Dienstag, 14. Februar 2017

Happy Valentine's Day!!!

Es ist Valentinstag! Der Tag der Liebe und der Verliebten! Und es gibt verdammt viele Singles da draußen, die diesen Tag verfluchen. Die Liebe in allen Ecken, die Herzchen, überall lauern die Farben Rot und Pink. Grausam, nicht wahr? Ich konnte Valentinstag noch nie sonderlich leiden, dabei bin ich nicht Single. Es gab damals an unserer Schule zu Valentinstag die Möglichkeit, Rosengrüße anonym oder mit Namen zu versenden. Was waren die Mädchen immer glücklich, wenn sie eine Rose bekamen. Und wie schön diese Blumen waren! Aber ich habe nie eine einzige erhalten. Weil mich niemand mochte :(. Jaaaa, eine Runde Mitleid, aber das ist Vergangenheit xD. Ich kriege zwar heute auch keine Rosen, aber ich sehe das mittlerweile anders. Wenn die Menschen einen Tag brauchen, an dem es etwas bedeutet, "Ich liebe dich" zu sagen, dann sollen sie ihn haben. Mir genügt dazu auch jeder andere Tag im Jahr. Denn Liebe sollte man sich immer zeigen. Dafür braucht man keinen Feiertag. Aber nun zu meiner Valentinstags-Geschichte, denn da habe ich auch noch eine für euch. Ich hoffe, ihr könnt darüber lachen. Ich hoffe auch, dass sie ausreichend kitschig ist ;). Und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

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"Ich liebe dich!", ruft sie und fällt ihrem Freund überschwänglich in die Arme. Ich verziehe die Mundwinkel zu einem krummen Nicht-Lächeln, während ich das Pärchen neben mir auf der Parkbank beim Knutschen beobachte. Durch zusammengekniffene Augen. Mit einem angewiderten Seitenblick. Mein Mittagessen, ein labberiges Sandwich, wirkt in dieser Situation nicht mehr appetitlich.
"Oh Mary!", stöhnt der Verehrer an ihren Lippen. Ein Würgereiz bleibt mir im Halse stecken. In einer Hand hält der Mann noch die Pralinenschachtel, die er vor lauter Liebe schon gar nicht mehr überreichen konnte. Das pinke Etwas plumpst auf den freien Platz zwischen mir und dem Paar, die grelle Aufmachung des Geschenkes blendet mich. Diese Farbe ist das Grauen aller Menschen mit Sinn und Verstand. Mehr Klischee ist nun wirklich nicht drin.
Um dem Kitsch einen noch stärkeren Ausdruck zu verleihen, schwebt ein herzförmiger, knallroter Luftballon über den Verliebten. Dieses Ding haben sie bei ihrer Ankunft an meiner Bank angebunden. Der Schriftzug ‚Mary & Tom 4-ever in Love‘ prangt auf diesem heliumgefüllten Sinnbild der Liebe des Paares. Ziemlich leichtsinnig, wenn man bedenkt, dass diese Liebe recht schnell platzen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich tue es dem Ballon nur zu gern gleich. Vielleicht wäre der Knall laut genug, dass das Paar erschrocken von meiner Parkbank fällt. Dann hätte ich im Angesicht des Todes durch Explodieren immerhin noch etwas zum Lachen. Ich huste. Einmal. Zweimal. Das Pärchen interessiert sich nicht für meinen Missmut. Ein Schmatzen dringt an mein Ohr, gefolgt von einem unangenehmen Schaudern in meinen Gliedern.
"Ich muss hier weg", grummele ich, angewidert von dem Zungenkuss der Verliebten. Wenn sie sich wenigstens tatsächlich Gegenseitig auffressen würden – denn genauso sieht es in diesem Moment aus – hätte ich genau zwei Probleme weniger. Ich ertrage diese hormongeladenen Personen nicht länger in meinem Dunstkreis. Wenn der Funke noch weiter überspringt, steht mein Gemüt demnächst lichterloh in Flammen. Nicht in flammender Liebe, vielmehr in Asche. Kalter, grauschwarzer Asche. Genervt stopfe ich das Sandwich zurück in meine Handtasche und stehe auf. Ich werde mir eine neue Parkbank für meine Pause suchen müssen. Hoffnungsvoll lasse ich den Blick schweifen. Zumindest in der näheren Umgebung kommt derzeit auf jede Parkbank ein verknalltes Paar.  Ein Stöhnen entweicht mir. Valentinstag, wer hat diesen Tag nur erfunden? Ein Tag voller Liebe und Rosen und Zweisamkeit. Die Party für rosarote Brillen-Träger mit Schmetterlingen im Bauch. Furchtbar.
