Samstag, 14. Januar 2017

Leseprobe - Kein Erwachen

Ich habe es versprochen, ihr erhaltet einen exklusiven Einblick in "Kein Erwachen" :). Ich habe Kapitel 1 jetzt schon mehrfach überarbeitet, bin irgendwie immer noch nicht ganz zufrieden und hoffe, dass mir später die Testleser offenbaren, warum das so ist xD. Jedenfalls hoffe ich, dass euch dieser Ausschnitt gut gefällt. Und ja, ich musste ein paar mehr Seiten aus dem ersten Kapitel auswählen, es ist aber nicht das komplette erste Kapitel. Schließlich darf bei der Leseprobe eine ganz bestimmte Sache nicht fehlen. Welche das ist? Das seht ihr am Ende des Textausschnitts. Viel Spaß!


Kapitel 1 – In Dunkelster Nacht

Ich fühle mich um wertvolle Lebensfreizeit betrogen. Frustriert schlurfe ich mit meinem schweren Rucksack den Weg zur Lehranstalt. Anstalt könnte man allerdings auch für sich alleine stehen lassen. Ein typischer Montag im Leben einer typischen Schülerin mit ‚Null-Bock-Einstellung‘. Es gibt doch sicher Wichtigeres zu tun, als fünf Tage die Woche sein Dasein mit Mathematik, Deutsch, Geschichte und so weiter zu verplempern. Wenn es nach mir Ginge, gäbe es mehr freie Tage in einer Woche, weniger Schule, weniger Lernstress, mehr Leben. Ich seufze, denn dieser Wunschgedanke könnte nicht einmal von einer magischen Sternschnuppe erfüllt werden. Tag für Tag zieht an mir vorüber. Unbedeutend und vor allem langsam, während die Wochenenden viel zu schnell vergehen und mir die verdammte Realität vor Augen führen: ‚Du bist noch lange nicht erwachsen. ‘
Verbittert folge ich dem Gehweg, der mich zur Schule führt. Ich zähle die Pflastersteine, ignoriere die Schüler, die vergnügt und lachend neben mir her laufen.  
„Emilia, Guten Morgen! Du siehst so fertig aus, was ist dir denn über die Leber gelaufen?“
Carina, meine Klassenkameradin holt mich keuchend ein. Sie ist immer ein paar Schritte hinter mir. Ihre Kunst zur beinahe Verspätung verwundert mich jeden Tag aufs Neue. Sie ist gerannt, das verrät ihre gebückte Haltung in Kombination mit dem schweren Atmen. Ich grinse schadenfroh. Geschieht ihr Recht, die Erfindung namens Wecker existiert schließlich bereits eine Weile. Was man von ihrem Zeitempfinden nicht behaupten kann.
„Schule. Soll ich es dir buchstabieren?“, stöhne ich genervt und werfe ihr dabei einen ‚Lass mich in Ruhe‘-Blick zu. Carina hebt abwehrend die Hände.
„Ja, kein Grund so grantig zu sein“, verteidigt meine Freundin sich.
„Es ist Montag!“ 
Unbeeindruckt zuckt Carina mit den Schultern. „Na und? Fünf Tage bis zum Wochenende und bald sind sowieso Ferien. Versau dir doch nicht den Tag, nur weil du die Schule nicht ausstehen kannst.“
Ich grummele vor mich hin. Wie kann sie nur vor guter Laune sprühen? Es liegen noch einige Jahre Klassenarbeiten, Prüfungen, Lernstress vor uns. Kaum sind wir wieder zuhause, kauert jede von uns über den unendlich großen Bergen von Hausaufgaben. Und eine Nacht voll erholsamem Schlaf vergeht wie nur fünf Minuten. Als hätte man nur einmal eben an schlafen gedacht, statt es tatsächlich zu tun. Mit einem weiteren, durchdringenden Blick mache ich ihr klar, dass ich nicht in Stimmung bin für fröhliches Geplänkel. Carina lacht, klopft mir mit der Hand auf den Arm.
