Sonntag, 14. Mai 2017

Die Schöpfer der Geheimnisse - Teil 3: Von Luft umgarnt

Hausarrest und Handyverbot waren so ziemlich die letzten beiden Worte, die Lara hören wollte. Ihre Eltern hatten am Morgen nach der Party ein verkohltes Haus vorgefunden und entsprechend reagiert. Es war doch kein Problem für die reiche Familie, sich ein neues Heim zu kaufen. An Geld mangelte es wohl kaum. Was machte da schon eine Villa mehr oder weniger? Lara verstand den Kern des Problems nicht. Klar, eine Strafe musste sein. Erziehung, Lerneffekt, was auch immer. Aber war denn wirklich diese Form von Bestrafung notwendig? Hausarrest und keine Verbindung mehr in die Außenwelt? 
Lara zuckte mit den Schultern und starrte aus dem Fenster der Limousine, in der sie auf die Rückkehr ihrer Eltern aus der Bruchbude wartete. Sie begutachteten den Schaden nun zum dritten Mal. Die Inneneinrichtung der Villa war größtenteils hinüber, aber an und für sich war das Haus nicht zerstört. Es war einfach nur ziemlich renovierungsbedürftig. Wer Geld wie Heu hatte, konnte sich locker einige Nächte im Hotel und eine aufwendige Instandsetzung des Hauses leisten. Aber besser wäre doch eigentlich, gleich ein neues Heim anzuschaffen. Lara träumte ohnehin seit langer Zeit von einem zweiten Zimmer. Die Gelegenheit bot ihren Schopf und sie mussten lediglich zugreifen.
„Junge Dame, dass du in deinem Alter mal eine Party schmeißt, sobald wir weg sind, war ja zu erwarten. Aber das ist der absolute Gipfel! Eigentlich sollten wir dich dafür noch gleich in ein Internat stecken!“
Lara fand, dass ihre Mutter übertrieb. 
„Meinst du? Sei nicht so dramatisch, Mutter. Häuser brennen ab und an mal, das nennt sich Unfall. Und außerdem habe ich nicht dafür gesorgt, dass die Bude Feuer fängt.“
Während ihre Mutter wie ein übervoller Luftballon zu platzen drohte, ignorierte das Mädchen die angespannte Atmosphäre. 
„Komm raus da.“ Knochige Finger legten sich um Laras Handgelenk und zerrten sie gewaltsam aus der Limousine. 
„Lass mich los!“
„Hier. Findest du das etwa nicht dramatisch? Lara, du hast ein Haus abgebrannt!“
„Fast!“, jammerte Lara. „Es steht noch. Die Feuerwehr sagt, dass es nicht so bald einstürzen wird.“
„Wie naiv bist du eigentlich? Haben wir dich so erzogen?“
Lara schnaubte, verschränkte die Arme vor der Brust und wandte den Blick ab. Genau genommen hatten ihre Eltern sie gar nicht erzogen. Sie kämpfte für sich allein, wann immer sie musste. Außerdem bekam sie stets alle Annehmlichkeiten, nach denen sie fragte. Lara bestellte und Vater und Mutter lieferten. 
„Hast du etwa den Schnaps deines Großvaters an deine Freunde verschenkt?“, unterbrach ihr Vater empört den Streit zwischen Mutter und Tochter, nur um einen neuen Grund für die allgemein negative Stimmung beizutragen. 
„Wie hast du das angestellt?“, wollte ihre Mutter wissen. „Was treibt ihr Teenager in diesem Alter nur? Wir haben früher nicht so gefeiert.“ 
„Keine Ahnung, plötzlich hat alles gebrannt! Ich habe gar nichts gemacht!“
Laras Vater brummte. „Dann war es einer der Harlunken unter deinen Gästen. Ich wusste, dass dir diese Pseudo-Freunde nicht guttun!“ 
Gemeinsam verließen sie die beinahe Ruine auf dem Weg zum teuren Vehikel auf der anderen Straßenseite. Laras Mutter redete ohne Unterlass, doch das Mädchen hörte längst nicht mehr zu. Sie verschloss die Ohren vor den Worten. Sie wusste, wer ihr den Schlamassel eingebrockt hatte. Sie wusste nur nicht, wie. Kein Alkohol der Welt konnte ihr die Erinnerung an die gestrigen Ereignisse nehmen. Felicia hatte gebrannt. Sie selbst war das Feuer gewesen. Nur wie hatte sie das angestellt? War sie eine Pyromanin? Ein Schamane? Oder doch eine mutierte Missgeburt, wie sie sie während der Party genannt hatte? Fragen über Fragen. Sie würde das Miststück am nächsten Tag in der Schule persönlich zur Rede stellen.
