Sonntag, 7. Mai 2017

Die Schöpfer der Geheimnisse - Teil 2: Im Wasser geboren

Der Streit war unüberhörbar. Wibke ging mit leisem Seufzen an den beiden Mädchen vorüber. Lara legte sich selten mit Schülern unter ihrem Niveau an. Es musste etwas von höchster Wichtigkeit sein. Und höchste Wichtigkeit bedeutete bei Mädchen wie Lara schon, dass jemand ihr T-Shirt beleidigt hatte. Doch kaum fiel das Wort ‚Party‘ in Kombination mit den Satzfetzen ‚Nicht kommen‘, ging Wibke ein Licht auf. Offenbar wollte das andere Mädchen zu Laras Party am Wochenende gehen und diese begrüßte den Gedanken nicht sonderlich. Wibke kannte Laras aktuelle Konkurrentin nicht persönlich, hatte sie ab und an gesehen, doch das war auch schon alles. Mit einem raschen Seitenblick nahm Wibke die Szene auf. In der Luft knisterte das Unbehagen wie winzige Blitze. Laras Tonfall sprach Bände und in den Augen der Gegnerin loderte ein Waldbrand. 

Wibke verzog spöttisch die Mundwinkel und ging weiter ihres Weges. Was interessierte sie diese Keiferei überhaupt?
„Hey, warte doch mal auf mich!“, rief jemand hinter ihr. Wibke erkannte die Stimme sofort. Sie würde die Freundin aus tausenden Menschen heraus erkennen, allein an ihrer Art zu sprechen und dem Klang jeder einzelnen Silbe. 
„Du bist zu schnell, eindeutig“, keuchte Melanie, als sie Wibke endlich einholte.
„Selbst schuld“, murmelte Wibke. „Du hast getrödelt. Ich bin nur schon einmal voraus gegangen.“
„Ist gut, Chefin. Dein Wort in Gottes Ohren.“
Melanie nahm einige tiefe Atemzüge. Standen ihr etwa Schweißtropfen auf der Stirn? Wibke lächelte ihrer Freundin mitleidig zu. Ein kurzer Sprint laugte sie so sehr aus, aber bei einem Wettschwimmen im großen Becken überholte Melanie Wibke beinahe mühelos. Sie fühlte sich ebenso wie Wibke im Wasser weitaus wohler als auf festem Boden.
„Gehst du nachher auch zur Schwimm-AG? Warm machen für die Qualifikation?“, fragte Melanie aufgeregt. Ihre Augen glitzerten wie zwei grüne Sterne, kaum dass sie die Worte ausgesprochen hatte.
„Natürlich, das lasse ich mir nicht entgehen. Du weißt doch, dass Wasser mein Lebenselixier ist.“ 
„Du lügst“, schimpfte Melanie empört. „Du bist eine kleine Nixe, meine Liebe. Wahrscheinlich warst du schon immer eine Meerjungfrau. Na los, wo ist deine Flosse?“
Wibke kicherte. „Hör auf damit. Nur, weil ich die Luft länger anhalten kann, bin ich kein komisches Wesen.“ 
Melanie schlug ihr auf die Schulter und schüttelte den Kopf. Aber in gewisser Weise hatte ihre Freundin wohl Recht. Ohne Wasser hätte Wibke kein Ventil für ihre Sorgen. Der Leistungsdruck in der Schule laugte das Mädchen aus. Sie wollte nicht immer die Beste sein. Aber das war ihren Eltern gerade gut genug. Zu gern würde Wibke nur einmal etwas anderes in ihrer Freizeit tun, als zu lernen. Die Schwimm-AG war eine Zuflucht in der Schule. Die einzige Möglichkeit, den Büchern zu entfliehen, auf denen ihre Zukunft gebaut wurde. Von einem fremden Architekten, ignorant gegenüber den Wünschen der Baumeisterin. Nur in den blauen Tiefen bekam sie endlich den Kopf frei. 