„Kopf hoch, Emilia. Lächle mal, dann sieht die Welt gleich besser aus.“ Dann rennt sie voraus, dreht sich ein letztes Mal um und ruft: „Bin dann mal weg. Muss heute früher rein, Tafeldienst gestern verpeilt.“ Mit diesen Worten zieht sie von dannen. Tafeldienst verpeilt? Wohl eher freiwillig ausgelassen. Den Tag, an dem Carina ihrem Tafeldienst nachkommt, streiche ich mit rotem Textmarker im Kalender an. Ich schüttele den Kopf. Endlich wieder alleine mit meinem Frust. Es ist gut, dass sie sich aus dem Staub macht, denn ich bin aktuell keine genießbare Gesellschaft für vergnügte Menschen. Meine Aura vergiftet sicher alle im Umkreis von zehn Metern um mich herum. Dabei sehe ich rein optisch gar nicht nach einem solchen Giftzwerg aus. Meine blonden Locken tanzen mit jeder Regung dicht über meinen Schulterblättern. Auf dem weißen T-Shirt prangt ein Print meiner Lieblingsstadt Paris und die Jeggings in Dunkelblau betont meine schmalen Beine. Bis auf den grimmigen Blick sehe ich also eher wie ein harmloser Teenager aus. Aber meine Augen sprechen eine deutlich unangenehmere Sprache. Ich seufze. Montag. Tag der Schrecken und des unliebsamen Aufwachens. Manchmal würde ich mein Leben gerne verschlafen, bis ich alt genug bin, meine Entscheidungen selbst zu treffen! Zu tun und zu lassen, was ich will, wie ich es will, wo ich es will. Keine Vorschriften, kein Lernzwang.
Ein Auto fährt langsam neben mir her. Ich sehe im Augenwinkel eine winkende Gestalt. Als ich herüber schiele, erkenne ich eine Mannsgroße Ameise am Steuer. Ihre Fühler zucken in meine Richtung. Die großen Augen sind durch und durch schwarz und haben wohl den Durchmesser eines Fußballs. Die dünnen Arme wirken spröde. Wenn ich sie berühre, brechen sie bestimmt entzwei. Ich winke zurück und gehe weiter. Das Ungeziefer wohnt seit einer Weile in der Nachbarschaft. Ich kann mich nicht erinnern, wann Rieseninsekten sich in unsere Zivilisation gemischt haben. Irgendwo in mir zweifelt mein Unterbewusstsein an diesem Ereignis. Es ist nicht normal, dass Ameisen Auto fahren, oder doch? Meinem Bewusstsein zumindest scheint es egal zu sein. Grübelnd setze ich meinen Weg fort. Ich habe noch genügend Zeit, mir um diese Merkwürdigkeit Gedanken zu machen.
Die Strahlen der Sonne scheinen mir auf den bepackten Rücken. Die Schultasche ist nicht so schwer, wie sonst so oft. Und die Sonne wärmt meinen Körper. Immerhin ein Trost, ich genieße das angenehme Gefühl. Und heimlich stiehlt sich sogar die Andeutung eines Lächelns in mein Gesicht. Ich schaue zum Himmel hinter mir, möchte auch mein Gesicht in die Strahlen hüllen und betrachte den schmalen Strich am Horizont. Dafür, dass die orangene Scheibe noch so dicht am Boden verweilt, ist es tatsächlich schon ungewöhnlich warm. Und war es nicht eben noch heller? Ist es schonwieder dunkler geworden, als es noch vor wenigen Minuten war? Es kommt mir fast vor, als würde die Sonne untergehen, statt den Tag zu begrüßen. Ich kneife die Augen misstrauisch zusammen und schaue genauer hin. Der Streifen am Ende des Himmels wird dünner. Womöglich nur eine optische Täuschung, ich habe wohl nicht ausreichend geschlafen in der letzten Nacht. Achtlos zucke ich die Schultern. Ein merkwürdiger Tag ist immer noch ein Tag.
