Donnerstag, 27. April 2017

Die Schöpfer der Geheimnisse - Teil 1: Dem Feuer ergeben

„Komm schon, das wird lustig!“
Aufgeregt wedelte Jonas vor Felicia mit den Armen herum. Sie seufzte. Ihr bester Freund hatte einen seltsamen Sinn für Humor. Dass er diesen Vorschlag wagte, war ihr ein Rätsel. Sie selbst hieß es nicht gut, schließlich ginge dieses Vorhaben auch auf ihre Kappe. Und den Ärger wollte sie sich lieber ersparen.
„Ich weiß nicht“, erwiderte Fee und stellte eines der vielen Bücher aus ihren Armen hinein in den Spind. Sie dachte darüber nach, ob sie das blaue oder das rote Notizbuch mitnehmen sollte. Im Unterricht kritzelte sie lieber in ihren kleinen Schätzen, als dem Stoff zu lauschen. Vor allem die kommende Geschichtsstunde jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Mr. Miller war gefühlte hundert Jahre alt, sprach furchtbar langsam und dehnte jedes Wort noch einmal um ein Vielfaches. Er war die personifizierte Nudelmaschine, nur dass er Sätze statt Teig durch seine Gewinde drehte, sie endlos in die Länge zog und das wieder und wieder. Fee schüttelte sich bei der Vorstellung, griff nach dem roten Notizbuch, kramte dazu noch die Geschichtsunterlagen heraus und packte beides in ihre Schultasche.
„Komm schon, bitte!“, flehte Jonas. Er faltete die Hände wie zum Gebet und kniete nieder, als wollte er ihr einen Heiratsantrag machen. Peinlich berührt ließ Fee den Blick umher schweifen. Wenn das einer ihrer Mitschüler sah. 

„Nein“, brummte sie, knallte den Spind zu und zog hastig an seinen Schultern. Konnte er dieses Getue nicht einfach sein lassen? Dieser Aufstand würde die zwei noch weit mehr Aufmerksamkeit als unbedingt nötig einbringen und dazu noch die Gerüchteküche anheizen. Felicia stand lieber nicht im Mittelpunkt der zukünftigen Gespräche auf dem Schulflur. Grummelnd erhob Jonas sich wieder. Seine Lippen waren zu einem Schmollmund verzogen, wie Fee ihn sonst nur von empörten Mädchen kannte. Die Brille auf der Nase ihres besten Freundes rutschte mit dem nächsten Zucken seines Mundes einige Millimeter herunter, sodass sie schief in seinem Gesicht saß. Gleichzeitig glänzten seine Augen, als würde er im nächsten Moment in Tränen ausbrechen. Unwillkürlich musste sie grinsen. Dieser Anblick war nun wirklich zu viel des Guten.
„Ha, du hast gelächelt!“, jubelte ihr Freund, der die Miene wohl absichtlich aufgesetzt hatte, um Felicia zu erweichen. Sie seufzte. Jonas kannte sie schlichtweg zu gut. 
„Das heißt, du denkst darüber nach!?“ Erwartungsvoll lehnte er sich zu ihr herüber. Fee legte ihm eine Hand auf die Schulter und begann zu lachen. 
„Nein, du siehst einfach nur albern aus.“
Beleidigt verschränkte Jonas die Arme vor der Brust.
„Diese Party wird absolut gigantisch. Du bist dir doch sicher im Klaren darüber, was Lara da veranstaltet? Ihre Eltern sind außer Haus, die Familie ist stinkreich und die Bude ist eine verdammte Villa! Wir werden gar nicht auffallen.“
Fee verdrehte die Augen. Jonas bettelte bereits den ganzen Morgen, dass sie beide zu dieser Feier gingen. Am Wochenende schmiss Lara die sogenannte 'Party des Jahrhunderts' und lud alle ein, die ihr gut genug erschienen. Sie war das beliebteste Mädchen an der Schule und ihre Aura strahlte zu allem Übel auch noch etwas Besonderes aus, das Fee selbst nicht definieren konnte. Es lag einfach etwas in den Augen dieses Mädchens, das alle Menschen augenblicklich verzauberte. Warum waren immer die Bösen mit den tollsten Gaben gesegnet? Lara verdiente es nicht, sie war eine Hexe.