„Wo ist dein Handy?“, fragte Laras Mutter. Widerwillig kramte sie das Smartphone aus der Handtasche und reichte es ihr. Ein Statussymbol weniger. Aber den Status, den hatte sie noch!

„Stellt euch mal vor, die hat einfach die Bude abgefackelt. Party des Jahrtausends!“, lachte Jackson, der Kapitän der Footballmannschaft. Lara trat in die Mensa und lauschte seinen Berichten. Verfluchter Angeber. Er besaß nicht mehr Grips als eine gepresste Zitrone.
„Oh, da kommt ja der Feuerteufel.“
Lara blickte sich sofort um und suchte nach Fee, um sie dem Erdboden gleich zu machen. Doch Fee war nirgends zu sehen.
„Ja, Lara. Du.“
Erschrocken schaute sie Jackson an. Meinte er ernsthaft sie?
„Ich habe gar nichts gemacht. Ihr hattet bei mir die beste Party eures Lebens. Meinst du echt, ich versaue das?“ 
Lara schnaubte verächtlich und es folgten einige ‚Uuuuhhhs‘ und ‚Aaaahhhs‘ aus der Schülermenge. Jackson trat ihr entgegen, erhob sich und lächelte herablassend zu ihr hinunter. Lara fürchtete sich nicht vor seiner Statur. Dieser Idiot war muskulös, aber dümmer als Stroh. Seine Muskelberge prahlten mit einer Kraft, die er regelmäßig auf illegalen Seiten im Internet einkaufte. Ein armseliges Würstchen, nur leider ein sehr beliebtes, armseliges Würstchen. Dennoch wurde sie mit ihm locker fertig.
„Man sagt, du hättest geraucht und die Kippe auf dem Sofa ausgedrückt“, sagte er schließlich und Laras Stimmung kippte endgültig.
„Du warst dabei, als es passiert ist, Jackson“, schrie sie wütend auf. „Es war diese Schlampe, diese Fee. Die hat das Feuer gelegt!“
„Wie soll sie das denn gemacht haben. Sie ist mit dem Waschlappen Jonas getürmt und kurz darauf stand das Haus in Flammen. Die war schon nicht mehr da.“
Lara stutzte. Er hatte doch selbst mit angesehen, was dieses Miststück getan hatte. Wie konnte er nur behaupten, sie wäre vorher schon verschwunden? Das Mädchen zweifelte allmählich an ihrem Verstand. Es war unnatürlich, dass ein Mensch aus eigener Willenskraft Feuer erzeugen konnte. Es war unmöglich. Allerdings hatte sie genau gesehen, wie Felicia es tat. Ihr Körper hatte geleuchtet wie die Sonne und plötzlich brannte es. Der Zusammenhang war offensichtlich. Und Jackson war felsenfest davon überzeugt, dass Fee nicht der Auslöser war. Wie konnte er das nur glauben?
„Zieh ab, Lara. Du hast die übelste Party des Jahrtausends geschmissen und uns fast alle verkohlt“, rief jemand aus der Menschenmenge, die sich langsam bildete. Die Mitschüler standen in einem Kreis um sie und Jackson. Sie flüsterten einander Lästereien zu und grinsten verächtlich. Lara holte zu einer Antwort aus, schloss aber sofort wieder ihre Lippen. An diesen Idioten würde sie sich anderweitig rächen. Erst einmal galt es, Felicia zu finden und zu vernichten. Was immer sie getan hatte, es hatte nicht nur Feuer gelegt sondern auch noch die Sinne der Partygäste manipuliert. Wenn sie dieses Biest fand, würde sie es in Stücke reißen. 
