Freitag, 2. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 2

„Schuldig!“, verkündete die Magd und warf Emma vor die Füße eines Mannes – oder eher Männchens. Ein Kleinwüchsiger mit roter Zipfelmütze, einem grünen Rollkragenpullover, kurzer Lederhose und bis zu den Knien gezogenen Ringelsocken in rot und gelb stand da, tappte feindselig mit dem Fuß im Sekundentakt auf den Boden. Passend dazu bimmelte ein Glöckchen an der gekrümmten Schuhspitze bei jeder Bewegung. Die Arme hatte er vor der Brust verschränkt, wirkte aber längst nicht so bedrohlich wie die seltsame Frau. Emma rappelte sich auf, klopfte die klebrige Wolkenwatte von ihrem Körper, die sich beim Fall auf ihr nieder gelassen hatte. 
„Nun denn“, begann das Männchen erbost. „Du bist also die Diebin.“ 
„Was?“, fragte Emma verwirrt.  
„Du hast sie gestohlen, gib es doch zu!“, schaltete die Frau sich wieder ein. Emma beachtete sie gar nicht. Zu gebannt war sie von der schmächtigen Erscheinung des Mannes. Zuletzt hatte sie ein solches Wesen in einem Bilderbuch aus ihrer Kindheit gesehen. Wenigstens verlieh er diesem Traum ein wenig Sympathie. Denn wie konnte man kleinen Männchen böse sein? 
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, verzogen sich seine Gesichtszüge zu einer grimmigen Maske.  
"Antworte, junge Dame", murrte er. "Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?" 
Emma erwachte aus ihrer Starre und versuchte sich einen Reim darauf zu machen, was man ihr vorwarf. Nicht, dass es eine Rolle spielte, denn sie würde ohnehin am Morgen einfach wieder aufwachen. Aber die Neugierde nagte an ihr. 
"Wofür soll ich mich verteidigen? Ich habe nichts getan? Komischer Traum." Die letzten Worte murmelte sie, jedoch nicht unverständlich genug. Denn die Frau und das Männchen begannen bitter zu lachen. Emma stutzte. Hatte sie etwas Falsches gesagt? 
"Das ist kein Traum, Kind." Die Frau winkte mahnend mit dem Zeigefinger. Das Männchen nickte zustimmend. "Du bist vor den Toren der Weihnachtsbäckerei und wir haben dich herholen lassen. Morgen ist der heilige Abend. Offenbar konntest du den Mund nicht voll genug kriegen mit Geschenken, hast du doch eine volle Liste eingereicht! Nein, du gönnst dem Weihnachtsmann auch gar nichts. Ihr Kinder seid nicht mehr das, was ihr einmal wart." 
Die Tirade der Fremden sorgte nur für noch weitaus mehr Unverständnis. Noch immer hatte Emma keinen blassen Schimmer, was sie gestohlen haben sollte.  
"Aber was habe ich denn getan?", jammerte sie. "Ich weiß nicht, warum ich hier bin!" 
"Emma Saunders", sprach das Männchen und Emma lauschte aufmerksam. "Dir wird folgendes zur Last gelegt. Am frühen Abend vor dem zu Bett gehen hast du dich in die Weihnachtsbäckerei geschlichen und heimlich die Plätzchenlieferung des Weihnachtsmannes geklaut." 
Emma klappte die Kinnlade herunter. Sie sollte Plätzchen aus einer Weihnachtsbäckerei im Himmel entwendet haben? Ein heiteres Lachen bahnte sich den Weg durch den Bauch heraus über ihre Lippen.  
"Das ist nicht euer ernst", sagte sie, stieß jedoch nur auf Kopfschütteln.  
"Der Oberwichtel Collin hat persönlich die Beweise gesichert", beschwor die Frau und deutete auf das Männchen. Emma prägte sich den Namen zu dem kleinen Kerl ein. Collin hieß er also. Aus seiner Tasche zog er einen kleinen Plastikbeutel mit Kekskrumen, die er vieldeutig vor ihr hin und her schwenkte. 
"Die haben wir in deinem Schlafzimmer gefunden." 
Emma hörte auf zu lachen und schaute die Krümel an. Es waren gewöhnliche Krümel. Das könnten ebenso gut die Überreste Kekspackung sein, die sie mit ihrem Bruder aus dem Süßigkeiten Schrank gemopst hatte. An diesen Beweisen schien nichts Sonderbares. 
"Sieht aus wie normale Krümel", sprach Emma ihre Gedanken aus. 
"Falsch", schimpfte die Frau. "Collin, sag es ihr!" 
"Ruhig Blut, Marta."  
Nun hatte endlich auch die fremde Magd einen Namen. Emma schrieb ihn sich dick hinter die Ohren. Die Frau war ihr nach wie vor unsympathisch und Collin war nun auch deutlich bösartiger als erwartet. 
"Diese Krümel stammen eindeutig von Plätzchen aus der Weihnachtsbäckerei." 
"Was macht Sie da so sicher?", trotzte Emma. 
Collin kicherte einen Augenblick, so als müsste die Antwort offensichtlich sein. Emma fühlte sich dumm, doch wie konnte sie denn wissen, was er da redete? 
"Die Plätzchen in der Weihnachtsbäckerei", seufzte Marta entgeistert. "Werden mit Sternenstaub gebacken." 
Wie aufs Stichwort begann der Inhalt des Tütchens golden zu glitzern. 

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