„Wir werden nicht auffallen?“, griff Felicia Jonas‘ Worte auf und wandte sich ab. „Wir sind zwar in der Schule die Unsichtbaren, die Schüler, für die niemand Interesse zeigt, weil sie einfach zu durchschnittlich sind. Aber glaubst du nicht, dass wir unter der Elite dieser Lehranstalt plötzlich doch herausstechen? Ich bin mir nicht sicher, ob wir das riskieren sollten. Du kennst Lara, die kann ganz schön biestig sein.“
Jonas zuckte mit den Schultern. Er versenkte die Hände in den Hosentaschen und überlegte einige Sekunden. Felicia lachte innerlich, sie hatte triumphiert. Ihre Argumente waren eben besser als seine. Keine Chance, dass die zwei damit durchkamen, sich auf diese Party zu mogeln. Die Schulqueen roch Verrat doch zehn Meter gegen den Wind. Als hätte sie die Schülerschaft etikettiert mit Sprüchen wie ‚Unter meiner Würde‘ und ‚Willkommen im Club Lara‘. Hoffentlich würde er nun nicht weiter nörgeln.
„Falsch“, entgegnete er dann zu ihrer Überraschung. „Du und ich wir gehen feiern. Lass uns doch einmal etwas tun, das eben nicht durchschnittlich ist. Ist doch egal, was die sagt.“
„Was denn, du bist die Unsichtbarkeit leid?“ Fee lachte nun laut, rückte die Tasche über ihrer Schulter zurecht und nickte ihm auffordernd zu. Es war an der Zeit, zur langweiligsten Stunde des Tages aufzubrechen. 
„Ja, bin ich. Willst du ewig hier versauern, oder auch mal was erleben?“ Jonas‘ trotziger Blick wehrte jede Form der Einsicht ab. Fee setzte zu einem erneuten Seufzen an, schüttelte den Kopf und drehte sich in Richtung des Weges, den sie zum Unterrichtsraum gehen wollte. Das Gequängel ihres Freundes würde sie wohl weiterhin ertragen müssen. Es war sicher das Beste, ihn zu ignorieren. Wenn sie nicht mehr auf die fixen Ideen des Jungen reagierte, gab er schon irgendwann Ruhe. Jonas war nicht bekannt für sein Durchhaltevermögen bei Diskussionen. 
Felicias Schritte strebten eilig zum Klassenraum. Doch weit kam sie nicht, denn vor ihr erhob sich eine blonde Wand mit eiskaltem Blick. Der Boden schien plötzlich wie zugefroren. Prompt bremste Fee, ehe sie gegen diese Eismauer prallen konnte. Lara.
"Der Winter naht", murmelte Felicia in sich hinein, denn vor ihrem inneren Auge tauchte sinnbildlich die schwarze Festung aus Game of Thrones auf. Nur war Lara keines der Eismonster. Sie war schlimmer.
„Was habe ich da gehört?“, raunte die Schulqueen und klang dabei dennoch damenhaft und sehr, sehr hochnäsig. Der Zauberblick der Zicke traf Fee unvermittelt. Als sängen Laras Augen eine einlullende Melodie, die die Sinne vernebelte und um Aufmerksamkeit flehte. Nach einem tiefen Atemzug stählte Felicia ihren Körper und Geist gegen die Wirkung. Sie würde sich nicht von diesem Miststück aufs Kreuz legen lassen. Wie kam es, dass nur sie diesen Einfluss deutlich zu fühlen schien und alle anderen ohne Widerspruch vor diesem Mädchen knieten?