Die Schulglocke läutete die nächste Stunde ein. Seufzend kam Lara mitten auf dem Gang zum Stehen. Die Begegnung in der Mensa hatte sie ihr Zeitgefühl vergessen lassen. Eilig machte sie sich auf den Weg zu ihrem Spind. In wenigen Stunden würde sie der Feuerbraut die Hölle heiß machen.

In der Theatergruppe konnte Lara sich kaum konzentrieren. Sie besprachen das neue Stück bereits seit fünfzehn Minuten, doch Lara dachte immerzu an ihre Rachepläne. Sie spürte die Blicke der Mitglieder der Theater AG auf sich ruhen. Leises Tuscheln gelangte an ihre Ohren. Doch sie nahm es kaum wahr, blendete den Tratsch aus. 
„Kommen wir zur Besetzung der Julia“, verkündete Frederik, der AG-Leiter. Er spielte nicht selbst mit, koordinierte nur und half auf der Bühne im Verborgenen bei Texthängern. Sein Schauspieltalent war begrenzt, dass hatte Lara ihm oft genug zu verstehen gegeben. Mittlerweile akzeptierte er offenbar seine Position.
Die Schulqueen horchte auf und erwartete gespannt, dass man ihren Namen rief. Natürlich konnte es nur eine Besetzung für die Julia geben! Und dieser Entschluss würde endlich ihren Schmerz lindern, der ihr den gesamten Tag bereits auf Schritt und Tritt folgte. Fee hatte sie nirgends gefunden. Stattdessen klang in jedem Flur ihr Name aus den Mündern der Schülerschaft. Ihr Name und Feuer. Lara ballte die Hände zu Fäusten, atmete tief durch und entspannte dann die schmerzenden Glieder. In wenigen Sekunden würde alles wieder gut sein.
Sie schloss die Augen und sprach tonlos ihren Namen vor sich hin, denn bald würde Frederik diesen aussprechen.
„Katja“, sagte er und Lara fiel die Kinnlade herunter. Sofort sprang sie von ihrem Platz auf und rief dazwischen:
„Wie bitte?! Das kann nicht dein Ernst sein? Ich spiele immer die Hauptrolle!“
„Nein, Lara. Wir sind einstimmig der Meinung, dass du dieses Mal nicht die Hauptrolle spielen solltest.“
Die Queen stutzte, hob fragend die Augenbrauen und schnaubte dann. Es war ein Ton der Erkenntnis. Natürlich. Die Feuerbraut hatte ihr mit dem Desaster bei der Party nun auch noch die Theater-Gruppe versaut.
„Es liegt an den Gerüchten, oder? Dass ich Feuer in unserer Villa gelegt habe.“
„Lara…“, begann Frederik doch sie bedeutete ihm zu schweigen.
„Schon in Ordnung. Ihr haltet mich für unzurechnungsfähig. Denkt ihr ich bin so krank und fackele meine schöne Villa ab? Als hätte ich nichts Besseres zu tun. Und mit einer Kippe, ernsthaft? Leute, ich habe zu viel Stil, um mich auf solche Dummheiten herab zu lassen. Und by the way, ihr habt euch die Köpfe zugesoffen, nicht ich.“
Laras Wangen glühten vor Zorn, als sie die Worte ausspie. Es war still geworden im Saal. Zu still. Sie erwartete eine Antwort von jedem einzelnen dieser Verräter. Stattdessen zogen sie die Köpfe ein und zuckten mit den Schultern. Wutentbrannt schnappte Lara das Skript von Romeo und Julia einer ihrer Schauspiel-Kolleginnen aus der Hand und begann Seiten herauszureißen.
„Was tust du da?!“, schrie Katja entsetzt auf.
„Dieses Stück existiert ohne mich nicht!“, rief Lara und riss weiterhin Seite für Seite aus dem Heft heraus. „Versteht ihr? Es wird kein Romeo und Julia ohne mich geben!“
„Sie ist irre“, flüsterte einer der anderen. Laras Kopf schnellte herum, ihr Blick durchbohrte das Individuum wie ein flammender Dolch. 
