Mittwoch, 14. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 14

Da sie Tom seit dem Glitzersturm nicht mehr hatte sehen können, warf Emma ihm schnell einen Blick zu. Ein paar Kratzer der umherfliegenden Ästchen und Blätter gaben seinem eigentlich makellosen Gesicht eine unattraktive Härte. Nicht zu vergessen seine Augen, die sich in einem Blick der Wut deutlich hinunter neigten. Emma biss sich auf die Lippe, um ein Lachen zu unterdrücken. Mit den Händen fuhr er die unschönen Striemen nach. Er ahnte, dass sein Aussehen unter dem Angriff der Elfen gelitten hatte. Der eitle Engel sollte besser in nächster Zeit nicht in den Spiegel sehen.  
"Was wollt ihr?", quiekte die Elfe. Tom und Emma suchten die Zweige nach dem sprechenden Wesen ab, doch es waren zu viele, als dass sie ein einzelnes ausmachen konnten.  
Tom formte mit den Händen einen Trichter vor den Lippen und rief zu ihnen herauf: "Wir suchen den Dieb der Plätzchen des Weihnachtsmannes. Man hat einen von euch gesehen, dort, wo Plätzchenkrümel gefunden wurden." 
Eine der Elfen flog von dem Ast, stand in der Luft wie ein Kolibri. Das Wesen leuchtete ganz und gar golden. Die Kleidung bestand aus einer rissigen Hose und einem einfachen Shirt. Die Haare waren kurz, standen jedoch allesamt zu Berge, wie zu einem Zipfel frisiert. Die Einfarbigkeit der Elfe ließ die Übergänge von Körper zu Kleidung zu Haaren nur erahnen. Emma staunte, denn sie hatte sich diese Fabelwesen bunter vorgestellt. Von den durchsichtigen Flügeln stob unablässig eine zarte Glitzerwolke. Jede Bewegung verteilte den Schimmer und es wurde nicht weniger. Die Elfe verschränkte die Arme vor der Brust, Empörung breitete sich über ihre Züge.  
"Wir haben gar nichts gestohlen", erwiderte sie. "Jenna brachte vor einigen Stunden einen verzauberten Krümel her. Wir haben ihn in unser Festmahl aufgenommen. Sie fand ihn unbeachtet in einem Kinderzimmer. Niemand braucht einen Krümel. Es war der Rest, den die Menschen übrig ließen." 
Wie aufs Stichwort flog eine weitere Elfe heran, offenbar die zuvor genannte Jenna. Sie nickte eifrig, sprach aber selbst kein Wort. Anders als die sprechende Elfe, trug Jenna ein Kleid. Bei genauerer Betrachtung stellte das Menschenmädchen fest, dass es sich also bei der anderen Elfe um einen Mann handeln musste.  
"Aber habt ihr irgendetwas gesehen?", fragte Emma drängend. Sie trat einen Schritt näher und die Elfen wichen zurück. Tom streckte den Arm vor Emmas Brust aus, hielt sie auf, ehe sie noch weiter gehen konnte. Die männliche Elfe musterte erst die unerwünschten Besucher, dann Jenna kritisch. Diese senkte scheu den Kopf. 
"Nein", schwor er. "Geht jetzt. Fremde sind hier nicht gern gesehen. Unser Volk bleibt bevorzugt unter seinesgleichen." 
Damit flog er zu der Menge im Geäst und im nächsten Augenblick wurde es dunkel. Es war, als hätte jemand den Lichtschalter gefunden und die Elfen ausgeknipst. Ihr goldener Schein war fort. In der Ferne leuchteten nur noch die Glühbirnen der Lichterketten. 
"Feindliches Volk", murmelte Emma. 
"So sind sie", entgegnete Tom. "Stur und nicht gerade versöhnlich. Alleine die Begrüßung hätten sie sich schenken können. Elfen sind eigensinnig. Aber sie lügen nie. Wir müssen unsere Suche von vorn beginnen." 
Emma seufzte. Es waren erst wenige Stunden vergangen und es blieb noch genügend Zeit. Aber die Angst in ihrem Bauch flüsterte böse Worte, die Schwarzmalerei in ihren Gedanken riss nicht ab. Tom führte sie hinaus aus dem Dickicht. 
"Wartet!", rief eine quietschige Stimme. Emma drehte sich um und fand Jenna auf einem Blatt im Busch vor. "Ich... ich kann euch vielleicht helfen." 

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