„Nichts hast du gehört. Wir gehen jetzt zu Geschichte beim Miller. Komm Jonas.“
Wie ein zahmer Hund trabte Jonas hinter seiner Freundin her. So kühn er auch war in seiner Entscheidung, Laras Party zu crashen, so kleinlaut gab er sich im Angesicht der Gastgeberin. Idiot.
Lara hob eine Hand an Felicias Schulter und stoppte diese. Ein bösartiges Grinsen breitete sich über die Züge des Mädchens. Fee überlegte einen Moment, ob Lara wohl einen Hang zur Folter hatte. 
„Nimm die Hand da weg“, fauchte Felicia. „Und dann lass uns gehen.“
Hinter Laras Stirn arbeiteten die Zahnrädchen sichtbar. Welches teuflische Gedankenwerk sich wohl in diesem Augenblick dort verbarg? Bestimmt nicht die angenehmsten Pläne, wenn Fee den Eisblick bedachte.
„Gerne“, sang Lara, nahm die Hand fort und trat zwei Schritte zurück. „Es steht euch natürlich frei, brav und folgsam zum Unterricht zu gehen. Das unterstütze ich. Was ich nicht unterstütze ist, wenn ihr auf meiner Party erscheint. Uneingeladen", Lara betonte das letzte Wort besonders. Fee verdrehte sofort die Augen, was ihr ein wütendes Schnauben der Gegnerin einbrachte. 
"Also wenn ihr bitte dorthin brav und folgsam NICHT kommen würdet, wäre ich äußerst dankbar.“
Jonas holte zu einer Antwort aus, doch Felicia hielt ihn augenblicklich mit einem warnenden Blick über ihre Schulter auf. Sie fühlte sich erhitzt und wütend. Nicht nur, dass dieses Weibsbild ihr Vorschriften machte, sie nahm auch noch Drohungen in den hübsch geschminkten Mund. Felicia schluckte die Emotionen herunter. Vor der Schülerschaft, die gespannt das Geschehen beobachtete, wollte sie keine Szene machen. Ihr lag nichts an Aufmerksamkeit. Dennoch brannte ein Feuer unter ihrer Haut, glühend und verzehrend. Wie flüssige Lava floss es durch die Blutbahnen und setzte jedes Molekül in Brand. 
„Und was willst du dagegen tun?“, flüsterte Felicia und klang dabei sogar in ihren eigenen Ohren bedrohlich.
Lara stutzte. „Wie bitte?“
„Was willst du dagegen tun, dass wir zu deiner Party kommen? Du hast die halbe Schule eingeladen, oder etwa nicht? Du wirst ziemlich Mühe haben, uns fernzuhalten. Wir können einfach hinein kommen und vielleicht bemerkst du uns tatsächlich nicht.“
Stolz lächelte Fee dem Miststück entgegen. Sie fühlte sich mächtig und überlegen. Und der Widerstand dieser Kuh regte Felicia doch dazu an, die Feier zu besuchen. Es war plötzlich sehr reizvoll, nicht zuletzt da Lara sich über die unerwünschten Gäste furchtbar ärgern würde.
„Ihr werdet es nicht wagen“, flüsterte Lara, so leise, dass nur Fee es hören konnte. Es fühlte sich an, als würden Blitze zwischen den Augen der Mädchen hin und her zucken. Wer würde den Wettstreit gewinnen? Wer wäre siegreich und wer der Verlierer?
„Das werden wir sehen.“
Felicia grinste beinahe so bösartig wie Lara. Es war ein Duell Feuer gegen Eis. Jonas lugte über Felicias Schulter vor, wechselte den Blick zwischen den Mädchen, die wie zwei Statuen dort standen und sich anstarrten.
„Ehm, Felicia?“, sagte er und im selben Moment klingelte die Glocke. Lara schaute auf und schnaubte.
„Wir werden uns NICHT sehen. Habe ich mich klar ausgedrückt“, fügte die Zicke hinzu, ehe sie verschwand. 
