort fliegen und nie mehr zurückkehren. Einige Schritte entfernte er sich, straffte die Federn, blieb aber doch stehen. "Ich helfe dir, weil ich dir helfen will. Mehr musst du nicht wissen. Wir müssen Marta suchen, sie hat die Finger im Spiel." 
Der Engel setzte zum Abflug an. Emma sprang hervor, klammerte sich an seinen Körper und hinderte ihn an der Flucht. Sie war sicher, er hätte sie im nächsten Augenblick auf dieser Wolke alleine gelassen. Wütend krallte sich an ihm fest. Tom zuckte erschrocken zusammen, betrachtete das Mädchen, das so verzweifelt an ihm hing. 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 20

Felice schüttelte den Kopf. Tom folgte ihrem Beispiel. Mit Zeigefinger und Daumen rieb der Engel über die Sorgenfalten in seiner Stirn.  
"Woher weißt du davon?", fragte die Bäckerin. 
"Eine Stimme sagte es eben. Keine Ahnung, wer es war. Aber sie sagte, dass der Weihnachtsmann mithilfe der Plätzchen Weihnachten über die Welt bringt." 
Tom seufzte. Schweigend zupfte er an einer seiner weißen Federn. Felice spielte erneut an ihrem Zopf herum, während Emma ungeduldig auf eine Antwort wartete. 
"Weißt du, Emma", begann Felice schließlich und Emma nickte zufrieden. "Der Sternenstaub in den Plätzchen verstärkt die Magie des Weihnachtsmannes. Ohne diesen kleinen Energiekick reicht sein Zauber nicht aus, um die Welt in einer Nacht zu umrunden und derart viele Kinder zu beschenken. Versuch nur einmal nachzurechnen, wie viele Kinder er in der Sekunde besuchen müsste." 
Emma überlegte einen Moment. Sie hatte sich ohnehin schon immer Gedanken darum gemacht, wie ein alter Mann mit einem Schlitten und ein paar Rentieren diesen Job in einer Nacht erledigen sollte. Selbst wenn nicht alle Menschen der Welt an ihn glaubten, es bliebe noch immer eine schier unendliche Menge an Kindern übrig.  
"Wie wirken die Plätzchen?" Emmas Frage überraschte die Bäckerin nicht. Stattdessen grinste die Frau, ging dann zu einem der Regale. Im obersten Fach stand ein weiteres Glas wie jenes, das das Menschenmädchen zuvor umgestoßen hatte. Felice nahm es herunter, öffnete vorsichtig den Korken und nahm eine Handvoll Glitzerstaub aus dem Gefäß.  
"Sternenstaub steckt voller Wunder. Er lässt Wünsche wahr werden und manifestiert sie nach der Vorstellungskraft desjenigen, der den Zauber webt", erklärte Felice. Sie richtete sich ihrer Arbeitsplatte zu und blies zaghaft auf ihre Handfläche. Der Glitzerstaub legte sich über Teigrolle und Plätzchenformen und belebte die Gegenstände im nächsten Augenblick. Die Teigrolle stand aufrecht und sprang in einem wirren Rhythmus über den Tisch. Die Ausstecher suchten eilig das Weite, sie schienen nicht begeistert von der Vorführung des massigen Stückes Holz. Emma beobachtete das Schauspiel mit großen Augen. Zumindest bis die Utensilien nach wenigen Sekunden erstarrten und zu Boden fielen. 
"Siehst du?", ergriff Tom das Wort, der bis dahin nur still in der Ecke gestanden hatte. "Wie auch schon bei dem Schneemann. Du stellst dir vor, was du dir wünschst. Dann lässt du es mit dem Sternenstaub Wirklichkeit werden." 
"Wie macht der Weihnachtsmann das?" Emmas Neugierde war geweckt. Sie sponn etliche Ideen in ihren Gedanken zu einem verworrenen Knäul voller Fantasie. Was man mit diesem Wundermittel alles anstellen konnte. 
Der Engel schaute hastig zu Felice herüber, die gerade das Glas mit dem restlichen Sternenstaub zurück in das Regal stellte. Als sie seinen Blick bemerkte, legte sich ein hämisches Grinsen über ihre Züge. 
"Da habe ich dem Engel wohl doch noch etwas an Wissen voraus", prahlte die Bäckerin. "Es gibt mehrere Möglichkeiten. Der Weihnachtsmann isst von den Plätzchen und wird von der Magie erfüllt. Er kann dann entweder die Zeit für seine Umgebung verlangsamen oder seine eigene beschleunigen." 
Tom stimmte mit einem Nicken zu. Emma schritt nachdenkend auf und ab. Die roten Kacheln der Bäckerei strahlten eine angenehme Wärme aus. Mit den Augen malte sie die dünnen Linien zwischen den einzelnen Steinen nach, folgte den Formen und begann von Neuem. Sie stellte sich den Weihnachtsmann vor, der ohne seine Plätzchen in dieser Nacht Weihnachten nicht bewältigen konnte. 
"Aber kann man ihn nicht einfach mit Sternenstaub überschütten? Also ich meine den Weihnachtsmann. Bei mir hat doch eben auch die Magie gewirkt. Es muss doch funktionieren." 
Emmas Frage entlockte der Bäckerin und dem Engel ein hysterisches Lachen. 
"Wenn das nur so einfach wäre. Er muss den Staub in sich aufnehmen. Und hast du schon einmal versucht, Staub zu schlucken? Daher die Plätzchen. Und erinnerst du dich nicht, du bist ohnmächtig geworden. Die Magie war da, um dich herum und in deinem Kopf. Aber wäre es von Vorteil, wenn der Weihnachtsmann vor dem Abflug das Bewusstsein verliert?", erläuterte Felice stolz. Die Rolle der ermahnenden Mutter erfüllte sie nahezu lückenlos. Einen Augenblick glaubte Emma, ihre eigene Mutter in der gutherzigen Frau zu sehen.  
Das Mädchen gab nicht auf, sie wollte mehr wissen. "Wie viele Plätzchen braucht er?" 
Felice hob den Blick an die Zimmerdecke und zählte in Gedanken nach. Sie schloss die Augen, ihre Lippen bewegten sich im Takt der Ziffern, die sie sprach.  
"Zwölf. Ein Plätzchen für jede Stunde seiner Reise. Es wird jedoch immer ein Vorrat von etwa sechsunddreißig Plätzchen gebacken. Falls etwas schief geht." Felice schloss ihre Ausführungen. Sie marschierte zu den Lebkuchen, deren dekorative Schrift in der Zwischenzeit getrocknet war, und füllte sie in eine Keksdose um. Dabei summte sie das Lied "Rudolph, the red nosed Reindeer". Tom stöhnte entsetzt auf. Das schien nicht der Weihnachtssong seiner Wahl zu sein. 
"Wir haben keine Zeit für die Fragestunde, Emma. Wir müssen deine Unschuld beweisen", murrte der Engel, verschränkte die Arme. Er wirkte wie ein aufmüpfiger Teenager. 
"Aber eines noch!", rief Emma, als er sich bereits zum Gehen wand. "Was ist mit Collin?" 
Felice warf Tom einen bedeutungsvollen Blick zu. "Du bist dran. Ich habe genug gesprochen und noch eine Menge zu tun." Noch immer summend verschwand die Bäckerin in einen kleinen Lagerraum.  
Der Engel verdrehte genervt die Augen. Seine Hand hielt längst den Türgriff, seine Ungeduld schien greifbar. Er trug dieses Rastlosigkeit wie einen Schild oder einen undurchdringlichen Umhang, unter dem er sogar seine riesigen Flügel verstecken konnte. So triefte seine Ausstrahlung von Negativität und Emma schüttelte den Schauer von sich, der ihren Körper ergriff. 
"Collin hat lange Zeit in der Wichtelwerkstatt gearbeitet. Wo sie die Spielzeuge herstellen", erzählte ihr Begleiter, um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden. "Er hatte gute Ideen, wie man den Herstellungsprozess beschleunigen konnte. Aber alles wurde abgelehnt. Bis einige Jahrzehnte später die Anzahl der Kinder soweit explodiert war, dass man die Idee doch umsetzte. Collin wurde dafür nicht entlohnt, ihm wurde nicht einmal gedankt. Er arbeitete weiterhin in der Werkstatt." 
"Wie ist er Oberwichtel geworden?", fragte Emma, betroffen von der Geschichte. Weder Marta noch Collin war das Glück hold gewesen.  
"Er hat die Sache mit Marta herausgefunden." Tom zog die Stirn kraus und öffnete die Tür. Mit einem Winken befahl er dem Menschenmädchen, ihm hinaus zu folgen. "Er hat sie erpresst. Die Meisterbäckerin kann wahrhafte Zauberkünste mit ihren Sternenstaubplätzchen vollbringen. Und so ließ sie dem Weihnachtsmann Plätzchen mit manipulativen Kräften vorsetzen. Als er dann Collins Bewerbung vor Augen hatte, sagte der Alte nicht nein." 
Die kriminelle Energie im Himmelsreich erstaunte Emma immer wieder aufs Neue. Sie suchte in Toms Gesicht nach einer Spur der Geheimnisse, die er hinter seiner Maske verbarg. Fand sich dort ein roter Faden, mit dem sich alles zusammen fügte? 
"Woher weißt du das eigentlich alles? Und Felice. Ich meine, das sind nicht gerade die Geschichten, mit denen Marta und Collin angeben würden." Emmas Misstrauen wuchs, denn die Folgerung war schlüssig. Es gab ein Leck unter den Anhängern des Weihnachtsmannes. Jemand, der alle Informationen kannte und sie verbreitete. Nur dem alten Mann mit dem weißen Bart kamen diese Schandtaten wohl nicht zu Ohren. Andernfalls würde er sicher weder die Magd noch den Wichtel weiterhin beschäftigen. Und wenn es diesen Jemand tatsächlich gab, so wusste er mit Sicherheit auch um den wahren Dieb der Plätzchen. Eine neue Hoffnung keimte in Emmas Gedanken. 
Tom zuckte die Schultern, gab den Unwissenden. "Es wird erzählt. Die Engel der Wache reden viel. Manch einer ist schon stutzig geworden. Einige konnten sich ebenfalls keinen Reim darauf machen, wie diese beiden so unerwartet aufsteigen konnten, wo sie es jahrelang nicht geschafft haben. Gerüchte entstehen, Wahrheiten werden aufgedeckt und als Stille Post im Himmelsreich verteilt." 
Das Mädchen lauschte aufmerksam. Sie hatten beide lange genug gesucht, waren einer Spur gefolgt, die zur einer unauffindbaren Marta führten und der Antwort noch immer keinen Schritt näher. Emma schaute noch ein letztes Mal zurück. Durch die Tür war sie getreten, vor ihr lag der Weg zu neuen Rätseln und hoffentlich auch Lösungen. Felice blieb verschwunden in der kleinen Kammer, sodass der Abschied ausblieb. Emma hoffte, dass sie dennoch eine Möglichkeit finden würde, der Frau zu danken. 
Tom schloss die Tür, reichte seinem menschlichen Anhängsel die Hand. "Komm. Lass uns mal weiter schnüffeln. Suchen wir Marta und konfrontieren sie mit den Vorwürfen." 
"Warte", unterbrach Emma den Engel. Sie hielt die eine Hand mit der anderen fest umklammert. Noch wollte sie diese nicht hergeben für einen weiteren Flug mit ihrem Begleiter. "Was ist dein Geheimnis, Tom?" 