"Frohes Knutschen noch!", wünsche ich den Ruhestörern und werde mit Ignoranz gestraft. Mein Spott bleibt ungehört, ich verdrehe die Augen. Die Verliebten befinden sich mittlerweile in einer vierten  Dimension voller rosa Herzchen, in der die Realität nicht zählt. Besser ich verlasse die Szenerie. Ehe mich die Valentinsstimmung ebenfalls infiziert und mich beim nächstbesten Mann einhake. Dem Luftballon schenke ich einen letzten, mitleidigen Blick. Ich kann ihn doch unmöglich alleine mit den zwei Liebeswütigen lassen. Eilig ziehe ich eine Nagelschere aus der Handtasche und schneide die Schnur durch, um das Herzchen-Flug-Objekt in einem Moment der Unachtsamkeit von dem Pärchen zu stehlen. Eine armselige Rache, doch es gibt mir ein Gefühl von Genugtuung. Wenn sie merken, dass der Luftballon fehlt, bin ich längst über alle Berge. Ehe sie ihren Kuss auch nur eine Sekunde unterbrechen können um vielleicht einmal zu atmen, mache ich mich auf den Weg. Ich sehe schon vor mir, wie sie an der nächsten Kreuzung von einem Bus überrollt werden, da sie nur noch Augen füreinander haben. Ist das Wunschdenken? Der Ballon stößt sanft an meinen Kopf. Ich deute das als Zustimmung, er wünscht es den beiden auch. 
Im Park wimmelt es nur so vor Valentinstags-Gesindel. Als gäbe es auf der gesamten Welt nur Pärchen und ich bin der einzige Single. Ungerechter geht es wohl kaum. In Zeiten von Gleichbehandlungsbestimmungen sollte es auch eine geben, die die Zweisamkeit an Valentinstag in der Öffentlichkeit aus Rücksicht auf verzweifelte Singles verbietet. Im Alter von beinahe vierzig liegen mir nun mal die Scharen von Männern nicht mehr zu Füßen. Die laufen den jungen Hühnern hinterher. Gewaltsam dränge ich meine wirren Gedankengänge in die hintersten Ecken der Gehirnwindungen. Ich sollte mich auf das Wesentliche konzentrieren: Das Auffinden eines abgeschiedenen Plätzchens zum Mittagessen. Wie aufs Stichwort finde ich eine verlassene Parkbank. Sie liegt im Schatten eines Baumes, dessen Blätterdach wie ein Vorhang unerwünschte Blicke fern hält. Der Platz ist nicht sonderlich schön anzusehen. Der überquellende Mülleimer am Wegesrand trotzt der Romantik mit seinem Gestank. Scheint mir der optimale Pärchenschreck zu sein.
"Meins!", murmele ich, beschleunige meine Schritte. Ein Pflasterstein erhebt sich auf dem Weg, mit der Spitze meiner Pumps stoße ich augenblicklich dagegen, bleibe hängen und stolpere mit unelegant wehenden Armen durch den Park. In einer satirischen Inszenierung des Schwanensees hätte ich so sicher die Hauptrolle ergattert. Mit einer Grazie ohne Gleichen scheuche ich einen Haufen Tauben auf, die sogleich panisch umher flattern und dabei in alle Himmelsrichtungen davon fliegen. Einer der Vögel verfängt sich bei seiner Flucht in der Schnur des Luftballons und reißt ihn aus meinen Händen. Während die Taube mit meinem Begleiter davon stürmt, verwirrt und gefesselt von rotem Band, verliere ich endgültig das Gleichgewicht und finde mich auf allen Vieren auf dem Boden der Tatsachen wieder. "Mistvieh!", rufe ich der fliegenden Ratte zu. "Das war meiner!"
In der Ferne zuckt der Vogel unbeholfen in der Luft, versucht das Geschenkband und den unliebsamen Anhang loszuwerden. "Dummes Tier." Ich richte mich frustriert auf und sehe dabei einige Paare, die mich misstrauisch mustern. "Helfen ist überbewertet!", flöte ich, klopfe murrend den Staub von meiner Kleidung. Da knie ich im Dreck. Der Valentinstag kann mir nun wirklich gestohlen bleiben.