„Wir werden uns sehen“, murmelte Fee siegessicher.
Jonas tippte seiner Freundin auf die Schulter und weckte sie aus ihrer Starre. Fee schüttelte den Kopf einige Male. Was war eben in sie gefahren? Hatte sie wirklich mit Lara gestritten? 
„Wir müssen los“, erinnerte Jonas sie. „Und was sollte das jetzt? Ich dachte, du willst nicht auf die Party?“
Felicia ließ sich von Jonas über den Flur zum Unterrichtsraum ziehen.
„Nunja, wie das nun mal so ist. Eine Meinung kann man immer ändern“, erwiderte sie tonlos. Sie würden zu der Party gehen. Das Feuer in ihrem Körper brannte noch immer. Felicia konnte es aus tiefstem Inneren kaum erwarten, Lara erneut entgegen zu treten.

Die Musik wummerte in ihrem Kopf, ihr gesamter Körper schien zu vibrieren. Felicia schob sich durch die verschwitzten Schüler, die mit Bechern voll Alkohol im gesamten Haus verteilt standen und tranken und grölten und versuchten zu tanzen. Sie waren zu jung für diesen Fusel und Fee war keine Gesetzesbrecherin. Was wollte sie aber auch anderes erwarten von dieser sittenlosen Meute. Wann immer ein volltrunkener ihr einen Becher mit lauwarmem Bier reichte, wies sie ihn ab. Angewidert nahm sie die Gerüche war. Der Qualm, den die Raucher im Anwesen verbreiteten. Der übelriechende Atem der Betrunkenen und aus einem Mülleimer zu ihrer linken drang unweigerlich der Gestank von Erbrochenem. In einem Reflex hob Fee die Hand an den Mund und eilte davon. Der Würgereiz, der in ihr aufstieg, war ebenso unappetitlich, wie das Zeug im Mülleimer.
„Hey, geile Party, oder?“, lallte Jonas. Sie hatte ihn endlich gefunden! Eine Unmöglichkeit in diesem Getümmel. Seit gefühlten Stunden war sie auf der Suche nach ihrem Freund. Kaum, dass sie die Villa betreten hatten, war er auch schon verschwunden. Einige Jungs aus dem Football Team hatten ihn grinsend fort gezogen, soviel hatte sie erkannt. Und wo immer sie ihn hin verschleppt hatten, diese Typen waren kein guter Umgang. Felicia kannte sie. Niveaulose Idioten ohne Hirn. Jagten einem Ball nach und fanden es cool, sich anzurempeln oder sogar zu prügeln. Einer von ihnen hatte ein frisches, blaues Auge. Sicher hatten die Jungs vor der Feier bereits ordentlich einen gebechert. Und Jonas war nicht viel mehr als ein Zeitvertreib für die Footballer. Wie ein Pfosten, den man in den Rasen rammt und dann lachend um ihn tanzt. Bis es zu langweilig wird und ein neues Opfer zur allgemeinen Belustigung beitragen muss. Sie hatten Jonas absichtlich abgefüllt, um ihn bloßzustellen. Felicia dachte über eine entsprechende Rache nach. Ihr würde sicher etwas Passendes einfallen.
„Ja, supergeil“, erwiderte sie und rümpfte die Nase, als seine Worte den Geruch von Magensäure gemischt mit Schnaps zu ihr trugen. „Komm jetzt, wir gehen.“
„Schon? Aber sind doch gerade erst gekommen!“
Jonas‘ Worte waren kaum mehr zu verstehen. Bald würde Fee einen Dolmetscher finden müssen. Den es auf dieser Party nicht gab, es sprachen alle dieselbe Sprache.