Montag, 19. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 19

Emma musterte die junge Frau. Sie konnte dem Aussehen nach nicht älter sein als das Mädchen selbst. Und dennoch erkannte man in ihren Augen, dass sie weit mehr Jahre kommen und gehen gesehen hatte, als Emma aufzählen konnte. 
„Felice“, murrte Tom. „Schusselig wie eh und je.“
„Oh Tom“, erwiderte die Bäckerin. „Du bist keine Spur erträglicher geworden.“
Felice lachte, griff nach dem heißen Backblech und zog es gekonnt heraus. Ohne Handschuhe. Ungläubig betrachtete Emma das dampfende Stück Metall. Sah es womöglich heißer aus, als es tatsächlich war? Der Ofen ächzte und keuchte und Felice stieß hastig die Tür des feurigen Schlotes zu. „Die Wichtel in der Werkstatt werden sich freuen, wenn sie auch mal ein paar Lebkuchen kriegen“, sagte Felice. Vergnügt nahm sie einen Spritzbeutel aus dem Regal, füllte ihn anschließend mit einer hellen Masse. Zähflüssig und bestimmt süßer als jeder Zucker auf der Erde, dachte Emma. Die Bäckerin malte gedankenverloren Muster auf das Gebäck.
„Was wollt ihr hier?“, fragte sie schließlich, nachdem das Kunstwerk auf den ersten drei Lebkuchen vollendet war. Sie schaute sich nicht nach den ungebetenen Gästen um. Tom schritt die Gewürzregale ab, las die Etiketten, untersuchte die Küche gründlich. Er wagte nicht, in die Schränke und Schubladen zu schauen, wie er es in Emmas Haus getan hatte. Seine Hände hinter dem Rücken verschränkt verließ er sich allein auf seine Sehkraft. Ob er auf diese Weise die Lösung zum Rätsel um den Diebstahl der Weihnachtsplätzchen fand, das bezweifelte Emma sehr.
„Wir suchen Marta“, antwortete das Mädchen dann, denn der Engel war offenbar zu beschäftigt.
„Die ist nicht da. Schon seit einigen Stunden nicht. Ich habe die ganze Nacht hindurch alleine gebacken.“ Felice summte eine leise Melodie. Der Spritzbeutel leerte sich schnell, sodass die Bäckerin unvermittelt aufsprang und an Emma vorbei zu einem der Schränke rannte. 
Sie entdeckte Tom, der inzwischen doch eine der Türen geöffnet hatte und hinein spähte. Wütend stemmte die junge Frau die Hände in die Hüften.
„Mal ehrlich, hast du keine Manieren? Jetzt sag endlich, was ihr hier wollt. Ihr sucht nach Marta, aber was wollt ihr von ihr?“

Sonntag, 18. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 18

Die Geschichte wird irgendwie anders, als ich erwartet hatte. Ich habe schon das Gefühl, dass ich mich nun spurten muss, um zum 24. Fertig zu sein oO. Ich hätte noch so vieles vor, aber die Zeit wird knapp. Und die Spurensuche wurde erst jetzt so richtig angeheizt. Beispielsweise durch die Frage: Was hatte Marta in Emmas Zimmer verloren? Aber ruhig Blut, das muss nichts bedeuten. Vielleicht, vielleicht auch nicht ;). Es steckt nämlich noch ein weiteres Geheimnis in dieser Geschichte, Wie sich dieses Geheimnis im Endeffekt enthüllt, das erfahre selbst ich noch, wenn ich das Ende wähle. Die Idee kam mir vor zwei Tagen und ich fand sie so schön... Dabei hatte ich mir die Vorlage dazu schon Tage zuvor geliefert.  

Nun Gut, ich stelle euch noch einmal die drei Verdächtigen vor und ihre Motive: 

1. Marta 
Der Weihnachtsmann hat ihre Bewerbungen für die Weihnachtsbäckerei abgelehnt. Lange Zeit kämpfte sie darum, sich zu beweisen. Ohne Erfolg. Sie musste sich unlauterer Mittel bedienen, um die Stelle zu bekommen, und hegt seither einen Groll auf den guten, alten Mann. 

2. Collin 
Er entwickelte ein neues, innovatives Konzept für die Spielzeugherstellung, das allerdings vom Weihnachtsmann abgewiesen wurde. Erst als Jahre später die Zahl der Kinder immer weiter wuchs, wurde die Idee angenommen. Ohne Entlohnung. Mit Hilfe von Marta und einem verzauberten Plätzchen manipulierte er den Weihnachtsmann und erhielt seine Position als Oberwichtel. Auch er hegt Unmut gegen den Weihnachtsmann. 

3. Tom 
Da die Himmelswache an Weihnachten auf seinen Befehl hin seinen Schützling nicht vor dem Tod retten konnte - schließlich hatten sie am Nordpol genug zu tun - ist auch Tom dem Weihnachtsmann nicht sonderlich wohl gesonnen. Auch wenn dieser nur indirekt verantwortlich ist. 

Das sind die drei Verdächtigen. Den Zeugenaussagen des Schneemannes zufolge, wurde eine Elfen am Tatort gesehen. Diese Elfe hat einen Schatten in Emmas Zimmer gesehen, der deutlich Martas Form hatte. Emma und Tom befinden sich in der Backstube, wo sie nicht Marta, sondern die Aushilfsbäckerin antreffen. Weiß sie vielleicht mehr? 

Welche Fragen habe ich noch nicht beantwortet? 
  • Wessen Wunschzettel hat Tom gelesen? (siehe Türchen 11) 
  • Was hat Marta in Emmas Zimmer gemacht? (siehe Türchen 15+16)
  • Warum zum Teufel sind denn jetzt diese Plätzchen so wichtig, dass sie bis Heiligabend gefunden werden müssen? 

Mehr dazu folgt in Türchen 19, das ich dieses Mal länger schreiben werde, so wie auch die darauf folgenden Einzelteile. Denn um vor Heiligabend noch das Rätsel zu lösen, will ich alle verbleibenden Dinge geklärt haben. Und wenn es sich so ergibt, wie ich mir das wünsche, schreibe ich sogar noch zwei Weihnachtsspecial zu dieser Geschichte am 1. und 2. Weihnachtstag ;).  

Samstag, 17. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 17

Der Flug schien endlos. Emma starrte auf die tiefen Denkfurchen in Toms Stirn. Gedankenverloren stieg er höher und höher in den Himmel, ließ das Ziel nicht aus den Augen. Das Rot wurde intensiver, es blendete fast. 
"Jetzt spuck' es endlich aus, Tom!", bat Emma drängend. Sie wollte nicht länger im Dunklen gelassen werden. Wenn Marta tatsächlich etwas mit dem Diebstahl der Plätzchen zu tun hatte, musste es doch einen Grund geben. Emma kannte die Frau nicht so wie der Engel, da hatte er wohl recht. Sie kannte sie erst seit einigen Stunden. 
Ihr Begleiter seufzte. "Marta hat ihre Position mit unrechten Mitteln erhalten. Sie war früher auch als Schutzengel tätig, wollte aber mehr. Sie gab sich nicht damit zufrieden. Allerdings gelang ihr der Aufstieg nicht so schnell, wie es ihr lieb war. Sie rasselte mehrfach durch die Schutzengel-Prüfung." 
"Ihr legt eine Prüfung ab?", unterbrach Emma ihn. Tom verdrehte die Augen und lächelte. Dann setzte er die Geschichte fort. 
"Sie wollte schon immer in die Weihnachtsbäckerei, liebte das Backen über alles. Aber dafür musste sie zunächst einmal einen Pflichtdienst als Schutzengel ableisten und als es dann soweit war, wurde ihre Bewerbung vom Weihnachtsmann persönlich abgelehnt." 
Der Engel hielt einen Moment inne, in dem Emma geschockt aufkeuchte. Der gute, alte Mann mit dem weißen Bart und der lustigen Zipfelmütze, der Kinder seit Jahrhunderten mit Geschenken eine Freude bereitete, konnte ein strenger Vorgesetzter sein? Sie stellte sich vor, wie er ihren Schuldspruch ohne das Ansehen von Beweisen einfach unterschrieb. Sicher wäre er auch dazu fähig. Das Mädchen spürte Mitleid für die schroffe Magd. 
"Aber wie hat sie die Stelle dann doch noch bekommen?" 
"Die Bewerbungen werden vom Oberwichtel vorsortiert, er sucht die geeignetsten Kandidaten heraus. Diese werden dann vom Weihnachtsmann geprüft", sagte Tom. Ein kalter Gegenwind kam auf und der Engel hatte Mühe, dagegen anzusteuern. "Sie hat den Wichtel dann bestochen. Die gute Marta hatte nämlich ein neues Rezept entwickelt, das ihr bei weiteren Bewerbungen jedoch noch immer keinen Zuspruch vom Boss brachte. Sie bot dem Oberwichtel tägliche Plätzchenlieferungen ihrer speziellen Sorte an, wenn er die Mitbewerber einfach unter den Tisch fallen ließe. Er stimmte zu. Und deshalb hat sie den Job. Es ist nie aufgeflogen." 
Emma überlegte kurz. "Ist der Oberwichtel nicht Collin?" 
Tom lachte. In seinem Ausdruck erkannte Emma, dass er nicht sonderlich scharf war auf dieses Interview. Aber er antwortete schließlich dennoch. "Er ist der Nachfolger. Sein Vorgänger war der Bestochene. Aber Collin hat den Job auch nicht einfach nach einer Bewerbung bekommen." 
"Was meinst du damit?", fragte Emma weiter. Plötzlich hielten sie an. Ein Blick hinunter bestätigte ihr, dass beide auf einer Wolke standen. Ein Hauch von Freude ergriff das Mädchen. Wenn es auch nicht die besten Umstände waren, unter denen sie hergefunden hatte, so liebte sie die Himmelswelt trotz allem sehr. 
"Wir sind da", murmelte der Engel. "Reden wir später weiter, lass uns Marta finden." 
Der Eingang zur Backstube lag direkt vor ihnen. Begeistert lief Emma darauf zu. Es stand ein steinernes Haus auf den Wolken. Es stand! Sie traute ihren Augen kaum. Das Haus erinnerte sie an Hänsel und Gretel, wenn es auch nicht aus Lebkuchen sondern aus rotbraunen Backsteinen bestand. Die Fensterläden waren künstlerisch verziert. Emma kannte die Muster von Spekulatius-Plätzchen, aber die dargestellten Figuren hatte sie noch nie erkennen können. Zwei riesige Zuckerstangen umrahmten die Holztür. Sie liefen oben in einem Bogen zusammen. An ihren Spitzen baumelte ein dekorativer Mistelzweig. Emma lief rot an, als sie daran dachte, mit Tom unter diesem Torbogen hindurch zu gehen. Galt die Regel mit dem Kuss unterm Mistelzweig auch im Himmel? 
"Marta ist nicht da", erweckte der Engel Emma aus ihrer Denkstarre. Tom stand an einem der geöffneten Fenster und spähte herein. "Nur die Aushilfe. Komm, lass uns hinein gehen." 
Emma folgte ihrem Begleiter, achtete penibel darauf, dass sie mit gebührendem Abstand zu ihm durch die Tür trat. Der Engel musterte sie argwöhnisch. Sie schluckte einen dicken Kloß in ihrem Hals herunter, eilte hinein und wurde von einer Symphonie aus Gerüchen begrüßt. Lebkuchen, Zimtsterne, Vanillekipferl. Emma streckte die Nase in die Höhe, nahm jedes Molekül des frischen Backduftes auf. Aus diesem Paradies wollte sie nie wieder zurück kehren. Was war schon ein Erdenleben gegen diese Köstlichkeiten? Und auf der Erde konnte wohl kaum ein Bäcker mit den Köstlichkeiten aus der Weihnachtsbäckerei mithalten. 
"Vorsicht! Aus dem Weg!!!", schrie jemand hinter ihr. Eine unbekannte Frau raste an Emma vorbei, schubste sie beinahe um. Tom eilte herbei. Er fing das Mädchen gerade noch auf. Verblüfft beobachteten die zwei die seltsame Dame, die hektisch am Backofen fummelte und sich dabei auch noch die Hand verbrannte. Ihre Flügel waren im Vergleich zu denen von Tom klein, sie wirkten fast schon geschrumpft. Ob sie damit fliegen konnte? Emma ging näher heran. Die Fremde trug ähnliche Kleidung wie Marta, die charakteristische Magd-Kluft diente hier sicher als Arbeitskleidung. 
"Kann ich dir helfen?", fragte Emma. 
"Nein", sagte die Fremde erleichtert. Sie zog ein Blech frischer Lebkuchen aus dem Ofen. "Habe sie gerade noch gerettet. Ich war spät dran." 

