Dienstag, 20. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 20

Felice schüttelte den Kopf. Tom folgte ihrem Beispiel. Mit Zeigefinger und Daumen rieb der Engel über die Sorgenfalten in seiner Stirn.  
"Woher weißt du davon?", fragte die Bäckerin. 
"Eine Stimme sagte es eben. Keine Ahnung, wer es war. Aber sie sagte, dass der Weihnachtsmann mithilfe der Plätzchen Weihnachten über die Welt bringt." 
Tom seufzte. Schweigend zupfte er an einer seiner weißen Federn. Felice spielte erneut an ihrem Zopf herum, während Emma ungeduldig auf eine Antwort wartete. 
"Weißt du, Emma", begann Felice schließlich und Emma nickte zufrieden. "Der Sternenstaub in den Plätzchen verstärkt die Magie des Weihnachtsmannes. Ohne diesen kleinen Energiekick reicht sein Zauber nicht aus, um die Welt in einer Nacht zu umrunden und derart viele Kinder zu beschenken. Versuch nur einmal nachzurechnen, wie viele Kinder er in der Sekunde besuchen müsste." 
Emma überlegte einen Moment. Sie hatte sich ohnehin schon immer Gedanken darum gemacht, wie ein alter Mann mit einem Schlitten und ein paar Rentieren diesen Job in einer Nacht erledigen sollte. Selbst wenn nicht alle Menschen der Welt an ihn glaubten, es bliebe noch immer eine schier unendliche Menge an Kindern übrig.  
"Wie wirken die Plätzchen?" Emmas Frage überraschte die Bäckerin nicht. Stattdessen grinste die Frau, ging dann zu einem der Regale. Im obersten Fach stand ein weiteres Glas wie jenes, das das Menschenmädchen zuvor umgestoßen hatte. Felice nahm es herunter, öffnete vorsichtig den Korken und nahm eine Handvoll Glitzerstaub aus dem Gefäß.  
"Sternenstaub steckt voller Wunder. Er lässt Wünsche wahr werden und manifestiert sie nach der Vorstellungskraft desjenigen, der den Zauber webt", erklärte Felice. Sie richtete sich ihrer Arbeitsplatte zu und blies zaghaft auf ihre Handfläche. Der Glitzerstaub legte sich über Teigrolle und Plätzchenformen und belebte die Gegenstände im nächsten Augenblick. Die Teigrolle stand aufrecht und sprang in einem wirren Rhythmus über den Tisch. Die Ausstecher suchten eilig das Weite, sie schienen nicht begeistert von der Vorführung des massigen Stückes Holz. Emma beobachtete das Schauspiel mit großen Augen. Zumindest bis die Utensilien nach wenigen Sekunden erstarrten und zu Boden fielen. 
"Siehst du?", ergriff Tom das Wort, der bis dahin nur still in der Ecke gestanden hatte. "Wie auch schon bei dem Schneemann. Du stellst dir vor, was du dir wünschst. Dann lässt du es mit dem Sternenstaub Wirklichkeit werden." 
"Wie macht der Weihnachtsmann das?" Emmas Neugierde war geweckt. Sie sponn etliche Ideen in ihren Gedanken zu einem verworrenen Knäul voller Fantasie. Was man mit diesem Wundermittel alles anstellen konnte. 
Der Engel schaute hastig zu Felice herüber, die gerade das Glas mit dem restlichen Sternenstaub zurück in das Regal stellte. Als sie seinen Blick bemerkte, legte sich ein hämisches Grinsen über ihre Züge. 
"Da habe ich dem Engel wohl doch noch etwas an Wissen voraus", prahlte die Bäckerin. "Es gibt mehrere Möglichkeiten. Der Weihnachtsmann isst von den Plätzchen und wird von der Magie erfüllt. Er kann dann entweder die Zeit für seine Umgebung verlangsamen oder seine eigene beschleunigen." 
Tom stimmte mit einem Nicken zu. Emma schritt nachdenkend auf und ab. Die roten Kacheln der Bäckerei strahlten eine angenehme Wärme aus. Mit den Augen malte sie die dünnen Linien zwischen den einzelnen Steinen nach, folgte den Formen und begann von Neuem. Sie stellte sich den Weihnachtsmann vor, der ohne seine Plätzchen in dieser Nacht Weihnachten nicht bewältigen konnte. 
"Aber kann man ihn nicht einfach mit Sternenstaub überschütten? Also ich meine den Weihnachtsmann. Bei mir hat doch eben auch die Magie gewirkt. Es muss doch funktionieren." 
Emmas Frage entlockte der Bäckerin und dem Engel ein hysterisches Lachen. 
"Wenn das nur so einfach wäre. Er muss den Staub in sich aufnehmen. Und hast du schon einmal versucht, Staub zu schlucken? Daher die Plätzchen. Und erinnerst du dich nicht, du bist ohnmächtig geworden. Die Magie war da, um dich herum und in deinem Kopf. Aber wäre es von Vorteil, wenn der Weihnachtsmann vor dem Abflug das Bewusstsein verliert?", erläuterte Felice stolz. Die Rolle der ermahnenden Mutter erfüllte sie nahezu lückenlos. Einen Augenblick glaubte Emma, ihre eigene Mutter in der gutherzigen Frau zu sehen.  
Das Mädchen gab nicht auf, sie wollte mehr wissen. "Wie viele Plätzchen braucht er?" 
Felice hob den Blick an die Zimmerdecke und zählte in Gedanken nach. Sie schloss die Augen, ihre Lippen bewegten sich im Takt der Ziffern, die sie sprach.  
