Montag, 19. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 19

Emma musterte die junge Frau. Sie konnte dem Aussehen nach nicht älter sein als das Mädchen selbst. Und dennoch erkannte man in ihren Augen, dass sie weit mehr Jahre kommen und gehen gesehen hatte, als Emma aufzählen konnte. 
„Felice“, murrte Tom. „Schusselig wie eh und je.“
„Oh Tom“, erwiderte die Bäckerin. „Du bist keine Spur erträglicher geworden.“
Felice lachte, griff nach dem heißen Backblech und zog es gekonnt heraus. Ohne Handschuhe. Ungläubig betrachtete Emma das dampfende Stück Metall. Sah es womöglich heißer aus, als es tatsächlich war? Der Ofen ächzte und keuchte und Felice stieß hastig die Tür des feurigen Schlotes zu. „Die Wichtel in der Werkstatt werden sich freuen, wenn sie auch mal ein paar Lebkuchen kriegen“, sagte Felice. Vergnügt nahm sie einen Spritzbeutel aus dem Regal, füllte ihn anschließend mit einer hellen Masse. Zähflüssig und bestimmt süßer als jeder Zucker auf der Erde, dachte Emma. Die Bäckerin malte gedankenverloren Muster auf das Gebäck.
„Was wollt ihr hier?“, fragte sie schließlich, nachdem das Kunstwerk auf den ersten drei Lebkuchen vollendet war. Sie schaute sich nicht nach den ungebetenen Gästen um. Tom schritt die Gewürzregale ab, las die Etiketten, untersuchte die Küche gründlich. Er wagte nicht, in die Schränke und Schubladen zu schauen, wie er es in Emmas Haus getan hatte. Seine Hände hinter dem Rücken verschränkt verließ er sich allein auf seine Sehkraft. Ob er auf diese Weise die Lösung zum Rätsel um den Diebstahl der Weihnachtsplätzchen fand, das bezweifelte Emma sehr.
„Wir suchen Marta“, antwortete das Mädchen dann, denn der Engel war offenbar zu beschäftigt.
„Die ist nicht da. Schon seit einigen Stunden nicht. Ich habe die ganze Nacht hindurch alleine gebacken.“ Felice summte eine leise Melodie. Der Spritzbeutel leerte sich schnell, sodass die Bäckerin unvermittelt aufsprang und an Emma vorbei zu einem der Schränke rannte. 
Sie entdeckte Tom, der inzwischen doch eine der Türen geöffnet hatte und hinein spähte. Wütend stemmte die junge Frau die Hände in die Hüften.
„Mal ehrlich, hast du keine Manieren? Jetzt sag endlich, was ihr hier wollt. Ihr sucht nach Marta, aber was wollt ihr von ihr?“
Tom seufzte. „Sie wurde an einem Tatort gesichtet.“
Felice verzog mahnend das Gesicht. Wie eine aufgebrachte Mutter stand sie da, tappte mit der Spitze des rechten Fußes auf den Fußboden. „Wo?“, fragte sie mürrisch.
„In meinem Zimmer.“ Emma riss das Wort an sich. Die Situation wurde zusehends unbehaglich. Die beiden Engel mochten einander wohl nicht besonders. „In meinem Zimmer wurden Krümel von Sternenstaubplätzchen gefunden. Man beschuldigt mich, sie gestohlen zu haben. Aber eine Zeugin, eine Elfe, hat Marta dort gesehen.“
Felice lockerte ihre Haltung, straffte die Schultern nur um dann in einen stetigen Marsch auf und ab zu verfallen. Die Frau durchfuhr ihr langes, geflochtenes Haar mit den Fingern. Die Knoten fielen auseinander. Mit geschickten Händen fügte sie es wieder zusammen. Sie verband das Ende mit einem Schleifenband, führte die Strähnen an ihre Lippen und kaute darauf herum. 
„Es ist schon wahr“, flüsterte sie kaum hörbar. „Marta war den ganzen Abend abwesend. Es ist möglich, dass sie bei dir war.“
„Dann hat sie die Plätzchen gestohlen“, stellte Tom fest.
„Nein“, entgegnete Felice, die sich vor dem Engel aufbaute und ihre winzigen Flügel ausstreckte. Tom breitete gesamte Pracht auf seinem Rücken aus, die Federn fanden kaum genug Platz in dem Häuschen. 
„Dazu hatte sie keinen Grund. Sie wollte sicher nur den Tatort auch unter die Lupe nehmen. Du kennst sie doch gut genug.“ Die Bäckerin verteidigte ihre Herrin standhaft. Sie beteuerte die Unschuld und konnte es doch nicht beweisen.
„Du weißt um ihr Motiv, Felice“, beschwor Tom. „Du weißt selbst, wie sie an diese Stellung gekommen ist.“
„Collin hat ebenso Dreck am Stecken“, fauchte die Frau. Passend zum Streit flammte der Ofen hinter Felice auf. Die Metalltür färbte sich tiefrot. Die aufkochenden Gefühle der Bäckerin fachten das Feuer unweigerlich an. Emma trat ein paar Schritte zurück, stieß an ein Glas und es fiel polternd zu Boden. In tausend Scherben splitterte es, ein Teppich aus Glitzer ergoss sich um die Füße des Mädchens. Sie hörte noch, wie Felice schrie und sah im Augenwinkel, dass Tom zu ihr eilte. Und plötzlich war sie eingehüllt von dem wundervollen Staub, der an ihren Beinen hinauf kroch und sie ganz und gar in einen leuchtenden Umhang hüllte. Emma hob die Hände vor das Gesicht und bestaunte das Funkeln. Sie wurde zu Gold. Ob ihr Körper erstarren würde, auf immer und ewig? Aber sie fühlte keine Angst, nur Wärme und Glück und Geborgenheit. Emma schloss die Augen fest, denn Dunkel wurde es ohnehin um sie.

