Dienstag, 13. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 13

Die Lichterketten in den kahlen Bäumen leuchteten ihnen den Landeplatz aus. In der näheren Umgebung stand keine Straßenlaterne. Umso besser, dachte Emma. Andernfalls würde das Lichtermeer vor ihr nicht auf diese zauberhafte Weise wirken. Die Glühbirnen glitzerten im Geäst. Sie verwandelten den Park bei Nacht in ein weihnachtliches Paradies und hauchten den blattlosen Pflanzen neues Leben ein. So wurden die Lichterketten zum winterlichen Gewand, während die grünen Blätter erst im Frühjahr wieder den kommenden Sommer ankündigten. Die Bäume umringten den zugefrorenen See des Parks, auf dem die Menschen bei Tage Schlittschuh fuhren. Auch Emma kam oft mit ihrem kleinen Bruder her. Er hing dann an ihrer Hand wie ein Klotz, denn Ben konnte sich auf dem glatten Untergrund nicht aufrecht halten. Doch er lachte und kreischte vor Freude, wann immer sie dort waren.  
"Komm", unterbrach Tom ihre Gedanken und leitete sie fernab vom Rundweg des Parks mitten hinein in die dichten Büsche. Sie trotzten hartnäckig dem Winter und trugen noch immer genügend Blätter, reckten sich tapfer dem schweren Schnee auf ihren Flächen entgegen. Emma duckte sich unter einem dicken Ast eines Baumes hindurch. Tom kämpfte sichtlich mit den an diesem beengten Ort viel zu großen Flügeln. Sie stießen ständig gegen Baum und Busch, sein Fluchen hallte im Flüsterton bis hin zu Emma. Sie kicherte vor sich hin. Geschah ihm recht. 
"Wohin führst du mich? Der Schneemann sprach von Elfen. Gibt es die hier wirklich?" 
Tom wandte sich in einer hastigen Bewegung um und hielt den Zeigefinger vor die Lippen. Das Mädchen nickte, sie verstand sein Zeichen. Er hatte sicher etwas entdeckt und sie zitterte vor Aufregung, zum ersten Mal in ihrem Leben echte Elfen zu sehen. Ob sie so hübsch waren, wie in den Märchenbüchern? Ob sie so aussahen, wie ihre Puppen aus Kindertagen oder die Wesen aus Zeichentricksendungen? 
"Da vorne", formte der Engel mit den Lippen, hob die Hand und deutete auf einen kleinen, leuchtenden Fleck zwischen den Büschen. Vorsichtig schlichen sie auf das Licht zu. Ein Knacken erklang. Emma schaute herab und fand einen gebrochenen Ast unter ihrem Schuh. Tom warf ihr einen bösen Blick zu. Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. Sogleich summten tausende Flügelschläge um sie herum, wie von tausenden Bienen, die nicht stachen. Es war ein Wirrwarr aus Licht und Glitzer und winzigen Kreaturen. Emma erkannte keine von ihnen. Sie schlug wild um sich, bis Tom ihre Hände griff und fest umklammerte. Sie konnte sein Gesicht bald nicht mehr sehen. Ihre Körper wurden verschlungen von diesem Sturm aus Glitzerstaub. Wie ein Tornado fegte das Summen um sie, der darauf aufkommende Wind blies Emma Gestrüpp ins Gesicht. Sie konnte nur ahnen, dass es Tom nicht viel besser erging. 
"Was zum Teufel...", holte sie aus, aber ihre Stimme versank in dem Lärm. Tom rieb mit den Fingern immer wieder und wieder über ihre Handrücken. Es schien ein Muster zu ergeben. Dieselben Bewegungen, immer und immer wieder. Plötzlich verstand sie, er malte Worte auf ihre Haut. Sie spürte der Berührung noch einmal aufmerksam nach. 
"R U H I G." 
Sie antwortete dem Engel, indem sie ihrerseits ein "O K" auf seine Haut schrieb. Tom verstärkte seinen Griff kurz und lockerte ihn dann wieder. Die Botschaft war angekommen. Dann zog er sie herunter. Er ging wohl in die Knie, ganz langsam und behutsam. Emma tat es ihm gleich. Kurz nachdem sie am Boden saßen, stieg die summende Wolke auf und zerstob in ihre Einzelteile. Diese Teile setzten sich vergnügt auf die Äste der umherstehenden Bäume. Emma glaubte, hier und dort ein Lachen zu hören. Sie schaute sich um, aber die Bäume waren zu hoch gewachsen, als dass sie etwas genaues hätte erkennen können. 
"Wen haben wir denn da", quiekte eine Stimme, fremd und hoch. Es war nicht auszumachen, ob es männlich oder weiblich war. Nur, dass es sehr, sehr klein sein musste. 

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