„Hey Süße!“, ruft jemand. Die Stimme lässt sämtliche Alarmglocken in mir schrillen, meine Ohren bimmeln lauter als der Kirchturm um die Ecke. ‚Grins, Emilia, schau freundlich! ‘, ermahne ich mich selbst eilig. Denn der, der dort ruft, ist Erik. DER Erik! Ein Schatten rast an mir vorbei und ich erhasche einen kurzen Blick auf meinen Schwarm. Auf den Schwarm aller Mädchen an der gottverdammten Schule! Dieser Junge ist einer der wenigen Gründe, doch noch in die Lehranstalt zu gehen. Er ist gut gebaut, schwarze, verwuschelte Haare, ein anbetungswürdiges Lächeln auf den Lippen. Oh diese Lippen. Und blaue Augen, als wäre er soeben aus einem Märchen entsprungen. Im Basketballteam glänzt der Traumprinz mit den größten Erfolgen. Manch ein Sieg war schon seinen Würfen zu verdanken. Zu gern wäre ich bei den Cheerleadern, um ihn anzufeuern. Aber die tanzenden Mädels sind mir was Aussehen und Grazie betrifft zu weit voraus. Nie würde er mich beachten, ich schmachte ihn stets aus der Ferne an. Ein Jammer, wo mein Herz doch für ihn schlägt. Erik kommt auf mich zu und ich verfalle in einen Zustand von Starre. Hat er mit dem Spruch vorhin doch nach mir gerufen? Meine Augen müssen die Form von Sternen haben, während ich ihn anstiere. Oder Herzchen. Ja, es müssen Herzchen sein. Mir stockt der Atem. Seine blauen Augen schauen mich direkt an. Mich?! 
„Bist du begriffsstutzig? Komm jetzt, wird spät!“, sagt er. Wieso mich? Er ist der Traumboy, den alle vergöttern. Der Typ, der die Blicke der Mädchen genießt und sich doch noch keine gewählt hat unter den vielen Anwärterinnen. Ich grabe in meinem Gedächtnis nach der Information, dass wir Freunde geworden sind. Wie ein Schleier legt sich Unwissen über meine Gedanken. Ich erinnere mich nicht. Nie hat er ein Wort mit mir gesprochen. Ich bin der Schatten, der ihm ungesehen folgt und ungehört seufzt. Unsichtbar, chancenlos.
Ich nicke knapp und lege einen Zahn zu, als er voraus geht. Meine Beine setzen sich nur langsam in Bewegung. Wenn man sie einmal braucht, versagen sie den Dienst! Der Wunschtraum ist wohl doch in der Zwischenzeit unerwartet wahr geworden. Ich begreife nicht, wie das passieren konnte, ohne dass ich etwas davon weiß. Aber warum nicht einfach dieses Glück genießen, statt über seine Sinnhaftigkeit zu grübeln? Das wird sicher alles seine Richtigkeit im Hier und Jetzt haben. So seltsam der Tag bislang auch ist und seltsamer wird er mit jeder Sekunde, so ist er dennoch plötzlich schön geworden. Ich vergesse den Hass auf die Schule und folge meinem Geliebten wie ein zahmer Hund. Nur das Sabbern, das schenke ich mir. Er greift nach meiner Hand, als ich ihn einhole. Meine Finger beginnen zu glühen. Sein belustigtes Zwinkern lässt mein Herz in ungeahnte Höhen schlagen. Mein Kopf wird knallrot. Erik lacht.
„Komm Tomate, lass uns  gehen“, scherzt er. Treu und ergeben gehe ich an seiner Seite zum nahenden Schulhof. Rein optisch schreckt dieser mit einer hohen Mauer ab und einem vergitterten Tor. Für uns Schüler hatte es immer Ähnlichkeit mit einem Gefängnis. Das kahle Gebäude könnte mehr Farbe vertragen. Dann wäre es wenigstens nicht ganz so grau und trist. Aber was zählt das schon, denn Erik hält meine Hand.