Freitag, 16. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 16

Tom zog Emma beinahe gewaltsam aus dem Park heraus. 
"Warte, wo willst du hin?", rief sie dem wütenden Engel zu. Eine solche Reaktion hatte sie nicht von ihm erwartet. Er verbarg doch sonst jegliche emotionale Regung auf seine Art und Weise ganz und gar perfekt. Emmas Arm schmerzte unter dem stetigen Zug ihres Begleiters. Tom schien in diesem Moment kein Erbarmen mit ihr zu haben. 
"In die Weihnachtsbäckerei. Du hast doch die Silhouette eben auch erkannt, oder etwa nicht?", schnaubte Tom, behielt sein Tempo bei. 
"Ja, das habe ich. Ist das denn ein Grund, so rabiat zu mir zu sein?" 
Der Engel blieb abrupt stehen und Emma lief geradewegs gegen seinen Rücken. Die Flügel fingen den Aufprall ab. Er schaute zu ihr und zuckte dann mit den Schultern. Die feinen Kratzer auf seinem Gesicht wirkten jetzt, wo er so offen vor Verbitterung triefte, als wäre er der typische Bilderbuchbösewicht in dieser Geschichte.  
"Du kennst Marta nicht so wie ich. Aber diese Aktion hätte ich ihr auch nicht zugetraut." Tom seufzte, öffnete dann seine Arme weit. "Komm", sagte er. "Wird Zeit, eine Runde zu fliegen." 
Emma begab sich ohne zu zögern in die Umarmung des Engels. Als wäre es das normalste auf der Welt, mit ihm zu fliegen. Er schloss sie fest ein, dass sie ihm ja nicht fort rutschen konnte. Die Flügel schüttelte er, wie er es schon so oft getan hatte. Seine weißen Federn reflektierten das Licht der aufgehenden Sonne. Der schmale Strich von Orange-Gelb malte den kommenden Morgen auf den Horizont. Die Sterne sangen ihr Abschiedslied für die nächsten Stunden. 
"Du liebe Zeit!", kreischte Emma und sprang aus den Armen des Engels. "Es ist Morgen! Meine Eltern werden krank sein vor Sorge, wenn sie mich nicht in meinem Zimmer finden!" 
Tom grinste, zwinkerte ihr besserwisserisch zu. Seine Stimmung hatte sich geändert, von Wut zu gut. Ein schlechter Reim, um zu beschreiben, welche Verwirrung er mit diesem Verhalten am laufenden Band erzeugte. "Da hast du die Rechnung ohne mich gemacht. Wir haben keine Zeit dafür. Wir müssen eilig zur Weihnachtsbäckerei. Wie du siehst, beginnen sie gerade ihre tägliche Arbeit." 
Tom deutete auf den Himmel, dessen Orange sich langsam in ein tiefes Rot wandelte. Die wenigen Wolken sogen die Farbe auf, schwebende Wattebäusche, getunkt in einen Malkasten. Wie bunte Kleckse auf einer Leinwand zeugten sie von den fleißigen Bäckern dort oben. Was sagte Emmas Mutter immer? Wenn der Himmel rot ist, dann backen die Engel Plätzchen. Das Mädchen staunte über diese Feststellung. Sie hatte bis eben gar nicht weiter darüber nachgedacht. 
"Aber wie lösen wir das Problem mit meinen Eltern?", fragte sie. 
Tom räusperte sich, breitete dann ein weiteres Mal die Arme aus. Eine zweite Einladung auf einen Rundflug. Sein dringlicher Blick glich jedoch mehr einem Befehl. 
"Komm einfach mit. Wir machen einen Zwischenstopp dort. Ich sorge dafür, dass nichts weiter passiert, bis wir spätestens heute Abend zurück sind." 
Emma ließ sich von den starken Armen des Engels umschließen und nahm einen tiefen Luftzug. Ihr blieb nichts weiter übrig, als ihm zu vertrauen. Andernfalls würde sie den Rest ihres Lebens an Weihnachten keine Geschenke mehr kriegen. Er war der einzige, der ihr helfen konnte, ihre Unschuld zu beweisen. Tom spannte die Flügel, tat zwei kräftige Schläge und sie hoben vom Boden ab. Kurz darauf erreichten sie Emmas Haus. Wie ein riesiger Kolibri blieb Tom davor in der Luft stehen, hielt seinen Schützling mit einem Arm fest umschlungen, während er mit der nun freien Hand in seiner Tasche nach etwas suchte. Er zog den Beutel mit dem Sternenstaub hervor. 
"Hältst du den mal bitte?", fragte er dann und Emma griff nach dem glitzernden Säckchen. Tom zog die Schnur, steckte seine Hand hinein und heraus kam sie gehüllt in einen Haufen goldenes Glitzer. Fast könnte man meinen, es handelte sich um gewöhnlichen Bastelpuder. Doch das Pulver leuchtete so hell wie die Sterne, aus denen es entsprang.  
"Pass gut auf", sagte der Engel, öffnete die Handfläche und blies den Staub auf das Haus. Die Wände begannen zu strahlen, für nur wenige Sekunden. Emma dachte an die Fee Naseweiß und Peter Pan und hoffte schon, dass das Haus abheben und mit ihnen nach Nimmerland fliegen würde. Doch dann verblasste der Schimmer. Enttäuscht verzog sie die Lippen. Tom nahm unterdessen den Beutel aus ihrer Hand und verstaute ihn in der Hosentasche. 
"Was war das?", wollte Emma wissen. 
"Ich habe das Haus verzaubert. Deine Familie wird bis zum Abend schlafen." 
Emma stutzte, riss die Augen auf und zappelte aufgeregt in seinen Armen. "Aber ich dachte, der Zauber hält nur wenige Minuten?" 
"Oh Emma", begann Tom und schüttelte den Kopf. "Es gibt weit mehr als nur einen Zauber mit Sternenstaub. Du musst nur wissen, wie du ihn verwendest. Jetzt aber los. Das Morgenrot lässt bald nach. Wir müssen Marta zur Rede stellen." 
Tom visierte den Himmel an und flog so schnell er nur konnte auf die Wolken zu. Je näher sie dem Rot kamen, desto mehr erkannte Emma ein Feuer darin lodern. Das Feuer der Sonne sowie der Backstube. Sie stellte sich einen Backsteinofen auf einer flauschigen Wolke vor und verbannte das Bild aus ihren Gedanken. So einfach konnte das nicht sein. Oder etwa doch? 
"Sag mal, Tom", murmelte sie schließlich, denn er hatte eben einige Worte gesagt, die sie neugierig gemacht hatten. "Du sagtest, ich kenne Marte nicht so wie du. Was hast du damit gemeint?" 

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 15

Jenna kauerte auf dem Blatt, blickte sich ängstlich um. Wovor fürchtete sich die Elfe nur? Emma empfand tiefes Mitleid, selbst wenn sie den Grund nicht kannte. 
"Du kannst uns also helfen?", fragte Tom mürrisch. "Warum hast du das nicht eben schon gesagt?" 
Jenna zuckte zusammen. Sie knetete ihre Finger, hielt den kleinen Kopf gesenkt. Tom schüttelte seine Flügel aus, während er das Wesen weiterhin erwartungsvoll beobachtete. Nach einer Weile straffte sich der winzige Körper, die Elfe öffnete den Mund, nahm einen tiefen Luftzug und plapperte drauf los. "Also, das war so. Ich war am frühen Abend in der Stadt unterwegs, um etwas für unsere Vorweihnachtsfeier zu besorgen. Da sah ich dieses Funkeln aus einem Kinderzimmer. Ich flog hinein, das Fenster war schließlich geöffnet. Neben dem Bett des schlafenden Mädchens lagen mehrere, glitzernde Krümel. Da habe ich mir einen geschnappt und wollte fort", Jenna hielt inne, ihr ging unverkennbar die Puste aus. Aufgeregt und vollkommen außer sich setzte sie ihre Ausführungen fort. "Plötzlich hörte ich etwas. Ich konnte mich gerade noch verstecken, ehe große, beflügelte Männer durch das Fenster kamen, das Mädchen packten und wieder verschwanden. Ein kleinerer Mann hat dann noch die restlichen Krümel vom Boden aufgelesen und verschwand anschließend ebenfalls. Und kurz bevor ich mich dann aus dem Staub gemacht habe, ehe mich noch jemand erwischt, sah ich einen unheimlichen Schatten." 
Tom runzelte die Stirn. Emma verzog fragend die Augenbrauen. Jenna atmete hektisch ein und aus und schaute dann einmal in jede Richtung, als fühlte sie sich verfolgt.  
"Ein Schatten?" Der Engel hockte sich vor den Busch, auf dessen Blatt die schüchterne Elfe stand. Sie wich einige Schritte zurück. "Beschreibe ihn genauer." 
Die Elfe sprang von ihrem Blatt auf und flog in die Luft. Mit ihrem Glitzerstaub malte sie eine lebensgroße Silhouette in die Nacht. Sie schlug Haken, erschuf ein leuchtendes Kunstwerk. Die goldenen Linien prägten sich wie Nebel in die Umgebung. Feine Pinselstriche, ein zweidimensionales Bild in einer dreidimensionalen Welt. Wenige Sekunden später zappelte die winzige Künstlerin unkontrolliert umher. Emma fing das Wesen hastig auf, ehe dieses einem Schwindel erlag und zu Boden fiel. Das Kunstwerk bliebt vor ihnen stehen wie eine Pappfigur.  
"So ungefähr", keuchte Jenna, die nur langsam wieder zu Kräften kam. Der Kunstflug hatte sie wohl einiges an Energie gekostet.  
"Das glaube ich nicht!", schimpfte Tom, warf die Arme in Höhe und begann, nervös auf und ab zu gehen. 
Emma sah sich die Glitzerspur genauer an. Ihre Augen wurden weit, als sie erkannte, was Tom darin sah. Es gab keinen Zweifel. Diese Umrisse, diese Schattenfigur. Sie kannten beide nur eine Person, der diese Form unverwechselbar glich. 
"Marta!", riefen das Mädchen und der Engel im Gleichklang. 