„Emma?“, sprach eine unbekannte Stimme in ihrem Kopf. „Komm zu mir.“
Verlockend, fast so wie ein Gesang von unsagbarer Schönheit und reinem Klang. 
„Wer bist du?“, fragte das Mädchen. Oder dachte, wie man es auch nennen mochte. Sie spürte keine Regung ihrer Lippen, nur ihr Kopf schien bei den Worten zu vibrieren. So sanft, dass sie es kaum wahrnahm.
„Im Sternenstaub liegt die Antwort, Kind. Durch ihn hat der Weihnachtsmann die Macht, Weihnachten über die Welt zu bringen.“
„Aber wie?“ Emma lauschte den Worten. Sie umschwirrten sie wie ein Schwarm Schmetterlinge. Zupften an ihren Ohren und kitzelten ihr Herz.
„Die Plätzchen“, fuhr die Stimme fort. Dann wurde es still und schwer und müßig. Emma runzelte die Stirn. Unter ihren Augenlidern brannte ein eigenes Feuer, ein anderes als im Ofen der Weihnachtsbäckerei.

„Emma?!“ Felice und Tom riefen ihren Namen im Chor. Immer und immer wieder. Ihr Kopf war wie aus Stein. Die Realität war realer denn je. Emma schlug die Augen auf und das Brennen ließ nach. 
„Was war denn los?“, fragte sie. Zwei besorgte Engel hockten vor ihr. Das Mädchen untersuchte die Hände, doch das Glitzern war fort. Sie war kein Gold mehr. Die Scherben des Glases lagen noch da. Unangerührt, niemand machte sich Mühe, die scharfen Einzelteile aufzukehren. Emma ließ den Blick durch den Raum schweifen. Sie lag auf dem Boden der Backstube im Himmel. Ihr brummender Schädel lehnte an einer Anrichte. Hätte ihr nur jemand ein Kissen gegeben.
„Du hast ein Glas mit Sternenstaub umgestoßen. Und dann hat der Staub dich verzaubert und du wurdest ohnmächtig“, erklärte Felice. Mit einem kalten Lappen tupfte sie über Emmas Stirn. Zu kalt, selbst bei der vorherrschenden Hitze.
„Ja“, meinte Emma und schob den Lappen weg. Felice stutzte, ließ sie jedoch gewähren. Tom wollte das Mädchen gerade aufhalten, kaum dass sie Anstalten machte, aufzustehen. 
„Nein!“, befahl sie mit fester Stimme. „Ich bin OK.“
Ihr Begleiter, ihr Engel Tom, wich nicht eine Sekunde von ihrer Seite. Nicht einmal der Streit mit der Bäckerin interessierte diesen Sonderling noch. Eine weitere Facette in der Sammlung. Sorge um einen unbedeutenden Menschen, so hatte er es Emma begreiflich gemacht. 
Auch Felice trug tiefe Sorgenfurchen im Gesicht. Nur bei dieser hatte Emma weniger Zweifel an ihren Absichten, als bei dem Engel.
„Es ist in Ordnung, wirklich“, schwor das Mädchen. „Aber ich muss etwas wissen.“
„Was denn, Emma?“, fragte Tom. Die Stimme sanft und ruhig. Erst jetzt erkannte das Menschenmädchen auch darin eine eigene Melodie. Es sah ihm nicht ähnlich, sich derart zu kümmern.
„Zum einen, was hat Collin für Motive. Zum anderen“, sie nahm einen tiefen Atemzug, richtete sich auf und schaute ihre beiden Gegenüber selbstsicher an. Eine Überzeugung wuchs in ihr. Die Überzeugung, dass in diesem Himmel weit mehr vor sich ging, als sie alle ahnten. Jemand von hier hatte seine Finger im Spiel, was den Diebstahl der Plätzchen betraf. Martas Motive kannte sie längst, es fehlten nur Beweise. Aber auch Collin hatte laut Felice nicht gerade eine reine Weste.
„Und noch?“ Tom schenkte Emma einen Blick voller Ungeduld. 
„Und“, setzte Emma schließlich fort. „Wie helfen die Sternenstaubplätzchen dem Weihnachtsmann, Weihnachten über die Welt zu bringen?“


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Ich gebe zu, ich hatte den Lauf der Geschichte so nicht erwartet. Sie überrascht mich selbst. Und ab heute wäre der Tag gekommen, an dem ihr einen Verdächtigen mit entsprechendem Grund per E-Mail liefern könnt. Es fällt mir schwer, das zu beurteilen. Haben die Verdächtigen genug vorgebracht, dass man den größten Übeltäter bereits ausmachen kann? Man merkt, dass ich einen solchen Kalender zum ersten Mal mache. Da er recht spontan entstanden ist, enthüllen sich mir die kleinen aber feinen Planungsfehler mittlerweile nach und nach. Ich hoffe dennoch, dass ich euch ein wenig inspirieren konnte ;). Ich freue mich über jeden, der mir einen Täter liefert und einen Grund. Wer hat die Plätzchen warum gestohlen? 

Ich dachte ehrlich nicht, dass sich die Geschichte noch bis heute derart ziehen könnte xD. Wenn das so weiter geht, hat der Weihnachtsmann seine Plätzchen viel zu spät zurück. Und nein, das wollen wir nicht. Er soll schließlich pünktlich zu Heiligen Abend das Weihnachtsfest über die Welt bringen können. Und ja, wie genau macht er das ausgerechnet mit Plätzchen? Ob mein Einfall fantasielos ist, das seht ihr dann morgen. Und wie gesagt, ich freue mich über jede E-Mail :). Auch wenn ich es euch sicher schwer gemacht habe, jetzt schon eine Entscheidung zu treffen. Aber das Ende, das schreibe ich erst am 23.12., also bleibt mir noch genügend Zeit, mehr Geheimnisse zu lüften. Und euch bleibt genügend Zeit, mir zu schreiben ;).

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