Donnerstag, 22. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 22

"Du warst das!", schallten die Worte aus der Ferne zu den beiden Fliegenden. Emma erschrak vor dem Geschrei. Tom verstärkte seinen Griff um seine Begleiterin, die beinahe aus der Umklammerung des Engels rutschte. 
"Pssst", mahnte er sie. "Wir nähern uns der anderen Seite. Dort befindet sich die Weihnachtswerkstatt. Hinter der umgrenzenden Mauer können wir uns verstecken und unbeobachtet mithören."
"Sind wir am Nordpol?", fragte Emma verwirrt. Es war weder kälter geworden noch sah sie am Erdboden eine kahle Eiswüste. Sie konnten nur wenige Kilometer weit geflogen sein. Möglich, dass ihr Gefühl für Höhe und Weite mittlerweile zu sehr getrübt war. In den Armen ihres Engels vergaß sie beim Fliegen alles um sich. Zu schön war die Aussicht, zu berauschend das Fliegen selbst. Zuletzt hatte sie mit geschlossenen Augen einfach nur den Wind in ihrem Gesicht genossen.
Tom schüttelte den Kopf. "Das hier ist eine Zweigstelle. Die Hauptstelle ist natürlich am Nordpol bei den Ställen, der Startbahn, dem verborgenen Weihnachtsdorf. Ich erzähle dir später gerne mehr, aber jetzt gibt es Wichtigeres."
Emma nickte fügsam, während Tom sie sachte auf die Wolke flog. Die Werkstatt bestand aus einer mittelgroßen Lagerhalle mit flachem, rötlichem Dach. Unscheinbar und grau thronte sie über der Menschheit. Der Engel landete direkt neben dem blechernen Gebäude, das unmittelbar am Rande des Himmels stand. Kleine Fenster, zu hoch oben, als dass man mit menschlicher Körpergröße hinein spähen konnte, zierten die Außenwände. Tom zog seinen Schützling langsam herüber zu dem Eingangsbogen. Emma lauschte auf Hammerschläge und das Geräusch von Bohrmaschinen. Oder sonst einem Werkzeug, das fleißige Arbeit an den Geschenken der Kinder verlauten ließ. Aber es blieb still.
Die beiden erreichten das Tor. Eine Mauer aus Zuckerstangen umrundete das Gelände, zwischen jeder Stange ragte eine undurchsichtige, metallene Wand herauf. Der Anblick mutete beinahe bizarr an. Offenbar der verzweifelte Versuch, das Fabrikgelände ein wenig ansehnlich zu gestalten. Die grüne Farbe der Zwischenwände bröckelte bereits und darunter wurde schmutziger Stahl sichtbar. In diesem Moment jedoch bot die hässliche Fassade ein willkommenes Versteck.
"Du hast die Plätzchen gestohlen und willst mir die Schuld in die Schuhe schieben!"
Emma erkannte Collins Stimme. Sie neigte sich ein wenig hervor und erblickte den Wichtel und die Weihnachtsbäckerin, die wild gestikulierend auf und ab lief.
"Du elender Wichtel, das dichtest du mir an?" Marta zeigte wütend auf den kleinen Mann. Collin zeigte sich unbeeindruckt, widerstand ihrem durchdringenden Blick. Ein feuerspeiender Drache war keine Konkurrenz zu der Magd.
Der Oberwichtel trug ein falsches Grinsen im Gesicht. Er plusterte sich auf, richtete noch einmal seine Mütze und sagte dann: "Tu nicht so unschuldig, Marta. Gib es zu, du willst mich um meine Position bringen. Ich habe gehört, dass dich schon andere Wichtel baten, für sie zu tun, was du für mich getan hast."
Marta schimpfte und fluchte. Emma war froh, dass sich ihre Sprüche vor Geschrei bis zur Unverständlichkeit verzerrten. Andernfalls hätte sie ihre Ohren notdürftig mit den Händen verschließen müssen. Die Magd hatte ein Stimmorgan wie ein Megaphon.
Tom stupste das Mädchen an. Sie wich einige Schritte zurück. Der Engel hob den Finger an die Lippen. Emma verstand den Hinweis.
"Einer von beiden muss es gewesen sein", flüsterte Tom.
"Aber wer?", überlegte Emma. "Sie haben ein Motiv und jeder von ihnen hätte die Möglichkeit."
