Samstag, 24. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 24

„Die Plätzchen wurden nicht gestohlen“, verkündete der Weihnachtsmann lachend. „Ich habe die Lieferung am frühen Abend bereits erhalten. Weitaus früher, als ich sie sonst immer bekomme. Es waren ein paar weniger als sonst, aber damit komme ich aus.“
Emma, Tom, Marta und Collin wechselten verwirrte Blicke. Niemand hatte die Plätzchen  gestohlen? Doch warum wussten weder die Magd noch der Oberwichtel von deren Verbleib und dass sie bereits dem Weihnachtsmann zugestellt wurden? 
„Aber wie? Ich habe niemanden mit den Plätzchen geschickt!“, rief Marta aus.
„Unerhört. Ich habe auch niemanden empfangen, der die Plätzchen für Euch abgegeben hätte, Herr“, schaltete Collin sich ein. Die beiden Angestellten des Weihnachtsmannes liefen knallrot an. Sie hatten sich bis vor wenigen Minuten noch lautstark gegenseitig beschuldigt und nun war niemand von ihnen der Übeltäter. Das ließ nur noch den Dritten im Bunde als Lösung des Rätsels zu. Der Engel räusperte sich.
„Ich denke, ich kann das erklären“, sagte er scheu. Das Unbehagen stand ihm ins Gesicht geschrieben und Emma wartete gespannt auf seine Geschichte. Auf den letzten Rest der Wahrheit.
„Ich habe die Plätzchen am Nachmittag aus der Backstube entwendet, habe ein paar davon eingesteckt und die restlichen beim Weihnachtsmann abgeliefert“, gestand Tom reumütig. Verblüfft starrten Marta und Collin den Engel an. Mit allem hatten sie gerechnet, doch nicht damit. 
Collin fluchte. „Ich wusste es, dir kann man nicht trauen!“
Marta stemmte die Hände in die Hüften. „Da brat mir doch einer einen Storch, du Schuft. Schäm dich, Tom, uns das alles anzutun. Und wozu? Sag es!“
Emma stellte sich schützend vor den Engel und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sah sie an mit einem Blick,  der von tiefer Wehmut sprach. Das Mädchen nickte, der Engel führte seine Erklärung fort. „Ich habe Emma kennenlernen wollen. Dazu musste es einen Weg geben, dass ich zur Erde durfte. Ich habe euch beide“, Tom deutete auf Marta und Collin, die aufgeplustert wie zwei Luftballons vor ihm standen und kurz vor dem Platzen zu sein schienen. „in Unwissenheit gelassen. Anders war es nicht möglich, ihr musstet getäuscht werden. Dann habe ich die Plätzchen, die ich aus der Packung genommen hatte, zerbröselt und eine kleine Spur in Emmas Zimmer legen lassen während sie schlief.“
„Du hattest auch noch Komplizen???“, schrie Marta entsetzt auf. Sie holte mit der Hand aus, wollte dem Engel eine Ohrfeige verpassen. Der Weihnachtsmann trat vor und fing ihren Arm auf. Er schüttelte stumm den Kopf. Die Bäckerin zog schuldbewusst den Kopf ein, ging dann zwei Schritte zurück. Der wenige Abstand ließ Emma aufatmen. Sie selbst wäre der Magd sicher kein ausreichendes Hindernis gewesen.
„Mit ein wenig Sternenstaub und ein bisschen Fantasie kriegt man auch Lebkuchenmänner dazu, dass sie kleine Botengänge erledigen“, meinte Tom schulterzuckend. 
Emma lachte auf. „Deshalb ist Felice also sauer auf dich?“, fragte sie heiter. „Hast du ihr einen Lebkuchenmann geklaut und für deine Zwecke missbraucht?“
Tom grinste frech, schenkte Emma ein Zwinkern. Ein echtes Zwinkern. Ihr Blut kochte vor Freude, dass sie endlich keine Lügen mehr hinter seinen Augenlidern sah. 
„Nun, dann müssen wir wohl nun die Konsequenzen ziehen“, murmelte der Weihnachtsmann. Tom erstarrte. Er senkte beschämt den Kopf. Das Menschenmädchen ergriff die Hand des Engels. Als er feste zudrückte, ergriff eine Wärme Besitz von ihr, die sie auf diese Weise nicht kannte. Ein Kribbeln wuchs in ihrem Magen heran. Keine Schmetterlinge, eher eine Schar Glühwürmchen, die wild um die Wette blinkten.
„Tom. Du hast weiterhin Erdenverbot. Zudem darfst du dieses Mädchen hier nicht mehr besuchen. Tut mir wirklich leid.“ Der alte Mann sprach sein Urteil und fing sich einen kritischen Blick von Emma ein. 
„Aber ich möchte das nicht!“, widersprach sie. „Gibt es denn kein milderes Urteil? Eine Mäßigung? Er hat mir nichts getan und außer mir weiß auch niemand von ihm.“
Grübelnd ging der Weihnachtsmann auf und ab. Marta erhob die Stimme. „Ich denke, Ihr solltet Eure Strenge beibehalten. Schließlich ist das schon fast ein Wiederholungsvergehen.“
„In der Tat“, stimmte Collin hastig zu. „Er hat keine Milde verdient.“
Mit einem Ausdruck des Grolls wandte der Weihnachtsmann sich an seine Mitarbeiter. „Ach. Und welche Strafe erwartet ihr beide von mir? Ich wusste all die Jahre von euren Machenschaften. Ich habe euch keine Strafen gegeben. Weil ihr euch im Lauf der Zeit als sehr gute Mitarbeiter heraus gestellt habt. Soll ich diese Milde auch wieder zurücknehmen?“
Marta und Collin zogen sich kleinlaut zurück, hoben abwehrend die Arme. 
„Nein“, sprachen sie im Chor und der Weihnachtsmann nickte. 
„Geht wieder an die Arbeit. Los. Das hier hat mit euch nichts mehr zu tun.“
Emma konnte den zweien nicht mit Blicken folgen, so schnell waren sie verschwunden. Traurig sah sie zum Weihnachtsmann auf, während sie Toms Hand umso fester drückte. Sie wollte ihren neuen Freund, ihren Engel nicht mehr loslassen. Er hatte sich doch nur seinen Wunsch erfüllt. Wie konnte man ihm denn daraus einen Strick drehen?
„Nun gut“, grummelte der Alte. Emma und Tom lauschten ihm aufmerksam. „Tom. Du wirst die nächsten fünf Jahre vom Engeldienst suspendiert. Du wirst direkt für mich arbeiten, als mein Bote. Keine Erdenbesuche. Nach Ablauf dieser fünf Jahre darfst du zur Erde zurückkehren, aber nie wieder in den Himmel.“
„Ihr gebt mir ein neues Leben?“ Tom riss erschrocken die Augen auf. War es Furcht oder Freude, die aus seinem Blick strahlte?
„Nenn es Verbannung, das klingt für eine Strafe weitaus besser.“ Der Weihnachtsmann lächelte keck und blinzelte einige Male übertrieben. Emma sprang schreiend hervor, umarmte den alten Mann, der dabei beinahe umfiel. 
„Danke, danke, danke!!!“, kreischte das Mädchen aufgeregt.
„Nicht so schnell!“, fuhr er fort. „Fünf Jahre. Ihr dürft euch Briefe schreiben, mehr nicht. Danach wird Tom aus dem Himmel verbannt und lebt wieder als Mensch. Kein Fliegen mehr“, betonte der Alte.
„Und jetzt los. Tom, bring das Kind zurück zur Erde und dann flieg zum Nordpol. Ich werde meinen Boten brauchen.“
Ohne weitere Worte ging der Weihnachtsmann davon. Emma und Tom sahen sich schweigend eine Weile an. Dann reckte der Engel die Flügel, breitete die Arme aus. Die Einladung zum allerletzten Flug ihres Lebens. Emma nickte freudig. Am Ende hatten die verfluchten Plätzchen ihr Weihnachten doch nicht gestohlen.


