Freitag, 9. Dezember 2016

Die gestohlenen Weihnachtsplätzchen - Türchen 9

Emma drehte vorsichtig den Schlüssel im Schloss und die Haustür sprang einen Spalt auf. Glücklicherweise ließ die Tür kein Quietschen verlauten. Das Mädchen stützte sich an den Rahmen und spähte hinein. Ihre Eltern schliefen im Obergeschoss bereits tief und fest, ebenso wie ihr kleiner Bruder. Zumindest hoffte sie das inständig. Doch da sie keine Geräusche vom Fernseher aus dem nahen Wohnzimmer hören konnte, so hielt sich die Familie zumindest nicht unten auf. Es war spät. Wenn sie wüssten, dass sie sich um diese Zeit noch herumtrieb, dann Gnade ihr Gott. 
"Die Luft ist rein", flüsterte sie Tom zu. Sie winkte ihn hinein. Es war dunkel im Flur, doch Emma wagte nicht, das Licht anzuschalten. Der Engel quetschte seinen Körper durch den engen Türschlitz, vorbei an seiner Begleiterin. Ohne Vorwarnung drückte er auf den Lichtschalter. Die Birne glühte auf. Eine Sekunde war Emma geblendet. 
"Tom, stopp!", hauchte Emma. Es klang wie ein heiseres Schreien. Der Versuch, gar nicht erst schreien zu müssen. Tom ignorierte ihre Bitte, schaute sich um, ging schnurstracks auf die Küche am Ende des Ganges zu. Seine Flügel stießen eine der geliebten Skulpturen von Emmas Mutter um, die auf dem kleinen Beistelltisch an der Garderobe jeden Gast grüßte. Ein Frosch aus weißem Porzellan, vielleicht siebzig Zentimeter groß. In der einen Hand hielt er ein Herz, die andere hob er winkend. Mit eine Hechtsprung konnte das Mädchen das Desaster gerade noch verhindern. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen, als sie der Länge nach auf dem Fußboden aufprallte. Die Skulptur fiel sicher in ihre geöffneten Hände. Das gute Stück war ein Geschenk ihrer Urgroßmutter, nicht gerade ihr Geschmack, dafür umso mehr der ihrer Mutter. Gnade ihr Gott ein weiteres Mal, wenn das Teil die Nacht nicht überlebte. 
Das Licht in der Küche blitzte auf, Schranktüren wurden hektisch geöffnet und wieder geschlossen. Die Gläser, Teller, Tassen, alles schepperte vor sich hin wie bei einem leichten Erdbeben. 
"Bist du von allen guten Geistern verlassen???" Emma klopfte Tom wild auf den Rücken, um ihn von den Küchenmöbeln abzulenken. Ihre Hände prallten an den weichen Flügeln ab, die ihn wie ein Kissen vor den Schlägen schützten. Wann immer sie eine freie Lücke in dem weißen Umhang fand, so schloss er sich davor und hielt sie auf. "Du kannst doch nicht einfach einen solchen Lärm veranstalten!" 
"Hör du lieber auf, du zerzaust noch meine Federpracht." Tom drehte sich dem um aggressiven Mädel zu, griff ihre Hände und stoppte sie auf diese Weise. "Ich suche nur nach Spuren." 
"In der Küche? Die Plätzchenkrümel wurden neben meinem Bett gefunden." 
Tom verdrehte genervt die Augen. Endlich kam ein wenig von seiner wahren Persönlichkeit ans Licht. Doch noch immer konnte Emma das Geheimnis um den Engel nicht vollkommen entschlüsseln. Sie beschloss, ihn künftig sehr genau im Auge zu behalten.  
"Falls deine Mutter die Plätzchen gefunden hat, wo hätte sie sie wohl hingebracht? Wo sie vermeintlich her gehören. Die Suche hier hätte uns bei Erfolg einiges erspart." 
Desinteressiert verließ er den Raum und stieg die Treppe herauf. Seine Schritte knarrten auf den Stufen. Bei jedem Laut zuckte Emma unwillkürlich zusammen, sah ihre Eltern schon in Gedanken wutentbrannt am oberen Absatz warten. Eilig huschte sie hinter dem Engel her. Leicht wie eine Feder tappte sie von Stufe zu Stufe, auf Zehenspitzen. Der Teppich dämpfte den Lärm nur mäßig. Oben angekommen steuerte Tom direkt auf ihr Zimmer zu, während sie kurzerhand zum Schlafzimmer der Eltern schlich und an der Tür lauschte. Das stetige Schnarchen ihres Vaters bestätigte, dass niemand von den beiden geweckt wurde. Rechts daneben befand sich Bens Reich. Auch hier vernahm die große Schwester keine verräterischen Töne. Die Familie schlief tief und fest. 
"Wo bleibst du?", fragte Tom. Ungeduldig wartete er an ihrem Schlafgemach, ein zwölf Quadratmeter Palast für eine Möchtegernprinzessin. Der Engel hatte auch dort bereits das Licht angeschaltet. Der helle Schein entblößte ihre kleine, heile Welt vor seinen Augen. Sein Grinsen kehrte zurück, als er das Übel in Pink betrachtete. Emma hatte von Kindesbeinen an auf ein Himmelbett bestanden. Der blassrosa Organzastoff über ihrer Schlafstätte beschützte sie schon damals vor den Monstern unter dem Lattenrost. Selbst, wenn sie jetzt zu alt war für diese Spukgeschichten, sie mochte den Prinzessinennenhimmel. Toms Blick glitt weiter und blieb an der Wanddekoration hängen. 
"Ist das dein Ernst, Kleines?" 
Emma schaute auf den Fleck, der seine Aufmerksamkeit errungen hatte. Das Wandtattoo war ein dunkelrotes Tribal in Form eines Einhorns. Der Spruch "Lebe deinen Traum" zierte die Fläche links davon. Das Einhorn selbst stand auf den hinteren Beinen und hob stolz das spitze Horn. Sterne glitzerten um das Bild herum. Tom unterdrückte ein Lachen und grunzte vor sich hin.  
"Ich fürchte, dich aus der Patsche zu hauen, wird nicht einfach für mich", seufzte er. 

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