„Du bist hacke dicht, mein Freund. Wir gehen.“
Jonas setzte sich zur Wehr. Recht erfolglos, Felicia konnte ihn einfach hinter sich herziehen. Er war nicht viel mehr als ein Körper aus Pudding, der unter Alkoholeinfluss vor sich hin wabbelte. Sie hoffte inständig, dass keine Streifenwagen sie auf dem Heimweg aufgreifen würden. 
Einer der Footballer ragte plötzlich vor ihr auf und sie musste den Kopf heben, um ihm in die Augen sehen zu können.
„Na Süße, bist ja noch nüchtern“, kicherte er. Seine Kumpane standen um ihn verteilt und hoben anzüglich die Augenbrauen. Fee verdrehte die Augen. „Wir gehen. Wir hatten unseren Spaß“, antwortete sie und wollte sich an dem massigen Kerl vorüber drängen. Ein anderer versperrte den Weg. Fee verkrampfte sich. Welches Spiel spielten diese Idioten mit ihr?
„Nein, nein. So läuft das nicht. Ihr crasht diese Party ohne Einladung? Dann feiert auch gefälligst mit. Bis. Zum. Kotzen.“
Die letzten Worte sprach er betont langsam und spuckte bei jedem einzelnen in Felicias Gesicht. Mit dem Ärmel ihres Shirts rieb sie sich den Ekel von den Wangen.
„Geh aus dem Weg“, drohte sie. Das Feuer flammte auf. Die Hitze ergriff Besitz von ihr. Körper und Seele brannten in einem teuflischen Einklang. 
„Au!“, rief Jonas hinter ihr und zog seinen Arm aus ihrer festen Umklammerung. „Du hast mich verbrannt!“
Fee schaute erschrocken zurück. Sein Hemdärmel sah aus, als hätte jemand mehrere Zigaretten darauf ausgedrückt. Verwundert starrte sie auf ihre Handfläche. Sie wirkte vollkommen normal. 
„Was ist hier los!“, rief eine melodische Stimme über die Köpfe der Partygäste hinweg. Sofort bildete sich eine Gasse für Lara, die wie eine Prinzessin mit erhobenem Haupt hindurch schritt. In der Hand hielt sie einen der Becher. Fee roch den Fusel darin. Starkes Zeug, vermutlich Wodka.
„Ich sagte doch, kommt nicht her“, lallte sie, nahm einen großen Schluck und hielt dabei den Blick der ungebetenen Gäste fest. Sie leerte den Becher in einem Zug, warf ihn dann unachtsam irgendwohin und trat noch einen Schritt näher. So nahe, dass sich ihre und Fees Nasenspitze fast berührten.
„Schätzchen“, begann Lara und Felicia verzog das Gesicht. Der Gestank des hochprozentigen Gebräus kitzelte in ihrer Nase. „Du bist einfach so gekommen. Und ich hab doch gesagt, dass du das nicht darfst. Böses Ding, du. Zur Strafe musst du jetzt trinken. Viel trinken. Bis du so voll bist, wie kein anderer hier. Und morgen wirst du dich nicht mehr erinnern, was wir alles mit dir gemacht haben.“
Felicia wusste nicht, ob sie diesen Plan in irgendeiner Art und Weise ernst nehmen konnte. Lara klang nicht anders als ihre Gäste. Sie brachte kaum ein anständiges Wort mehr zustande und jeder Buchstabe brach über ihrer Zunge und verkümmerte zu einem unverständlichen Laut, der dann über ihre Lippen trat und im Grunde rein gar nichts aussagte. Ebenso gut hätte die Schulqueen ihr vor die Füße kotzen können. Fee schüttelte den Kopf und griff erneut nach Jonas Arm. Dieser zog sich hastig von ihr zurück.
„Du hast mich verbrannt. Guck doch!“, jammerte er erneut, hob zum Beweis den Arm. „Das war nicht nett! Das hat auch wehgetan! Guck mal, es wird schon rot!“
„Komm jetzt, oder ich verkohle dich und lass dich im Grill liegen. Dann kannst du die Würstchen der Deppen hier brutzeln. Klingt das besser für dich?“
Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte Jonas seine Freundin an. Er schüttelte den Kopf so schnell, dass Fee glaubte, er würde ihm jeden Moment von den Schultern fallen. Eilig streckte er die Hand aus und klammerte sich am Saum ihres Shirts fest.
