Samstag, 10. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 10

"Hör gefälligst auf damit!", schimpfte Emma entsetzt, als Tom mit beiden Händen unter die Matratze griff und diese mit Schwung vom Bettgestell warf. Der rosafarbene Stoffhimmel ächzte unter dem Zusammenstoß und gab schließlich nach. Gemeinsam mit Matratze und Bettwäsche fiel er zu Boden. Emma ballte die Hände zu Fäusten. Sie zitterte vor Wut, während der Engel sie nur verständnislos musterte. 
"Du wolltest deine Familie doch nicht wecken", flüsterte Tom. Er setzte sein breites, falsches Grinsen auf und zwinkerte ihr zu. "Denk nur mal, was deine Mutter und dein Vater zu dieser Verwüstung sagen würden, wenn sie dich hier fänden." 
"Ich habe dich nicht gebeten, mein Zimmer zu zerstören! Du hast mein Himmelbett auseinander genommen. Hilf mir, diese verfluchten Plätzchen zu finden, und dann verschwinde!" Emmas Stimme wurde lauter und lauter. Der Engel stürzte zu ihr, legte seine Hand auf die vorlauten Lippen seines Schützlings und bedeutete ihr zu schweigen. Er war wohl neben ihr der Letzte, der hier entdeckt werden wollte. Das Mädchen atmete tief durch die Nase ein und sammelte allen guten Willen, den sie in diesem Moment heraufbeschwören konnte. Sie lockerte die Hände, die Fäuste lösten sich langsam. Dann tippte sie Tom auf die Hand über ihrem Mund, hob ihm den Blick entgegen und starrte ihn ernst an. Sie hoffte, er würde die Botschaft verstehen. Der Engel nahm die Hand fort, um sich sogleich wieder der Suche nach Spuren zuzuwenden. Emma verlor kein Wort mehr über sein Verhalten. Sie würde noch den richtigen Augenblick finden, sich an diesem Mistkerl zu rächen.  
"Hier", sagte er, unterbrach ihre Rachegedanken. Sie kauerte sich neben ihn, als er gerade das Lattenrost ein wenig anhob. "Siehst du? Da unten liegen noch mehr Krümel." 
Emma nickte. "Du hast Recht. Und da! Da sind noch weitere! Das ist eine Spur!" Sie kicherte, denn dieses Bild hatte etwas von Hänsel und Gretel. Tom und Emma. Engel und Mensch. Auf der Jagd nach Keksen fanden sie hoffentlich kein Lebkuchenhaus mitsamt Hexe. 
"Es führt an der Wand entlang", stellte Tom fest. "Dort drüben zum Fenster hinaus." 
Emma folgte seinem Blick, spähte zum Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Es war geschlossen und draußen zupfte der Wind an den blattlosen Ästen der Bäume. Das Licht der Laterne flackerte, die Birne brannte allmählich aus. Sie stand eilig auf, bahnte einen Pfad durch das Chaos, das der Engel eben angerichtet hatte. 
"War die Spur denn noch nicht da, als ihr mich abgeholt habt?", fragte Emma ihren Begleiter. Er zuckte ahnungslos mit den Schultern. 
"Schätze nicht. Zumindest habe ich nicht darauf geachtet. Meine Truppe hat dich hier aufgelesen, die Untersuchungseinheit war vor uns da, zusammen mit Collin. Er hat die Beweise gesichert und er ist gründlich. Möglich, dass der Dieb sich in der Zwischenzeit hier versteckt hielt und erst nachdem wir weg waren die Flucht angetreten ist." 
Tom schaute hinaus auf die Straße und suchte nach weiteren Hinweisen. Plötzlich leuchteten seine Augen auf. Es war ein kindisches, echtes Strahlen. Emma glaubte in diesem Moment nicht, dass dies eine Lüge war, wie so vieles anderes an ihm. Es war ein Stück des wahren Tom. Eine Medaille mit zwei Seiten, jede auf andere Weise geprägt. Ein Rätsel mit weißen Flügeln. Vor wenigen Stunden noch hatte sie nicht an Engel geglaubt. Und nun stand er da, war mit ihr geflogen, hatte sie verärgert und verblüfft. Ihn zu entschlüsseln schien unmöglich. War er in einem Moment der heiße Mädchenschwarm, verwandelte er sich im nächsten in den listigen Fremden. Und dort an ihrem Fenster zeigte sich sogar eine weitere Seite an ihm, die sie nun lesen konnte wie ein frisch gedrucktes Buch. Der verspielte Junge mit dem großen Herzen. Konnte er noch mysteriöser werden? 
