Dienstag, 14. März 2017

Geisterhaft Verpflichtet

Das hier ist die erste Geschichte, die ich zu einem Schreibwettbewerb eingereicht habe. Leider konnte sie wohl nicht überzeugen. Aber ich freue mich, sie euch nun auf meinem Blog vorstellen zu können. Es hat Spaß gemacht, sie für einen Wettbewerb zu verfassen. Und es geht um ein Thema, das mich häufig beschäftigt: Erfahren, was wirklich wichtig ist im Leben. Besonders in der Schule. Das ist nur eines von vielen meiner Herzen-Themen. Aber lest selbst, ob euch diese Geschichte gefällt ;)

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Kiara betrachtete gelangweilt den vollen Becher in ihrer Hand. Die wabernde Flüssigkeit stank zum Himmel. Um sie herum tanzten die Partygäste berauscht von dem ekelhaften Gebräu, das ihr irgendjemand wortlos in die Hand gedrückt hatte. Sie gab nichts auf Alkohol, ihr Status war ihr zu wichtig, um ihn sich mit Eskapaden zu versauen. 
„Trink doch mal was, Süße! Du bist noch voll nüchtern!“, gröhlte Susanne, die sich aus der Masse der wogenden Körper löste und auf sie zu stolperte. Kiara seufzte genervt.
„Ne, lass mal. Ich habe besseres zu tun. Wo ist eigentlich Julian?“
Susanne zuckte desinteressiert mit den Schultern. Als jemand ihren Namen rief hüpfte sie jubelnd und ohne zu antworten wieder auf der improvisierten Tanzfläche im Esszimmer des Hauses. Die Möbel stapelten sich in einer Ecke des Raumes, sodass sich für die zappelnden Körper ausreichend Platz bot. Kiara schob sich an den Betrunkenen vorbei.

„Willst du tanzen?“, lallte ihr einer der Halbtoten ins Ohr. Angewidert entzog sie sich seiner Reichweite und eilte stumm weiter. Der DJ drehte die Musik auf volle Lautstärke. Erfreute Schreie folgten, die in dem Getöse aus den Boxen beinahe untergingen.
Diese Party fand in Julians Villa statt. Seine Eltern waren verdammt reich und glücklicherweise über das Wochenende verreist. Er nahm an der Schule seinen Platz neben ihr auf dem Thron der Elite ein. Wobei neben ihr eher eine schwammige Definition war, denn es wurde Zeit, dass die beiden endlich zusammen kamen. Nur deshalb hatte Kiara sich auf diese Feier eingelassen. Um sich Julian endlich zu krallen. Zu lange schon bestanden ihre Begegnungen aus scheuen Blicken, ein paar kleinen Flirts und vielen unausgesprochenen Worten. Die Gerüchteküche um die beiden brodelte siedend heiß. Die Schonzeit war vorüber. Wenn Julian nicht den ersten Schritt wagte, so würde Kiara das Schicksal ankurbeln. Ihr Gesicht strahlte vor Tatendrang. Schnell setzte sie die Suche nach ihrem Prinzen auf dem weißen Ross fort.
Sie erreichte das Wohnzimmer, das in einem undurchsichtigen Nebel aus Zigarettenrauch praktisch verschwand. Die Raucher versammelten sich auf der monströsen Luxuscouch und husteten um die Wette. Kiara verstand kein Wort aus den krächzenden Kehlen, ignorierte das stinkende Volk. Sie stellte den Drink auf den Wohnzimmertisch, den man vor Kippen kaum mehr sehen konnte, und begann, das Anwesen zu durchsuchen. Zum Glück fand sie durch den Dunstschleier von Alkohol und Qualm bald den Weg auf die Terrasse, wo sich weit weniger Menschen in der nächtlichen Kälte herum trieben. Es war eine frostige Samstagnacht, die Temperatur kletterte an den feinen Härchen ihrer nackten Arme hinauf. Das enge schwarze Kleid schmiegte sich nur bis knapp unter ihrem Hintern an ihren Körper und spendete so kaum Wärme. Ihrer kunstvoll hochgesteckten Frisur entflohen einzelne Strähnen, die sie neckisch im Nacken kitzelten. Sie kniff die roten Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und zog die Arme enger um sich. Zitternd betrachtete sie den vollen Mond am Himmel, der wohl keine Probleme mit der Kälte hatte.
„Alles in Ordnung?“, drang eine dunkle Stimme an ihre Ohren. 
Sie wandte sich betont betroffen zu ihm um, einen Mitleid erregenden Ausdruck in den Augen. Julian hatte sie gefunden. Er schien nicht annähernd so angetrunken, wie sie erwartet hatte. Schließlich schmiss er diese Party, gerade als Gastgeber sollte er doch dann seinen Gästen in nichts nachstehen. 
„Nein“, gestand sie. „Es ist verdammt kalt und drinnen hängt dieser Mief in der Luft.“
Ihre Unschuldsmiene zeigte Wirkung, denn der Schulschwarm trat unvermittelt näher und legte einen Arm um sie. „Komm mit hinein. Wir gehen an einen ruhigeren Ort.“
Ein Grinsen stahl sich in ihre Züge, siegessicher folgte sie seinem Geleit. In der Menge erblickte Kiara im Vorbeigehen ihre Freundin Susanne, die begeistert den Daumen erhob beim Anblick der Queen mit dem King.
„Lass uns etwas lustiges machen“, schlug Julian unvermittelt vor.
Kiara stutzte, als er vor der Treppe stehen blieb. Sie hatte gehofft, er würde sie auf einige heiße Stunden in sein Zimmer entführen. Nun stand eine fixe Idee seinerseits zwischen ihr und ihrem Ziel, ihn endlich für sich zu gewinnen.