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 14

Da sie Tom seit dem Glitzersturm nicht mehr hatte sehen können, warf Emma ihm schnell einen Blick zu. Ein paar Kratzer der umherfliegenden Ästchen und Blätter gaben seinem eigentlich makellosen Gesicht eine unattraktive Härte. Nicht zu vergessen seine Augen, die sich in einem Blick der Wut deutlich hinunter neigten. Emma biss sich auf die Lippe, um ein Lachen zu unterdrücken. Mit den Händen fuhr er die unschönen Striemen nach. Er ahnte, dass sein Aussehen unter dem Angriff der Elfen gelitten hatte. Der eitle Engel sollte besser in nächster Zeit nicht in den Spiegel sehen.  
"Was wollt ihr?", quiekte die Elfe. Tom und Emma suchten die Zweige nach dem sprechenden Wesen ab, doch es waren zu viele, als dass sie ein einzelnes ausmachen konnten.  
Tom formte mit den Händen einen Trichter vor den Lippen und rief zu ihnen herauf: "Wir suchen den Dieb der Plätzchen des Weihnachtsmannes. Man hat einen von euch gesehen, dort, wo Plätzchenkrümel gefunden wurden." 
Eine der Elfen flog von dem Ast, stand in der Luft wie ein Kolibri. Das Wesen leuchtete ganz und gar golden. Die Kleidung bestand aus einer rissigen Hose und einem einfachen Shirt. Die Haare waren kurz, standen jedoch allesamt zu Berge, wie zu einem Zipfel frisiert. Die Einfarbigkeit der Elfe ließ die Übergänge von Körper zu Kleidung zu Haaren nur erahnen. Emma staunte, denn sie hatte sich diese Fabelwesen bunter vorgestellt. Von den durchsichtigen Flügeln stob unablässig eine zarte Glitzerwolke. Jede Bewegung verteilte den Schimmer und es wurde nicht weniger. Die Elfe verschränkte die Arme vor der Brust, Empörung breitete sich über ihre Züge.  
"Wir haben gar nichts gestohlen", erwiderte sie. "Jenna brachte vor einigen Stunden einen verzauberten Krümel her. Wir haben ihn in unser Festmahl aufgenommen. Sie fand ihn unbeachtet in einem Kinderzimmer. Niemand braucht einen Krümel. Es war der Rest, den die Menschen übrig ließen." 
Wie aufs Stichwort flog eine weitere Elfe heran, offenbar die zuvor genannte Jenna. Sie nickte eifrig, sprach aber selbst kein Wort. Anders als die sprechende Elfe, trug Jenna ein Kleid. Bei genauerer Betrachtung stellte das Menschenmädchen fest, dass es sich also bei der anderen Elfe um einen Mann handeln musste.  
"Aber habt ihr irgendetwas gesehen?", fragte Emma drängend. Sie trat einen Schritt näher und die Elfen wichen zurück. Tom streckte den Arm vor Emmas Brust aus, hielt sie auf, ehe sie noch weiter gehen konnte. Die männliche Elfe musterte erst die unerwünschten Besucher, dann Jenna kritisch. Diese senkte scheu den Kopf. 
"Nein", schwor er. "Geht jetzt. Fremde sind hier nicht gern gesehen. Unser Volk bleibt bevorzugt unter seinesgleichen." 
Damit flog er zu der Menge im Geäst und im nächsten Augenblick wurde es dunkel. Es war, als hätte jemand den Lichtschalter gefunden und die Elfen ausgeknipst. Ihr goldener Schein war fort. In der Ferne leuchteten nur noch die Glühbirnen der Lichterketten. 
"Feindliches Volk", murmelte Emma. 
"So sind sie", entgegnete Tom. "Stur und nicht gerade versöhnlich. Alleine die Begrüßung hätten sie sich schenken können. Elfen sind eigensinnig. Aber sie lügen nie. Wir müssen unsere Suche von vorn beginnen." 
Emma seufzte. Es waren erst wenige Stunden vergangen und es blieb noch genügend Zeit. Aber die Angst in ihrem Bauch flüsterte böse Worte, die Schwarzmalerei in ihren Gedanken riss nicht ab. Tom führte sie hinaus aus dem Dickicht. 
"Wartet!", rief eine quietschige Stimme. Emma drehte sich um und fand Jenna auf einem Blatt im Busch vor. "Ich... ich kann euch vielleicht helfen." 

Dienstag, 13. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 13

Die Lichterketten in den kahlen Bäumen leuchteten ihnen den Landeplatz aus. In der näheren Umgebung stand keine Straßenlaterne. Umso besser, dachte Emma. Andernfalls würde das Lichtermeer vor ihr nicht auf diese zauberhafte Weise wirken. Die Glühbirnen glitzerten im Geäst. Sie verwandelten den Park bei Nacht in ein weihnachtliches Paradies und hauchten den blattlosen Pflanzen neues Leben ein. So wurden die Lichterketten zum winterlichen Gewand, während die grünen Blätter erst im Frühjahr wieder den kommenden Sommer ankündigten. Die Bäume umringten den zugefrorenen See des Parks, auf dem die Menschen bei Tage Schlittschuh fuhren. Auch Emma kam oft mit ihrem kleinen Bruder her. Er hing dann an ihrer Hand wie ein Klotz, denn Ben konnte sich auf dem glatten Untergrund nicht aufrecht halten. Doch er lachte und kreischte vor Freude, wann immer sie dort waren.  
"Komm", unterbrach Tom ihre Gedanken und leitete sie fernab vom Rundweg des Parks mitten hinein in die dichten Büsche. Sie trotzten hartnäckig dem Winter und trugen noch immer genügend Blätter, reckten sich tapfer dem schweren Schnee auf ihren Flächen entgegen. Emma duckte sich unter einem dicken Ast eines Baumes hindurch. Tom kämpfte sichtlich mit den an diesem beengten Ort viel zu großen Flügeln. Sie stießen ständig gegen Baum und Busch, sein Fluchen hallte im Flüsterton bis hin zu Emma. Sie kicherte vor sich hin. Geschah ihm recht. 
"Wohin führst du mich? Der Schneemann sprach von Elfen. Gibt es die hier wirklich?" 
Tom wandte sich in einer hastigen Bewegung um und hielt den Zeigefinger vor die Lippen. Das Mädchen nickte, sie verstand sein Zeichen. Er hatte sicher etwas entdeckt und sie zitterte vor Aufregung, zum ersten Mal in ihrem Leben echte Elfen zu sehen. Ob sie so hübsch waren, wie in den Märchenbüchern? Ob sie so aussahen, wie ihre Puppen aus Kindertagen oder die Wesen aus Zeichentricksendungen? 
"Da vorne", formte der Engel mit den Lippen, hob die Hand und deutete auf einen kleinen, leuchtenden Fleck zwischen den Büschen. Vorsichtig schlichen sie auf das Licht zu. Ein Knacken erklang. Emma schaute herab und fand einen gebrochenen Ast unter ihrem Schuh. Tom warf ihr einen bösen Blick zu. Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. Sogleich summten tausende Flügelschläge um sie herum, wie von tausenden Bienen, die nicht stachen. Es war ein Wirrwarr aus Licht und Glitzer und winzigen Kreaturen. Emma erkannte keine von ihnen. Sie schlug wild um sich, bis Tom ihre Hände griff und fest umklammerte. Sie konnte sein Gesicht bald nicht mehr sehen. Ihre Körper wurden verschlungen von diesem Sturm aus Glitzerstaub. Wie ein Tornado fegte das Summen um sie, der darauf aufkommende Wind blies Emma Gestrüpp ins Gesicht. Sie konnte nur ahnen, dass es Tom nicht viel besser erging. 
"Was zum Teufel...", holte sie aus, aber ihre Stimme versank in dem Lärm. Tom rieb mit den Fingern immer wieder und wieder über ihre Handrücken. Es schien ein Muster zu ergeben. Dieselben Bewegungen, immer und immer wieder. Plötzlich verstand sie, er malte Worte auf ihre Haut. Sie spürte der Berührung noch einmal aufmerksam nach. 
"R U H I G." 
Sie antwortete dem Engel, indem sie ihrerseits ein "O K" auf seine Haut schrieb. Tom verstärkte seinen Griff kurz und lockerte ihn dann wieder. Die Botschaft war angekommen. Dann zog er sie herunter. Er ging wohl in die Knie, ganz langsam und behutsam. Emma tat es ihm gleich. Kurz nachdem sie am Boden saßen, stieg die summende Wolke auf und zerstob in ihre Einzelteile. Diese Teile setzten sich vergnügt auf die Äste der umherstehenden Bäume. Emma glaubte, hier und dort ein Lachen zu hören. Sie schaute sich um, aber die Bäume waren zu hoch gewachsen, als dass sie etwas genaues hätte erkennen können. 
"Wen haben wir denn da", quiekte eine Stimme, fremd und hoch. Es war nicht auszumachen, ob es männlich oder weiblich war. Nur, dass es sehr, sehr klein sein musste. 

