Samstag, 17. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 17

Der Flug schien endlos. Emma starrte auf die tiefen Denkfurchen in Toms Stirn. Gedankenverloren stieg er höher und höher in den Himmel, ließ das Ziel nicht aus den Augen. Das Rot wurde intensiver, es blendete fast. 
"Jetzt spuck' es endlich aus, Tom!", bat Emma drängend. Sie wollte nicht länger im Dunklen gelassen werden. Wenn Marta tatsächlich etwas mit dem Diebstahl der Plätzchen zu tun hatte, musste es doch einen Grund geben. Emma kannte die Frau nicht so wie der Engel, da hatte er wohl recht. Sie kannte sie erst seit einigen Stunden. 
Ihr Begleiter seufzte. "Marta hat ihre Position mit unrechten Mitteln erhalten. Sie war früher auch als Schutzengel tätig, wollte aber mehr. Sie gab sich nicht damit zufrieden. Allerdings gelang ihr der Aufstieg nicht so schnell, wie es ihr lieb war. Sie rasselte mehrfach durch die Schutzengel-Prüfung." 
"Ihr legt eine Prüfung ab?", unterbrach Emma ihn. Tom verdrehte die Augen und lächelte. Dann setzte er die Geschichte fort. 
"Sie wollte schon immer in die Weihnachtsbäckerei, liebte das Backen über alles. Aber dafür musste sie zunächst einmal einen Pflichtdienst als Schutzengel ableisten und als es dann soweit war, wurde ihre Bewerbung vom Weihnachtsmann persönlich abgelehnt." 
Der Engel hielt einen Moment inne, in dem Emma geschockt aufkeuchte. Der gute, alte Mann mit dem weißen Bart und der lustigen Zipfelmütze, der Kinder seit Jahrhunderten mit Geschenken eine Freude bereitete, konnte ein strenger Vorgesetzter sein? Sie stellte sich vor, wie er ihren Schuldspruch ohne das Ansehen von Beweisen einfach unterschrieb. Sicher wäre er auch dazu fähig. Das Mädchen spürte Mitleid für die schroffe Magd. 
"Aber wie hat sie die Stelle dann doch noch bekommen?" 
"Die Bewerbungen werden vom Oberwichtel vorsortiert, er sucht die geeignetsten Kandidaten heraus. Diese werden dann vom Weihnachtsmann geprüft", sagte Tom. Ein kalter Gegenwind kam auf und der Engel hatte Mühe, dagegen anzusteuern. "Sie hat den Wichtel dann bestochen. Die gute Marta hatte nämlich ein neues Rezept entwickelt, das ihr bei weiteren Bewerbungen jedoch noch immer keinen Zuspruch vom Boss brachte. Sie bot dem Oberwichtel tägliche Plätzchenlieferungen ihrer speziellen Sorte an, wenn er die Mitbewerber einfach unter den Tisch fallen ließe. Er stimmte zu. Und deshalb hat sie den Job. Es ist nie aufgeflogen." 
Emma überlegte kurz. "Ist der Oberwichtel nicht Collin?" 
Tom lachte. In seinem Ausdruck erkannte Emma, dass er nicht sonderlich scharf war auf dieses Interview. Aber er antwortete schließlich dennoch. "Er ist der Nachfolger. Sein Vorgänger war der Bestochene. Aber Collin hat den Job auch nicht einfach nach einer Bewerbung bekommen." 
"Was meinst du damit?", fragte Emma weiter. Plötzlich hielten sie an. Ein Blick hinunter bestätigte ihr, dass beide auf einer Wolke standen. Ein Hauch von Freude ergriff das Mädchen. Wenn es auch nicht die besten Umstände waren, unter denen sie hergefunden hatte, so liebte sie die Himmelswelt trotz allem sehr. 
"Wir sind da", murmelte der Engel. "Reden wir später weiter, lass uns Marta finden." 
Der Eingang zur Backstube lag direkt vor ihnen. Begeistert lief Emma darauf zu. Es stand ein steinernes Haus auf den Wolken. Es stand! Sie traute ihren Augen kaum. Das Haus erinnerte sie an Hänsel und Gretel, wenn es auch nicht aus Lebkuchen sondern aus rotbraunen Backsteinen bestand. Die Fensterläden waren künstlerisch verziert. Emma kannte die Muster von Spekulatius-Plätzchen, aber die dargestellten Figuren hatte sie noch nie erkennen können. Zwei riesige Zuckerstangen umrahmten die Holztür. Sie liefen oben in einem Bogen zusammen. An ihren Spitzen baumelte ein dekorativer Mistelzweig. Emma lief rot an, als sie daran dachte, mit Tom unter diesem Torbogen hindurch zu gehen. Galt die Regel mit dem Kuss unterm Mistelzweig auch im Himmel? 
"Marta ist nicht da", erweckte der Engel Emma aus ihrer Denkstarre. Tom stand an einem der geöffneten Fenster und spähte herein. "Nur die Aushilfe. Komm, lass uns hinein gehen." 
Emma folgte ihrem Begleiter, achtete penibel darauf, dass sie mit gebührendem Abstand zu ihm durch die Tür trat. Der Engel musterte sie argwöhnisch. Sie schluckte einen dicken Kloß in ihrem Hals herunter, eilte hinein und wurde von einer Symphonie aus Gerüchen begrüßt. Lebkuchen, Zimtsterne, Vanillekipferl. Emma streckte die Nase in die Höhe, nahm jedes Molekül des frischen Backduftes auf. Aus diesem Paradies wollte sie nie wieder zurück kehren. Was war schon ein Erdenleben gegen diese Köstlichkeiten? Und auf der Erde konnte wohl kaum ein Bäcker mit den Köstlichkeiten aus der Weihnachtsbäckerei mithalten. 
"Vorsicht! Aus dem Weg!!!", schrie jemand hinter ihr. Eine unbekannte Frau raste an Emma vorbei, schubste sie beinahe um. Tom eilte herbei. Er fing das Mädchen gerade noch auf. Verblüfft beobachteten die zwei die seltsame Dame, die hektisch am Backofen fummelte und sich dabei auch noch die Hand verbrannte. Ihre Flügel waren im Vergleich zu denen von Tom klein, sie wirkten fast schon geschrumpft. Ob sie damit fliegen konnte? Emma ging näher heran. Die Fremde trug ähnliche Kleidung wie Marta, die charakteristische Magd-Kluft diente hier sicher als Arbeitskleidung. 
"Kann ich dir helfen?", fragte Emma. 
"Nein", sagte die Fremde erleichtert. Sie zog ein Blech frischer Lebkuchen aus dem Ofen. "Habe sie gerade noch gerettet. Ich war spät dran." 

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