„Was denn?“, fragte sie, neigte den Kopf interessiert zur Seite. Als Schauspielerin hätte sie glatt einen Oskar verdient, denn was er vorhatte, juckte sie auf gut Deutsch nicht die Bohne.
„Wir haben auf dem Dachboden alte Bücher und so ein Beschwörungsbrett oder wie diese Dinger heißen. Lass uns ein paar Geister rufen, das wird bestimmt cool.“
Offenbar versuchte er auf diese Weise, Kiara zu beeindrucken. Sie konnte sich nicht erklären, wie man ein Mädchen ihres Kalibers mit Spukgeschichten vom Hocker reißen sollte. Dennoch war ihr momentan jedes Mittel recht, ihr Ziel zu erreichen. So stieg sie auf seine kindischen Spielereien ein. Doch nicht ohne eine gewisse Würze für sich selbst mit einzubringen.
„Dann lass es uns doch noch ein wenig cooler machen. Warum sollen denn nur wir zwei uns gruseln. Ich habe gesehen, dass auch die Oberstreber Celine und Marlon sich her geschlichen haben. Sollen wir sie nicht ein wenig schocken?“
Julian nickte anerkennend. Diese Eingebung von Kiara hatte ihren Reiz. Er genoss es ebenso wie sie, die Schwachen zu unterdrücken. Diese Macht, die man über die Deppen der Schule hatte. Es war schlichtweg berauschend. Und Kiara liebte es, dass Julian diese Einstellung teilte. Sie waren das perfekte Paar an der Spitze der Schülerschaft.
Während Julian einen betrunkenen Typen los schickte, um Celine und Marlon aus der Menge zu picken, führte er Kiara bereits die Treppe hinauf. Im Obergeschoss befand sich niemand aus der Partygesellschaft. Das Getümmel blieb lieber unter sich, die Stimmung dort oben war geradezu düster und viel zu still. Schritte erklangen, die Streber schlossen auf.
„Was wollt ihr?“, fragte Celine gereizt. Sie schleifte einen angeheiterten Marlon hinter sich her. Und Kiara dachte immer, noch niveauloser als mit Status ‚Streber‘ konnte diese Gruppierung nicht absacken. Marlons glasige Augen weiteten sich beim Anblick des engen Schwarzen an Kiaras Körper. Eilig verschwand sie hinter Julians breiten Schultern, ehe die Spur von Ekel ihr schönes Gesicht verschandelte. Mit einem Klacken öffnete ihr Schwarm eine Tür in der Decke und zog eine Leiter heraus.
„Hier entlang“, forderte er und winkte sie alle hinauf. 
Obgleich sie eben noch recht standhaft wirkte, wich nun aller Mut aus Celines Miene. Marlon kletterte unbeeindruckt die Leiter rauf auf den Dachboden, während das graue Mäuschen noch nachdenklich an den Fingernägeln kaute.
„Nun geh schon, Schisser“, lachte Kiara mit Nachdruck. Celine zuckte beim Klang ihrer Stimme sichtbar zusammen. Die Grenze war klar. Kiara war der Boss. Folgsam erklomm Celine die Stufen. Marlon hatte oben bereits den Lichtschalter entdeckt und betätigt. Eine flackernde Lampe sorgte für das optimale Gruselfeeling im Raum. Spinnweben schmückten die Kisten und der Boden war blass vom vielen Staub. Kiara betrachtete die unheimliche Szenerie erwartungsvoll. Es würde wohl doch lustiger werden als erwartet. Für die Idee, die zwei Streber einzubinden, lobte sie sich mit einem mentalen Schulterklopfer.
Hinter ihnen zog Julian die Leiter hoch und verschloss den Weg hinaus. So konnten auch die scheuen Schäfchen nicht aus den Fängen der Wölfe fliehen. 
Celine bohrte ängstliche Blicke in die Wände, während Marlon seine Sinne durch den Schleier des Alkohols soweit wieder fand, dass er sie tröstend in seine Arme zog. Es war ein Ernst in seine Augen getreten, den Kiara sich nicht erklären konnte. Hatte er doch nicht so viel getrunken, wie es vor wenigen Minuten noch wirkte?
„Hier ist es!“, rief Julian aus einer Ecke des Dachbodens. Die Dielen knarrten, als er mit dem großen Brett herüber kam. Kiara kramte eine große Decke aus einem Karton und schüttelte diese aus. Der Dreck von Jahrzehnten verpestete die Luft und alle husteten im Chor. Schnell breitete sie die Decke aus, damit sie wenigstens nicht auf dem staubigen Untergrund hocken mussten. 
Julian drapierte das Brett in der Mitte, kramte ein paar Kerzen aus den umliegenden Kisten und zündete diese an. Die vier setzten sich im Kreis um das unheimliche Objekt. Ein Alphabet, Zahlen und die Wörter „Ja“ und „Nein“ prangten auf dem hölzernen Brett. Ein sogenannter Zeiger, wie Julian erklärte, lag ebenfalls auf diesem Ding.
„Legt alle eure Finger drauf, das wird lustig“, meinte er und ging mit gutem Beispiel voran. Celine, Marlon und Kiara folgten seinen Anweisungen. 
„Wir haben gar nichts zum Aufschreiben“, unterbrach Celine plötzlich.
„Ich nehme mein Smartphone“, erwiderte Kiara triumphierend und zog das teure Gerät aus ihrer Clutch. 
„Und jetzt?“, fragte Marlon, den Finger stur auf den Zeiger gedrückt, so wie die anderen auch. Keine Reaktion folgte. „Wer stellt eine Frage?“
„Ich stelle eine!“, rief Kiara aus. „Wird Celine heute Nacht sterben?“
Celine richtete schockiert einen Blick auf die Konkurrentin. Schweiß perlte von ihrer Stirn. Sie fürchtete sich tatsächlich. Kiara lächelte diabolisch und schob mit aller Kraft den Finger gegen den Zeiger, um ihn auf ein „Ja“ zu bewegen.
