Mittwoch, 21. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 21

Tom warf Emma einen verständnislosen Blick zu. Doch das Mädchen erkannte mehr als nur das in seinen Augen. Vorsicht und Zurückhaltung. Eine unterschwellige Anspannung, nur ein halber Lidschlag verriet die Unsicherheit des Engels. Aber Emma blieb nichts verborgen. Sie glaubte nicht daran, dass Tom vollkommen unschuldig war. Seit Stunden streifte sie mit ihm zwischen Himmel und Erde umher, suchte Hinweise zu einem mysteriösen Plätzchendiebstahl, wusste noch immer nicht das Geringste über ihren geflügelten Begleiter.  
"Was meinst du, Emma? Ich habe keinen Schimmer, wovon du sprichst." Tom setzte sein verführerischstes Grinsen auf. Das Schauspiel beeindruckte Emma dieses Mal kein bisschen. Sie verschränkte trotzig die Arme und starrte ihn fordernd an.  
"Du verbirgst etwas vor mir. Ich komme nicht von selbst dahinter, also sag endlich, wieso du mich unbedingt begleiten wolltest. Was hast du davon?", fragte Emma stur. Sie deutete auf die Umgebung, auf die Wolken wie auch die Erde darunter. "Das alles hier ist so unreal. Und ist es doch nicht. Und du bist unmöglich. Du hast mir schon einmal gezeigt, dass ich dir lästig bin. Dann plötzlich bist du freundlich. Dann hältst du wieder Abstand, bist genervt oder von einem zum anderen Moment fürsorglich." 
Tom hob die Hand an den Kopf und strich durch seine Haare. Das Grinsen verschwand und wich einer zusammengepressten Linie in seiner Mine. Er kaute auf den Lippen, unschlüssig, wie er sich dieses Mal herausreden sollte. Emma wusste es. Der Engel verriet sich allein durch seine Gestik. Sie hatte ihn am Haken. Ein Gefühl von Stolz wuchs in ihrem Magen, ein aufgeregtes Kribbeln zeugte davon.  
"Emma", begann ihr Begleiter, verfiel danach erneut in Schweigen. Emma glaubte fast, er würde einfach fort fliegen und nie mehr zurückkehren. Einige Schritte entfernte er sich, straffte die Federn, blieb aber doch stehen. "Ich helfe dir, weil ich dir helfen will. Mehr musst du nicht wissen. Wir müssen Marta suchen, sie hat die Finger im Spiel." 
Der Engel setzte zum Abflug an. Emma sprang hervor, klammerte sich an seinen Körper und hinderte ihn an der Flucht. Sie war sicher, er hätte sie im nächsten Augenblick auf dieser Wolke alleine gelassen. Wütend krallte sich an ihm fest. Tom zuckte erschrocken zusammen, betrachtete das Mädchen, das so verzweifelt an ihm hing. 
"Du wagst es nicht, dich auf diese Weise davon zu stehlen!", rief sie. 
"Ich habe mich nur auf den Flug vorbereitet, ich hätte dich nicht alleine gelassen." Tom beteuerte es und Emma bezweifelte die Aussage. Das Mädchen schüttelte den Kopf. Tränen quellten unter ihren Augen, sie drückten stetig gegen die inzwischen klebrigen Augenlider. 
"Doch, Tom. Das hättest du. Du willst weglaufen, vor was auch immer. Ich bin vielleicht kein Engel und ich bin jung. Aber ich bin nicht dumm. Du bist ein verdammt schlechter Schauspieler." 
Ihr Begleiter seufzte, tätschelte dem Menschenmädchen den Kopf. Eine Aktion der Hilflosigkeit, mit diesem weiblichen Gefühlsausbruch wusste wohl kein Mann umzugehen. Anschließend drückte er ihre Arme, schob Emma langsam von sich. Sie schaute auf und erblickte ein ähnliches Glänzen in den Engelsaugen, wie es auch in ihren eigenen stehen musste. Der Glanz von ungeweinten Tränen. Nun war Emmas Vermutung bestätigt. Er hatte von Anfang an nicht die volle Wahrheit gesagt. 
"Sag schon", bat sie, drückte ihr Gesicht in einer tröstenden Umarmung an seine Brust. Gedankenverloren begann Tom ihr Haar zu streicheln. Und dann erzählte er die Geschichte, die er ihr nie erzählen wollte. 
