Donnerstag, 8. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 8

"Land!!!", rief Emma, kniete nieder und umarmte den kalten Asphalt. Sie fror schrecklich, doch das spielte in diesem Moment keine Rolle. Sie konnte nicht mehr abstürzen. Das Himmelszelt erstreckte sich über ihrem Kopf, viel weiter über ihrem Kopf als noch vor wenigen Minuten. Sie konnte kaum fassen, dass sie tatsächlich von einer Wolke gesprungen war. Nein. Man hatte sie zum Springen gezwungen. 
Tom stand hinter ihr und klappte gerade die Flügel wieder ein, als in der Nähe eine Haustür aufsprang. Ein Mann trat heraus, einen Müllsack in der Hand. Ihr Nachbar, Josh Morrison lebte alleine mit seinem Hund Sunny in diesem großen Haus. Emma und Ben hatten dem alten Herrn schon oft eine Tupperdose mit Essen herüber gebracht. Mutter sagte stets, dass der Nachbar wie ein Ersatz-Großvater für sie war. Sie kochte gern eine Portion mehr für Mr. Morrison. Als hätte der Mann Emmas Gedanken gelauscht, schaute er unvermittelt auf, erblickte das ungleiche Paar und hob grüßend die Hand. Eilig sprang sie vor Tom, versuchte vergeblich, seine weißen Schwingen mit ihrem zierlichen Körper zu verbergen. Selbst in diesem mehr oder weniger gefalteten Zustand waren die Flügel alles andere als unauffällig. Wie konnte er nur so irre sein, sich auf diese Weise vor einem Menschen zu zeigen? 
"Emma, du und dein Freund solltet wieder rein gehen. Es ist schon spät und ihr werdet noch krank!", meinte Mr. Morrison kurz darauf. Er bedachte Emma mit einem irritierten Blick. Sie musste wohl recht albern aussehen, wie sie vor ihrem Freund herum hampelte. Beschämt hielt sie inne.  
"Ja, ist gut, Mr. Morrison." Sie wollte noch mehr sagen, aber Tom kam ihr zuvor. Er stellte sich demonstrativ neben sie, legte den Arm um ihre Schultern und sprach zu dem besorgten Nachbarn: "Keine Sorge, Mr. Morrison. Ich bringe sie gerade nach Hause." 
Der alte Mann nickte eifrig, murmelte einige unverständliche Worte. Emma starrte auf die Engelshand, die ihre Schulter bedächtig tätschelte. Dann sah sie in Toms Gesicht. Er zeigte sein übliches Dauergrinsen und das gab ihr zu denken. Konnte dieses Wesen auch irgendeine andere Miene ziehen? Ihr Unmut gegen ihn wuchs, er war zu freundlich, immerzu gut gelaunt. Sie kannte ihn erst wenige Minuten. Das gute Aussehen, die strahlenden Augen. Was verbarg er hinter all den wundervollen Äußerlichkeiten, die ihn derart anziehend machten? Sein Verhalten schien ihr deutlich überzogen und unwirklich. Sie musste herausfinden, ob sie diesem Engel vertrauen konnte. Denn das tat Emma noch längst nicht. 
Mr. Morrison warf den Müllsack in die Tonne, drehte sich dann zufrieden um und ging zurück zum Haus. "Zieht euch nächstes Mal wärmer an", rief er noch im Gehen. "Diese Minusgrade knabbern sogar noch an den Knochen." Dann fiel die Tür ins schloss. 
"Was soll das?", fragte Emma, schüttelte Toms Arm von ihren Schultern. Sie musterte ihn trotzig. Noch immer glänzte das perfekte Lächeln auf seinen Lippen. Wie die Unschuld vom Lande ragte er vor ihr auf. Wie eine Statue gemeißelt aus der Nacht selbst. 
"Was meinst du?", wollte er wissen, scheinheilig wie eh und je. 
"Du tauchst auf, um mir zu helfen, diese dämlichen Plätzchen zu finden. Von jetzt auf gleich. Einfach so und ohne Grund. Du stehst, als wäre es das normalste auf der Welt, vor meinem Nachbarn und redest mit ihm. Während auf deinem Rücken gut sichtbar weiße Flügel darauf hinweisen, dass du so ganz und gar nicht menschlich bist. Ach und...", Emma holte aus, hob den Zeigefinger, um ihren Worten mehr Ausdruck zu verleihen. Überraschend unterbrach Tom sie, verschloss ihren Mund mit der Hand.  
"Du plapperst zu viel, wir haben zu tun", flüsterte er.  
Emma versuchte, unter seiner Hand weiter zu sprechen. Das Murmeln drang undeutlich zwischen seinen Fingern hindurch. Der Engel hinderte sie mit Erfolg am Reden. Verärgert schlug das Mädchen seine Hand fort. 
"Du bist ein Idiot!", schimpfte sie. "Und welcher Kerl ist dauerglücklich, so wie du? Welche Drogen geben sie euch im Himmel?" 
Tom runzelte die Stirn. Die erste normale Reaktion, befand Emma. Ein unverkennbarer Kontrast zu den pseudo-freundlichen Gesichtszügen, die sie bisher kannte. 
"Hör zu, Kleines. Ich helfe dir, die Plätzchen zu finden. Viel mehr musst du nicht wissen, klar?" 
"Aber..." 
"Die Plätzchen. Mehr nicht", unterbrach er sie mit ruhiger Stimme. Die Luft um Emma begann zu prickeln. Das unheimliche Gefühl umschlang die nackte Haut ihrer Hände und ihrer Wangen, kroch durch sie hindurch bis in ihr tiefstes Inneres. Das Schaudern, das daraufhin durch ihre Adern schoss, war mit keinem Adrenalinschub zu vergleichen. Unbehagen. Angst. Der winzige Funken Mut in ihrem Herzen erhielt einen Hauch von Wärme in ihren Gliedern und trotzte dieser Kälte. Emma verbannte jeden Gedanken an das Gefühl und sah ihrem Begleiter starr entgegen. Ein Schatten spiegelte sich in dem Blick des Engels. Nur einen Augenaufschlag später war er verschwunden. Emma glaubte, zu halluzinieren. Doch eines wusste sie nun genau. Der Engel verheimlichte ihr etwas. 

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