Montag, 12. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 12

Der Schneemann regte jedes Flöckchen an seinem Körper, während er immer mehr zum Leben erwachte. Emma zupfte an Toms linkem Flügel, um dessen Aufmerksamkeit zu erlangen. 
"Wie hast du das gemacht?", fragte sie erstaunt. Der Engel lächelte und schenkte ihr sein berühmtes Zwinkern, spielte erneut den Herzensbrecher, den sie über den Wolken kennengelernt hatte. Emma verdrehte die Augen. 
"Magie", hauchte Tom. Dann wandte er sich dem nun lebendigen Schneehaufen zu und begann unerwartet eine Zeugenbefragung. "Sagen Sie, Herr Schneemann. Ist Ihnen am frühen Abend etwas Sonderbares hier vor dem Haus aufgefallen?" 
Der Schneemann schaute mit seinen kleinen Steinaugen nachdenkend gen Himmelszelt. Er führte den rechten Stock an sein kaum existentes Kinn und strich darüber. Es schien wie der bittere Versuch, einen richtigen Menschen nachzuahmen. Der knorrige Ast hob sich nur schwer, er steckte zu steif im Schnee. Dabei knackte das Holz bei jeder Bewegung derart laut, das Mädchen glaubte fast es brach. Die Steinaugen kullerten in den weichen Augenhöhlen umher, so als würden sie bald herausfallen. Die Geste rang Emma ein Schmunzeln ab. Sie unterdrückte mühsam das Lachen, das in ihrer Kehle saß. Es war unhöflich, so lustig die Szene auch sein mochte. 
"Nun", meinte der Schneemann schließlich. "Meine Augen sind recht klein, wie ihr sehen könnt. Aber etwas habe ich doch bemerkt. Ich war gerade erst eine halbe Stunde aufgebaut, da kamen einige Engel an und trugen dieses Mädchen dort aus ihrem Zimmer. Sie schlief tief und fest und ich hätte gern nach dem Grund gefragt, konnte jedoch noch nicht sprechen. Dann, so ungefähr zehn Minuten darauf, glitzerte sich eine goldene Spur ihren Weg durch dieses Fenster da oben hinaus. Es sah aus, wie eine Sternschnuppe. Und sie verlor ein oder zwei Bröckchen im Schnee." 
"Bröckchen?", fragte Emma neugierig. Sie zog die Augenbrauen in die Höhe und suchte sogleich den Boden nach den Überbleibseln des Glitzerwesens ab. 
Tom stupste sie mahnend an. "Er meint die Plätzchenkrümel, denen wir hier her gefolgt sind."  
"Ganz Recht", fügte Herr Schneemann hinzu. "Plätzchenkrümel." 
"Mh", murrte Emma, stapfte durch die Schneedecke, suchte nach weiteren Hinweisen. Eine Sternschnuppe sollte der Dieb sein? Diese Geschichte nahm immer seltsamere Formen an. 
"Herr Engel?", rief der Schneemann plötzlich. "Es mag mir nicht zustehen, darüber abschließend zu urteilen. Besonders, da ich auch nicht richtig scharf sehen kann. Aber ich glaube, es war eine Elfe." 
Tom nickte und rieb sich mit der Hand über den Kopf. "Nun denn, dann müssen wir diese Elfe wohl aufspüren. Wenn sie es nicht war, werden wir es herausfinden, und suchen von Neuem. Vielen Dank, Herr Schneemann." 
Der Schneemann lächelte. Die Rübennase zuckte dabei ein wenig und Emma wollte schon aufspringen, um sie wieder zu richten. Doch dann hielt der lebende Haufen Weiß in seiner Bewegung inne. Seine Züge erstarrten. Seine Steinaugen wurden leer. Er war fort. 
"Warum ist er jetzt nicht mehr lebendig?", flüsterte Emma erschrocken.  
"Der Sternenstaub lässt in seiner Wirkung bei nicht lebenden Wesen rasch nach. Er tut lediglich einige Minuten seinen Dienst. Aber das genügt auch, los, wir müssen zu den Elfen." 
"Wo hast du denn Sternenstaub her?", wollte sie wissen.  
"Das hat dich nicht zu interessieren", schnaubte der Engel. Er nahm eine abweisende Haltung ein, verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie streng an. Der ruppige, zielstrebige Tom war zurückgekehrt. Emma verdammte diese ständigen Wechsel seiner Stimmung. Die Launen steckten das Mädchen förmlich an, sodass sie zu einem Dauernervenbündel mutierte. 
"Bist du auch irgendwann mal nicht so komisch drauf?", fragte sie. Er reichte ihr die Hand, schaute seine Begleiterin mit einem weichen Blick an. Es lag Mitgefühl darin. Das genaue Gegenteil dessen, was sie von ihm erwartete. Emma streckte ihren Arm aus, schweigend, wartend. 
"Kommt darauf an, wie du komisch definierst." Ohne ein weiteres Wort griff der Engel um ihre Hüften, statt ihre Hand zu ergreifen, die sie ihm bot. Er öffnete seine Schwingen und trug sie hoch in die Lüfte. Die beiden ließen die Straße hinter sich, die Dächer der Stadt wurden kleiner und kleiner. Bald kam der nahe Park in Sichtweite, dessen Bäume mit vielen, warmweißen Lichterketten geschmückt waren.  

Sonntag, 11. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 11

Wir haben in dieser Woche einen neuen Hauptdarsteller kennen gelernt. Neben Emma soll jetzt auch Tom bei der Suche nach den Plätzchen helfen. Nun gut, das kommt doch gerade recht. Immerhin weiß Emma nicht, wie sie selbst auf die Spuren des Diebes kommen soll. Doch der Casanova Tom, ein gutaussehender Engel, der keine Konkurrenz im Vergleich zu den Jungs auf der Erde ist, verbirgt offenbar ebenfalls einige Geheimnisse. Meine Quellen haben mir ein wenig über ihn verraten. 
  
Verdächtiger 3 - Tom 

Position: 
Schutzengel im Dienst für 64 Jahre. 
Seit 10 Jahren arbeitet er immer dort, wo gerade etwas anfällt, ständig wechselnde Tätigkeit

Aussehen:
Kurze, schwarze Haare, dunkle Augen (wie die Nacht selbst), körperlich gut gebaut, etwa 185 cm groß, Flügelspannweite von mindestens 2m 
Kurzgefasst: Ein Mädchenschwarm! 

Kleidung: 
Holzfällerhemd mit grauem Muster, gewöhnliche, blaue Jeans 

Alter: 
113 Jahre, vergleichsweise jung 

Persönlichkeit: 
Geheimnisvoll und flirtfreudig, ein regelrechter Frauenheld. Spricht nicht gerne über sich, verbirgt seine wahren Absichten. Hat trotz allem einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, der oft über seine Pflichten als Schutzengel hinaus geht. Klaut gerne heimlich Sternenstaub, wenn er mal zu einem Botengang bei der Weihnachtsbäckerei vorbei kommt. 

Hintergrund: 
Nach seinem frühen Tod mit 19 Jahren als Mensch wurde Tom im Himmel zum Engel ernannt. Seine Ausbildung dauerte länger als die üblichen 10 Jahre, da er sich häufig davon stahl um insgeheim seine Familie auf der Erde zu beobachten. Nach 20 Jahren jedoch bestand er die Prüfung mit Bravour. Er schloss mit seinem Erdenleben ab und nahm seine neue Aufgabe im Jenseits vollends an. Im Dienst jedoch nahm er diese häufig zu ernst. Oberste Regel der Schutzengel war es immer, dass die Menschen sie nicht sehen dürfen. Tom verstieß in seinem Helferdrang häufig dagegen, verbarg zwar seine Flügel recht gut, doch dann wurde er doch in seiner wahren Gestalt erblickt. Ein Busfahrer sah zufällig, wie Tom gerade zum Abflug in den Himmel ansetzte. Der Mann fuhr schockiert gegen die nächste Straßenlaterne und wurde vom Dienst suspendiert, da er fortan von fliegenden Menschen fantasierte.  
Tom wurde seither zur Passivität verdammt. Man verbat ihm, zur Erde zurück zu fliegen. Nur aus einer Mindestentfernung von fünfhundert Metern war ihm eine Annäherung an seinen Schützling, eine junge Straßenmusikantin, erlaubt. Die Geigerin hütete er wie seinen Augapfel. Meldete jede Gefahr sofort an die Himmelswache, die dann an seiner statt los zog, das Mädchen zu beschützen. Vorbildlich hielt er sich an seine Auflagen. Nur an einem Heiligabend, als sein Schützling in der eisigen Kälte spielte, wollte das Schicksal nicht gnädig sein. Von einigen Männern beraubt und halbtot geprügelt, erfror sie wenig später in der Nacht. Tom musste tatenlos zusehen, denn die Himmelswache war mit der Sicherung des Geländes am Startplatz des Weihnachtsmannes am Nordpol vollkommen ausgelastet und konnte den Befehlen des Engels nicht Folge leisten. Verbittert zog Tom sich aus dem Schutzengelgeschäft zurück. Seit dem Vorfall vor 10 Jahren ging Tom jeder Beschäftigung nach, die sich gerade im Himmelsreich anbot, meistens Botendienste. Er wagte seither keinen Blick mehr auf die Erde. Bis ihm vor wenigen Wochen der Wunschzettel eines jungen Mädchens in die Hände fiel und er seine eigene Regel, sich auf ewig von der Erde und den Menschen fern zu halten, für einen kleinen Moment brach. 



Leider konnte meine Quelle mir nicht verraten, um wen genau es sich handelt, der Tom in Versuchung geführt hat. Aber immerhin wissen wir nun, was der arme Engel hinter seinem Lächeln verbirgt. Zu den genauen Umständen seines Todes ist ebenfalls nichts dokumentiert, solche Informationen werden üblicherweise nicht weiter aufgeführt. Schließlich gilt das Leben als Mensch ab dem Antritt des Dienstes bei den Engeln als abgeschlossene Vergangenheit und bleibt irrelevant. Ich hoffe sehr, dass Tom noch mehr seiner guten Zeiten zeigen wird. 