"Sie war so alt wie du, eine talentierte Straßenmusikantin", seufzte er. "Ebenso stur und naiv. Ich war ihr Schutzengel und das viel zu spät. Früher, da habe ich es oft mit meiner Fürsorge übertrieben. Die Erde konnte man mir nie ganz austreiben und so ging ich diverse Risiken ein. Ein Mensch sah mich fliegen, ich wurde bestraft. Keine direkte Hilfe mehr für Menschen, die Himmelswache sollte ich schicken, sobald meinem Schützling Gefahr drohte." 
Emmas Herz wurde schwer bei den Worten. Sie stellte keine Fragen, lies ihn sprechen. Er brauchte diesen Moment. Das Mädchen fühlte, wie die Last aus längst vergangener Zeit ihn erdrückte, jetzt, wo er sie noch einmal durchlebte.  
"An einem Weihnachtsabend spielte sie Musik in den Straßen der Stadt. Sie war so fröhlich und auch ohne Publikum verlor sie sich in ihrer eigenen Freude. So bemerkte sie nicht die Männer, die sich näherten. Sie bedrängten meinen Schützling, verprügelten sie, stahlen das Kleingeld und gingen weiter. Schwer verletzt lag sie dort und ich rief die Wache", Die Stimme des Engels brach und Emma suchte seine Hand. Sie drückte zu, um ihm Halt zu geben. Es tat mittlerweile sogar ihr weh, seiner Vergangenheit zu lauschen. "Die Wache war am Nordpol eingesetzt. Geleitschutz für den Start des Weihnachtsmannes. Sie kamen nicht rechtzeitig und das Mädchen erfror." 
"Tom...", flüsterte Emma betrübt. "Es tut mir so leid." 
Abrupt löste sich ihr Begleiter aus der Umarmung und trat zum nahen Wolkenrand. Die Lichter der Städte dort unten strahlten so wunderschön wie bereits zuvor. Dennoch erreichte ihre Wärme nicht die zwei Trauernden im Himmel, die schweigend hinab blickten und einen Hauch von Freude in dem Lichtermeer finden wollten. Emma seufzte, stellte sich neben ihren Engel, nahm seine Hand wieder in die ihre. 
"Dich trifft keine Schuld." 
"Doch. Das tut es. Und den Weihnachtsmann auch. Was braucht er auch die gesamte Himmelswache. Hätte er nicht wenigstens zwei oder drei Männer entbehren können?" 
Die Frustration in seinen Worten war deutlich. Der Wunsch, die Zeit nur zurückdrehen zu können, prangte ebenso stark zwischen den Zeilen seiner Erzählung.  
"Was ist am letzten Abend geschehen", lenkte Emma die Rede auf die Gegenwart. Es war genug Zeit im Vergangenen verbracht worden. Sie wollte Tom nicht länger leiden sehen. Es würde noch dauern, bis er sie wieder anlächeln konnte. Aber dann wäre es ein ehrliches Lächeln, denn die Vergangenheit stand nicht länger zwischen ihnen. 
Tom zog für den Bruchteil einer Sekunde höhnisch den Mundwinkel nach oben. Seine Mine erstarrte, seine Hand schien so kalt wie Eis. 
"Ich habe einen Wunschzettel gelesen. Vor einigen Tagen. Ein Mädchen wünschte sich tausend Dinge für ihre Familie, nur eines für sich selbst." Toms Blick glitt zu Emma und sie errötete. Sie ahnte, was er als nächstes sagen würde, also tat sie es an seiner statt. 
"Sie wünschte sich eine Menge, ja. Für ihre Mutter einen großen Schminkkoffer mit vielen neuen Pinseln. Und eine schönere Figur für den Flur, damit der grässliche Frosch endlich verschwindet", führte Emma für den Engel fort. Tom nickte, lächelte sogar zaghaft. 
"Eine Weihnachtstorte, weil die Mutter so gerne nascht", fügte Tom hinzu. "Für den Vater ein neues Auto, weil das alte langsam den Geist aufgibt. Am besten als separate Lieferung, ein Auto passt wohl kaum auf den Schlitten. Und eine Smartwatch, damit er die Zeit nicht mehr vergisst und gleichzeitig alle Termine am Handgelenk sieht." 
Emma lachte auf, dachte kurz nach. "Vergiss nicht den intelligenten Block, der das geschriebene sofort auf das Tablet überträgt. Und für Ben einen elektrischen Traktor, mit dem er durch den Hof brausen kann. Und eine Rennbahn, die wünscht er sich schon lange." 
"Und das Mädchen", schloss Tom schließlich. "Sie hatte nur einen Wunsch." 
Am Himmel glitzerte das helle Blau des Morgens und verdrängte das Rot der Backstube. Felice hatte ihr Werk für diese Tag verrichtet und würde sicher am Abend von Neuem beginnen, denn dann wurde das Himmelszelt in das Rot der herannahenden Nacht getaucht. Emma nahm einen tiefen Atemzug, visualisierte ihren Brief an den Weihnachtsmann und die letzten Zeilen darauf. 
"Ach und lieber Weihnachtsmann", zitierte sie sich selbst aus dem Gedächtnis. "Wenn du dann noch Platz auf deinem Schlitten hast, dann hätte ich ganz gerne eine Gitarre. Ich kann noch nicht spielen, aber ich will bald meine Familie und Freunde mit meinen Melodien glücklich machen. Liebe Grüße. Deine Emma." 
Tom nickte anerkennend, denn das Mädchen hatte die Worte vorgetragen, als hielte sie das Blatt Papier gerade jetzt in Händen. 
"Ich habe insgesamt fünf Versionen geschrieben", erklärte sie auf seinen Blick hin. "Freut mich, dass dir mein Brief gefällt. Aber was hat das mit dem Jetzt zu tun?" 
Tom räusperte sich, die Last von vorhin schien gänzlich von ihm abgefallen zu sein. "Ich habe dich kurz darauf besucht. Und du sahst ihr so ähnlich, meinem Straßenmädchen. Und ich wollte dir den Wunsch unbedingt erfüllen. Also brachte ich den Brief eilig zum Weihnachtsmann, denn du hast reichlich spät geschrieben." 
"Väterliche Gene", erwiderte Emma und zuckte die Schultern. Ihr Vater trödelte schrecklich gerne, war in der Regel zwar pünktlich, konnte sich aber auch sehr verspäten. Sie selbst teilte diese Eigenschaft. Zum Leidwesen ihrer Mutter, denn von der Schule kamen regelmäßig Briefe zu diesem Thema. 
"Ich hörte von dem Diebstahl, kaum dass ich angekommen war am Nordpol. Collin war aufgebracht, als Marta ihm die Anklage vorsprach. Man fand schnell einen Schuldigen. Dich", meinte der Engel und Emma klappte die Kinnlade herunter. Sie wusste nicht, ob er ihr die gesamte Wahrheit verriet, er konnte noch immer schuldig sein. Oder teilschuldig. Sie hörte dem Bericht aufmerksam zu, fand keinen Hinweis auf den Täter darin. Nur die immer selben Charaktere, die unweigerlich in die Sache verwickelt waren. Auf die eine oder andere Weise. 
"Als die Engel dich herauf brachten, flog ich mit ihnen. Den Brief ließ ich beim Weihnachtsmann. Collin und Marta drohten dir damit, auf Ewigkeit keine Geschenke mehr zu bekommen. Wie sollte ich denn dann je deinen schönen Melodien lauschen?", scherzte er, schließlich war ihm klar, dass sie noch keinen einzigen Akkord zupfen konnte. "Ich meldete mich freiwillig, dir zu helfen. Du kannst nicht mal fliegen, wie willst du das denn dann schaffen? Und jetzt stehen wir hier und suchen den Täter. Und wir haben noch den gesamten Tag Zeit. Machen wir uns auf den Weg?" 
Tom breitete wie so oft die Arme aus und endlich schenkte er dem Mädchen ein ehrliches Lächeln. Emma nahm sich vor, innerhalb der nächsten Stunde die ganze Geschichte aufzudecken. Sie würde alle Rollen entlarven in diesem Komplott und dem Weihnachtsmann lange vor Beginn seiner Reise um die Erde die Plätzchen zurück geben. Und sie würde ihre Gitarre kriegen und für den Engel bald das Spielen lernen. Mit diesen Vorsätzen im Herzen drückte sie sich an ihn und nur eine Sekunde später flogen sie zwischen den Wolken. 

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