Dienstag, 6. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 6

Der Engel zog die weißen Schwingen ein und Emma starrte das Geschöpf verblüfft an. Die Flügel hatten eine Spannweite, die ihre Körpergröße übertraf. Zwei Meter, vielleicht auch einen halben mehr. 
„Ich gehe mit ihr“, sagte er, doch Collin schüttelte den Kopf.
„Auf keinen Fall. Sie muss das alleine tun!“, befahl der Wichtel. „Die Beweise führen zu ihr. Sie muss sie widerlegen. Keine Hilfe.“
Der Engel stemmte die Hände in die Hüften. Er trug ein Holzfällerhemd mit grauem Muster und eine gewöhnliche Jeans. Auf seinen kurzen, schwarzen Haaren glänzte ein weißer Film von Schneeflocken. Sein Lächeln raubte Emma den Atem. So hatte sie sich Engel nie vorgestellt. Aber diese Version gefiel ihr weitaus besser, als die klassischen Figuren. Wie alt er wohl war? So, wie er jetzt dort stand, konnte er kaum älter als sie selbst sein.
„Dieses Mädchen kommt doch kaum aus dem Himmel runter, ohne einen Flugkünstler wie mich. Komm schon, lass mich mit ihr gehen. Sie hat doch keinen blassen Schimmer. Wenn du sie so los schickst, kannst du ihr auch gleich auf Lebenszeit die Geschenke streichen und die Plätzchen selber backen. Die dann erst nach Heiligabend fertig werden. Und wir wollen doch den alten Herren nicht traurig stimmen, oder Collin?“
Der Junge hatte Mumm, das musste Emma ihm lassen. Collins Zähne knirschten wütend, er rang um Kontrolle. Der Engel zog über ihn her und missachtete seine Autorität. Aber er hatte Recht, das wusste auch der Wichtel. Die Plätzchen mussten wirklich wichtig sein, wenn sie eine solche Debatte auslösten.
„Hast du etwa gelauscht, Tom?“, fragte Collin. „Du bist uns also gefolgt, seit sie hier ist?“
Tom lachte, hob die Arme hinter den Kopf. Emma beobachtete das Schauspiel interessiert. Um nichts in der Welt würde sie jetzt noch alleine auf die Suche nach ein paar dämlichen Keksen gehen, wenn sie diesen Engel mitnehmen konnte. Als er ihr ein Zwinkern zu warf, das locker die Herzen dutzender Mädchen stehlen konnte, lief sie rot an und drehte sich hastig weg.
„Natürlich, Collin. Als meine Kollegen sie im Schlaf herbrachten, konnte ich mich nicht zurückhalten. Und jetzt willst du das Schicksal des Heiligabends besiegeln. Wenn dir dein Job lieb ist, solltest du das nicht riskieren, Collin.“
Tom grinste frech und Collin rieb mit Zeigefinger und Daumen über die Falte zwischen seinen Augen.
Der Wichtel stieg von seinem Wolkenpodest herab, ging auf den Engel zu. Wütend schnaubte das Männchen vor sich hin. Tom kam mit langsamen Schritten auf Emma zu und legte ihr einen Arm um die Schulter. Wie festgefroren stand das Mädchen neben ihm. Er brachte den Eisblock, der sie in diesem Moment war, in Position und ragte siegessicher neben ihr auf.
„Wir werden ein tolles Team sein“, versprach er. Sie nickte nur stumm. Noch immer glühte ihr Gesicht vor Scham. Sie mochte Tom, hoffte nun, dass es doch kein Traum wäre. Denn dieser Typ war Feuer. Und sie war der Schnee unter seinen Flammen.
„Collin“, mahnte Tom den Winzling, der nachdenkend auf und ab ging. „Entscheide dich, sonst geht die Sonne bald auf, dann geht sie wieder unter, und der Boss wartet noch immer auf sein Lunchpaket zum Abflug.“
Collin fluchte vor sich hin, streckte den Arm aus und zeigte auf Emma und den Engel.
„Nun gut!“, knurrte er und wirkte dabei bedrohlicher als die wütende Bäckerin. „Geh mit dem Kind. Aber halte dich zurück. Du bist ihr Geleitschutz. Und dass du mir ja keinen Unfug treibst. Ich kann es mir nicht leisten, am Ende noch wegen dir meinen Job zu verlieren.“
Dann verschwand der Wichtel in einer Glitzerexplosion vor den Augen der beiden. Emma staunte, hustete, als der Staub sich in ihrem Atem verfing.
„Was für ein Abgang“, kicherte Tom, nahm seinen Arm von ihrer Schulter und klatschte einige Male. „Das sieht dem alten Kerl gleich. Muss immer eine Show abziehen.“
„Wer… Wer bist du?“ Emma fand endlich ihre Stimme wieder und das Rot in ihren Wangen klang ab. Sie kam zur Besinnung. 
„Ich?“ Tom lachte los, sodass der ganze Himmel in diesem Ton versank. Emma grinste scheu. 
„Ich“, begann er, griff nach ihren Schultern und klopfte zweimal dagegen. „Ich werde dir den Hintern retten, Kleines.“

1 Kommentar:

  1. Und ich dachte schon, der wird ihr mal den Arsch retten ;-)

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