Montag, 5. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 5

Collin führte Emma einen gepflasterten Weg in den Wolken entlang. Sie wusste nicht, wohin er sie brachte. Marta folgte schnaubend, hielt sich jedoch mit weiteren Äußerungen zurück. Emma suchte den Himmel nach einem Zeichen ab. Ein Zeichen, das ihr sagen würde, dass sie doch noch träumte. Stattdessen wehte ein kühler Wind über den Wolken. Fröstelnd zog sie die Arme enger um sich. 
„Wohin gehen wir?“, fragte sie schließlich, denn das Schweigen war unangenehm.
„Ich bringe dich an das Wolkentor. Von dort aus wirst du losgehen, um die verbleibenden Plätzchen zu holen“, erklärte Collin, den Blick stur auf den Weg vor ihnen gerichtet.
Emma sagte nichts weiter dazu. Sie widerstand den erdrückenden Blicken der Bäckerin und dachte nach, wie sie diese verfluchten Plätzchen auftreiben sollte. Sie hatte sie nie gestohlen, von den Krümeln wusste sie ebenso wenig. Mit ihrem Bruder Ben aß sie gelegentlich Mutters Kekse im Bett vor dem Schlafen. Sie hockten dann zusammen unter der Bettdecke in der Dunkelheit, nur mit einer Taschenlampe und dem Teller voll köstlicher Plätzchen. Doch diese waren nicht mit Sternenstaub gebacken. Emma erfand oft Geschichten und der kleine Ben liebte ihre fantastischen Erzählungen. Mit seinen fünf Jahren fand er auch sicher an dieser Story Gefallen. 
„Wir sind da“, verkündete Marta. Ihre Stimme klang kalt. In ihren Augen glitzerten Eissterne. Emma zog die Arme noch enger um ihren Körper, der Anblick jagte ihr einen Schauer über die Haut.
„Ja“, fügte Collin hinzu. „Da drüben ist es.“
„Und jetzt?“, wollte Emma wissen. Sie konnte wohl kaum aus der Wolkendecke hinab auf die Erde springen und todesmutig nach ein bisschen Weihnachtsgebäck suchen. Doch genau das schienen Collin und Marta von ihr zu verlangen. Ihr. Einem gewöhnlichen Mädchen. Trotzig verschränkte sie die Arme und schaute hinüber zu diesem sogenannten Himmelstor. Es reflektierte die silbernen Strahlen der Sterne, die mittlerweile das Abendrot vollkommen verdrängt hatten. Nur noch ein schmaler Streifen am Horizont erinnerte an den vergangenen Tag. Emma trat näher an das Gebilde am Rande der weißen Watte heran. Sie strich mit den Fingern über das glatte Metall. Hinter dem Tor lag das weite Nichts des Himmels. Und darunter lag die Erde in weihnachtlicher Beleuchtung. Wie eine gewaltige Lichterkette wand sich das Meer aus winzigen, bunten Glühbirnen um den Planeten. Es war wunderschön.
„Du hast bis Sonnenuntergang am Heiligen Abend Zeit. Bis morgen also. Bring die Plätzchen bis dahin zurück und die Strafe bleibt dir erspart.“ Collins Worte klangen wie ein Urteil am hohen Gerichtshof. Der Hammerschlag blieb aus, denn das letzte Wort war längst nicht gesprochen. Emma warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Wie soll ich das machen? Ich habe weder eine Ahnung, woher die Krümel an meinem Bett kommen, noch, wo ich mit der Suche anfangen soll.“
„Du suchst halt, Herrgott!“, fluchte Marta. „Geh jetzt.“
Dann wandte die Magd sich ab und stolzierte davon. „Ich gehe wieder in die Backstube. Ehe die Hilfsengel mir alles abfackeln.“
Ihre Silhouette verschwand, so als hätte sie sich in Nebel aufgelöst. Emma starrte der Frau nach, schaute dann wieder zu Collin. Er wartete, neigte den Kopf in Richtung des Tores. Eine stumme Aufforderung.
„Da runter?“, fragte sie, zeigte zum Abgrund hinter dem Tor und er nickte.
„Niemals!“
„Doch, das musst du. Geh. Hol die Plätzchen. Oder bekomm nie mehr in deinem Leben ein Weihnachtsgeschenk.“
„Wer entscheidet das, du?“ Emma baute sich vor dem Winzling auf. Im Vergleich zu ihr war er eine halbe Portion in albernem Kostüm. Da die Bäckerin nun fort war, fühlte Emma sich stärker. Niemand hielt sie jetzt am Arm und verbot ihr das Wort. 
„Ich“, setzte das Männchen an. „Bin der Assistenzwichtel des Weihnachtsmannes. Seine rechte Hand. Er hat im Moment sicher genug zu tun, dass er meine Entscheidung begrüßt. Und jetzt geh.“ Collin wuchs plötzlich über Emmas Kopf hinweg. Unter seinen Füßen erhob sich eine kleine Plattform aus den Wolken und schob ihn in die Höhe. Bald konnte er auf sie herab schauen und dann war Emma der Winzling von ihnen. 
„Nun?“, fragte er und sie stöhnte. Weder Höflichkeit noch Frechheit retteten sie hier. 
„Ich weiß nicht wie“, meinte sie nach kurzem Zögern. Wind kam auf und zerzauste ihre Haare. Sie warf einen scheuen Blick in den Abgrund. So wunderschön er auch wirkte, sie würde wohl kaum den Absturz überleben. 
Etwas kitzelte an ihrem Nacken. Erschrocken griff sie danach. Eine weiße Feder lag in ihrer Handfläche. Das zarte Gebilde bog sich in ihren Fingern, brach aber nicht entzwei. 
„Ich werde helfen!“, rief eine fremde Stimme und ein Ruck ging durch die Wolkendecke auf der sie und Collin standen. Als sie den Blick umwandte, erblickte sie einen Jungen. Aus seinem Rücken ragten weiße Flügel.

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