„Braver Junge“, lobte Fee ihren Begleiter. Er mochte nicht von ihr berührt werden. Immerhin folgte er dennoch, so unzurechenbar er in diesem Moment auch war.
„Und wenn du jetzt bitte beiseitetreten würdest, Lara. Mein Freund und ich würden gern nach Hause gehen.“
Unbeeindruckt blieb das Mädchen stehen. Ihr teuflisches Grinsen kehrte zurück.
„Nichts da“, sagte sie und hob den Zeigefinger, den sie in ermahnender Geste hin und her schwenkte. „Erst musst du saufen. So war es abgemacht.“
„Ich hab den Vertrag nicht unterschrieben, Schätzchen“, spottete Felicia. „Also nichts da. Wir gehen.“
Fee ging einfach voran, stieß Lara und den verwirrten Footballspieler, der wohl in der Zwischenzeit seine Fähigkeit zu Sprechen gänzlich versoffen hatte, zur Seite. Doch kurz bevor sie die Haustür erreichte, stellten sich die anderen Mitglieder des Footballteams schützend davor. Sie bildeten eine unüberwindbare Mauer. Der Fluchtweg Nummer eins wurde Felicia und Jonas somit verwehrt. Fee ließ den Blick schweifen. Die Partygäste hatten sich wie in einem großen Ring um sie versammelt. Die Musik war verstummt, alle starrten die Flüchtige und ihr betrunkenes Anhängsel an.
„Fee, sieh nur, was du angestellt hast. Alle gucken auf uns!“ Jonas klang erbärmlich. Felicia würde ihm nie wieder Alkohol gestatten. Er war zu einem Idioten mutiert, so wie sie alle hier Idioten waren. Die Wut brannte hinter ihren Augenlidern. 
„Fee!“, rief Jonas. „Du glühst!“
Das Mädchen schaute verwirrt an sich herab. Ihre Haut leuchtete rötlich. Sie sah aus, als hätte sie zu lange auf der Sonnenbank gelegen. Mehr noch, sie strahlte. Ungläubig betrachtete Felicia das Schauspiel. Lara trat hervor. „Guckt mal, eine Missgeburt!“, höhnte sie. „Na gut, dass ihr doch gekommen seid. Jetzt haben wir wenigstens Unterhaltung. Du hast wohl auch zu lange auf dem Grill gelegen.“ Die Meute begann zu lachen. Felicia suchte nach Jonas. Sie sah ihn gerade noch zwischen diesen falschen Menschen verschwinden. Er versteckte sich. Fürchtete er sie denn nun? Sie waren doch Freunde. Es konnte nur die Schuld des Alkohols sein. Er hatte ihr ihren besten Freund genommen. Er und diese Idioten in der Villa. Fee spürte das Feuer in ihren Gliedern, es machte sie wach und lebendig. Jeder Adrenalinschub war ein Tropfen auf dem heißen Stein dagegen.
„Sag das nochmal“, sprach Felicia. Ihre Stimme klang fast schon gütig in Anbetracht dessen, was das Mädchen vorhatte. Lara reagierte nicht auf die Bedrohung, die versteckt zwischen den Zeilen lauerte.
„Missgeburt“, antwortete die Gastgeberin, betonte jede Silbe, jeden Buchstaben einzeln. Jemand reichte ihr einen neuen Becher und sie hob ihn hoch. „Auf die Missgeburt!“, prostete sie ihren Freunden zu. Sie erhoben die Becher ebenso und stimmten mit ein. „Auf die Missgeburt!“, hallte es durch das Haus.