Samstag, 10. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 10

"Hör gefälligst auf damit!", schimpfte Emma entsetzt, als Tom mit beiden Händen unter die Matratze griff und diese mit Schwung vom Bettgestell warf. Der rosafarbene Stoffhimmel ächzte unter dem Zusammenstoß und gab schließlich nach. Gemeinsam mit Matratze und Bettwäsche fiel er zu Boden. Emma ballte die Hände zu Fäusten. Sie zitterte vor Wut, während der Engel sie nur verständnislos musterte. 
"Du wolltest deine Familie doch nicht wecken", flüsterte Tom. Er setzte sein breites, falsches Grinsen auf und zwinkerte ihr zu. "Denk nur mal, was deine Mutter und dein Vater zu dieser Verwüstung sagen würden, wenn sie dich hier fänden." 
"Ich habe dich nicht gebeten, mein Zimmer zu zerstören! Du hast mein Himmelbett auseinander genommen. Hilf mir, diese verfluchten Plätzchen zu finden, und dann verschwinde!" Emmas Stimme wurde lauter und lauter. Der Engel stürzte zu ihr, legte seine Hand auf die vorlauten Lippen seines Schützlings und bedeutete ihr zu schweigen. Er war wohl neben ihr der Letzte, der hier entdeckt werden wollte. Das Mädchen atmete tief durch die Nase ein und sammelte allen guten Willen, den sie in diesem Moment heraufbeschwören konnte. Sie lockerte die Hände, die Fäuste lösten sich langsam. Dann tippte sie Tom auf die Hand über ihrem Mund, hob ihm den Blick entgegen und starrte ihn ernst an. Sie hoffte, er würde die Botschaft verstehen. Der Engel nahm die Hand fort, um sich sogleich wieder der Suche nach Spuren zuzuwenden. Emma verlor kein Wort mehr über sein Verhalten. Sie würde noch den richtigen Augenblick finden, sich an diesem Mistkerl zu rächen.  
"Hier", sagte er, unterbrach ihre Rachegedanken. Sie kauerte sich neben ihn, als er gerade das Lattenrost ein wenig anhob. "Siehst du? Da unten liegen noch mehr Krümel." 
Emma nickte. "Du hast Recht. Und da! Da sind noch weitere! Das ist eine Spur!" Sie kicherte, denn dieses Bild hatte etwas von Hänsel und Gretel. Tom und Emma. Engel und Mensch. Auf der Jagd nach Keksen fanden sie hoffentlich kein Lebkuchenhaus mitsamt Hexe. 
"Es führt an der Wand entlang", stellte Tom fest. "Dort drüben zum Fenster hinaus." 
Emma folgte seinem Blick, spähte zum Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Es war geschlossen und draußen zupfte der Wind an den blattlosen Ästen der Bäume. Das Licht der Laterne flackerte, die Birne brannte allmählich aus. Sie stand eilig auf, bahnte einen Pfad durch das Chaos, das der Engel eben angerichtet hatte. 
"War die Spur denn noch nicht da, als ihr mich abgeholt habt?", fragte Emma ihren Begleiter. Er zuckte ahnungslos mit den Schultern. 
"Schätze nicht. Zumindest habe ich nicht darauf geachtet. Meine Truppe hat dich hier aufgelesen, die Untersuchungseinheit war vor uns da, zusammen mit Collin. Er hat die Beweise gesichert und er ist gründlich. Möglich, dass der Dieb sich in der Zwischenzeit hier versteckt hielt und erst nachdem wir weg waren die Flucht angetreten ist." 
Tom schaute hinaus auf die Straße und suchte nach weiteren Hinweisen. Plötzlich leuchteten seine Augen auf. Es war ein kindisches, echtes Strahlen. Emma glaubte in diesem Moment nicht, dass dies eine Lüge war, wie so vieles anderes an ihm. Es war ein Stück des wahren Tom. Eine Medaille mit zwei Seiten, jede auf andere Weise geprägt. Ein Rätsel mit weißen Flügeln. Vor wenigen Stunden noch hatte sie nicht an Engel geglaubt. Und nun stand er da, war mit ihr geflogen, hatte sie verärgert und verblüfft. Ihn zu entschlüsseln schien unmöglich. War er in einem Moment der heiße Mädchenschwarm, verwandelte er sich im nächsten in den listigen Fremden. Und dort an ihrem Fenster zeigte sich sogar eine weitere Seite an ihm, die sie nun lesen konnte wie ein frisch gedrucktes Buch. Der verspielte Junge mit dem großen Herzen. Konnte er noch mysteriöser werden? 
"Schon mal mit einem Schneemann gesprochen?" 
Wie ein begeistertes Kind stand dieser geflügelte Mann vor ihr, die Hand erhoben, den Finger auf einen aufgeschichteten Haufen Schnee gerichtet. Emma sah verwirrt zu dem seltsamen Gebilde vor ihrem Haus. Es war tatsächlich mehr ein Haufen als ein klassischer Schneemann. Wie eine krumme Pyramide bäumte sich das kalte Weiß auf. Zwei Steine hatte man ihm gegeben, dass er sehen konnte. Der Mund bestand nur aus einer schmalen Linie, gemalt mit einem Stock. Eine Rübe steckte zwischen ihnen, es musste die Nase sein. Auf dem Kopf trug er eine rote Weihnachtsmütze mit Zipfel und Bommel an der Spitze. Ein bemitleidenswertes Geschöpf, geschaffen von Kinderhänden und Kinderfantasie, die sicher weit mehr in dem Berg von Schnee sah als Emma. 
"Nein", erwiderte sie. "Sollte ich?" 
"Ich zeig es dir." 
Ehe sie sich versah hatte Tom sie gepackt, gleichzeitig das Fenster geöffnet und sprang mit ihr hinaus. Sie unterdrückte ein Kreischen, das garantiert die gesamte Nachbarschaft geweckt hätte. Die Flügel fingen den Sturz ab. 
"Mach das nie wieder!", grummelte Emma den Engel an. Tom ignorierte sie, schritt zu dem Schneehaufenmann. Er steckte die linke Hand in die Hosentasche und zog einen kleinen Jutebeutel heraus. Eilig riss er das rote Band auf, das den Beutel sicher verschloss. Ein zartes Glitzern erspähte Emma darin, kurz bevor der Engel das Band wieder zu zog und den Beutel in der Tasche verschwinden ließ. Aber einen kleinen Teil des Glitzers hielt er in der Hand. 
"Was war das?", fragte sie neugierig. Emma erkannte das Blinken und Strahlen. Sie hatte es schon einmal gesehen.  
"Pass gut auf", sagte Tom, öffnete die Handfläche und blies feinen Staub auf den Schneemann. Emma stockte der Atem, als sie das Spektakel beobachtete. Tausend mikroskopisch kleine Sterne tanzten um den weißen Haufen, hüllten ihn in einen undurchdringlichen Nebel. Der Staub drang in jede Pore des Schnees ein. Einige Minuten betrachteten das Menschenmädchen und der Engel schweigend, was vor ihren Augen Wunderbares geschah. Die Steinaugen blinzelten. Der Linienmund verzog sich zu einem Lächeln. Tom hob zwei Stöcke auf, die achtlos auf dem Weg lagen, und steckte sie dem Schneemann in die Seiten. Die improvisierten Arme reckten und streckten sich. Der Schneemann hob die Stöcke an seine Mütze, wollte sie zur Begrüßung anheben wie einen Hut. Doch er merkte bald, dass ihm der übliche Kopfschmuck fehlte. So zog er nur die Mütze ein Stück ins Gesicht und schob sie wieder ein wenig hoch. Ein herber Ersatz für eine solche Geste.  
"Guten Abend", sprach der Schneemann und rümpfte die Rübennase. Sie saß nicht richtig an ihrem Platz. Emma sprang vor, drückte sie ein wenig fester in den Schnee und eilte dann wieder an Toms Seite. 
Der Schneemann nickte dankbar. "Vielen Dank, junge Dame. Was kann ich für euch tun an diesem frostigen Abend?" 
Tom lächelte freundlich, Emma tat es ihm gleich. Sie wusste längst, dass das kein Traum mehr sein konnte. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie schon daran glaubte. 

Freitag, 9. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 9

Emma drehte vorsichtig den Schlüssel im Schloss und die Haustür sprang einen Spalt auf. Glücklicherweise ließ die Tür kein Quietschen verlauten. Das Mädchen stützte sich an den Rahmen und spähte hinein. Ihre Eltern schliefen im Obergeschoss bereits tief und fest, ebenso wie ihr kleiner Bruder. Zumindest hoffte sie das inständig. Doch da sie keine Geräusche vom Fernseher aus dem nahen Wohnzimmer hören konnte, so hielt sich die Familie zumindest nicht unten auf. Es war spät. Wenn sie wüssten, dass sie sich um diese Zeit noch herumtrieb, dann Gnade ihr Gott. 
"Die Luft ist rein", flüsterte sie Tom zu. Sie winkte ihn hinein. Es war dunkel im Flur, doch Emma wagte nicht, das Licht anzuschalten. Der Engel quetschte seinen Körper durch den engen Türschlitz, vorbei an seiner Begleiterin. Ohne Vorwarnung drückte er auf den Lichtschalter. Die Birne glühte auf. Eine Sekunde war Emma geblendet. 
"Tom, stopp!", hauchte Emma. Es klang wie ein heiseres Schreien. Der Versuch, gar nicht erst schreien zu müssen. Tom ignorierte ihre Bitte, schaute sich um, ging schnurstracks auf die Küche am Ende des Ganges zu. Seine Flügel stießen eine der geliebten Skulpturen von Emmas Mutter um, die auf dem kleinen Beistelltisch an der Garderobe jeden Gast grüßte. Ein Frosch aus weißem Porzellan, vielleicht siebzig Zentimeter groß. In der einen Hand hielt er ein Herz, die andere hob er winkend. Mit eine Hechtsprung konnte das Mädchen das Desaster gerade noch verhindern. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen, als sie der Länge nach auf dem Fußboden aufprallte. Die Skulptur fiel sicher in ihre geöffneten Hände. Das gute Stück war ein Geschenk ihrer Urgroßmutter, nicht gerade ihr Geschmack, dafür umso mehr der ihrer Mutter. Gnade ihr Gott ein weiteres Mal, wenn das Teil die Nacht nicht überlebte. 
Das Licht in der Küche blitzte auf, Schranktüren wurden hektisch geöffnet und wieder geschlossen. Die Gläser, Teller, Tassen, alles schepperte vor sich hin wie bei einem leichten Erdbeben. 
"Bist du von allen guten Geistern verlassen???" Emma klopfte Tom wild auf den Rücken, um ihn von den Küchenmöbeln abzulenken. Ihre Hände prallten an den weichen Flügeln ab, die ihn wie ein Kissen vor den Schlägen schützten. Wann immer sie eine freie Lücke in dem weißen Umhang fand, so schloss er sich davor und hielt sie auf. "Du kannst doch nicht einfach einen solchen Lärm veranstalten!" 
"Hör du lieber auf, du zerzaust noch meine Federpracht." Tom drehte sich dem um aggressiven Mädel zu, griff ihre Hände und stoppte sie auf diese Weise. "Ich suche nur nach Spuren." 
"In der Küche? Die Plätzchenkrümel wurden neben meinem Bett gefunden." 
Tom verdrehte genervt die Augen. Endlich kam ein wenig von seiner wahren Persönlichkeit ans Licht. Doch noch immer konnte Emma das Geheimnis um den Engel nicht vollkommen entschlüsseln. Sie beschloss, ihn künftig sehr genau im Auge zu behalten.  
"Falls deine Mutter die Plätzchen gefunden hat, wo hätte sie sie wohl hingebracht? Wo sie vermeintlich her gehören. Die Suche hier hätte uns bei Erfolg einiges erspart." 
Desinteressiert verließ er den Raum und stieg die Treppe herauf. Seine Schritte knarrten auf den Stufen. Bei jedem Laut zuckte Emma unwillkürlich zusammen, sah ihre Eltern schon in Gedanken wutentbrannt am oberen Absatz warten. Eilig huschte sie hinter dem Engel her. Leicht wie eine Feder tappte sie von Stufe zu Stufe, auf Zehenspitzen. Der Teppich dämpfte den Lärm nur mäßig. Oben angekommen steuerte Tom direkt auf ihr Zimmer zu, während sie kurzerhand zum Schlafzimmer der Eltern schlich und an der Tür lauschte. Das stetige Schnarchen ihres Vaters bestätigte, dass niemand von den beiden geweckt wurde. Rechts daneben befand sich Bens Reich. Auch hier vernahm die große Schwester keine verräterischen Töne. Die Familie schlief tief und fest. 
"Wo bleibst du?", fragte Tom. Ungeduldig wartete er an ihrem Schlafgemach, ein zwölf Quadratmeter Palast für eine Möchtegernprinzessin. Der Engel hatte auch dort bereits das Licht angeschaltet. Der helle Schein entblößte ihre kleine, heile Welt vor seinen Augen. Sein Grinsen kehrte zurück, als er das Übel in Pink betrachtete. Emma hatte von Kindesbeinen an auf ein Himmelbett bestanden. Der blassrosa Organzastoff über ihrer Schlafstätte beschützte sie schon damals vor den Monstern unter dem Lattenrost. Selbst, wenn sie jetzt zu alt war für diese Spukgeschichten, sie mochte den Prinzessinennenhimmel. Toms Blick glitt weiter und blieb an der Wanddekoration hängen. 
"Ist das dein Ernst, Kleines?" 
Emma schaute auf den Fleck, der seine Aufmerksamkeit errungen hatte. Das Wandtattoo war ein dunkelrotes Tribal in Form eines Einhorns. Der Spruch "Lebe deinen Traum" zierte die Fläche links davon. Das Einhorn selbst stand auf den hinteren Beinen und hob stolz das spitze Horn. Sterne glitzerten um das Bild herum. Tom unterdrückte ein Lachen und grunzte vor sich hin.  
"Ich fürchte, dich aus der Patsche zu hauen, wird nicht einfach für mich", seufzte er. 

