Mittwoch, 7. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 7

Am Abgrund der Wolken. Am Ende des Himmels. Emma starrte bestimmt schon mehrere Minuten auf die Erde. Der Engel stand hinter ihr mit verschränkten Armen und wartete auf eine Reaktion. Sie spürte seine bohrenden Blicke im Rücken. Er wollte ihr den Hintern retten? Mit diesem Spruch hatte Tom seinem gesamten Auftreten einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Dennoch musste Emma sich eingestehen, dass dieser Typ selbst in seiner Überheblichkeit noch viel zu heiß war. 
"Willst du ewig dort hinunter sehen oder können wir uns endlich auf den Weg machen und diese verfluchten Plätzchen finden?", grummelte er, unterbrach ihr rasendes Herz und die aufsteigende Furcht. Sie hatte nie besondere Angst vor Höhe empfunden. Sie liebte die Aussicht vom Eiffelturm oder den höchsten Wolkenkratzern. Sie würde am liebsten die Hände nach dem Himmelszelt ausstrecken und es streicheln. Was das Fallen betraf, so rief es ein schreckliches Unbehagen wach. Emma schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und wandte sich ihrem künftigen Retter zu. 
"Du hast gut reden. Du kannst fliegen. Und was hat es überhaupt mit den Plätzchen auf sich?" 
Tom trat näher. Er schüttelte seine Federn auf. Winzige, glitzernde Partikel fielen davon ab. Es erinnerte an den Kunstschnee, den man in den Dekorationsgeschäften in der Stadt zu Hauf fand um diese Zeit im Jahr. Der Engel antwortete nicht auf ihre Frage bezüglich den Plätzchen. Stattdessen schlich Tom nachdenkend um Emma herum. Er musterte sie eingehend, nahm jedes Detail auf und quittierte dies mit einem gelegentlichen Murmeln. Mit Daumen und Zeigefinger strich er über sein Kinn, beendete seine Bestandsaufnahme schließlich. Emma betrachtete den Engel verwirrt. Schon Marta und Collin hatten sie studiert wie ein Stück Fleisch. Doch Toms Blicke waren nicht auf diese Weise seltsam. Sie versuchte, ihn zu durchschauen. Eine gute Menschenkennerin war sie nie gewesen. Und zu allem Übel war er auch noch ein Engel. Als Engelkennerin konnte sie sich schon dreimal nicht bezeichnen. 
"Ich habe dir genug Zeit gelassen, dich vorzubereiten", sagte der Schönling. Seine Brauen zuckten belustigt, sein Lächeln strahlte weitaus heller als der Mond. Emmas Gedanken ratterten um die Wette, suchten eine Antwort auf sein unerklärliches Verhalten. Nicht einmal, als er einen Schritt nach dem anderen rückwärts ging, fand sie einen Sinn darin.  
"Vorbereiten?", fragte sie unsicher. Endlich blieb er stehen, setzte einen Fuß ein wenig zurück und wog sein Gewicht abwechselnd auf das vordere, dann wieder das hintere Bein. Diese Pose war ihr seltsam vertraut. Woher kannte sie die Bewegungen? War es ein Tanz? Tom schaute auf die Wolkendecke unter ihm, atmete tief ein und aus. Seine Muskeln spannten sich. Er schüttelte die Arme aus, legte die Flügel an. Als er den Kopf hob, dämmerte Emma, was der Engel plante. Ehe sie ihn mit einem lauten Schrei stoppen konnte, stürmte er in einem erbarmungslosen Sprint auf sie zu. Sie konnte nicht weiter nach hinten treten, sie würde aus dem Himmel fallen.  
"Nein, Tom, NEIN!!!", kreischte sie. Seine Arme schlossen sich um ihren Körper, er prallte gegen sie wie ein Güterzug auf Hochgeschwindigkeit. Sein Lachen schallte in Emmas Ohren und es übertönte ihre eigene, ängstliche Stimme. Die Wolke, auf der sie eben noch gestanden hatte, war zu einem bedenklich kleinen Fleck geschrumpft. In ihrem Rücken pfiff der Wind seine grauenhafte Todesmelodie. Bald begriff sie, dass nur seine um sie geschlungenen Arme ihr Halt boten. Panisch krallte das Mädchen sich an dem Engel fest. Sein Lachen wandelte sich zu einem Laut der Genugtuung. Es klang wie ein Grunzen, doch so genau wollte Emma das nicht beurteilen, schließlich sausten die beiden gerade mit einem Affenzahn auf den Erdboden zu.  
"Achtung", warnte Tom. Die Schwingen flogen auf wie ein Fallschirm und bremsten den Sturz. Der unerwartete Widerstand schockte Emma so sehr, dass sie glaubte, sich jeden Moment übergeben zu müssen.  
"Hast du Kotztüten an Bord?", fragte sie zitternd. Tom kicherte, schüttelte den Kopf und segelte langsam in Richtung sicheres Land. Emma wagte einen Blick hinunter. Die geschmückten Häuser bildeten zwei Reihen von Lichterketten entlang der großen Hauptstraße. Ein Flugplatz für sie und den Engel. Die Landebahn hatte beide erwartet und leuchtete in dieser Nacht besonders hell. 
Tom räusperte sich. "Wunderschön, nicht?"  

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