„Auf die gegrillten Würstchen“, erwiderte Fee und alle warfen ihr verständnislose Blicke zu. Dann platzte die erste Glühbirne. Und eine weitere. Dann alle verbleibenden. Schreie des Erschreckens drangen an ihre Ohren. Sie vernahm einen Knall aus Richtung des Gartens und ein Kreischen. Das Teelicht auf dem Couchtisch flammte auf. Kurz darauf verzehrte das winzige Feuer das gesamte Möbelstück. Die Menschen liefen verängstigt durcheinander. Die Footballspieler waren bereits durch die Tür, die sie beschützten, getürmt. Mit Genugtuung beobachtete Felicia das Schauspiel. Nur die Anführerin der Elite stand reglos vor ihr, starrte herüber. Angst wallte hinter ihren Augenlidern auf, doch sie verbarg dieses Gefühl so gut es ihr nur möglich war.
„Du…“, hob Lara zu einer Drohung an, während hinter ihr das Feuer auf weitere Einrichtungsgegenstände überging. Ihre Haare flatterten um ihren Kopf, dabei wehte gar kein Wind. Felicia sah die Wut in Laras Blick, die sich über die Angst legte. Die Aura der Konkurrentin wirkte auf einmal ebenso bedrohlich, wie die des Mädchens in den Flammen. 
„Du hast meine Party ruiniert!“
„Oooohhhh“, jammerte Felicia gekünstelt. „Wie leid mir das doch tut. Deine Mami und dein Daddy kaufen dir bestimmt eine neue Party. Oh warte, dafür brauchen sie ja ein neues Haus.“
Wie aufs Stichwort schlug eine Flammenwand zwischen ihnen einen Pfad durch das Haus. Lara verschwand vor Fees Augen. Sie sah ihren Schatten, wie er von einigen Fliehenden in Richtung Garten gezogen wurde. Der letzte, verbleibende Ausgang. 
Fee stand steif inmitten des Feuers. Und dann rann eine Träne über ihre Wange. Weitere folgten. Bald weinte sie bitterlich, sank zu Boden. Ihre Haut glühte noch immer, gemeinsam mit dem Feuer, das sich genüsslich an der Villa satt fraß. Eine Flamme näherte sich achtungsvoll, leckte an Fees Hand und verbrannte nicht ein Fleckchen der Haut dort. Felicia hob die Hand und bewunderte die Szene. Weitere Flammen gesellten sich zu ihr. Wie ein Phönix saß sie unter ihren neuen Freunden. Die einzigen, die ihr geblieben waren, während das Haus nach und nach zerfiel.
„Was habe ich getan?“, schluchzte sie.
Plötzlich fühlte sie etwas auf ihrer Schulter. Sie blickte auf und sah ein Mädchen hinter sich. Sie war in ihrem Alter. Ihre langen, schwarzen Haare wallten bis zu den Hüften. Die Haut braun gebrannt, die Augen dunkel und so tief, dass Fee glaubte, in dem Blick zu versinken. Ihre Aura strahlte in einem zarten Frühlingsgrün und Felicia roch den Duft von frisch erblühten Rosen und Kokosmilch.
„Wer…“, setzte sie an, doch das Mädchen hob einen Finger an die Lippen, bedeutete ihr, zu schweigen. Mit der anderen Hand holte sie einen Ring hervor. Das Siegel auf dem Schmuckstück zierte eine Flamme umgeben von einem Lichtkranz. Die Fremde nahm die Hand von Felicia in ihre, steckte ihr den Ring an den Finger und murmelte unverständliche Worte. Das Feuer in Fee kam zur Ruhe. Die Flammen im Haus schwanden, sie schrumpften, wurden erstickt von Glückseligkeit. Fee spürte nichts als Frieden in ihrem Innern. Und als das Feuer sich beruhigte, sank Fees gesamter Körper zu Boden. Sie sah noch, wie die Fremde das verkohlte Haus verließ, ehe ihre Augen sich der Erschöpfung ergaben.

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