Freitag, 23. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 23

"Was im Namen der Weihnacht geht hier vor?", brummte der Weihnachtsmann. Er sah genau so aus, wie man ihn sich eben vorstellte. Als wäre sein Abbild aus der Cola Werbung gesprungen, rote Uniform und Zipfelmütze. Dazu die schwarzen Stiefel, der Gürtel mit der goldenen Schnalle um den dicken Bauch. Die runden Gläser seiner Brille thronten auf seiner Knollennase. Das Gestell war dünn genug im Vergleich zu dem großen, rundlichen Gesicht des alten Mannes, dass man es leicht übersehen konnte. Der weiße Bart schien äußerst gepflegt und Emma war sicher, dass er noch weitaus weicher war als die Wolken unter ihnen.  
Marta und Collin lauschten auf. Sie hatten den alten Herrn bemerkt und erblickten nun auch Tom und Emma. Die Scham stand beiden ins Gesicht geschrieben. Es war sowohl dem Wichtel als auch der Magd sofort klar, dass der Engel und das Menschenkind gelauscht hatten. 
"Das fragt Ihr das Kind zurecht!", rief Marta herüber. Sofort fand sie in ihre übliche Rolle zurück. Collin nickte eifrig, stimmte der Frau zu. Eben noch waren sie Konkurrenten gewesen, jetzt wetterten sie beide gegen ein unschuldiges Mädchen, um sich selbst zu schützen. Emma verzog das Gesicht und streckte ihnen frech die Zunge heraus. Der Weihnachtsmann quittierte dieses Verhalten mit einem tiefen Räuspern und das Mädchen zuckte zusammen. 
"Ich höre, Kind." 
Unsicher zerknüllte Emma den weichen Stoff ihres Pullovers mit den Händen, suchte panisch nach einer passenden Antwort. Schließlich stand der Weihnachtsmann persönlich vor ihr. Sie fürchtete um das ersehnte Geschenk. Ob er womöglich sogar die Geschenke für ihre Familie zur Strafe nicht ausliefern würde?  
"Also... ich...", stotterte sie. 
Marta ergriff das Wort, ihre stampfenden Schritte hallten auf dem flauschigen Wolkengrund wieder. "Dieses Kind hat eure Weihnachtsplätzchen gestohlen! Die Sternenstaubplätzchen sind fort und wir haben keinen Ersatz und können auch nicht mehr rechtzeitig die nötige Menge produzieren." 
Collin hob die Hand, setzte die Rede der Bäckerin fort. "In der Tat und ich habe höchst selbst die Beweise im Schlafzimmer des Mädchens gesichert. Die Krümel lagen noch an ihrem Bett." 
Stolz schwang der Wichtel den Beutel mit den glitzernden Bröckchen. Die zwei Verräter schauten Emma siegessicher an. Wenn schon der eine den anderen nicht entlarven konnte, so war das Kind doch nur nützlich, um die Schuld gemeinsam darauf zu schieben. Entsetzt quiekte Emma auf, wie sollte sie nur ihre Unschuld beweisen, wenn die zwei sich derart gegen sie verschworen? 
"Ich war das nicht!", verteidigte das Mädchen sich. "Ich weiß nicht, wie die Plätzchen an mein Bett kamen. Ich bin einfach schlafen gegangen und als ich aufwachte, stand ich auf einer Wolke und wurde von den beiden da zur Schnecke gemacht für ein Vergehen, das ich nie begangen habe!" 
Der Weihnachtsmann hörte den Schuldsprüchen aufmerksam zu, nahm Emmas Einspruch schweigend wahr. Grübelnd sah er zu dem Engel, der bislang kein Wort gesprochen hatte. 
"Tom", sagte der alte Mann, wie ein Vater zu einem Sohn. "Was hast du überhaupt hier zu suchen?" 
Der Engel schluckte nervös. Emma sah einen dicken Kloß voll Unbehaglichkeit seinen Hals herunter gleiten. Langsam und sperrig. Sie fühlte seine Furcht wie ihre eigene. Trotz aller Liebe im Blick des bärtigen Mannes im roten Anzug konnte sie ihre Angst nicht kleiner reden. 
"Ich habe Emma begleitet. Sie sollte ihre Unschuld beweisen, bis heute Abend sollte sie die Plätzchen zurück bringen. dann wäre sie freigesprochen", erklärte Tom kleinlaut. "Andernfalls würde sie den Rest ihres Lebens keine Geschenke mehr zu Weihnachten erhalten." 
Der Weihnachtsmann riss schockiert die Augen auf. "Wer hat dieses Urteil gesprochen?" 
Marta zog den Kopf ein, hob jedoch wahrheitsgetreu die Hand. "Das war ich. Ich habe nur in Eurem Namen gesprochen", beteuerte die Bäckerin.  
Collin trat hinzu, nahm die Frau sofort in Schutz. "Es stimmt und ich habe eingewilligt. Als Euer Stellvertreter in diesem Moment. Schließlich seit ihr so kurz vor Weihnachten nicht fähig, jedes unliebsame Problem zu lösen. Ihr müsst euch auf die lange Nacht vorbereiten." 
Der alte Mann schaute grimmig über den Rand seiner Brille hinweg. Die Magd und der Wichtel schrumpften förmlich vor ihm. Jedem der beiden stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Emma hatte doch Mitleid mit ihnen. Ihrer beider Existenzen waren bedroht. Wer würde da nicht auf diese Weise reagieren? 