„Was. Hast. Du. Gesagt?“
Der Sprechende, sie kannte seinen Namen nicht, sank tiefer in seinen Sitz. Ein Grinsen stahl sich auf die Lippen der unangefochtenen Anführerin der Elite an dieser Schule. Ein langer Titel. Lara ließ ihn in Gedanken auf ihrer Zunge zergehen und zerriss dann die letzten Überreste des Skriptes. Sie war die Herrschende Schülerin an dieser Lehranstalt und dafür erwartete sie gottverdammten Respekt.
„Ich bin die Julia“, murmelte sie. Angsterfüllte Blicke lagen auf ihr. Blicke, die sie nun weitaus mehr genoss, als den Applaus von Zuschauern. Sie suhlte sich in der Furcht der Zeugen.
„Lara?“, fragte Katja.
„Was…“, setzte Frederik an. Ihre Mitschüler schlichen langsam aus den Stuhlreihen, entfernten sich von ihr. Lara spürte einen zarten Luftzug. Er liebkoste ihre Haut und augenblicklich standen alle feinen Härchen auf ihren Armen aufrecht. Ihre blonde Lockenpracht hob und senkte sich, wog in einem Wind, den es in diesem geschlossenen Saal nicht geben sollte. Dann atmete der Wind durch sie, floss in ihre Lungenflügel und erforschte die feinen Stränge der Blutbahnen. Lara nahm die behagliche Kälte auf und schenkte den verängstigten Mitschülern einen lodernden Blick.
„Ihre Augen“, flüsterte Jasmin zu Katja. Lara schritt langsam und beinahe königlich auf die zwei zu. Sie rührten sich nicht. Sie zuckten nicht einmal mit einem Augenlid. Als die Schulqueen an einem der Spiegel aus den Requisiten vorüber ging, sah sie ihr Antlitz in einem vollkommen fremden Schein. Ihre Augen glitzerten golden, ihre Haare wogten um ihr Gesicht und kleine Wirbel aus Staub schienen um sie zu tanzen. Ungläubig und erschrocken musterte sie ihre Gestalt. Die Tür fiel mit einem Knall ins Schloss und der Saal war leer. Die anderen hatten den Raum verlassen. Betrübt ließ Lara den Kopf sinken. Sie fand Frederiks Skript auf seinem Stuhl, nahm es zur Hand und blätterte darin.
„Was denkt dieser Schwachkopf sich eigentlich?“, dachte sie laut und knallte das Heft auf den Boden. Bei einem erneuten Blick in den Spiegel erkannte sie, dass die geheimnisvolle Macht noch immer dort war. Sie war hier, in ihr. 
Ein Lachen erhob sich aus ihrer Kehle und schwoll an zu einem Echo, das man über den gesamten Schulhof hören musste. Die Tür flog auf, als ein Sturm hindurch brach. Am gegenüber liegenden Ende des Raumes schwang eine weitere Tür auf. Die Fenster im Dach klapperten. Kurz darauf brach das Glas. Lara lachte weiter, sog den Wind in ihren Körper auf, speiste ihre Macht aus der seinen. Sie würde Rache an allen üben, die ihr diesen Missmut entgegen gebracht hatten. Vor allem an Felicia, denn nun hatte sie der Feuerbraut etwas entgegen zu setzen. Sie würde die Flamme der Kleinen mit diesem Sturm locker auspusten. Mehr noch, sie würde sie zerschmettern in den Wirbeln ihrer Wut. Das Dach begann zu klappern. Lara hörte es nicht. Mit eleganten Schritten ging sie in Richtung Ausgang, auf den Schulflur. 