„Kiara, lass das, du schummelst“, scherzte Julian, der ihre Aktion durch beständiges Gegenhalten stoppte.
Nach zwanzig Minuten lag der Zeiger noch immer am selben Punkt. Jeder hatte eine mehr oder weniger dumme Frage gestellt. Celine wollte als kleinen Racheakt wissen, ob Kiara vom Schulbus überfahren würde. Marlon fragte lediglich nach der Schwierigkeit der kommenden Klausur. Julian fragte mit eindeutigen Blicken auf Kiara nach der großen Liebe. Kiara schmunzelte und fragte, ob ihr eine heiße Nacht bevor stünde. Das Brett glänzte mit Schweigsamkeit.
„Dann halt nicht“, seufzte Julian, räumte Kerzen und Hexenbrett zurück in die Kisten. Kiara erhob sich und raffte die Decke zusammen, von der sie zunächst einmal die Streber hinunter scheuchen musste. Als sie den Stoff sorgsam faltete und in den Karton zurücklegte, erblickte sie ein Medaillon darin. Es glänzte silbern, die Gravur einer Rose war darauf zu erkennen. Gedankenverloren griff sie nach dem Schmuckstück und fuhr mit den Fingern darüber. Es war wunderschön. Sie spürte den Drang, es zu öffnen. Wie von selbst bewegten ihre Hände sich und zogen den Anhänger auf. Er war leer. Doch etwas rief ihren Namen aus diesem seltsamen Ding. Kiara ließ das Medaillon fallen, mit einem metallenen Ton schlug es auf den Dielen auf. Ein Zittern erfasste ihren Körper, Übelkeit schüttelte sie heftiger als eine Fahrt auf einer Achterbahn. 
„Kiara?“ Julians Stimme klang fern und immer ferner. Die Welt versank in Dunkelheit. Kiara sah noch, wie Celine hastig die Dachbodentür aufriss und die Leiter hinunter Sprang. Sie wirkte so blass, wie Kiara sich fühlte. Marlon verschwand in dem Loch im Boden und Kiara suchte verzweifelt Halt an den verschwimmenden Umrissen von Julian. Und dann war da nur noch das Nichts.

Der Duft von Kaffee erfüllte die Luft, gemischt mit den Überbleibseln von Alkohol und Zigaretten, die bereits dem neuen Morgen wichen. Kiara streckte sich in dem riesigen Bett. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Helligkeit im Raum. Ein Raum, der ihr vollkommen fremd war. Sie schreckte auf. Wo war sie nur?
„Guten Morgen“, begrüßte Julian sie, der mit einem Tablett in der Tür stand.
„Du bist gestern einfach umgekippt“, beantwortete der Schönling ihren fragenden Blick. Im hellen Licht der Morgensonne strahlten seine blonden Haare. Er trug eine lässige Jeans und ein Muscle-Top, das seine Oberarme besonders zur Geltung brachte. Kiara grinste breit, ein Danke auf den Lippen. Sie blickte an ihrem Körper hinab und entdeckte das schwarze Kleid. Offenbar hatte sie darin geschlafen.
„Hier trink, geht es dir schon besser?“ Julian setzte sich auf die Bettkante und reichte ihr den Kaffee. Das Tablett stellte er auf dem Nachttisch ab. Ein Croissant lächelte Kiara an, es wollte verspeist werden. Sie hatte einen Hunger wie seit Jahren nicht. Ihre Modelfigur möge ihr diese Sünde vergeben.
„Ja, nur mein Schädel brummt. Es fühlt sich an wie ein Kater, aber ich habe gar nichts getrunken.“
Sie griff nach dem Leckerbissen und nahm einen großen Happen. Das Gebäck zerging ihr geradezu auf der Zunge. 
„Das hat Maggie, unsere Köchin frisch gebacken“, fügte Julian hinzu. 
Maggie war sicher keine Köchin, sondern eine Göttin. Kiara dankte dem Himmel für diese Frau und ihre Backkünste.
„Du, sag mal…“, meinte Julian schließlich und sie unterbrach den Genuss dieses wundervollen Croissants. Erwartungsvoll starrte sie ihn an.
„Hättest du vielleicht Lust, mit mir auszugehen?“, fragte er. Kiara strahlte heller als Sonne und Mond gemeinsam und fiel ihm um den Hals. Die Krümel des Frühstücks fielen von ihren Wangen, doch diesen Fauxpas konnte sie sich nun erlauben. Das Ziel war erreicht, er gehörte ihr.
„Liebend gern!“, jubelte sie. 
Julian lieh ihr nach dem Essen ein paar Jogging-Klamotten für den Heimweg und begleitete sie dann nach Hause. Kiara unterdessen schmiedete Pläne für das perfekte Date.

Die Schulglocke läutete, Kiara stolzierte wie gewohnt den Gang zur Mensa entlang. Die Schüler traten rasch beiseite und grüßten die Spitze der Elite entsprechend respektvoll, sobald diese an ihnen vorüber schritt. Kiara genoss diese Huldigung, anders wollte sie es nicht nennen. 
„Hey Celine“, sprach sie an der Essensausgabe gedehnt. Die Streberin zuckte mal wieder sichtlich zusammen unter diesen Worten. „Du hast doch sicher nicht so einen großen Hunger, wie ich? Lässt du mich vor?“
Schüchtern trat die graue Maus beiseite, machte der Queen Platz. Kiara nickte gespielt freundlich zurück mit einem grausamen Grinsen auf den Lippen. Auch jeder andere wich ihr aus, sodass sie prompt am Anfang der Schlange neben Julian zu Stehen kam.