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 8

"Land!!!", rief Emma, kniete nieder und umarmte den kalten Asphalt. Sie fror schrecklich, doch das spielte in diesem Moment keine Rolle. Sie konnte nicht mehr abstürzen. Das Himmelszelt erstreckte sich über ihrem Kopf, viel weiter über ihrem Kopf als noch vor wenigen Minuten. Sie konnte kaum fassen, dass sie tatsächlich von einer Wolke gesprungen war. Nein. Man hatte sie zum Springen gezwungen. 
Tom stand hinter ihr und klappte gerade die Flügel wieder ein, als in der Nähe eine Haustür aufsprang. Ein Mann trat heraus, einen Müllsack in der Hand. Ihr Nachbar, Josh Morrison lebte alleine mit seinem Hund Sunny in diesem großen Haus. Emma und Ben hatten dem alten Herrn schon oft eine Tupperdose mit Essen herüber gebracht. Mutter sagte stets, dass der Nachbar wie ein Ersatz-Großvater für sie war. Sie kochte gern eine Portion mehr für Mr. Morrison. Als hätte der Mann Emmas Gedanken gelauscht, schaute er unvermittelt auf, erblickte das ungleiche Paar und hob grüßend die Hand. Eilig sprang sie vor Tom, versuchte vergeblich, seine weißen Schwingen mit ihrem zierlichen Körper zu verbergen. Selbst in diesem mehr oder weniger gefalteten Zustand waren die Flügel alles andere als unauffällig. Wie konnte er nur so irre sein, sich auf diese Weise vor einem Menschen zu zeigen? 
"Emma, du und dein Freund solltet wieder rein gehen. Es ist schon spät und ihr werdet noch krank!", meinte Mr. Morrison kurz darauf. Er bedachte Emma mit einem irritierten Blick. Sie musste wohl recht albern aussehen, wie sie vor ihrem Freund herum hampelte. Beschämt hielt sie inne.  
"Ja, ist gut, Mr. Morrison." Sie wollte noch mehr sagen, aber Tom kam ihr zuvor. Er stellte sich demonstrativ neben sie, legte den Arm um ihre Schultern und sprach zu dem besorgten Nachbarn: "Keine Sorge, Mr. Morrison. Ich bringe sie gerade nach Hause." 
Der alte Mann nickte eifrig, murmelte einige unverständliche Worte. Emma starrte auf die Engelshand, die ihre Schulter bedächtig tätschelte. Dann sah sie in Toms Gesicht. Er zeigte sein übliches Dauergrinsen und das gab ihr zu denken. Konnte dieses Wesen auch irgendeine andere Miene ziehen? Ihr Unmut gegen ihn wuchs, er war zu freundlich, immerzu gut gelaunt. Sie kannte ihn erst wenige Minuten. Das gute Aussehen, die strahlenden Augen. Was verbarg er hinter all den wundervollen Äußerlichkeiten, die ihn derart anziehend machten? Sein Verhalten schien ihr deutlich überzogen und unwirklich. Sie musste herausfinden, ob sie diesem Engel vertrauen konnte. Denn das tat Emma noch längst nicht. 
Mr. Morrison warf den Müllsack in die Tonne, drehte sich dann zufrieden um und ging zurück zum Haus. "Zieht euch nächstes Mal wärmer an", rief er noch im Gehen. "Diese Minusgrade knabbern sogar noch an den Knochen." Dann fiel die Tür ins schloss. 
"Was soll das?", fragte Emma, schüttelte Toms Arm von ihren Schultern. Sie musterte ihn trotzig. Noch immer glänzte das perfekte Lächeln auf seinen Lippen. Wie die Unschuld vom Lande ragte er vor ihr auf. Wie eine Statue gemeißelt aus der Nacht selbst. 
"Was meinst du?", wollte er wissen, scheinheilig wie eh und je. 
"Du tauchst auf, um mir zu helfen, diese dämlichen Plätzchen zu finden. Von jetzt auf gleich. Einfach so und ohne Grund. Du stehst, als wäre es das normalste auf der Welt, vor meinem Nachbarn und redest mit ihm. Während auf deinem Rücken gut sichtbar weiße Flügel darauf hinweisen, dass du so ganz und gar nicht menschlich bist. Ach und...", Emma holte aus, hob den Zeigefinger, um ihren Worten mehr Ausdruck zu verleihen. Überraschend unterbrach Tom sie, verschloss ihren Mund mit der Hand.  
"Du plapperst zu viel, wir haben zu tun", flüsterte er.  
Emma versuchte, unter seiner Hand weiter zu sprechen. Das Murmeln drang undeutlich zwischen seinen Fingern hindurch. Der Engel hinderte sie mit Erfolg am Reden. Verärgert schlug das Mädchen seine Hand fort. 
"Du bist ein Idiot!", schimpfte sie. "Und welcher Kerl ist dauerglücklich, so wie du? Welche Drogen geben sie euch im Himmel?" 
Tom runzelte die Stirn. Die erste normale Reaktion, befand Emma. Ein unverkennbarer Kontrast zu den pseudo-freundlichen Gesichtszügen, die sie bisher kannte. 
"Hör zu, Kleines. Ich helfe dir, die Plätzchen zu finden. Viel mehr musst du nicht wissen, klar?" 
"Aber..." 
"Die Plätzchen. Mehr nicht", unterbrach er sie mit ruhiger Stimme. Die Luft um Emma begann zu prickeln. Das unheimliche Gefühl umschlang die nackte Haut ihrer Hände und ihrer Wangen, kroch durch sie hindurch bis in ihr tiefstes Inneres. Das Schaudern, das daraufhin durch ihre Adern schoss, war mit keinem Adrenalinschub zu vergleichen. Unbehagen. Angst. Der winzige Funken Mut in ihrem Herzen erhielt einen Hauch von Wärme in ihren Gliedern und trotzte dieser Kälte. Emma verbannte jeden Gedanken an das Gefühl und sah ihrem Begleiter starr entgegen. Ein Schatten spiegelte sich in dem Blick des Engels. Nur einen Augenaufschlag später war er verschwunden. Emma glaubte, zu halluzinieren. Doch eines wusste sie nun genau. Der Engel verheimlichte ihr etwas. 

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 7

Am Abgrund der Wolken. Am Ende des Himmels. Emma starrte bestimmt schon mehrere Minuten auf die Erde. Der Engel stand hinter ihr mit verschränkten Armen und wartete auf eine Reaktion. Sie spürte seine bohrenden Blicke im Rücken. Er wollte ihr den Hintern retten? Mit diesem Spruch hatte Tom seinem gesamten Auftreten einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Dennoch musste Emma sich eingestehen, dass dieser Typ selbst in seiner Überheblichkeit noch viel zu heiß war. 
"Willst du ewig dort hinunter sehen oder können wir uns endlich auf den Weg machen und diese verfluchten Plätzchen finden?", grummelte er, unterbrach ihr rasendes Herz und die aufsteigende Furcht. Sie hatte nie besondere Angst vor Höhe empfunden. Sie liebte die Aussicht vom Eiffelturm oder den höchsten Wolkenkratzern. Sie würde am liebsten die Hände nach dem Himmelszelt ausstrecken und es streicheln. Was das Fallen betraf, so rief es ein schreckliches Unbehagen wach. Emma schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und wandte sich ihrem künftigen Retter zu. 
"Du hast gut reden. Du kannst fliegen. Und was hat es überhaupt mit den Plätzchen auf sich?" 
Tom trat näher. Er schüttelte seine Federn auf. Winzige, glitzernde Partikel fielen davon ab. Es erinnerte an den Kunstschnee, den man in den Dekorationsgeschäften in der Stadt zu Hauf fand um diese Zeit im Jahr. Der Engel antwortete nicht auf ihre Frage bezüglich den Plätzchen. Stattdessen schlich Tom nachdenkend um Emma herum. Er musterte sie eingehend, nahm jedes Detail auf und quittierte dies mit einem gelegentlichen Murmeln. Mit Daumen und Zeigefinger strich er über sein Kinn, beendete seine Bestandsaufnahme schließlich. Emma betrachtete den Engel verwirrt. Schon Marta und Collin hatten sie studiert wie ein Stück Fleisch. Doch Toms Blicke waren nicht auf diese Weise seltsam. Sie versuchte, ihn zu durchschauen. Eine gute Menschenkennerin war sie nie gewesen. Und zu allem Übel war er auch noch ein Engel. Als Engelkennerin konnte sie sich schon dreimal nicht bezeichnen. 
"Ich habe dir genug Zeit gelassen, dich vorzubereiten", sagte der Schönling. Seine Brauen zuckten belustigt, sein Lächeln strahlte weitaus heller als der Mond. Emmas Gedanken ratterten um die Wette, suchten eine Antwort auf sein unerklärliches Verhalten. Nicht einmal, als er einen Schritt nach dem anderen rückwärts ging, fand sie einen Sinn darin.  
"Vorbereiten?", fragte sie unsicher. Endlich blieb er stehen, setzte einen Fuß ein wenig zurück und wog sein Gewicht abwechselnd auf das vordere, dann wieder das hintere Bein. Diese Pose war ihr seltsam vertraut. Woher kannte sie die Bewegungen? War es ein Tanz? Tom schaute auf die Wolkendecke unter ihm, atmete tief ein und aus. Seine Muskeln spannten sich. Er schüttelte die Arme aus, legte die Flügel an. Als er den Kopf hob, dämmerte Emma, was der Engel plante. Ehe sie ihn mit einem lauten Schrei stoppen konnte, stürmte er in einem erbarmungslosen Sprint auf sie zu. Sie konnte nicht weiter nach hinten treten, sie würde aus dem Himmel fallen.  
"Nein, Tom, NEIN!!!", kreischte sie. Seine Arme schlossen sich um ihren Körper, er prallte gegen sie wie ein Güterzug auf Hochgeschwindigkeit. Sein Lachen schallte in Emmas Ohren und es übertönte ihre eigene, ängstliche Stimme. Die Wolke, auf der sie eben noch gestanden hatte, war zu einem bedenklich kleinen Fleck geschrumpft. In ihrem Rücken pfiff der Wind seine grauenhafte Todesmelodie. Bald begriff sie, dass nur seine um sie geschlungenen Arme ihr Halt boten. Panisch krallte das Mädchen sich an dem Engel fest. Sein Lachen wandelte sich zu einem Laut der Genugtuung. Es klang wie ein Grunzen, doch so genau wollte Emma das nicht beurteilen, schließlich sausten die beiden gerade mit einem Affenzahn auf den Erdboden zu.  
"Achtung", warnte Tom. Die Schwingen flogen auf wie ein Fallschirm und bremsten den Sturz. Der unerwartete Widerstand schockte Emma so sehr, dass sie glaubte, sich jeden Moment übergeben zu müssen.  
"Hast du Kotztüten an Bord?", fragte sie zitternd. Tom kicherte, schüttelte den Kopf und segelte langsam in Richtung sicheres Land. Emma wagte einen Blick hinunter. Die geschmückten Häuser bildeten zwei Reihen von Lichterketten entlang der großen Hauptstraße. Ein Flugplatz für sie und den Engel. Die Landebahn hatte beide erwartet und leuchtete in dieser Nacht besonders hell. 
Tom räusperte sich. "Wunderschön, nicht?"  