Die Schüler rannten panisch durcheinander, suchten ihr Heil in der Flucht. Schnell erkannte Lara, warum sie dies taten. Tornados, nicht größer als ein Mensch, tanzten durch die Gänge. Auf der Jagd nach den Mitschülern, die Lara so sehr verachtete. Sie trat durch den Flur, die Wirbel ließen ihr einen Pfad, als wäre sie ihre Königin. Furcht sprach aus den Blicken, die ihr auf dem Weg begegneten. Sie erreichte den Schulhof und fand ihn nahezu zerstört vor. Nicht zerstört genug für ihren Geschmack. Lara spürte das Glühen in ihren Augen, das flüssige Gold, das ihrer Gabe folgte. Mit dem erhobenen Finger deutete sie auf das Dach des Probenraums für die Theater AG. Ein Schnippen genügte und die Ziegel gehorchten ihrem Willen. Als wäre es ein Kartenhaus, brach das Gestell aus der Verankerung und flog über den Schulhof. Schreie erklangen, Menschen liefen umher. Flohen vor dem Wind, aber wie wollten sie ihm entkommen? Denn der Sturm war der ihre, lauschte ihren Gedanken und tat wie sie ihm befahl. Das fühlte sie in ihrem Herzen. Wie konnte sie sich dieser Macht nie bewusst gewesen sein? So offensichtlich, so wundervoll. Es stand ihr zu, jene unter ihr zu quälen. 
Kein Stein schien dort draußen mehr auf dem anderen zu stehen. Es konnte längst nicht mehr von Verwüstung die Rede sein. Lara entdeckte entwurzelte Bäume und umgerissene Klettergerüste auf dem nahen Spielplatz. Hatte sie dieses Chaos angerichtet mit ihrem Sturm? Der Moment des Zweifels verflog im Wind, der ihren blonden Haarschopf kurz aufwirbelte. Es war, als würde das Element zu ihr sprechen. Lara grinste, schloss die Augen und hauchte ein Wort des Dankes an ihren derzeit einzigen Freund, die körperlose Luft um sie herum. 
Als sie die Augen wieder öffnete, warf sie die Arme nach vorn. Unmittelbar auf diese Geste folgte ein unheimliches Grollen. Wie von einem unsichtbaren Bagger geschoben bäumte sich die Erde auf und rollte von dem mächtigen Windsturm bewegt auf eine Gruppe Schüler zu, die diesen zu spät bemerkten. Lara betrachtete mit Genugtuung ihre angsterfüllten Gesichter. Wie in Zeitlupe kroch der Erdhaufen auf diese Verräter zu. Es war die Schauspielgruppe, die nun offenbar ihren Fehler erkannte. Doch das Grinsen verging der Queen nur eine Sekunde später, als der Erdwall sich gegen den Wind aufbäumte und zu tausenden Staubkörnern zerbarst. Ihren Befehlen entrissen sanken diese zurück auf den Erdboden, aus dem Lara sie aufgewühlt hatte.
„Lara!“, schrie eine unbekannte Stimme. Das Windmädchen ignorierte sie, zu gebannt von dem Gedanken, dass ihrer Rache gerade Einhalt geboten wurde. Was konnte dieser Macht schon widerstehen?
Im Augenwinkel sah Lara eine Regung. Eine Fremde kam näher. Ihre Aura leuchtete in einem hellen Grün und in Ihrer Gegenwart roch es nach frisch gemähtem Gras und Frühling. Vögel zwitscherten. Ein Strahl der Sonne stach durch die dichte Wolkendecke, die das Mädchen mit der Kraft des Windes zusammen geballt hatte. Lara schickte einen Tornado zu dem Störenfried, um diesen ungebetenen Gast loszuwerden.
„Verschwinde! Das hier ist mein Spielplatz!“
Das Gold in Laras Augen brannte mehr und mehr. Die Sicht verschwamm wie in Wasserfarben, glitzerte vor ihrem Blick und verhüllte das Inferno. Die Welt zerfloss in einem glänzenden See vor ihren Augen. Sie konnte nicht sehen. Erblindet schlug sie die Hände vor das Gesicht. Ein plötzlicher Schmerz schoss durch Laras Kopf. Es war, als würde jemand jedes der Haare auf ihrem Haupt in Büscheln ausreißen. Der Wind summte in ihren Ohren, sang ein tosendes Lied, das sie nicht mehr verstand.
„Nein!“, befahl sie, ehe das Element sie ebenso verschlingen würde, wie die Mitschüler auf dem Hof. Sie durfte die Kontrolle nicht verlieren. 