„Erde an Wibke, huhu!“, sagte Melanie, während sie hektisch mit den Händen vor dem Gesicht ihrer Freundin herum fuchtelte. „Du bist schon wieder total verträumt, meine Liebe. Du musst dringend ins Wasser, sonst überlebst du den Tag nicht.“
„Ja, da hast du wohl recht. Komm, lass uns gehen, nach der nächsten Stunde haben wir frei und da können wir uns schon einmal aufwärmen.“
Melanie quiekte auf und sprang freudig im Dreieck. Wortwörtlich. Belustigt beobachtete Wibke den wilden Tanz und verlor dabei die Umgebung aus den Augen. Sie hörte die Schritte der wütenden Mitschülerin nicht, obwohl sie so hart auf den Boden schlugen und von gefüllt mit Zorn von jedem Ziegel in der Wand ein Echo warfen. Ein Windhauch begleitete Lara, als sie gegen Wibke rannte. Sofort fiel Wibkes Tasche zu Boden. Die Bücher und Stifte schepperten auf den Flur. 
„Pass doch auf, wo du rum stehst!“, fauchte Lara und stierte Wibke mit funkelnden Augen an. Verwirrt warf Wibke einen Blick in die Richtung, aus der die Irre gekommen war. Sie sah die Fremde noch dort am Spind stehen. Hätte sie sich bloß ein paar Takte schneller von den Streitenden entfernt. 
„Sorry“, sagte Wibke in ruhigem Ton. Doch Lara war zu aufgebracht, als dass diese Worte sie hätten beruhigen können.
„Mach mir gefälligst beim nächsten Mal Platz, hast du verstanden?!“
Wibke kniete nieder, sammelte ihre Bücher ein. Eilig sank Melanie ebenfalls auf die Knie. Hilfsbereit hielt sie Wibkes Tasche auf. 
„Hast du alles?“, flüsterte Melanie und Wibke nickte stumm. „Da liegt noch was!“, fügte Melanie aufgeregt hinzu. Wibkes Blut gefror mitten im Fluss. Die letzte Klassenarbeit war aus dem Block gerutscht und zwischen die Füße der Schulqueen gefallen. Eine große eins plus prangte auf dem Blatt, versehen mit einem Kommentar der Lehrerin: ‚Gut gemacht!‘
Lara lachte, hob die Klausur auf, ehe Wibke danach greifen konnte.
„Eine Streberin“, höhnte das Mädchen. „Du bist doch diese Wibke, oder? Die, die nur Einsen schreibt und kein eigenes Leben außerhalb vom Büffeln hat? Ach nein, warte. Du bist noch eine Wasserratte. Dann ertränkst du dich ja wortwörtlich in deinem Selbstmitleid.“
Lara warf kichernd den Zettel über ihre Schulter und stolzierte dann davon. Gefolgt von den Blicken der Schülerschaft, die tatenlos im Flur stand. Wibke eilte vor, fing das wehende Blatt aus der Luft auf und stopfte es hastig in die Tasche.
„Wow“, sagte Melanie. „Die hat ja eine Laune heute.“
„Nichts Neues. Sie hatte eben schon Zoff mit einer anderen. Hat sich wahrscheinlich zu sehr aufgeregt und den restlichen Frust jetzt an mir ausgelassen“, seufzte Wibke.
„Aber Glückwunsch zu der guten Note. Du bist einfach ein Ass in allem!“, gratulierte Melanie der Freundin.
„Du brauchst mir nicht zu gratulieren, Melanie. Du weißt von allen am besten, warum ich diese Noten habe.“
„Ja und weißt du, was ich noch am besten weiß?“, fragte sie, stellte sich hinter Wibke und schob diese in Richtung Unterrichtsraum. 
„Was denn?“, lachte Wibke, denn ihre Laune besserte sich augenblicklich.
„Dass wir nur noch eine Stunde haben und dann schwimmen dürfen. Also mach dich nicht so schwer und geh!“
Die Erinnerung an die letzten Momente verflog sofort. Wibke konnte sich nicht vorstellen, was sie ohne das Wasser und vor allem ohne Melanie mit ihrem Leben anfangen sollte. Sie hoffte, die nächste Stunde würde rasend schnell vergehen.

„Endlich!“, blubberte Melanie und tauchte sogleich wieder ab. Wibke lachte, als sie ihre Freundin dabei beobachtete, wie sie wie ein Delfin durch das Wasser sprang. 
„Wenn man dir zuschaut, denkt man gar nicht daran, wie schnell du eigentlich im Wasser bist“, scherzte Wibke, die am Beckenrand saß und mit den Zehen durch das kalte Nass fuhr. „Der Gegner soll mich unterschätzen, Dummchen!“
Wibke unterdrückte ein Lachen, als Melanie aus dem Pool aufsprang und kopfüber wieder eintauchte. 
Die Qualifikation für die Regionalmeisterschaft fand in der kommenden Woche statt. Gemeinsam wollten die Mädchen ihr Team an die Spitze bringen. Seit einem Jahr trainierten sie schon intensiv für diesen Augenblick. Wibke und Melanie verbrachten dabei mehr Zeit in der Schwimmhalle, als die restlichen Teammitglieder. Aber Schwimmen bedeutete den beiden Freundinnen weit mehr als das Gewinnen eines Wettkampfes.
Wibke nahm einen tiefen Atemzug, schloss die Augen, hob und senkte die Beine. Das Wasser umfing ihre Beine wie ein weiches Seidentuch. Seit Kindertagen liebte Wibke das nasse Element. Die Beste im Schwimmunterricht, so hatte ihre Mutter stets geprahlt. Die Beste in allem.
Wibke verdrängte den Gedanken und stieß sich vom Beckenrand ab. Das Wasser empfing sie in einer liebevollen Umarmung. Hier war sie zuhause. Hier lebte sie wirklich. Die Realität konnte warten, solange sie in ihrem Element tauchte. Wibke hielt den Atem an und grinste, während sie die verschwommenen Silhouetten der Menschen jenseits der Wasseroberfläche betrachtete. Und wie das Wasser selbst flossen ihre Sorgen durch die Löcher in den Kanälen. Wurden gefiltert und kehrten zu ihr zurück. Niemand hielt die Luft so lange an wie sie. Niemand tauchte so tief wie sie. Am liebsten sank Wibke bis zum Grund des vier Meter tiefen Beckens und saß an dessen Boden. Wartete, bis ihre Lunge nach Sauerstoff schrie. 
Ein lautes Platschen weckte Wibke aus ihrer Ruhe. Sie stieg auf, um nach der Ursache zu sehen. Ihr Kopf stieß durch die Wasseroberfläche und mit einem Keuchen holte sie Luft. Das gegnerische Team war gekommen. Wibkes Schwimmteam teilte sich die Halle und die Trainingszeiten neuerdings mit der Schule des Nachbarortes. Es lagen kaum drei Kilometer zwischen ihnen, weshalb sich das Unterfangen durchaus lohnte. Doch das änderte nichts daran, dass es Wibkes Team widerstrebte, mit diesen Hooligans in einem Pool zu schwimmen. Sie sprangen achtlos ins Wasser, obwohl das während des Trainings nicht gestattet war. Schließlich schwammen auch Melanie, Wibke und ihre Mitschüler hier ihre Bahnen. Es konnte jederzeit jemand verletzt werden, denn die Gegner kannten keine Gnade.
„Sieh an, sieh an, wen haben wir denn da?“, sagte die Anführerin und ihre Teammitglieder scharten sich kichernd um sie herum. Corinne kannte kein Erbarmen mit Konkurrenz. Am liebsten verspeiste sie diese zum Frühstück. Wibke schwamm hinüber zur Ausstiegsleiter. 
„Wir trainieren. Ihr seid offenbar nur hier, um dumm durch die Gegend zu hüpfen“, riss Melanie das Wort an sich und reckte trotzig den Kopf in die Höhe. Sie gab immer als Erste Kontra. Ihr Widerwillen war der stärkste und sie verteidigte das Becken wie ihr Revier. Wibke liebte die Freundin dafür, doch sie sollte sich hüten. Die Hooligans trugen diesen Spitznamen nicht grundlos.
„Lasst uns einfach die Bahnen schwimmen und ende. Jeder trainiert für sich, ok? Keine Reibereien, kein Problem.“ Wibke versuchte, die Wogen zu glätten. Ein nutzloses Unterfangen, schließlich legte das andere Team es immerzu auf Streit an. Aber dachten sie ernsthaft, dass Wibkes und Melanies Team das Feld wegen ein paar dummer Sprüche räumen würde?
„Habt ihr das gehört?“, riss Corinne das Wort an sich. „Die wollen uns Vorschriften machen.“
„Nein, wir wollen nur in Frieden trainieren“, entgegnete Wibke.
„Als ob. Wir sind stärker, besser und schneller als ihr und eure armseligen Mitläufer dort drüben, die sich gerade den Angstschweiß aus dem Gesicht reiben. Wir kicken euch bei der Quali raus und dann war es das.“
Wibke warf einen Blick zu den Gestalten, die aus sicherer Entfernung das Geschehen beobachteten. In diesen Momenten hasste sie die Feigheit ihrer Kameraden.
„Das wollen wir sehen!“, rief Melanie herüber.
„Habt ihr es denn noch nicht gehört?“, fragte Corinne und Wibke horchte auf. Auf der glatten Wasseroberfläche bildeten sich leichte Wellen.
„Wenn ihr nicht wenigstens ein Treppchen besteigt im nächsten Wettkampf, wird eure Schule die Schwimm-AG auflösen. Sie benötigen die finanziellen Mittel anderweitig.“
Schock war kein Ausdruck für das, was Wibke in diesem Moment empfand. Sie würden ihr ihr Leben nehmen? Einfach so, wegen Geld? Mit geballten Fäusten trat sie an den Beckenrand.
„Das ist nicht wahr!“
Wibkes Hände zitterten. Sie krallte die Finger in den feuchten Stoff des Badeanzuges. Ihre Zähne bissen derart fest aufeinander, dass die Kiefer zu schmerzen begannen.
Melanie wich ein paar Schritte zurück. Die Wellen im Pool wuchsen an, leckten bereits am Beckenrand. Wibke spürte, wie das Wasser bis an ihre Füße lief. 
„Hat da etwa jemand Angst?“ Corinnes Säuseln endete in einem lauten Lachen und ihre Freunde stimmten mit ein. Dieser Hohn war zu viel für Wibke. Sie konnte die Schwimm-AG nicht verlieren. Sie durfte sie nicht verlieren. Doch hatten sie überhaupt eine Chance gegen Corinne, wenn die Einschüchterungsstrategie derart gut funktionierte, dass nur noch zwei Schwimmerinnen ihnen entgegen standen?
„Wibke?“
Wibke hörte Melanies Stimme kaum. Eine Welle schlug auf und traf Corinne mitten ins Gesicht.
„Was zum?!“, rief diese. Ihre Freundinnen schrien auf und kurz darauf rannten sie davon. Eine kam zurück und zerrte an Corinnes Arm, zog sie hinaus, während eine weitere Welle bis zum Ausgang folgte und dann zurück ins Becken floss.
„Wibke?“, fragte Melanie noch einmal. Sie berührte die Freundin am Arm. Wibke schaute sich um und fand die Liegen leer vor. Die Mitglieder des eigenen Teams waren ebenfalls geflohen.
„Ist das normal?“, fragte Melanie dann und deutete auf das Wasser im Pool. Wibke schaute hinab. Dieses Schwimmbad war keineswegs ein Wellenbad. Warum wuchsen dann derart große Wellen darin?
„Es ist besser, wenn wir auch gehen. Das ist echt unheimlich.“
Wibke quittierte die Worte ihrer Freundin mit einem Nicken. In ihrem Bauch mischte sich Wut mit Angst. Mit vorsichtigen Schritten schlichen die beiden um das Becken herum auf den Ausgang zu. Jede Welle umwogte ihre Füße. Beinahe sanft und tröstlich.
„Ob es wirklich wahr ist?“ Wibke hielt inne, als Melanie die Frage stellte. Sie standen nicht mehr weit vom Ausgang.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Wibke. „Ich will nicht, dass es wahr ist.“
Hinter ihren Lidern brannten Tränen. Eine Welle brandete zwischen ihren Beinen. Größer als die vorigen. Wibke fühlte Melanies Zittern. Die Freundin krallte sich in ihren Arm.
„Lass uns weiter gehen. Das hier gefällt mir nicht.“
„Ich will nicht, dass sie uns abschreiben“, murmelte Wibke, ballte die Hände zu noch festeren Fäusten. Ihr gesamter Körper bebte, ihre Wangen loderten unter den heißen Spuren, die die Tränen zogen. Sie wandte sich zu Melanie um und begann zu schreien. „Das können sie uns nicht antun!“
Ein Rauschen erklang und keine Sekunde später stand Melanie nicht mehr vor ihr. Wibke hörte ihr Kreischen nicht, denn es wurde vom Wasser ertränkt. Wie angewurzelt stand Wibke am Beckenrand, starrte in das Blau, das plötzlich so gewaltig vor ihr aufragte. Eine Wand aus diesem Element voller Ruhe und Geborgenheit. Es wirkte unnatürlich und gefährlich. Dennoch rief das Wasser mit sanfter Stimme diesen einen Namen. Es rief nach Wibke. 
„Melanie!“, schrie sie. 
Ein Körper tauchte in dem Chaos vor Wibke auf. Melanie wurde von den Wellen umher gewirbelt wie ein Stück Treibholz. Das Wasser verschluckte das leuchtende Grün ihrer Augen. Nur die Angst strahlte heller denn je. Einen Moment hielt Wibke das alles für eine Illusion. 
„Melanie, nein!“ 
Wibke streckte die Hand nach ihrer Freundin aus. Das Wasser stand über dem Beckenrand und wurde dennoch wie von einer Wand in Form gehalten. Als hätte sich ein Würfel erhoben und würde nun einfach dort schweben. Wibke schüttelte die Starre von sich, sprang durch die Mauer aus Wasser und fand sich mitten im Getümmel wieder. Das Tosen der Wassermassen trommelte in ihren Ohren. Plötzlich war ihr Element zu solch unerträglicher Größe angewachsen, dass sie sich am liebsten die Ohren zugehalten Hätte. Der Lärm schmerzte und die Wellen, die selbst unter Wasser spürbar waren, bremsten jede Bewegung. Sie musste zu Melanie! Ihre beste Freundin ertrank vor ihren Augen. Wibke sah jeden Atemzug, der den Lungen des Mädchens entwich und in verzweifelten Blasen aufstieg. Ebenso wie die Erkenntnis in ihren Augen, dass sie nicht lange durchhalten würde. Niemand hielt die Luft so lange an wie Wibke. Schon gar nicht Melanie. 
Es war alles Wibkes Schuld. Sie spürte es mit jeder Faser ihres Herzens. Die Wellen, sie sprachen zu ihr. Doch sie gehorchten ihr nicht. Immer wieder verlor sie sich auf dem Weg zu Melanie, wurde vom Weg fort gewirbelt und kämpfte ohne Hoffnung auf Rettung weiter. Als sie wenige Meter vor Melanie war, streckte sie die Hand erneut aus. Sie erreichte die Finger der Freundin und verschränkte ihre eigenen hoffnungsvoll mit diesen. Melanies Körper zuckte. Dann trieb sie starr im Wasser. Wibke öffnete den Mund wider besseren Wissens und schrie. Das Wasser antwortete mit einem Strudel, der sich inmitten des Beckens formte. Wibke verlor sich in der dreidimensionalen Form, die sie selbst geschaffen hatte. Sie, ein gewöhnliches Mädchen. 
In ihrer Verzweiflung schrie sie weiter, spürte nicht, wie die Luft ihren eigenen Lungen entwich. Sie brauchte die Luft nicht. Wollte sie nicht. Der Strudel erfasste Melanie und zog sie fort von Wibke.
Ein Platschen durchbrach den Lärm des Wassers. Wibke hörte es nur ganz leise, sie war zu gebannt von dem Strudel, der ihre Freundin immer weiter fort zog und zu verschlingen drohte. Plötzlich berührte eine Hand Wibkes angespannte Schulter. Erschrocken wandte sie sich um, die Augen trüb und ausgebrannt. Ein Mädchen mit langen, schwarzen Haaren schwamm direkt hinter ihr. Sie trug keine Schwimmkleidung, war in Jeans und T-Shirt ins Wasser gesprungen. Ihr Blick hatte etwas Beruhigendes. Wibke fühlte, wie sich ihre inneren Wogen glätteten. Die Verzweiflung versiegte und auch der Strudel löste sich auf. Die Fremde zog einen Ring hervor, auf dessen Siegel eine Welle prangte. Sie glitzerte im Blau des Meeres. Gebannt betrachtete Wibke das Schmuckstück. Im nächsten Augenblick fiel der Wasserwürfel in sich zusammen und der Pool lag da, als wäre er nicht eben übergelaufen. Wibke hustete, als sie sich den Beckenrand hinauf hievte. Die Fremde zog Melanie aus dem Wasser, die darauf den halben Pool erbrach.
„Melanie!“, rief Wibke und kroch auf die Freundin zu.
Melanie hustete die letzten Schlucke aus, stützte sich dann auf die Arme und schaute zu ihrer Freundin auf. Ihr Körper zitterte. Wibke reagierte sofort, nahm eines ihrer Handtücher von der Liege und wickelte Melanie darin ein. 
„Was zum Teufel war das?“, fragte diese verängstigt. Wibke streichelte ihr über den Rücken.
„Keine Ahnung.“, erwiderte sie.

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