---------------------------------------------------------

Wie geht es weiter mit Emma und Tom? Nun, ich weiß es. Zumindest teilweise, ein paar Bilder habe ich doch im Kopf dazu. Ein Weihnachtsspecial werde ich aus Zeitgründen nicht schreiben. Hoffentlich könnt ihr mir das nachsehen, denn dieses Wochenende ist der Familie gewidmet. Und da bin ich jetzt gerade, wenn dieser Post online geht. Aber ich kann euch versichern, Emma und Tom werden noch lange Zeit Freunde sein. Und Emma wird sein Geheimnis gut bewahren. Tom unterdessen schreibt jeden Tag mit ihr und schickt ihr kleine, verzauberte Botschaften in seinen Briefen. Er klaut immer noch vom Sternenstaub. Emma lernt fleißig mit der Gitarre. Sie hat schon etwas aufgenommen und eine CD für den Engel gebrannt, in der Hoffnung, dass er das im Himmel überhaupt abspielen kann. Probieren geht ja immerhin über studieren ;).

Ich wünsche euch allen ein Frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Ich werde mir die nächste Woche Zeit nehmen, einiges wegzuarbeiten. Es gibt viel zu lesen und zu schreiben. Und im neuen Jahr wartet noch viel, viel mehr Arbeit. Aber die Schmökerbucht soll nicht verstummen. Ich halte euch gerne mit Geschichten und Rezensionen auf dem Laufenden ;). Also nicht weglaufen. Ich komme wieder. Wir lesen uns!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen