Donnerstag, 1. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 1

Das Rot des Himmels strahlte so weit oben noch viel kräftiger, als unten auf der Erde. Emma bestaunte die herrliche Aussicht, wenn sie auch keine Ahnung hatte, wie sie überhaupt dort hingekommen war. An diesen Ort zwischen den Wolken. Wie verschneite Gipfel ragten sie hinauf, bildeten Täler und Schluchten. Tiefe Risse zogen sich hier und da durch die Wolkendecke und gaben den Blick auf die Erde preis. 
Ein Räuspern ließ Emma aufschrecken. Die Fremde stand schon eine Weile hinter ihr und musterte sie argwöhnisch. Emma hatte sich ihr bewusst nicht zugewandt. Zu unheimlich war diese seltsame Frau. Die Situation schien im Vergleich zur Gesellschaft dieser Dame kaum bedrohlicher. Glücklicherweise war Emma nicht mit Höhenangst verflucht. Nach einem weiteren, mahnenden Laut drehte Emma sich schließlich doch um. Hinter ihr stand eine Frau um die vierzig in altmodischer Gewandung. Ein Kleid wie von einer mittelalterlichen Magd umspielte ihre Kurven. Sie war von kräftiger Statur und ihre Wangen glänzten rosig. In Ihren Augen jedoch stand die Wut und nicht einmal die kunstvoll geflochtenen und hochgesteckten Haare trösteten über diesen Ausdruck hinweg. Emma verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln, zog den Kopf ein und versteckte die Hände hinter dem Rücken.
"Komm", befahl die Frau mit rauer Stimme. Unfreundlich streckte sie den Arm nach Emma aus, packte diese an der Schulter. Wie eine Verbrecherin wurde das Mädchen abgeführt. Sie weigerte sich umsonst, die Fremde war stärker, schubste sie einfach vor sich her wie einen leeren Karton. Ein empörter Ton trat über Emmas Mund, blieb jedoch ungehört. Eine Frechheit, sie so zu behandeln. Sie würde in der Realität sofort ihren Vater schicken, er würde schon etwas angemessenes zu diesem Verhalten zu sagen haben. Schließlich behandelte Emma die Menschen auch immer mit Respekt und Höflichkeit. So war sie doch erzogen. Auch in einer vollkommen eingebildeten Szene wie dieser sollten sich die Statisten doch wohl etwas zusammen reißen. Denn etwas anderes konnte das hier gar nicht sein. Ein Traum in den Wolken im Abendrot. Eigentlich eine wundervolle Vorstellung. Durch die ruppige Begrüßung jedoch zutiefst unangenehm. Und zuhause wartete der Weihnachtsbaum sehnsüchtig auf die Geschenkelieferung des Weihnachtsmannes. Am folgenden Tag war Heiligabend und es sollten viele Päckchen kommen. Emma und ihr Bruder hatten den Wunschzettel gut gefüllt. Lieber hätte sie sich in den Schlitten des Weihnachtsmannes geträumt, ihre Geschenke begutachtet, statt von der unfreundlichen Magd über die Wolkendecke gejagt zu werden.
"Au!", rief Emma aus, als die Frau sie in die Schulter kniff.
"Sei nicht so langsam, Mädchen. Wir haben es eilig." Die Frau warf dem Mädchen einen mürrischen Seitenblick zu. Die Wut der Dame war als zartes Knistern in der Luft zu spüren. Emma schüttelte sich. Die Hand der Frau griff augenblicklich fester zu.
"Lassen Sie los. Oder sagen Sie zumindest, was Sie von mir wollen. Ich bin eine Erwachsene, genau wie sie. Wir können wohl auf Augenhöhe miteinander reden, meinen Sie nicht?" Emmas Worte klangen vernünftig. Sie wollte schlichten, statt direkt aus der Haut zu fahren.
Ein empörtes Schnauben ließ verlauten, dass die Fremde anderer Meinung war. "Erwachsen, ja?", entgegnete sie. "Das wüsste ich aber, Kind. Du bist sechzehn."
"Das ist fast erwachsen." 
"Nein, Kind. Wärst du erwachsen, dann hättest du so eine Schandtat nicht begangen."
Verwirrt betrachtete Emma die Frau. Welche Schandtat? Was zum Teufel war in diesem Traum nur los?

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