„Alles in Ordnung?“, fragt eine Männerstimme. Ich hebe den Kopf. Ein einsamer Mann, hier, in einem Park voller romantischer Begegnungen? Ich starre seine ausgestreckte Hand an, als würden jeden Moment Luftschlangen daraus hervorschießen. Hastig schüttele ich den Kopf, stemme das rechte Bein auf den Boden und stehe endlich wieder auf.
„Nein, nein, habe nur was verloren.“
„Sie sind gefallen.“
„Ich habe etwas verloren.“
„Ich habe Sie gesehen.“
„Stalker.“
„Wie bitte?“
Ich grinse ihn freundlich an und meine es nicht so. „Nichts“, erwidere ich schließlich und setze den Weg zu meiner Bank fort. Ich möchte nur mein Sandwich essen.
„Sind Sie immer so ruppig?“, fragt er.
„Stellen Sie immer so dumme Fragen?“, frage ich zurück. Mit Entsetzen stelle ich dabei fest, dass der Fremde mir folgt. Auch wenn ich die Einsamkeit im Single-Leben verdamme, am heutigen Tag ist mir nicht nach männlicher Gesellschaft zumute. 
„Nur, wenn ich sie einer schönen Frau stelle.“
„Oh Gott, hören Sie sich eigentlich gern selbst reden?“
Auf diese Frage lacht er schließlich. Ich komme nicht umhin, rot anzulaufen. Beschämt ziehe ich die Schultern hoch, schlage den Kragen meines Mantels in die Höhe und lege einen Zahn zu. Bank, ich komme! Und Mann, bitte geh. 
„Wollen Sie sich wirklich dahin setzen?“, erkundigt der Fremde sich besorgt, als ich es mir auf meinem schattigen Plätzchen gemütlich mache. Um den Mülleimer summen dicke Schmalzfliegen und ein Hundehaufen liegt am Boden daneben. Das könnte man doch fast als das Sahnehäubchen auf der Ekeltorte werten.
„Sie müssen sich ja nicht zu mir setzen.“ Ich gebe mir Mühe, ihn mit meiner Art zu vertreiben. Und nebenbei den Geruch zu ertragen. Wahrscheinlich ist der Hund kurz nach Erledigung seines Geschäftes gestorben. Ungerührt bleibt der fremde Mann an meiner Seite, wirft einen kurzen Blick auf die überfüllte Tonne und die Hinterlassenschaft des toten Hundes, macht aber keine Anstalten, mich endlich in Ruhe zu lassen. Und dann passiert es. Der Fremde nimmt eiskalt neben mir Platz. Um ein wenig Abstand zwischen uns zu bringen, rücke ich von ihm ab. Ich beschließe, ihn einfach zu ignorieren, packe mein Sandwich aus und wickele die Folie ab, die mittlerweile an dem Toast klebt. Ein Lachen erklingt neben mir und ich antworte mit einem Blick, der hoffentlich tödliche Wirkung zeigt. „Ist das Ihre Vorstellung von einem Valentinsessen?“
„Ist das Ihre Vorstellung davon, eine Frau an Valentinstag aufzureißen?“
Die Augenbrauen des Mannes heben sich. Sein Nicken bedeutet mir, dass ich diese Runde gewonnen habe. Da hast du es! Ich bete, dass er bald verschwindet, senke den Kopf zu meinem Sandwich, beiße hinein und… Wahrscheinlich würde der Hundehaufen besser schmecken. Die Mayonnaise kriecht über meine Zunge und hinterlässt eine furchtbar säuerliche Spur. Die Gurke hat bereits ein Eigenleben entwickelt, denn sie kreischt in meinem Mund um Hilfe. Die Tomate rutscht an der Gurke vorbei und ich kann sie gerade noch bremsen, ehe sie die Speiseröhre hinunter rutscht und meinen Magen in unerwünschte Wallungen versetzt. Der Käse klebt an meinen Zähnen, gemeinsam mit dem Glibbertoast, das sich kaum zerkauen lässt. Das Geschmackserlebnis lässt sich nicht als Erlebnis beschreiben. Eigentlich nicht einmal als Geschmack. Der Mann mustert mich neugierig. Ich grinse breit, obwohl mir eher zum Erbrechen zumute wäre. „Köstlich“, murmele ich zwischen den Bissen hindurch und hebe zur Verdeutlichung meiner Aussage den Daumen. 
„Natürlich“, meint mein Gegenüber, verschränkt die Arme und muss sichtbar einen Lachanfall unterdrücken. Drei. Zwei. Eins. Ich beuge mich schlagartig über die Lehne der Bank und spucke mein Pseudo-Mittagessen aus.
„Ok, Sie haben gewonnen“, sage ich, spucke dann noch einmal, da mir ein Stück der Tomate noch immer auf der Zunge hängt. „Was wollen Sie?“
Der Mann hebt den Kopf und kratzt sich mit Daumen und Zeigefinger am Kinn. Soll ich ihm dieses überzogene Verhalten abkaufen? Skeptisch betrachte ich seine Züge. Zugegeben, schlecht sieht er nicht aus. Der leichte Bartschatten macht ihn sogar attraktiv und die schwarzen Haare bilden einen wundervollen Kontrast zu seinen braunen Augen, aus denen ein zarter Grünschimmer heraussticht. Durch seinen dunkelgrauen Anzug wirkt er wie der perfekte Gentleman. Im krassen Kontrast zu seiner frechen Art, die er mir dauerhaft präsentiert. Er bemerkt meinen Blick und lächelt siegessicher. Sofort wende ich mich ab.
„Also?“, frage ich. Mein Sitznachbar seufzt gedehnt.
„Es ist doch so. Sie sind allein. Ich bin allein. Und die anderen Verrückten hier im Park sind nicht allein“, beginnt er und ich lausche aufmerksam.
„Ich weiß, die küssen sich sogar“, werfe ich ein. Er schenkt mir einen mitleidigen Blick. Immerhin einer teilt mein Leid. „Und weiter?“
„Und weiter, ich möchte Sie einladen. Auf ein richtiges Mittagessen.“
„Einfach so?“
„Einfach so.“
„Ohne Verpflichtungen?“
„Ohne Küssen“, antwortet er und errät damit meine Gedanken. Ich überlege einen Moment. Eine bessere Alternative zu dem Ekelsandwich wäre dieser Mann allemal. Eine tausend Mal bessere Alternative auch zu den vielen Verliebten hier im Park. Ich denke an Tom und Mary und den Spruch, und wenn sie nicht gestorben sind, dann verhaken ihre Zungen sich noch heute. Unwillkürlich lächele ich.
„Gefällt Ihnen also, finde ich super“, stellt mein Gegenüber erfreut fest und deutet damit mein Lächeln vollkommen falsch.
„Moment! Ich hab noch nicht zugestimmt. Wo ist der Haken?“
„Haken?“ Der Mann wirkt ehrlich verwirrt. Kann er tatsächlich derart gut schauspielern? 
„Ja, das Kleingedruckte.“
Unvermittelt steht er auf, reicht mir die Hand und ich Idiotin greife sofort danach. Innerlich verpasse ich mir für diese Leichtsinnigkeit eine Ohrfeige.
„Glauben Sie an Schicksal?“, fragt der Fremde und ich schüttele stumm den Kopf. „Nun, Angelika, ich glaube daran.“
Mir fällt die Kinnlade herunter. Ich entreiße ihm die Hand, klammere mich an meiner Tasche fest und trete einige Schritte zurück. 
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
Der Fremde kommt näher an mich heran, legt seine Hände auf meine Schultern, schaut mir tief in die Augen. Ich sehe das Strahlen darin und eine Freude, wie ich sie bei noch keinem Mann je gesehen habe. Es ist beinahe wie eine Erkenntnis, die mich selbst sofort ansteckt. Und sie beruhigt meine aufgewühlten Gedanken im selben Moment, in dem sie mich trifft. Mein Zynismus löst sich in Wohlgefallen auf und ich erwidere sein Grinsen. Irgendwie ist dies doch der perfekte Anlass, alle Vernunft einmal über Bord zu werfen.
„Also schön“, sage ich, trete an ihm vorbei. „Wohin gehen wir essen? Und dann verraten Sie mir den Haken alias das Kleingedruckte und woher Sie meinen Namen wissen.“
„Magie“, antwortet er und zuckt mit den Schultern.
„Wer’s glaubt!“, rufe ich aus. Mein Lachen hallt durch den Park und es fühlt sich gut an, befreit. Ich glaube nicht an Schicksal. Und ich glaube nicht an den Valentinstag. Aber ich glaube daran, dass man manchmal vielleicht ein wenig verrückt sein muss, um sein Glück zu finden.
„Verraten Sie mir Ihren Namen?“, frage ich, als er an meine Seite tritt und meine Hand in seine legt. 
Er schüttelt den Kopf und schaut mir erneut tief in die Augen. „Erraten Sie ihn?“

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