„Guten Morgen, Hübsche“, schmunzelte dieser. Er zwinkerte ihr wissend zu, was sie sogleich erwiderte. Das war das erste Mal, dass er sie so nannte. Ihre Wangen färbten sich rosig bei diesem Spitznamen. Hinter ihnen erklang leises Getuschel. 
„Bleibt es beim Treffen? Heute nach der Schule?“, fragte Kiara.
„Natürlich, ich freue mich drauf.“
Er lud sich das Tablett voll mit allerlei Essen. Die Blicke der Mädchen folgten ihm durch den Saal, doch Kiara erhob ab sofort Anspruch auf diesen Traumtypen. Sollten sie nur schauen, sie brauchte nicht in Eifersucht zu schwelgen.
Jemand stieß gegen sie, das Tablett plumpste ihr aus den Händen. Gleichzeitig spürte sie eine heiße Flüssigkeit an ihrem Spitzenshirt und der teuren Lederhose herab laufen. Ein niederes Subjekt – anders konnte sie diesen Vollidioten nicht nennen – war über seine eigenen Beine gestolpert und hatte seine Suppe auf ihr verteilt. Wutentbrannt starrte sie diesen Jungen an, hatte bereits wüste Beschimpfungen auf der Zunge.
„Tut mir Leid, Kiara. Tut mir so schrecklich leid!“, schluchzte er. Angstvoll zog er das nun leere Tablett zum Schutz vor sein Gesicht und lugte seitlich an diesem vorbei, in Erwartung des Racheschlages. Kiara öffnete den Mund, bereit zum Angriff.
„Ist alles halb so wild“, beschwichtigte sie ihn. „Ich hab noch genug andere Designerstücke im Schrank. Ich wiche das gleich ab und alles ist gut. Kann passieren.“
Verwirrt starrte der Übeltäter sie an, senkte das Tablett. Ein Raunen ging durch die Schlange. Die Schülerschaft in der Mensa beobachtete interessiert das Geschehen. Kiara sah sich mindestens ebenso erstaunt um wie ihre Mitschüler. Die auf sie gehefteten Blicke ließen nicht ab. Kiara glaubte nicht, was sie soeben gesagt hatte. Es war ihre Stimme. Es waren nicht ihre Gedanken. Sie wollte ihn zunichtemachen, ihn in den Erdboden stampfen. Und alles, was dann folgte, war ein „Kann passieren“? Verwirrt trat sie den Rückzug an, fort von all den aufmerksamen Augen. Sie fand Julian, der sie verständnislos musterte. Die Überraschung malte eine tiefe Unsicherheit in seine Züge. Was war aus seiner Kiara geworden, würde er sicher nun denken. Eilig verließ die Schulqueen die Mensa und verbarrikadierte sich auf der Mädchentoilette. 
„Was zum Teufel war das?“, fragte sie sich. Wie von Sinnen spritzte sie eisiges Wasser in ihr Gesicht. Ein Blick in den Spiegel offenbarte eine zerstreute Persönlichkeit. Nicht einmal eine weitere Schicht Make-Up konnte die perfekte Fassade nun noch aufrechterhalten.
Plötzlich grinste ihr Spiegelbild ihr entgegen.
„Geschieht dir recht“, sagte ihr Gesicht stolz und verschränkte die Arme vor der Brust. Kiara stolperte einige Schritte rückwärts bis sie an der Tür einer Kabine anschlug.
„Was… Wie?“, stotterte sie aufgeregt. 
„Keine Panik. Ich bin ein guter Geist“, versprach ihr Abbild. Unsicher schlich Kiara wieder näher heran.
„Träume ich?“, wollte sie wissen, doch die Person im Spiegel schüttelte den Kopf.
„Nein, meine Liebe. Ich war in dem Medaillon, das du geöffnet hast. Nenn es einen Fluch, ich wurde dort eingesperrt. Mein Name ist Moira. Du teilst dir deinen Körper nun mit mir, gewöhn‘ dich besser dran.“
Kiara versuchte die Sätze zu verstehen, die dieses Wesen, die SIE dort sprach. Doch es fügte sich nicht in zusammen zu irgendeiner Form von Sinnhaftigkeit.
„Was willst du?“
Kiara’s Ebenbild lächelte. „Wir sind ab sofort ein Team. Wir retten die Schule vor der Unterdrückung!“, verkündete Moira in einer ausschweifenden Geste. „Oder besser gesagt, wir retten sie vor dir. Kiara, ernsthaft, du hast ein großes Problem mit deiner Diven-Art.“
Entsetzt sprang Kiara auf und stürmte zum Waschbecken.
„Was soll das heißen!“, rief sie.
„Das bedeutet: Jedes Mal, wenn du böse bist, werde ich das Ruder an mich reißen. Ich kann deinen Körper kontrollieren, Liebes. Du sollst lernen, dass es mehr gibt, als Status.“
„Aber…“, setzte Kira an doch das falsche Spiegelbild verschwand und ihr wahres Abbild trat an dessen Stelle. Moira hatte sich in den Körper der Schulkönigin zurückgezogen. Tief in ihrem Inneren aber fühlte Kiara noch das Lachen des Geistes. Sie fürchtete, dass dies wirklich kein Traum war.

Die folgenden Tage verfolgte Kiara ständig dieses Murmeln durch die Schule. Die Menschen räumten vor ihr noch immer respektvoll den Weg, doch nicht so wie früher. Sie schienen ängstlich, unsicher, sie lästerten. Kiara fand Julian, der das letzte Date spontan abgesagt hatte.
„Julian, warte!“, rief sie und eilte ihm nach.
Er ignorierte ihre Aufforderung und ging stetig weiter.
„Was ist los, warum hast du abgesagt?“
„Kiara“, begann er, blieb stehen und strich mit einer Hand durch sein Haar. „Es ist doch so. Du bist zu einer Helferin der Streber mutiert. Du bist komisch.“
Kiaras Ausdruck verzog sich zu einer Maske der Enttäuschung. 
„Aber… Du und ich. Wir passen einfach zusammen. Julian, das musst du doch erkennen!“
Julian ließ sie einfach stehen, mied den jämmerlichen Anblick seiner beinahe Freundin.
„Versteh doch. Das passt nicht mehr. Du bist nicht die, die ich wollte. Nicht mehr. Und ich steh nicht auf Schwächlinge. Du gehörst nicht mehr zu Elite.“
Es war, als würde die Zeit stillstehen. Ebenso wie die Schüler. Jeder auf dem Gang lauschte den Worten von Julian. Und somit waren sie in Stein gemeißelt. Moira hatte es geschafft. Sie hatte Kiara alles genommen. Kiara, die Helferin der Schwachen. Die Retterin der Unterdrückten. Die Unterdrückte. Ohne Freunde, ohne Status. In den letzten Tagen hatte sie zwei Strebern beim Aufsammeln ihrer Schulbücher geholfen, wobei die Übeltäterin Susanne nur staunend zuschaute. Kiara ergriff Partei für die Schwachen, sprach für sie, wann immer Mobbing laut wurde. Sie weigerte sich, wehrte sich, konnte sich doch Moiras Einfluss nicht entziehen. Und der Geist lachte, wann immer sie verzweifelt versuchte, etwas auszurichten.
Kiara floh vor dem Starren, das sie niederzustrecken schien. Sie verbarg die Tränen, setzte eine Miene der Unantastbarkeit auf, die jedoch sichtbar bröckelte. In einer nicht einsehbaren Ecke des Schulhofes fand sie Schutz. Kiara sank auf den schmutzigen Kies und begann zu weinen.

Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Als wären Stunden ins Land gezogen, während Kiara hinter dem Schulgebäude weinte. 
„Hier, nimm einen Schluck Tee, der wärmt“, bat jemand an. Kiara erhob das verheulte Gesicht. Marlon stand vor ihr, einen dampfenden Becher in der Hand. Er trug diese für Streber klischeehafte Hornbrille. Seine schwarz-braunen Haare hingen in kurzen Strähnen über seine Ohren. Nicht ganz kurz, aber auch nicht lang. Unter seinem karierten Hemd trug er einen blassblauen Pullover. Damit wirkte er schon fast annähernd cool.
Marlon lächelte und hielt ihr den heißen To Go Becher hin. Als sie die Arme danach ausstreckte, setzte er sich zu ihr, kam ihr entgegen.
„Danke“, flüsterte sie, nahm den Becher, wusch dann noch schnell mit der freien Hand über die roten Augen.
„Gern geschehen“, meinte er. Er verschränkte seine Hände ineinander und spielte an seinen Fingern herum. Kiara merkte ihm an, dass er nach einem Gesprächsthema suchte.
„Warum tust du das?“, fragte sie schließlich, um die Stille zu brechen.
Marlon schien erleichtert. „Du bist plötzlich anders“, sagte er. „Du bist nett. Ich dachte nur…“
„Du wolltest dir das Übel nur mal aus der Nähe anschauen? Vielen Dank auch“, kicherte sie in Anbetracht der Ironie dieser Situation. Marlon lachte los. Es fühlte sich schon beinahe wie eine kranke Version der Normalität an. Sie redete mit einem Streber, einem Schwächling. Ein hohes Vergehen in der Elite. Innerlich korrigierte sie ihre Gedanken. Sie war kein Teil der Elite mehr. Sie spürte, wie Moira sich regte. Der Geist in ihrem Körper schien betroffen. Sie hatte die Ausmaße nicht absehen können. Traurig senkte Kiara den Kopf und stellte den Tee Becher auf den Boden.
„Ich hab’s vergeigt“, jammerte sie, erneut den Tränen nahe.
„Nein, du hast gar nichts vergeigt. Diese Pfeifen waren eh nie richtige Freunde. Du warst halt zu lange bei denen, um das zu merken. Die sind doch nur Nachläufer, die sich selbst besser fühlen wollen. Die kennen auch nur den Status als Lebensinhalt“, sinnierte Marlon und tätschelte ihr gleichzeitig den Rücken. Seine Hand war warm und angenehm auf ihrem verspannten Körper. Der Stress wich ein wenig von ihr.
„Meinst du?“ Kiara hob den Blick, um ihm in die Augen zu sehen. Eine Träne kullerte über ihre Wange, die Marlon geschickt mit dem Finger auffing.
„Ganz sicher“, antwortete er grinsend. „Komm mit. Ich zeige dir mal echte Freunde.“
„Gehen wir in den Zoo?“, alberte Kiara und Marlon lachte tatsächlich.
„Nein, auf Safari. Diese echten Freunde findet man auch in freier Wildbahn.“
Kiara nahm die Hand an, die Marlon ihr reichte, und zog sich daran herauf. Sie ließ nicht los, als er sie quer über den Schulhof zu seiner Clique zog.
„Hey!“, begrüßte er seine Freunde, die die gestürzte Königin skeptisch musterten. Jeder von ihnen war mindestens einmal von ihr gemobbt worden. Es schmerzte sie, was sie ihnen angetan hatte. Erst jetzt, wo sie dieses Leid am eigenen Leib erfuhr, war sie fähig, Mitleid zu fühlen.
„Hallo“, murmelte sie scheu. Sie ließ Marlons Hand hastig los, blieb ein paar Schritte zurück.
„Hey, schaut mal, die Streber haben Zuwachs!“, schallte Susannes Stimme zu ihnen. Sie stakste auf viel zu hohen Pumps zu ihnen herüber, ihr Hinterteil wackelte obszön bei jedem Schritt. Kiara warf der früheren Freundin einen vernichtenden Blick zu, den sie jedoch auf der Stelle zurück nahm. Julian ging an ihrer Seite. Hand in Hand schlossen sie zu der kleinen Gruppe auf. Kiara wurde übel bei dem Anblick. Wut regte sich in ihrem Magen. Moira erwachte. „Ich bin bei dir“, versprach sie. Ein Gefühl von Geborgenheit umschloss Kiaras Bewusstsein.
„Nehmt ihr dieses Stück Scheiße wirklich bei euch auf? Ihr seid ja richtig armselig“, führte Susanne die Rede fort. Der Klumpen Wut in Kiaras Bauch wuchs weiter. In ihren Fingern prickelte der Wunsch nach Rache. Moira hielt sie zur Ruhe an.
„Das ist noch nicht entschieden“, verteidigte ein Streber die Gruppe. Die Furcht in seinen Augen und denen seiner Kameraden war groß. Sie wussten, was ihnen nun blühte. Handys, Geld, Essen, sie würden es verlieren. Kiaras Geduldsfaden riss. Ein seltsames Kribbeln fuhr durch ihre Gliedmaßen, heiße Lava schien das Blut in ihren Adern zu ersetzen. Sie spürte Macht in sich. Sie spürte Moiras Lächeln, so als hätte diese das Geheimnis dieser unbekannten Energie lange gehütet. „Du bist nun bereit zu erfahren, zu was wir gemeinsam fähig sind“, sprach die Stimme des Geistes in Kiaras Gedanken. Diese nickte, während sich die Welt um sie herum in Zeitlupe bewegte. Kiara ließ los, fiel in einen bodenlosen Abgrund in ihrem Inneren und verschmolz auf eine Weise mit dem Geist, der sie besetzte, die sie nie erahnt hätte. Kraft pulsierte in ihren Händen.
„Senke die Arme unauffällig zu den Seiten deines Körper“, wies Moira sie dann an. „Hebe nur die Finger und stell dir vor, wie Susanne und Julian fallen. Stell es dir vor und mache es zur Wirklichkeit.“
Kiara nickte stumm, legte die Arme zur Seite an ihren Körper. Mit dem rechten Zeigefinger deutete sie auf die neue Königin und ihren König. Sie stellt sich einen Strick um ihre Füße vor und zog daran. Erst zaghaft, dann kräftig. Plötzlich beschleunigte sich die Welt um sie herum wieder, die Zeitlupe stoppte, die Realität lief ihren gewohnten Gang. Kiara sah erstaunt zu, wie Julian und Susanne mit schockiertem Blick zu Boden sanken. Ihre Körper schlugen auf, die Streber warfen sich irritierte Blicke zu.
„Wer war das?“, fluchte Julian und hob sich und Susanne zurück auf die Beine. Kiara grinste. Sie fand auf makabre Art und Weise Gefallen daran, mit dieser Magie zu spielen.
„Telekinese“, korrigierte Moira die Gedanken. Doch es war Kiara gleich, denn noch ehe die Feinde sich aufrappeln und auf die Gruppe zugehen konnten, trat sie hervor und versperrte den Weg.
„Hierher und nicht weiter“, sagte sie mit starker Stimme. Sie setzte den üblichen „Ich stehe über euch“-Blick auf. 
„Was willst du Würstchen alleine ausrichten?“, lachte Susanne. Wie aufs Stichwort sackte sie noch einmal in sich zusammen, als hätte man ihr den Rasen unter den Füßen hinweg gezogen. Julian betrachtete das Schauspiel erschrocken. Er versuchte sich einen Reim darauf zu machen.
„Verschwindet“, sprach Kiara mit Nachdruck. „Lasst die Schüler in Ruhe. Ihr habt nicht das Recht, euch über sie zu erheben. Das hatten wir alle nie.“
„Das hat noch ein Nachspiel“, verhieß Susanne. Sie schnappte sich den starren Julian, der nur noch als Randfigur am Feld stand, und trat den Rückzug an.
Eine Hand legte sich auf Kiaras Schulter.
„Wahnsinn. Du hast sie nur mit deinen Worten verjagt. Und sie sind umgefallen, warum auch immer. Und du warst einfach spitze“, plapperte Marlon begeistert. Seine Freunde fielen mit ein in das Gerede. Kiara wurde rot.
„Komm. Wird Zeit, dass du aufgenommen wirst.“ Marlon nahm ihre Hand, die von seiner Berührung nun wieder ganz warm wurde. Ein einzelner Schmetterling schlug in Kiara seine Flügel auf. 

„Bist du soweit?“, fragte Marlon, der geduldig an der Haustür wartete. Kiara hatte sich in Schale geschmissen. Sie trug einen knielangen Skaterrock in glänzendem Dunkelrot und eine weiße Bluse. Die Haare ließ sie offen, schüttelte die Wellenpracht noch einmal aus.
„Ich komme!“, rief sie. 
Marlon hatte sie ins Kino eingeladen. Sie freute sich wie ein Honigkuchenpferd. Es war ihr fremd, so zu fühlen. Seit dem Vorfall mit Susanne und Julian war sie unter wahren Freunden angekommen. Sie hatte die Streber stets über einen Klischekamm geschert, hatte sie mit Missachtung gestraft. Reichtum und Macht zählten. Dass ein Geist sie einmal eines Besseren belehren würde, hatte sie nie erwartet. Sie war zur Superheldin wider Willen geworden. Seit einer Woche rettete sie nun mit ihren neuen, telekinetischen Kräften gemeinsam mit Moira die Armen und Schwachen an der Schule. Niemand ahnte, wer die Wunder vollbrachte. Es ging das Gerücht um, dass es spukte. Die Elite hielt sich seither zurück. Und ja, in gewisser Weise spukte es ja tatsächlich.
Kiara legte noch ein wenig Lippenstift auf und betrachtete ihr Werk. Sie sah zum Anbeißen aus. Schnell griff sie die Handtasche und rannte die Treppe herunter zu ihrem wartenden Date. Noch eine Sache, die sie nie erwartet hatte. Marlon war ein wahrer Gentleman. Und es schien, als würde er noch weit mehr werden. Ihr Herz schlug höher, als sie ihn in schwarzer Jeans und grauem T-Shirt sah. Er sah so gnadenlos normal aus, dass sie lachen musste.
„Was ist?“, fragte er verwirrt, während seine Augen an ihrem Outfit hefteten. Dieses Mal fand sie nichts Abstoßendes an diesem Blick.
„Nichts, wir passen optisch perfekt zusammen“, meinte sie, hakte sich bei ihm ein und schloss die Tür. Wie ein Chauffeur geleitete er sie zum Auto, öffnete die Beifahrertür für seine Herzdame und glitt dann auf den Fahrersitz.
„Nächste Station, Kino!“, eröffnete er. Der Motor jaulte auf.

„Das ist eine Schnulze“, spottete Kiara und stopfte eine Hand voll Popcorn in den Mund.
„Das ist ein Zombiefilm, was ist da dran Schnulze?“, entgegnete Marlon, der seinerseits in die fast leere Tüte griff. Sie hatten einstimmig einen Horrorfilm ausgesucht, kaum dass sie das Plakat im Kino erblickten. Kiara lehnte sich an Marlons Schulter und genoss das Massaker. Gleichzeitig nutzte sie die Gelegenheit, ihn aufzuziehen.
„Da guck mal! Die beiden Zombies gucken sich ganz verliebt an! Schnulze!“, sagte sie weiter und Marlon lachte. Die Zuschauer um sie herum mahnten die Störenfriede zur Ruhe. Kichernd verstummte das Paar schließlich und folgte weiter dem Film.
Kiara fühlte, wie Moira in ihr unruhig wurde.
„Was ist los?“, horchte sie in sich hinein.
„Da ist etwas. Ich spüre Kälte. Dunkelheit. Das ist nicht gut Kiara.“
Unsicher ließ Kiara den Blick durch den Saal schweifen. Es wirkte alles normal. Marlon kaute unbeeindruckt auf dem Popcorn herum. Andere Kinobesucher taten es ihm gleich.
„Ich sehe nichts“, dachte Kiara. Dann schlug die erste Person auf dem Boden auf. Marlon hob den Kopf, starrte mit Kiara die Menschen an, die Reihum von ihren Sitzen fielen. 
„Gehört das zum Filmevent?“, fragte er. Sein schiefes Grinsen zeugte von der Angst, die ihn erfüllte. Wie Dominosteine sackte einer nach dem anderen hernieder. Kiara versuchte zu erfassen, was geschah. 
„Kiara!“, schrie Marlon, der von einer unsichtbaren Macht fortgerissen wurde. Wie gefesselt stand sie alleine da, inmitten des riesigen Raumes, der auf einmal so klein erschien. 
„Oh Gott, was passiert hier?“, kreischte sie, versuchte sich aus der Fesselung um ihren Körper zu befreien. Doch ihr Körper gehorchte nicht mehr, sie konnte Marlon, der nun wie gelähmt an der Wand hing, nicht erreichen.
„Wie fühlt es sich an“, streichelte eine zarte Stimme Kiaras Ohren. „Wenn man das liebste verliert?“
Kiara wandte sich um und fand Celine vor der Leinwand. Einen Arm erhoben deutete sie auf Marlon. Sie hielt ihn fest. Moira keuchte auf: „Ein Dämon.“
„Ein Dämon?“, fragte Kiara laut, suchte nach der Macht, die sie mit Moira teilte.
„Ja. Ich glaube, dieses Wesen habt ihr versehentlich bei euren Spielchen auf dem Dachboden gerufen. Ich habe ihn nicht bemerkt. Aber er hat wohl die Kleine dort ergriffen.“
Kiara versuchte zu leugnen, was Moira ihr nun offenbarte. Sie suchte in Celines Erscheinung nach einem Argument, das gegen die dämonische Besessenheit des Mädchens sprach. Irgendein Kontra, irgendetwas. Doch die rotglühenden Augen erzählten eine andere Geschichte. Celines Gesicht war zu einer wutverzerrten Grimasse verzogen. Ihre Augen hatten jegliche menschliche Farbe verloren. Um ihre Silhouette waberte eine unheimliche Gestalt. Das musste die Macht des Dämons sein.
„Was tust du?“, rief Kiara der Besessenen zu. „Lass ihn los. Und mich auch. Celine bitte, wir können über alles reden.“
Celine lachte bitter. Der Klang hallte durch den Kinosaal. Kiara hielt sich die Ohren zu, so laut und schrill fühlte sie den Ton in ihrem Gehörgang. 
„Das hätte dir auch früher einfallen können. Du hast mein Leben Tag für Tag ruiniert. Ich war so stolz zu sehen, als du endlich gefallen bist von deinem erbärmlichen Thron. Und dann, dann hast du mir meinen Freund weggenommen. Du hast mir Marlon gestohlen!“
Kiara erschrak bei diesen Worten. Sie starrte Marlon an, der bei vollem Bewusstsein den Kampf der beiden Schülerinnen ungläubig verfolgte. 
„Ich sollte mit ihm zusammen sein, nicht du!“
„Celine, das da bist nicht du. Befrei dich von dem Dämon!“ Doch Kiaras Rufe zeigten keine Wirkung. Celine hob die andere Hand und zog Kiara herunter vor die Leinwand. Sie standen sich Auge in Auge gegenüber. Celine lähmte Kiara mit der Kraft des Dämons. 
„Keine Sorge“, flüsterte Moira. „Ich bin immer noch bei dir.“
„Ich weiß“, erwiderte Kiara und Celine stutzte. Der Dämon schnaubte, als er die Anwesenheit des Geistes bemerkte. Angestrengt versuchte Kiara, der Lähmung zu entkommen. Sie hob zitternd einen Arm und griff nach Celines Schulter.
„Befrei dich“, sagte sie dann, einen friedlichen Ausdruck im Gesicht. „Ich bin bei dir. Es tut mir leid. Ich wusste nicht, was du für ihn empfindest. Ich mag ihn auch“, setzte Kiara fort. Sie warf einen besorgten Blick auf Marlon. Er lächelte ihr zu, forderte sie mit einem Nicken auf, fortzufahren. „Sogar sehr. Bitte, verzeih mir.“
Ein weiteres bitteres Lachen erfüllte das Kino. Celine drückte Kiara mit aller telekinetischen Kraft des Dämons auf den Boden. Mit einem Schrei sackte das Mädchen in sich zusammen. 
„Wir schaffen das!“, krächzte Moira, bemüht, dem Dämon nicht zu erliegen, der sie stetig mit seiner Energie bombardierte. 
„Weißt du noch, als wir uns das erste Mal im Spiegel betrachteten?“, fragte Kiara ihren Geist. Sie schwelgte in Erinnerungen, aus Angst, dass sie nicht mehr lange Zeit haben würde, daran zu denken. Moira lachte.
„Ja, du warst so dumm und naiv. Bist du das denn noch immer?“
„Nein“, trotzte Kiara. Mit aller Macht stemmte sie die Hände in den Boden. Mit einem lauten Schrei erhob sie sich unter dem brennenden Blick des Monsters vor ihr. Denn es war nicht Celine, es war allein der Dämon, der diese Spielchen spielte.
„Geh zurück in dein Loch, Dämon!“, befahl Kiara. Moira umhüllte ihren Schützling mit der eigenen Aura. Nun schmückte auch Kiaras Körper eine Silhouette von Energie, jedoch nicht so düster wie jene um Celine. Kiara streckte eine Hand nach der Besessenen aus, berührte ihre Wange. „Komm zurück zu uns“, bat sie mit sanfter Stimme.
In Gedanken visualisierte Kiara, wie sie mit Moira in diesem Kino stand. Hand in Hand kämpften sie gegen die dämonischen Mächte. Jede von ihnen legte Celine eine freie Hand an die Wange. Gemeinsam sandten sie ihr helles Licht gegen das dunkle des Dämons. Celine krümmte sich vor Schmerz, doch der Geist und Kiara hielten das Mädchen aufrecht. Das Lachen des Dämons verschwand und wich einem schrecklichen Gebrüll. Als Celine schließlich fiel, als die Lichter des Kinosaals aufloderten, als Marlon von der Wand sank, war alles vorbei. Erleichterung und Stolz erfüllten Kiara. Dann sah sie neben sich und schaute in die Augen einer jungen Frau. Verwirrt Musterte sie die Fremde, deren Haut zu leuchten schien. Die Frau nickte anerkennend. Es war der Geist. Moiras Haare wogten wie die Wellen der See um ihr blasses Gesicht. Kiara roch den Duft von Ozean und schmeckte Salz. 
„So siehst du also aus“, sagte sie. „Wirst du mich nun verlassen?“
Moira schüttelte lächelnd den Kopf. „Nicht doch, Liebes. Wir sind doch ein spitzen Team.“
Mit diesen Worten umarmte der Geist das Mädchen und entschwand zurück in dessen Körper. Es fühlte sich so richtig an, ihre Wärme zu spüren, mit ihr diesen menschlichen Körper zu teilen. Marlon rannte zur Leinwand, kniete zunächst nieder und prüfte Celines Puls.
„Ihr geht es gut“, seufzte er. „Was ist mit dir? Was war das? Was ist gerade passiert?“
Kiara legte ihm einen Finger auf den Mund. 
„Lass mich dir später alles erklären, ja?“
Unzufrieden senkte er den Kopf. Kiara warf sich um seinen Hals und drückte ihm einen überschwänglichen Kuss auf die Lippen.
„Wofür war der denn?“, lachte Marlon anschließend, sichtbar zufriedener.
„Das erzähle ich dir auch später. Lass uns einen Krankenwagen für Celine rufen. Und wenn sie wach wird, werden wir bei ihr sein. Sie kann gute Freunde jetzt gebrauchen.“
„Was sie gesagt hat…“, begann Marlon, doch wieder unterbrach Kiara ihn.
„Lass gut sein, Marlon. Ich werde mit ihr reden. Ich muss einiges wieder gut machen.“
Marlon nickte in stummer Zustimmung und wählte eilig die 112 auf seinem Handy. 

Im Krankenhaus wachte Kiara viele Stunden über die schlafende Celine. Marlon brachte ihr gelegentlich eine Tasse Kaffee oder Tee. Doch eine Hand der früheren Schulqueen ruhte immer auf der Hand von Celine. Sie würde nie alles wiedergutmachen können. Sie würde ihr nie ihre Liebe zurückgeben können. Doch wenn es das Schicksal wollte, vielleicht könnten sie Freundinnen werden. 
Die Lider der Schlafenden flatterten. Celine schlug die Augen auf.
„Wo bin ich?“, fragte sie.
„Im Krankenhaus“, erwiderte Kiara. „Du hast sicher viel auf dem Herzen. Lass mich dir erzählen, was passiert ist.“

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