Der Weihnachtsmann wandte sich schließlich an Emma, die tapfer ihr Urteil aus seinem Munde erwartete. Stattdessen stahl sich ein Grinsen in seinen Bart. "Kind", begann der Alte. "Hast du wirklich meine Plätzchen gestohlen?" Dem Mädchen fiel ein Stein vom Herzen. Sie atmete erleichtert aus, spürte erst dann, dass sie die Luft angehalten hatte. Zur Antwort schüttelte sie stumm den Kopf.  
"Ich habe nichts getan", fügte Emma hinzu. Der Weihnachtsmann hob die Hand und strich ihr über das Haar.  
"Dann will ich dir glauben. Du bist ein ehrliches Kind, Emma. Das warst du schon von jeher. Immer auf der Artig-Liste." Er bedachte das Menschenmädchen mit Stolz, lobte sie. Emma errötete. Das Keuchen der Bäckerin und des Oberwichtel schreckte Emma auf. Die beiden Verdächtigen schickten ihr giftige Blicke. Das Mädchen zog die Schultern hoch, denn ein kühler Schauer umklammerte ihren Körper kurz darauf. Tom stellte sich an ihre Seite, begann die Arme seiner Begleiterin warm zu reiben. Diese Geste der Zuneigung blieb auch dem Weihnachtsmann nicht verborgen. 
"Tom. Du bist ein guter Engel. Du warst nur schon immer ein wenig überheblich. Du tust nichts ohne Grund. Warum hilfst du diesem Mädchen?"  
Tom schreckte zurück, ließ abrupt die Hände sinken. Emma bemerkte seine Unsicherheit nach den Worten des Weihnachtsmannes nur allzu deutlich. Also hatte ihr sechster Sinn sie tatsächlich nicht getäuscht. Tom hatte nur den nötigen Teil der Wahrheit erzählt, selbst wenn dieser den Großteil ausmachte, so fehlte noch immer ein winziges Detail. Die Frage nach seiner Einmischung in die Umstände beschäftigte Emma, seit er seine Vergangenheit preisgegeben hatte. Natürlich war er zufällig in dem Moment, als der Diebstahl bekannt wurde, am richtigen Ort erschienen. Nur ob die Bezeichnung Zufall hier ins Schwarze traf, das wagte das Mädchen zu bezweifeln. 
"Ich wusste es!", murmelte sie. "Du hast noch ein Geheimnis vor mir. Sag es endlich!" 
Der Engel sah sie verbittert an. Er versuchte sich an einem Lächeln und scheiterte kläglich. "Es ist nicht so, wie du jetzt denkst." 
"So beginnen die meisten, kuriosen Geschichten", scherzte Emma, setzte eine vergnügte Mine auf. Ob das ihren Engel beruhigen konnte? Wenn er erkannte, dass sie ihm nichts übel nahm, würde er dann noch den Rest seiner Geschichte beichten? Sie ermutigte ihn so gut sie nur konnte mit ermutigenden Blicken. Der Zweifel in seinen Augen blieb. Das Mädchen seufzte, trat zu ihm heran und zwang den Engel in eine feste Umarmung. 
"Du bist ein Idiot, weißt du das?", flüsterte sie ihm zu. Dann blickte sie auf und schenkte ihm das wärmste Lächeln, das sie zustande brachte. Der Engel taute aus seiner Starre, das Eis der Furcht schmolz. Er nickte seiner Begleiterin vertrauensvoll zu, schob sie dann von sich. Seine Lippen formten ein lautloses "Danke". Dann holte er zum Ende seiner Geschichte aus. 
"Ok. Ich erzähle dir jetzt alles", versprach Tom nach einigen Sekunden Bedenkzeit. Emma strahlte ihn aufmunternd an.  
"Und was ist jetzt mit den Anschuldigungen?", unterbrach Marta das Gespräch. Die Magd und der Wichtel beobachteten die Szene gebannt. Sie erhofften sich selbstverständlich, als Verdächtige ausgeschlossen zu werden. Emma grinste die beiden frech an, denn schließlich hatte der Weihnachtsmann sie zuvor von aller Schuld freigesprochen. Damit waren die Übeltäter aus dem Himmelsreich erneut unter den Verdächtigen. Zusammen mit Tom, der erst jetzt die Karten auf den Tisch legte.  
Der Weihnachtsmann strich nachdenkend durch seinen weißen Bart. Mit kritischem Blick musterte er abwechselnd den Engel Tom, die Bäckerin Marta und seinen Assistenzwichtel Collin.  
"Glaubt nicht, dass ich euch nicht kenne", sprach der Weihnachtsmann mit klarer und lauter Stimme. Marta und Collin wechselten einen verwirrten Blick. Tom wartete die Ansprache des Alten geduldig ab. "Marta, die konkurrenzlose Bäckerin. Collin, der Wichtel mit den Zauberplätzchen." 
Der Bäckerin und dem Wichtel klappten zugleich die Kinnladen herunter. Emma tat es ihnen gleich. Sie sah zu Tom, der ungerührt an den Lippen des Weihnachtsmannes hing. Der alte Mann war im Bilde um die Geheimnisse seiner Angestellten. Doch warum hatte er nicht längst etwas gegen die unlauteren Mittel dieser Harlunken unternommen? 

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