"Schon mal mit einem Schneemann gesprochen?" 
Wie ein begeistertes Kind stand dieser geflügelte Mann vor ihr, die Hand erhoben, den Finger auf einen aufgeschichteten Haufen Schnee gerichtet. Emma sah verwirrt zu dem seltsamen Gebilde vor ihrem Haus. Es war tatsächlich mehr ein Haufen als ein klassischer Schneemann. Wie eine krumme Pyramide bäumte sich das kalte Weiß auf. Zwei Steine hatte man ihm gegeben, dass er sehen konnte. Der Mund bestand nur aus einer schmalen Linie, gemalt mit einem Stock. Eine Rübe steckte zwischen ihnen, es musste die Nase sein. Auf dem Kopf trug er eine rote Weihnachtsmütze mit Zipfel und Bommel an der Spitze. Ein bemitleidenswertes Geschöpf, geschaffen von Kinderhänden und Kinderfantasie, die sicher weit mehr in dem Berg von Schnee sah als Emma. 
"Nein", erwiderte sie. "Sollte ich?" 
"Ich zeig es dir." 
Ehe sie sich versah hatte Tom sie gepackt, gleichzeitig das Fenster geöffnet und sprang mit ihr hinaus. Sie unterdrückte ein Kreischen, das garantiert die gesamte Nachbarschaft geweckt hätte. Die Flügel fingen den Sturz ab. 
"Mach das nie wieder!", grummelte Emma den Engel an. Tom ignorierte sie, schritt zu dem Schneehaufenmann. Er steckte die linke Hand in die Hosentasche und zog einen kleinen Jutebeutel heraus. Eilig riss er das rote Band auf, das den Beutel sicher verschloss. Ein zartes Glitzern erspähte Emma darin, kurz bevor der Engel das Band wieder zu zog und den Beutel in der Tasche verschwinden ließ. Aber einen kleinen Teil des Glitzers hielt er in der Hand. 
"Was war das?", fragte sie neugierig. Emma erkannte das Blinken und Strahlen. Sie hatte es schon einmal gesehen.  
"Pass gut auf", sagte Tom, öffnete die Handfläche und blies feinen Staub auf den Schneemann. Emma stockte der Atem, als sie das Spektakel beobachtete. Tausend mikroskopisch kleine Sterne tanzten um den weißen Haufen, hüllten ihn in einen undurchdringlichen Nebel. Der Staub drang in jede Pore des Schnees ein. Einige Minuten betrachteten das Menschenmädchen und der Engel schweigend, was vor ihren Augen Wunderbares geschah. Die Steinaugen blinzelten. Der Linienmund verzog sich zu einem Lächeln. Tom hob zwei Stöcke auf, die achtlos auf dem Weg lagen, und steckte sie dem Schneemann in die Seiten. Die improvisierten Arme reckten und streckten sich. Der Schneemann hob die Stöcke an seine Mütze, wollte sie zur Begrüßung anheben wie einen Hut. Doch er merkte bald, dass ihm der übliche Kopfschmuck fehlte. So zog er nur die Mütze ein Stück ins Gesicht und schob sie wieder ein wenig hoch. Ein herber Ersatz für eine solche Geste.  
"Guten Abend", sprach der Schneemann und rümpfte die Rübennase. Sie saß nicht richtig an ihrem Platz. Emma sprang vor, drückte sie ein wenig fester in den Schnee und eilte dann wieder an Toms Seite. 
Der Schneemann nickte dankbar. "Vielen Dank, junge Dame. Was kann ich für euch tun an diesem frostigen Abend?" 
Tom lächelte freundlich, Emma tat es ihm gleich. Sie wusste längst, dass das kein Traum mehr sein konnte. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie schon daran glaubte. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen