Freitag, 16. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 16

Tom zog Emma beinahe gewaltsam aus dem Park heraus. 
"Warte, wo willst du hin?", rief sie dem wütenden Engel zu. Eine solche Reaktion hatte sie nicht von ihm erwartet. Er verbarg doch sonst jegliche emotionale Regung auf seine Art und Weise ganz und gar perfekt. Emmas Arm schmerzte unter dem stetigen Zug ihres Begleiters. Tom schien in diesem Moment kein Erbarmen mit ihr zu haben. 
"In die Weihnachtsbäckerei. Du hast doch die Silhouette eben auch erkannt, oder etwa nicht?", schnaubte Tom, behielt sein Tempo bei. 
"Ja, das habe ich. Ist das denn ein Grund, so rabiat zu mir zu sein?" 
Der Engel blieb abrupt stehen und Emma lief geradewegs gegen seinen Rücken. Die Flügel fingen den Aufprall ab. Er schaute zu ihr und zuckte dann mit den Schultern. Die feinen Kratzer auf seinem Gesicht wirkten jetzt, wo er so offen vor Verbitterung triefte, als wäre er der typische Bilderbuchbösewicht in dieser Geschichte.  
"Du kennst Marta nicht so wie ich. Aber diese Aktion hätte ich ihr auch nicht zugetraut." Tom seufzte, öffnete dann seine Arme weit. "Komm", sagte er. "Wird Zeit, eine Runde zu fliegen." 
Emma begab sich ohne zu zögern in die Umarmung des Engels. Als wäre es das normalste auf der Welt, mit ihm zu fliegen. Er schloss sie fest ein, dass sie ihm ja nicht fort rutschen konnte. Die Flügel schüttelte er, wie er es schon so oft getan hatte. Seine weißen Federn reflektierten das Licht der aufgehenden Sonne. Der schmale Strich von Orange-Gelb malte den kommenden Morgen auf den Horizont. Die Sterne sangen ihr Abschiedslied für die nächsten Stunden. 
"Du liebe Zeit!", kreischte Emma und sprang aus den Armen des Engels. "Es ist Morgen! Meine Eltern werden krank sein vor Sorge, wenn sie mich nicht in meinem Zimmer finden!" 
Tom grinste, zwinkerte ihr besserwisserisch zu. Seine Stimmung hatte sich geändert, von Wut zu gut. Ein schlechter Reim, um zu beschreiben, welche Verwirrung er mit diesem Verhalten am laufenden Band erzeugte. "Da hast du die Rechnung ohne mich gemacht. Wir haben keine Zeit dafür. Wir müssen eilig zur Weihnachtsbäckerei. Wie du siehst, beginnen sie gerade ihre tägliche Arbeit." 
Tom deutete auf den Himmel, dessen Orange sich langsam in ein tiefes Rot wandelte. Die wenigen Wolken sogen die Farbe auf, schwebende Wattebäusche, getunkt in einen Malkasten. Wie bunte Kleckse auf einer Leinwand zeugten sie von den fleißigen Bäckern dort oben. Was sagte Emmas Mutter immer? Wenn der Himmel rot ist, dann backen die Engel Plätzchen. Das Mädchen staunte über diese Feststellung. Sie hatte bis eben gar nicht weiter darüber nachgedacht. 
"Aber wie lösen wir das Problem mit meinen Eltern?", fragte sie. 
Tom räusperte sich, breitete dann ein weiteres Mal die Arme aus. Eine zweite Einladung auf einen Rundflug. Sein dringlicher Blick glich jedoch mehr einem Befehl. 
"Komm einfach mit. Wir machen einen Zwischenstopp dort. Ich sorge dafür, dass nichts weiter passiert, bis wir spätestens heute Abend zurück sind." 
Emma ließ sich von den starken Armen des Engels umschließen und nahm einen tiefen Luftzug. Ihr blieb nichts weiter übrig, als ihm zu vertrauen. Andernfalls würde sie den Rest ihres Lebens an Weihnachten keine Geschenke mehr kriegen. Er war der einzige, der ihr helfen konnte, ihre Unschuld zu beweisen. Tom spannte die Flügel, tat zwei kräftige Schläge und sie hoben vom Boden ab. Kurz darauf erreichten sie Emmas Haus. Wie ein riesiger Kolibri blieb Tom davor in der Luft stehen, hielt seinen Schützling mit einem Arm fest umschlungen, während er mit der nun freien Hand in seiner Tasche nach etwas suchte. Er zog den Beutel mit dem Sternenstaub hervor. 
"Hältst du den mal bitte?", fragte er dann und Emma griff nach dem glitzernden Säckchen. Tom zog die Schnur, steckte seine Hand hinein und heraus kam sie gehüllt in einen Haufen goldenes Glitzer. Fast könnte man meinen, es handelte sich um gewöhnlichen Bastelpuder. Doch das Pulver leuchtete so hell wie die Sterne, aus denen es entsprang.  
"Pass gut auf", sagte der Engel, öffnete die Handfläche und blies den Staub auf das Haus. Die Wände begannen zu strahlen, für nur wenige Sekunden. Emma dachte an die Fee Naseweiß und Peter Pan und hoffte schon, dass das Haus abheben und mit ihnen nach Nimmerland fliegen würde. Doch dann verblasste der Schimmer. Enttäuscht verzog sie die Lippen. Tom nahm unterdessen den Beutel aus ihrer Hand und verstaute ihn in der Hosentasche. 
"Was war das?", wollte Emma wissen. 
"Ich habe das Haus verzaubert. Deine Familie wird bis zum Abend schlafen." 
Emma stutzte, riss die Augen auf und zappelte aufgeregt in seinen Armen. "Aber ich dachte, der Zauber hält nur wenige Minuten?" 
"Oh Emma", begann Tom und schüttelte den Kopf. "Es gibt weit mehr als nur einen Zauber mit Sternenstaub. Du musst nur wissen, wie du ihn verwendest. Jetzt aber los. Das Morgenrot lässt bald nach. Wir müssen Marta zur Rede stellen." 
Tom visierte den Himmel an und flog so schnell er nur konnte auf die Wolken zu. Je näher sie dem Rot kamen, desto mehr erkannte Emma ein Feuer darin lodern. Das Feuer der Sonne sowie der Backstube. Sie stellte sich einen Backsteinofen auf einer flauschigen Wolke vor und verbannte das Bild aus ihren Gedanken. So einfach konnte das nicht sein. Oder etwa doch? 
"Sag mal, Tom", murmelte sie schließlich, denn er hatte eben einige Worte gesagt, die sie neugierig gemacht hatten. "Du sagtest, ich kenne Marte nicht so wie du. Was hast du damit gemeint?" 

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