Montag, 12. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 12

Der Schneemann regte jedes Flöckchen an seinem Körper, während er immer mehr zum Leben erwachte. Emma zupfte an Toms linkem Flügel, um dessen Aufmerksamkeit zu erlangen. 
"Wie hast du das gemacht?", fragte sie erstaunt. Der Engel lächelte und schenkte ihr sein berühmtes Zwinkern, spielte erneut den Herzensbrecher, den sie über den Wolken kennengelernt hatte. Emma verdrehte die Augen. 
"Magie", hauchte Tom. Dann wandte er sich dem nun lebendigen Schneehaufen zu und begann unerwartet eine Zeugenbefragung. "Sagen Sie, Herr Schneemann. Ist Ihnen am frühen Abend etwas Sonderbares hier vor dem Haus aufgefallen?" 
Der Schneemann schaute mit seinen kleinen Steinaugen nachdenkend gen Himmelszelt. Er führte den rechten Stock an sein kaum existentes Kinn und strich darüber. Es schien wie der bittere Versuch, einen richtigen Menschen nachzuahmen. Der knorrige Ast hob sich nur schwer, er steckte zu steif im Schnee. Dabei knackte das Holz bei jeder Bewegung derart laut, das Mädchen glaubte fast es brach. Die Steinaugen kullerten in den weichen Augenhöhlen umher, so als würden sie bald herausfallen. Die Geste rang Emma ein Schmunzeln ab. Sie unterdrückte mühsam das Lachen, das in ihrer Kehle saß. Es war unhöflich, so lustig die Szene auch sein mochte. 
"Nun", meinte der Schneemann schließlich. "Meine Augen sind recht klein, wie ihr sehen könnt. Aber etwas habe ich doch bemerkt. Ich war gerade erst eine halbe Stunde aufgebaut, da kamen einige Engel an und trugen dieses Mädchen dort aus ihrem Zimmer. Sie schlief tief und fest und ich hätte gern nach dem Grund gefragt, konnte jedoch noch nicht sprechen. Dann, so ungefähr zehn Minuten darauf, glitzerte sich eine goldene Spur ihren Weg durch dieses Fenster da oben hinaus. Es sah aus, wie eine Sternschnuppe. Und sie verlor ein oder zwei Bröckchen im Schnee." 
"Bröckchen?", fragte Emma neugierig. Sie zog die Augenbrauen in die Höhe und suchte sogleich den Boden nach den Überbleibseln des Glitzerwesens ab. 
Tom stupste sie mahnend an. "Er meint die Plätzchenkrümel, denen wir hier her gefolgt sind."  
"Ganz Recht", fügte Herr Schneemann hinzu. "Plätzchenkrümel." 
"Mh", murrte Emma, stapfte durch die Schneedecke, suchte nach weiteren Hinweisen. Eine Sternschnuppe sollte der Dieb sein? Diese Geschichte nahm immer seltsamere Formen an. 
"Herr Engel?", rief der Schneemann plötzlich. "Es mag mir nicht zustehen, darüber abschließend zu urteilen. Besonders, da ich auch nicht richtig scharf sehen kann. Aber ich glaube, es war eine Elfe." 
Tom nickte und rieb sich mit der Hand über den Kopf. "Nun denn, dann müssen wir diese Elfe wohl aufspüren. Wenn sie es nicht war, werden wir es herausfinden, und suchen von Neuem. Vielen Dank, Herr Schneemann." 
Der Schneemann lächelte. Die Rübennase zuckte dabei ein wenig und Emma wollte schon aufspringen, um sie wieder zu richten. Doch dann hielt der lebende Haufen Weiß in seiner Bewegung inne. Seine Züge erstarrten. Seine Steinaugen wurden leer. Er war fort. 
"Warum ist er jetzt nicht mehr lebendig?", flüsterte Emma erschrocken.  
"Der Sternenstaub lässt in seiner Wirkung bei nicht lebenden Wesen rasch nach. Er tut lediglich einige Minuten seinen Dienst. Aber das genügt auch, los, wir müssen zu den Elfen." 
"Wo hast du denn Sternenstaub her?", wollte sie wissen.  
"Das hat dich nicht zu interessieren", schnaubte der Engel. Er nahm eine abweisende Haltung ein, verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie streng an. Der ruppige, zielstrebige Tom war zurückgekehrt. Emma verdammte diese ständigen Wechsel seiner Stimmung. Die Launen steckten das Mädchen förmlich an, sodass sie zu einem Dauernervenbündel mutierte. 
"Bist du auch irgendwann mal nicht so komisch drauf?", fragte sie. Er reichte ihr die Hand, schaute seine Begleiterin mit einem weichen Blick an. Es lag Mitgefühl darin. Das genaue Gegenteil dessen, was sie von ihm erwartete. Emma streckte ihren Arm aus, schweigend, wartend. 
"Kommt darauf an, wie du komisch definierst." Ohne ein weiteres Wort griff der Engel um ihre Hüften, statt ihre Hand zu ergreifen, die sie ihm bot. Er öffnete seine Schwingen und trug sie hoch in die Lüfte. Die beiden ließen die Straße hinter sich, die Dächer der Stadt wurden kleiner und kleiner. Bald kam der nahe Park in Sichtweite, dessen Bäume mit vielen, warmweißen Lichterketten geschmückt waren.  

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