"Zwölf. Ein Plätzchen für jede Stunde seiner Reise. Es wird jedoch immer ein Vorrat von etwa sechsunddreißig Plätzchen gebacken. Falls etwas schief geht." Felice schloss ihre Ausführungen. Sie marschierte zu den Lebkuchen, deren dekorative Schrift in der Zwischenzeit getrocknet war, und füllte sie in eine Keksdose um. Dabei summte sie das Lied "Rudolph, the red nosed Reindeer". Tom stöhnte entsetzt auf. Das schien nicht der Weihnachtssong seiner Wahl zu sein. 
"Wir haben keine Zeit für die Fragestunde, Emma. Wir müssen deine Unschuld beweisen", murrte der Engel, verschränkte die Arme. Er wirkte wie ein aufmüpfiger Teenager. 
"Aber eines noch!", rief Emma, als er sich bereits zum Gehen wand. "Was ist mit Collin?" 
Felice warf Tom einen bedeutungsvollen Blick zu. "Du bist dran. Ich habe genug gesprochen und noch eine Menge zu tun." Noch immer summend verschwand die Bäckerin in einen kleinen Lagerraum.  
Der Engel verdrehte genervt die Augen. Seine Hand hielt längst den Türgriff, seine Ungeduld schien greifbar. Er trug dieses Rastlosigkeit wie einen Schild oder einen undurchdringlichen Umhang, unter dem er sogar seine riesigen Flügel verstecken konnte. So triefte seine Ausstrahlung von Negativität und Emma schüttelte den Schauer von sich, der ihren Körper ergriff. 
"Collin hat lange Zeit in der Wichtelwerkstatt gearbeitet. Wo sie die Spielzeuge herstellen", erzählte ihr Begleiter, um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden. "Er hatte gute Ideen, wie man den Herstellungsprozess beschleunigen konnte. Aber alles wurde abgelehnt. Bis einige Jahrzehnte später die Anzahl der Kinder soweit explodiert war, dass man die Idee doch umsetzte. Collin wurde dafür nicht entlohnt, ihm wurde nicht einmal gedankt. Er arbeitete weiterhin in der Werkstatt." 
"Wie ist er Oberwichtel geworden?", fragte Emma, betroffen von der Geschichte. Weder Marta noch Collin war das Glück hold gewesen.  
"Er hat die Sache mit Marta herausgefunden." Tom zog die Stirn kraus und öffnete die Tür. Mit einem Winken befahl er dem Menschenmädchen, ihm hinaus zu folgen. "Er hat sie erpresst. Die Meisterbäckerin kann wahrhafte Zauberkünste mit ihren Sternenstaubplätzchen vollbringen. Und so ließ sie dem Weihnachtsmann Plätzchen mit manipulativen Kräften vorsetzen. Als er dann Collins Bewerbung vor Augen hatte, sagte der Alte nicht nein." 
Die kriminelle Energie im Himmelsreich erstaunte Emma immer wieder aufs Neue. Sie suchte in Toms Gesicht nach einer Spur der Geheimnisse, die er hinter seiner Maske verbarg. Fand sich dort ein roter Faden, mit dem sich alles zusammen fügte? 
"Woher weißt du das eigentlich alles? Und Felice. Ich meine, das sind nicht gerade die Geschichten, mit denen Marta und Collin angeben würden." Emmas Misstrauen wuchs, denn die Folgerung war schlüssig. Es gab ein Leck unter den Anhängern des Weihnachtsmannes. Jemand, der alle Informationen kannte und sie verbreitete. Nur dem alten Mann mit dem weißen Bart kamen diese Schandtaten wohl nicht zu Ohren. Andernfalls würde er sicher weder die Magd noch den Wichtel weiterhin beschäftigen. Und wenn es diesen Jemand tatsächlich gab, so wusste er mit Sicherheit auch um den wahren Dieb der Plätzchen. Eine neue Hoffnung keimte in Emmas Gedanken. 
Tom zuckte die Schultern, gab den Unwissenden. "Es wird erzählt. Die Engel der Wache reden viel. Manch einer ist schon stutzig geworden. Einige konnten sich ebenfalls keinen Reim darauf machen, wie diese beiden so unerwartet aufsteigen konnten, wo sie es jahrelang nicht geschafft haben. Gerüchte entstehen, Wahrheiten werden aufgedeckt und als Stille Post im Himmelsreich verteilt." 
Das Mädchen lauschte aufmerksam. Sie hatten beide lange genug gesucht, waren einer Spur gefolgt, die zur einer unauffindbaren Marta führten und der Antwort noch immer keinen Schritt näher. Emma schaute noch ein letztes Mal zurück. Durch die Tür war sie getreten, vor ihr lag der Weg zu neuen Rätseln und hoffentlich auch Lösungen. Felice blieb verschwunden in der kleinen Kammer, sodass der Abschied ausblieb. Emma hoffte, dass sie dennoch eine Möglichkeit finden würde, der Frau zu danken. 
Tom schloss die Tür, reichte seinem menschlichen Anhängsel die Hand. "Komm. Lass uns mal weiter schnüffeln. Suchen wir Marta und konfrontieren sie mit den Vorwürfen." 
"Warte", unterbrach Emma den Engel. Sie hielt die eine Hand mit der anderen fest umklammert. Noch wollte sie diese nicht hergeben für einen weiteren Flug mit ihrem Begleiter. "Was ist dein Geheimnis, Tom?" 

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