Samstag, 3. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 3

Emma bestaunte die funkelnden Krümel in dem Beutel. Sie dachte dabei an die Sterne am fernen Himmelszelt, dem sie hier oben schon so viel näher war. Wenn sie solche Plätzchen hätte, würde sie diese natürlich sofort verspeisen. Aber nie hatte sie ähnliches Gebäck gesehen. Wie sollte sie etwas stehlen, von dem sie nicht einmal wusste, dass es existierte? 
"Ich war das nicht", beteuerte Emma und hob abwehrend die Hände. Marta schnaubte missbilligend.  
"Und ob du das warst, Kind!", fluchte die Dame. "Die Beweise sind doch eindeutig!" 
"Und wie soll ich an die Plätzchen heran gekommen sein?", fragte Emma und verzog das Gesicht zu einer trotzigen Miene. Marta holte zu einer Erklärung aus, hielt dann jedoch inne. 
"Tia, irgendwie müssen sie ja neben dein Bett gekommen sein! Wenn du auch nicht selbst in der Weihnachtsbäckerei eingebrochen bist, du hast zumindest etwas damit zu tun!", stellte Marta stolz fest. Collin rieb sich nachdenklich über das Kinn. Er zweifelte sichtbar an der Version der Magd. Marta blieb das nicht verborgen und so warf sie verärgert die Arme in die Luft und gab einen verhassten Laut von sich. 
"Seit 153 Jahren leite ich die Weihnachtsbäckerei! Und niemand, nicht ein einziges Mal, hat sich gewagt, die Lieferung für den Weihnachtsmann vor Heiligabend zu stehlen! Nicht in meiner Bäckerei. Collin, führe das Kind seiner gerechten Strafe zu! Bring sie zum Weihnachtsmann und lass ihn die Konsequenzen ziehen, unverzüglich." 
Marta schäumte vor Wut und redete sich in Rage. Emma schaute zwischen den beiden hin und her. Dass Marta bereits so lange in der Weihnachtsbäckerei arbeitete, verblüffte das Mädchen. Schließlich hatte sie die Frau nicht älter als vierzig geschätzt. Wie alt dann wohl Collin sein mochte? Emma versuchte in Gedanken, die vielen Jahre nachzurechnen. Sie konnte den zeitlichen Umfang kaum fassen. Wie viele Dinge die beiden kommen und gehen gesehen hatten. 
"Ich weiß, Marta", beschwichtigte Collin die aufgeregte Bäckerin. "Aber das Kind hat Recht, da stimmt etwas nicht. Ich will dem Weihnachtsmann auch nicht nur die vermeintlich Schuldige vorsetzen, dass er sie bestrafen kann. Damit hätten wir immer noch das Problem, dass die Plätzchen nach wie vor verschwunden sind." 
Collin begann, nachdenkend auf und ab zu gehen. Emma folgte jeder seiner Bewegungen und hoffte inständig, dass wenigstens er ihr wohlgesonnen war. Immerhin schien er der Vernünftige in dieser Runde zu sein. 
"Ich war es nicht", wiederholte Emma leise. Marta und Collin musterten sie eine Weile. Ein unruhiges Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. Emma wollte nichts sehnlicher, als in ihr warmes Bett zurückzukehren. Wenn das hier tatsächlich kein Traum war, musste es denn unbedingt Realität sein? "Wirklich nicht", fügte Emma kleinlaut hinzu. 
"Kannst du das denn auch beweisen?", fragte Collin kurz darauf. "Wir können nicht beweisen, dass du vollkommen verantwortlich für den Vorfall bist. Aber kannst du beweisen, dass du nicht schuldig bist?" 
"Wie meinen Sie?" Emma stutzte bei der Frage des Männchens, ihr war nicht ganz klar, was er meinte. Sie sollte ihre Unschuld beweisen, nur wie? 
"Collin, lass die Scherze. Das Kind kann doch unmöglich ihre Unschuld beweisen. Für mich bleiben die Beweise eindeutig!" Marta winkte den Vorschlag mit einem Kichern ab. Ihr Blick zeigte, wie absurd sie diese Idee fand. Sie wollte Emma bestraft sehen, auf der Stelle.  
"Ich backe die Plätzchen neu", schlug sie dann vor. "Und sorgst für die gerechte Strafe. Keine Geschenke mehr, auf Lebenszeit. Das klingt angemessen." 
"Was?!", quiekte Emma. Collin bedeutete ihr mit einer hektischen Geste, den Mund zu halten. Er schüttelte den Kopf, schenkte der Magd einen ernsten Blick. Nie mehr Weihnachtsgeschenke? Unvorstellbar! Emma flehte Collin mit Blicken an, Erbarmen zu zeigen.  
"Das ist zu voreilig, das wird auch der Boss sagen. Und außerdem brauchen die Sternenstaubplätzchen ihre Zeit. Sie backen einen ganzen Tag und müssen dann noch einmal zwölf Stunden ruhen, um den vollen Zauber zu entfalten. Wir haben nur die Krümel gefunden, es sind noch irgendwo die Reste", sprach Collin und ging wieder auf und ab. Offenbar beruhigte ihn die Bewegung. Emma sah die Zahnrädchen vor sich, deren Zacken in seinem Kopf eifrig ineinander griffen und nach einer Lösung suchten. Dann blieb er abrupt stehen, wendete sich Emma zu und sagte: "Du wirst sie holen." 
"Wie bitte?", rief Emma entsetzt aus. Sie sollte was? Die restlichen Plätzchen wiederfinden? Sie wusste nicht mal, dass es das hier oben gab. Weihnachtsbäckereien, kleine Männchen im Dienste des Weihnachtsmannes. Ein wahr gewordenes Märchen, allerdings mit einer unerwarteten Wendung, die so bestimmt in keinem Buch der Gebrüder Grimm zu finden war. 
"Collin!", mahnte Marta den kleinen Mann. "Du kannst doch nicht erwarten, dass ein Kind die Plätzchen des Weihnachtsmannes wiederfinden kann! Du arbeitest erst drei Jahre im Dienste des alten Herren. Du bist doch noch grün hinter den Ohren." 
Martas Behauptung ließ Collin rot anlaufen. Emma meinte fast, Rauch aus seinen Ohren aufsteigen zu sehen. Doch kurz darauf riss der Mann sich zusammen, räusperte sich einmal und setzte einen geschäftsmäßigen Blick auf. 
"Sie wird sie wieder holen", beschwor er, blieb der Bäckerin gegenüber standhaft. 

1 Kommentar:

  1. Das wird ja richtig spannend und macht Lust auf mehr. Selbst ich als Weihnachtsverweigerer will weiter lesen.
    Gut gemacht, Tanja.

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