Dienstag, 6. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 6

Der Engel zog die weißen Schwingen ein und Emma starrte das Geschöpf verblüfft an. Die Flügel hatten eine Spannweite, die ihre Körpergröße übertraf. Zwei Meter, vielleicht auch einen halben mehr. 
„Ich gehe mit ihr“, sagte er, doch Collin schüttelte den Kopf.
„Auf keinen Fall. Sie muss das alleine tun!“, befahl der Wichtel. „Die Beweise führen zu ihr. Sie muss sie widerlegen. Keine Hilfe.“
Der Engel stemmte die Hände in die Hüften. Er trug ein Holzfällerhemd mit grauem Muster und eine gewöhnliche Jeans. Auf seinen kurzen, schwarzen Haaren glänzte ein weißer Film von Schneeflocken. Sein Lächeln raubte Emma den Atem. So hatte sie sich Engel nie vorgestellt. Aber diese Version gefiel ihr weitaus besser, als die klassischen Figuren. Wie alt er wohl war? So, wie er jetzt dort stand, konnte er kaum älter als sie selbst sein.
„Dieses Mädchen kommt doch kaum aus dem Himmel runter, ohne einen Flugkünstler wie mich. Komm schon, lass mich mit ihr gehen. Sie hat doch keinen blassen Schimmer. Wenn du sie so los schickst, kannst du ihr auch gleich auf Lebenszeit die Geschenke streichen und die Plätzchen selber backen. Die dann erst nach Heiligabend fertig werden. Und wir wollen doch den alten Herren nicht traurig stimmen, oder Collin?“
Der Junge hatte Mumm, das musste Emma ihm lassen. Collins Zähne knirschten wütend, er rang um Kontrolle. Der Engel zog über ihn her und missachtete seine Autorität. Aber er hatte Recht, das wusste auch der Wichtel. Die Plätzchen mussten wirklich wichtig sein, wenn sie eine solche Debatte auslösten.
„Hast du etwa gelauscht, Tom?“, fragte Collin. „Du bist uns also gefolgt, seit sie hier ist?“
Tom lachte, hob die Arme hinter den Kopf. Emma beobachtete das Schauspiel interessiert. Um nichts in der Welt würde sie jetzt noch alleine auf die Suche nach ein paar dämlichen Keksen gehen, wenn sie diesen Engel mitnehmen konnte. Als er ihr ein Zwinkern zu warf, das locker die Herzen dutzender Mädchen stehlen konnte, lief sie rot an und drehte sich hastig weg.
„Natürlich, Collin. Als meine Kollegen sie im Schlaf herbrachten, konnte ich mich nicht zurückhalten. Und jetzt willst du das Schicksal des Heiligabends besiegeln. Wenn dir dein Job lieb ist, solltest du das nicht riskieren, Collin.“
Tom grinste frech und Collin rieb mit Zeigefinger und Daumen über die Falte zwischen seinen Augen.
Der Wichtel stieg von seinem Wolkenpodest herab, ging auf den Engel zu. Wütend schnaubte das Männchen vor sich hin. Tom kam mit langsamen Schritten auf Emma zu und legte ihr einen Arm um die Schulter. Wie festgefroren stand das Mädchen neben ihm. Er brachte den Eisblock, der sie in diesem Moment war, in Position und ragte siegessicher neben ihr auf.
„Wir werden ein tolles Team sein“, versprach er. Sie nickte nur stumm. Noch immer glühte ihr Gesicht vor Scham. Sie mochte Tom, hoffte nun, dass es doch kein Traum wäre. Denn dieser Typ war Feuer. Und sie war der Schnee unter seinen Flammen.
„Collin“, mahnte Tom den Winzling, der nachdenkend auf und ab ging. „Entscheide dich, sonst geht die Sonne bald auf, dann geht sie wieder unter, und der Boss wartet noch immer auf sein Lunchpaket zum Abflug.“
Collin fluchte vor sich hin, streckte den Arm aus und zeigte auf Emma und den Engel.
„Nun gut!“, knurrte er und wirkte dabei bedrohlicher als die wütende Bäckerin. „Geh mit dem Kind. Aber halte dich zurück. Du bist ihr Geleitschutz. Und dass du mir ja keinen Unfug treibst. Ich kann es mir nicht leisten, am Ende noch wegen dir meinen Job zu verlieren.“
Dann verschwand der Wichtel in einer Glitzerexplosion vor den Augen der beiden. Emma staunte, hustete, als der Staub sich in ihrem Atem verfing.
„Was für ein Abgang“, kicherte Tom, nahm seinen Arm von ihrer Schulter und klatschte einige Male. „Das sieht dem alten Kerl gleich. Muss immer eine Show abziehen.“
„Wer… Wer bist du?“ Emma fand endlich ihre Stimme wieder und das Rot in ihren Wangen klang ab. Sie kam zur Besinnung. 
„Ich?“ Tom lachte los, sodass der ganze Himmel in diesem Ton versank. Emma grinste scheu. 
„Ich“, begann er, griff nach ihren Schultern und klopfte zweimal dagegen. „Ich werde dir den Hintern retten, Kleines.“

Montag, 5. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 5

Collin führte Emma einen gepflasterten Weg in den Wolken entlang. Sie wusste nicht, wohin er sie brachte. Marta folgte schnaubend, hielt sich jedoch mit weiteren Äußerungen zurück. Emma suchte den Himmel nach einem Zeichen ab. Ein Zeichen, das ihr sagen würde, dass sie doch noch träumte. Stattdessen wehte ein kühler Wind über den Wolken. Fröstelnd zog sie die Arme enger um sich. 
„Wohin gehen wir?“, fragte sie schließlich, denn das Schweigen war unangenehm.
„Ich bringe dich an das Wolkentor. Von dort aus wirst du losgehen, um die verbleibenden Plätzchen zu holen“, erklärte Collin, den Blick stur auf den Weg vor ihnen gerichtet.
Emma sagte nichts weiter dazu. Sie widerstand den erdrückenden Blicken der Bäckerin und dachte nach, wie sie diese verfluchten Plätzchen auftreiben sollte. Sie hatte sie nie gestohlen, von den Krümeln wusste sie ebenso wenig. Mit ihrem Bruder Ben aß sie gelegentlich Mutters Kekse im Bett vor dem Schlafen. Sie hockten dann zusammen unter der Bettdecke in der Dunkelheit, nur mit einer Taschenlampe und dem Teller voll köstlicher Plätzchen. Doch diese waren nicht mit Sternenstaub gebacken. Emma erfand oft Geschichten und der kleine Ben liebte ihre fantastischen Erzählungen. Mit seinen fünf Jahren fand er auch sicher an dieser Story Gefallen. 
„Wir sind da“, verkündete Marta. Ihre Stimme klang kalt. In ihren Augen glitzerten Eissterne. Emma zog die Arme noch enger um ihren Körper, der Anblick jagte ihr einen Schauer über die Haut.
„Ja“, fügte Collin hinzu. „Da drüben ist es.“
„Und jetzt?“, wollte Emma wissen. Sie konnte wohl kaum aus der Wolkendecke hinab auf die Erde springen und todesmutig nach ein bisschen Weihnachtsgebäck suchen. Doch genau das schienen Collin und Marta von ihr zu verlangen. Ihr. Einem gewöhnlichen Mädchen. Trotzig verschränkte sie die Arme und schaute hinüber zu diesem sogenannten Himmelstor. Es reflektierte die silbernen Strahlen der Sterne, die mittlerweile das Abendrot vollkommen verdrängt hatten. Nur noch ein schmaler Streifen am Horizont erinnerte an den vergangenen Tag. Emma trat näher an das Gebilde am Rande der weißen Watte heran. Sie strich mit den Fingern über das glatte Metall. Hinter dem Tor lag das weite Nichts des Himmels. Und darunter lag die Erde in weihnachtlicher Beleuchtung. Wie eine gewaltige Lichterkette wand sich das Meer aus winzigen, bunten Glühbirnen um den Planeten. Es war wunderschön.
„Du hast bis Sonnenuntergang am Heiligen Abend Zeit. Bis morgen also. Bring die Plätzchen bis dahin zurück und die Strafe bleibt dir erspart.“ Collins Worte klangen wie ein Urteil am hohen Gerichtshof. Der Hammerschlag blieb aus, denn das letzte Wort war längst nicht gesprochen. Emma warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Wie soll ich das machen? Ich habe weder eine Ahnung, woher die Krümel an meinem Bett kommen, noch, wo ich mit der Suche anfangen soll.“
„Du suchst halt, Herrgott!“, fluchte Marta. „Geh jetzt.“
Dann wandte die Magd sich ab und stolzierte davon. „Ich gehe wieder in die Backstube. Ehe die Hilfsengel mir alles abfackeln.“
Ihre Silhouette verschwand, so als hätte sie sich in Nebel aufgelöst. Emma starrte der Frau nach, schaute dann wieder zu Collin. Er wartete, neigte den Kopf in Richtung des Tores. Eine stumme Aufforderung.
„Da runter?“, fragte sie, zeigte zum Abgrund hinter dem Tor und er nickte.
„Niemals!“
„Doch, das musst du. Geh. Hol die Plätzchen. Oder bekomm nie mehr in deinem Leben ein Weihnachtsgeschenk.“
„Wer entscheidet das, du?“ Emma baute sich vor dem Winzling auf. Im Vergleich zu ihr war er eine halbe Portion in albernem Kostüm. Da die Bäckerin nun fort war, fühlte Emma sich stärker. Niemand hielt sie jetzt am Arm und verbot ihr das Wort. 
„Ich“, setzte das Männchen an. „Bin der Assistenzwichtel des Weihnachtsmannes. Seine rechte Hand. Er hat im Moment sicher genug zu tun, dass er meine Entscheidung begrüßt. Und jetzt geh.“ Collin wuchs plötzlich über Emmas Kopf hinweg. Unter seinen Füßen erhob sich eine kleine Plattform aus den Wolken und schob ihn in die Höhe. Bald konnte er auf sie herab schauen und dann war Emma der Winzling von ihnen. 
„Nun?“, fragte er und sie stöhnte. Weder Höflichkeit noch Frechheit retteten sie hier. 
„Ich weiß nicht wie“, meinte sie nach kurzem Zögern. Wind kam auf und zerzauste ihre Haare. Sie warf einen scheuen Blick in den Abgrund. So wunderschön er auch wirkte, sie würde wohl kaum den Absturz überleben. 
Etwas kitzelte an ihrem Nacken. Erschrocken griff sie danach. Eine weiße Feder lag in ihrer Handfläche. Das zarte Gebilde bog sich in ihren Fingern, brach aber nicht entzwei. 
„Ich werde helfen!“, rief eine fremde Stimme und ein Ruck ging durch die Wolkendecke auf der sie und Collin standen. Als sie den Blick umwandte, erblickte sie einen Jungen. Aus seinem Rücken ragten weiße Flügel.