„Bock auf ein Stück Spekulatius?“, fragt er, als wir den Torbogen erreichen. Überrascht erwidere ich: „Spekulatius? Ist doch noch längst nicht Weihnachten.“
Eilig reckt er den Arm in die Höhe. Ein Knacken ertönt. Krümel fallen mir auf den Kopf. Wo kommen die nun her? Er reicht mir einen Keks. Spekulatius. 
„Alternativ geht auch Lebkuchen“, schlägt er kauend vor. Mein Blick schweift den Bogen hinauf, der gänzlich aus Weihnachtsgebäck besteht. Ich bemerke die Vanillekipferl, die wie Blätter herunter baumeln. Kokosmakronen, Spekulatius, Lebkuchen, sogar Zuckerstangen zähle ich an diesem Gebilde. An der anderen Seite stehen die Schüler Schlange, um sich einen Dominostein als Wegzehrung aus dem Gebilde zu brechen. Natürlich ist es nie falsch, das Ansehen der Schule aufzubrezeln. Aber das scheint mir dann doch übertrieben. Zumal sich das Gefängnis mit einem Mal zu dem Hexenhaus aus Hensel und Gretel wandelt. Ist diese Variante nicht bedenklicher? Wann hat man die Mauer mitsamt Torbogen gegen Süßigkeiten getauscht? Die Schüler scheinen begeistert, ich sehe mich bereits in einem Backofen der Hexe schmoren. Skeptisch mustere ich das Gebilde. Was stimmt nicht nur mit diesem Tag? Mein Denkapparat kommt erneut ins Stocken, als Erik wieder das Wort ergreift.
„Hier, nimm schon.“ Unsicher nehme ich sein Geschenk an und beiße hinein. Es schmeckt köstlich. Das beste Weihnachtsgebäck, das ich je gegessen habe. Nichts Ungewöhnliches also, oder? Ich meine. Ein Keksbogen an der Schule, das hat doch auch Vorteile. Der Snack zum Frühstück erheitert die Gemüter. Ich verdränge meine Sorgen. Ich sollte mich sogar freuen! Nie hat die Schule leckerer ausgesehen und nie einladender. Und der Gedanke, dass in dem Gebäude noch eine Hexe lauert, ist nun wirklich zu weit hergeholt. Und dann, dann passiert etwas, das mich aus der Bahn wirft. Es ist eben nicht normal heute! Ich kann die Situation nicht fassen, kann die Merkwürdigkeiten dieses Morgens kaum alle aufzählen. Aber etwas stimmt hier nicht. Erik neigt sich zu mir herüber. Ich versteife mich zu einer Puppe, regungslos, als er mir die Überreste des Spekulatius von den Lippen wischt. Nur um diese dann mit seinen zu verschließen. Sämtliche Haare an meinem Körper stellen sich auf. Ich fühle mich, als hätte ich in eine Steckdose gegriffen. Adrenalin durchströmt meine Adern wie heiße Lava. Ich glühe innerlich, mittlerweile leuchtet wahrscheinlich mein gesamter Körper wie eine Christbaumkugel. Passend zum weihnachtlichen Torbogen, an dem jetzt auch noch ein Mistelzweig baumelt. Irritiert stoße ich Erik von mir.
„Was ist los, Schatz?“, fragt er sichtlich beunruhigt.
„Nichts. Sorry. Muss los. Bye!“ Schnell verlasse ich die seltsame Szenerie, renne auf das Schulgebäude zu. Er hat mich geküsst. Mich! Nicht nur, dass mein Schwarm überhaupt mit mir redet. Er küsst mich. Einfach so. Als wäre es vollkommen normal. Aber nichts an diesem Morgen ist normal. Die Ameise am Steuer des Autos. Die Sonne, die untergeht statt am Himmel aufzusteigen. Die süße Mauer um die Schule und die Plätzchen am Torbogen. Ich finde Carina, sie steht vor dem Eingang. Sie unterhält sich mit zwei Teddybären. Was denn noch alles, bitte?