"Collin, ich warne dich. Sicher wolltest du mich mit dieser Aktion ausschalten. Mich aus der Weihnachtsbäckerei verbannen lassen, damit ich dir nicht mehr gefährlich werden kann. Weil ich dein kleines Geheimnis ja kenne." Die Magd brüllte weiterhin wilde Anschuldigungen, die der Assistent des Weihnachtsmannes in aller Ruhe über sich ergehen lies. "Du willst mich als unfähig darstellen. Wer einfach so die Plätzchen stehlen lässt, kann die Weihnachtsbäckerei nicht leiten. Und in Wahrheit hast du sie gestohlen, damit ich meine Stelle verliere."
Das Menschenmädchen grübelte und fand in den verworrenen Gedankengängen doch keine Antwort auf die Frage, wer der beiden es nun wirklich war. Wer der beiden die Plätzchen gestohlen hat. Dann blieb noch immer die Frage, warum die Krümel in ihrem Zimmer lagen. Warum ein Kind der Erde beschuldigen, wenn das für einen solchen Plan irrelevant war? Schließlich benötigte keines der Motive der beiden Streithähne einen Dritten, der die Last der Schuld an ihrer Stelle trug.
"Ich verstehe das nicht", murmelte Emma schließlich. "Wenn es einer der beiden war, warum mich dann mit rein ziehen?"
Tom gab nichts auf diese Frage, er ließ sie offen stehen. Ob sie zu leise gesprochen, oder der Engel ihr schlichtweg nicht zugehört hatte?
Collin holte erneut aus, verteidigte sich umgehend vor den wüsten Anschuldigungen. "Marta, du übertreibst. Ich würde dir doch nie deine Stelle nehmen wollen. Ich bin ein zufriedener Wichtel, ich habe, was ich immer wollte. Du hast dies auch, damit sind wir doch quitt. Aber dass du dann unbedingt die Plätzchen stehlen musst, um mich zu stürzen..."
"Wie bitte??", unterbrach die Bäckerin den kleinen Mann.
"Natürlich. Ich bin dir doch ein Dorn im Auge, seit ich von deinen Machenschaften erfahren habe. Und neue Kundschaft ist womöglich schweigsamer und weniger intelligent als ich es bin. Mich von der Seite des Bosses zu tilgen, das käme dir gerade recht. Einen manipulierbareren Ersatz findest du unter den Bewerbern allemal."
Marta schnaubte. Collin stemmte siegessicher die Hände in die Hüften.
"Wozu dann das Mädchen?", fragte die Bäckerin. "Wozu sollte ich ein Kind belangen?"
"Um dich selbst zu retten? Wenn der Verdacht auf dich fällt, meine Liebe, dann musst du doch das Gegenteil beweisen. Und wenn es mir nicht gelingt, das Kind zu überführen und die Plätzchen wiederzubekommen, hast du meinem Image noch einen gewaltigen Schaden verpasst", schlussfolgerte Collin. Sein Blick triefte vor Stolz und Überheblichkeit. 
Die Bäckerin grinste, nickte und meinte kurz darauf: "So ist das also, das denkst du? Aber was, wenn du das Mädchen beschuldigt hast? Ich denke, das wäre auch dir nützlich, deine Anschuldigung gegen mich zu untermauern. Welche Bäckerin im Himmel lässt sich schon von einem Erdenkind bestehlen? Eine Schande, wahrlich eine Schande."
Diese Antwort erschien für jede Partei logisch, so dachte Emma. Aber ihr selbst wollte nicht einleuchten, wie diese ganzen Geschichten zusammen passten. Wie sollte sich aus all diesen Teilen ein vollständiges und klares Puzzle ergeben? Sie seufzte betrübt, ließ sich gegen die Wand sinken und hockte nachdenklich auf der flauschigen Wolke.
"Alles ok?", fragte Tom. 
"Ja, mir brummt nur der Schädel."
Fragen über Fragen, Spekulationen über Spekulationen. Es war nicht leicht, das Rätsel zu lösen. Emma senkte den Kopf und legte diesen auf die angezogenen Knie. 
"Ich will endlich diese verfluchten Plätzchen finden!", nuschelte sie.
"Welche verfluchten Plätzchen?", fragte eine tiefe, männliche Stimme. Emma schreckte auf. Sie hob den Blick und starrte in zwei freundliche Augen, die sie besorgt musterten. Und überrascht. Mindestens so überrascht, wie sie den unerwarteten Besucher ansah. Vor ihr stand ein großer, alter Mann mit langem weißem Bart. Sein roter Anzug sprach die Botschaft der Weihnacht und der Bommel an der Zipfelmütze hüpfte bei jeder Bewegung hin und her. Der Weihnachtsmann.

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