„Hey, die Schule ist noch abgeschlossen, wir müssen noch warten. Sind recht spät dran heute, die Lehrer. Emilia, bleib mal stehen. Kennst du schon Todd und Berta?“ Sie weist mit der Hand auf das ausgestopfte Pärchen. Die zwei reichen mir gerade bis zur Hüfte. Was geht hier vor? Allmählich sickern die Ereignisse in meinen vernebelten Verstand. Ameise am Steuer. Gebäcktorbogen. Erik als mein Freund. Lebendige Teddys, die nun den Kopf zur Seite geneigt auf eine Reaktion meinerseits warten. Ich verarbeite alle Bilder zu einem großen, einleuchtenden Muster. 
„Hallo Todd, Berta.“ Meine Stimme klingt heiser, ich erkenne sie selbst kaum wieder. 
„Alles OK? Du bist so blass. Soll ich Erik rufen?“ Carina legt die Stirn in Falten. Einen Moment lang erringe ich meine Fassung zurück.
„Was ist mit Erik?“, flüstere ich mit einem Seitenblick auf die lauschenden Teddys. Warum sind sie noch hier?
„Tut mir leid, Freunde. Privatgespräch.“ Mit einer entsprechenden Geste scheuche ich die Tierchen in eine Richtung weit, weit weg von Carina und mir. Und Gott sei Dank, sie gehen fort! Zeit für eine Aussprache unter Frauen.
„Was meinst du? Ihr seid zusammen. Schon lange. Soweit ich mich erinnere …“, Carina legt den Zeigefinger ans Kinn und blickt nachdenklich gen Himmel.
„Moment Auszeit!“, unterbreche ich ihre Ausführungen. „Zusammen? So richtig? Wie denn? Wieso? Was…“ Ein Zittern durchfährt meinen Körper. Ist das hier die Realität? Ich versuche mich zu erinnern. In meinem Kopf taucht ein verschwommenes Bild auf von meinem Schlafzimmer. Mein Tagebuch. Klar doch, ich habe mich nach einem Eintrag in mein Tagebuch schlafen gelegt. Ich schrieb von Erik und wie er mich heute angesehen hat. Oder an mir vorbei gesehen? Er hat zufällig in meine Richtung gesehen! Wie auch immer, dann legte ich das Buch unter mein Kissen und schloss die Augen. Und im nächsten Moment war ich auf dem Weg zur Schule. Und es schien bisher alles so real. Es ist alles nur ein Traum, die Realität liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft, außerhalb dieser Fantastereien. Und nun, wo ich das Rätsel um das verzerrte Abbild meines Traumlebens gelöst habe, sollte ich in der Lage sein aufzuwachen. Es ist nur ein Traum. Den Part mit Erik würde ich zu gerne auch in der Realität fortsetzen, aber Ameisen gehören nicht in Autos, Kekse nicht an Torbögen, Teddys nicht auf den Schulhof. 
„Carina, das ist ein Traum. Ich wache gleich auf“, erkläre ich grinsend. Wie dumm ich in diesem Moment aussehen muss. Wie eine entflohene Irre. Mein Lächeln fühlt sich unecht an auf meinen Lippen. Die Lippen, die noch immer den Kuss von Erik spüren.
Carina hebt die Hand zu meiner Stirn. In Ihren Augen steht Besorgnis. Ich habe kein Fieber. Ich bin nicht verrückt.
„Oh wow, du bist wirklich krank. Ich melde dich beim Lehrer ab, geh nur Heim“, sagt meine Freundin. Hat sie doch Hitze auf meiner Haut gefühlt? Ich lege meinen Handrücken an die Stirn. Aber es ist nicht heiß, es ist alles normal. So normal es eben in einem Traum sein kann.
Carina wendet sich bereits zum Gehen, als es in der Sprechanlage raschelt. Ein Räuspern ertönt. Papier wird hin und her geschoben, dann auf den Tisch geklopft. Ich sehe den Schulleiter vor mir, wie er an seinem Schreibtisch seine Akten sortiert, den Finger voller Hektik schon am Mikrofonknopf. 
„Sehr verehrte Schülerschaft. Der Unterricht heute fällt aus. Hitzefrei, viel Spaß im Schwimmbad.“ Ein Knacken. Dann Stille. Dann Jubelschreie.
„Ernsthaft, ist ja mega!“, jubelt Carina und stürmt davon. Hitzefrei? Der Torbogen besteht aus Weihnachtsgebäck, das erinnert doch eher an Winter. Außerdem ist es mittlerweile stockdunkel. Wann ist es noch dunkler geworden? Wo ist die Morgensonne? Ich folge den Schülermassen zum Ausgang. Am Bogen klebt geschmolzene Schokolade, die zu braunschwarzen Pfützen zusammen läuft. Wo wir keine Hitze fühlen, gehen die Leckereien allein an der Verkündung von sommerlichen Temperaturen zugrunde. Ich trete unwillkürlich in die klebrige Masse.
„Igitt, ist ja ekelhaft!“ Niemand kann mich hören und niemand antwortet. Weil niemand mehr da ist. Wo sind alle hin? Ich suche die Umgebung nach den Menschen ab, den Jungen, den Mädchen, die vor wenigen Sekunden noch hier standen. Es ist still geworden. Zu still.
„Hallo? Wo seid ihr hin? Carina? Erik?“
Ich verlasse den Schulhof. Meine Stimme hallt wie ein Echo zu mir zurück. Auf den Straßen ist auch kein Auto mehr. Die Laternen flackern bedrohlich. Ich blicke auf den Boden, um nicht wieder in die Schokopfützen zu treten. Eine Ameise in normaler Größe läuft an meinem Fuß vorbei, hinein in den See aus flüssigen Süßwaren, für ihren Maßstab muss heute ein Glückstag sein. Dieses Bild ist ausnahmsweise normal. Ich gehe weiter. 
„Erik?“, hallen meine Worte durch die Straßen. Hinein in die Gassen und hinaus. Ein Horrorszenario und auf einmal gefällt mir der Traum weitaus weniger. Ich habe mich gerade erst mit einigen Annehmlichkeiten befreundet, da werden sie mir wieder genommen. Mein Unterbewusstsein ist in dieser Nacht wohl zu Scherzen aufgelegt. Aber meinen Humor treffen sie nicht.
In der Ferne sehe ich einen Menschenauflauf. Sie kommen wieder, es wirkt wie ein Marathon. Alle sind in Bewegung, rudern panisch mit den Armen. Erik ist an der Spitze. Seine wunderschönen, blauen Augen sind feucht von Tränen der Angst. Hat Erik je geweint? Ich habe ihn nie weinen sehen. Automatisch führen meine Schritte mich rückwärts. Nur wenige Meter bin ich von der Schule entfernt, bin nicht weit gegangen, um die Verschwundenen zu suchen. 
„Ich will aufwachen“, kommandiere ich mein Bewusstsein. „Wach doch auf, ich hab den Traum längst enttarnt.“
Erik kommt näher. Knapp hinter ihm taucht Carina auf. Wie immer ein paar Schritte zurück. Mehr Individuen kristallisieren sich aus der Menge heraus. Doch sie bedeuten meinem Verstand nichts, ich bemerke nur Carina und Erik und ein leuchtendes Rot-Orange, das sich hinter ihnen aufbäumt. Plötzlich weicht die Dunkelheit dem Inferno, sodass ich diese Erscheinung als unnatürliches Licht am Horizont wahrnehme. Schreie ertönen, diesmal nicht vor Freude. Hilfeschreie. Ich rieche verbranntes Fleisch. Rauch. Hitze umgibt mich. Soviel zum Thema Hitzefrei. 

1 Kommentar:

  1. Wow, klasse! Und nach DEM Ende des Auszugs will ich unbedingt wissen, wie es was da passiert ist. Locker und spannend zugleich geschrieben.
    Bitte weiter schreiben!

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