Ein Stoß erfasste ihren Körper, sie schlug gegen irgendein Objekt, vermutlich eine Mauer. In dem verzweifelten Versuch, etwas zu sehen, schlug sie die Lider auf. Nichts. 
„Verdammt, was ist das?“, schrie sie, wütend, ängstlich.
„Lara!“, rief die fremde Stimme erneut. 
„Verschwinde!!!“, verlangte Lara, presste die Hände an die Stirn, die wie von einem Hammer angeschlagen pochte. Heiße Tränen rannen über ihre Wangen. Ob sie so golden glänzten wie ihre Augen? Die Schulqueen kauerte am Boden, verletzt in ihrem Stolz durch den Wind, der aus eben diesem entsprungen war. Nein, das konnte nicht wahr sein. Sie war diese Macht! Sie befehligte diese Macht! Warum nur wandte sie sich dann gegen Lara? 
Dann fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter.
„Beruhige dich“, flehte die fremde Stimme. „Du musst dich beruhigen.“
Lara hörte die unterschwellige Verzweiflung zwischen den Zeilen. Die Sprecherin redete sanft und mitfühlend. In ihrem Hals bröckelte der Kloß, der dort seit wenigen Minuten immer mehr anschwoll.
„Wie?“, fragte Lara, die eigene Stimme kaum mehr als ein Zittern. Erschrocken über den verzerrten Klang zuckte sie zusammen.
„Du musst es wollen.“
„Ich will es doch!“ Ein Schluchzen folgte auf die Worte, ein weiterer Schmerzensblitz durchzuckte Laras Gedanken. Wenn sie doch nur sehen könnte! Dann könnte sie den Sturm sicher wieder kontrollieren. Warum nur ließ ihre eigene Macht sie ebenso im Stich, wie ihre Freunde?
Ein Seufzen erklang. Lara spürte etwas Kaltes, Metallenes an ihrem rechten Ringfinger.
„Du bist wohl noch nicht soweit, Windmädchen.“
Das Tosen erstarb in Laras Kopf. Jeglicher Laut schien zu verstummen. Sie blinzelte. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal schmolz der goldene Schleier vor ihren Augen dahin. Unter ihr bildete sich eine Pfütze derselben Farbe, unnatürlich und dennoch wunderschön. Lara wusch die Tränen aus dem verklebten Gesicht. Sie waren tatsächlich von derselben, edlen Färbung. Ungläubig hob das Mädchen den Blick. Die Fremde saß neben ihr, hielt noch immer die Hand des Windmädchens, wie sie sie genannt hatte.
„Wer bist du?“, fragte Lara. „Was hast du…“
Die Fremde schüttelte sachte den Kopf, stand auf und wandte sich zum Gehen. Noch immer begleitete diese Fremde der Geruch des Grases und nun meinte Lara auch eine Spur von Rosen darin wahrzunehmen.
„Du wirst es erfahren. Bald“, sagte sie und ging davon. Lara ließ den Blick schweifen. Der Schulhof lag nicht länger in Trümmern. Das Dach saß wieder auf dem Gebäude, von dem sie es zuvor herunter befördert hatte. Die Bäume streckten die Wurzeln tief in den Erdboden hinein. Die goldene Flüssigkeit versickerte nach und nach im Erdreich. 
„Lara, warum liegst du da unten?“ Frederik erschien vor ihr, sein Blick war nicht länger ängstlich.
„Was? Was meinst du?“
„Wir müssen proben. Du liegst hier im Dreck, das sieht dir nicht ähnlich. Alles in Ordnung?“
Er streckte seine Hand nach ihr aus und sie nahm diese dankend an. 
„Proben. Ok.“
„Sicher, dass bei dir wirklich alles Ok ist?“
Frederik verzog unsicher das Gesicht. Sein Blick verriet jedoch keinen Spott. Nur reine Sorge. Lara ging an ihm vorüber in Richtung Schulgebäude, ohne auf seine Frage zu antworten.
„Kommst du?“, rief sie zurück und er holte sie ein.
Ohne noch einmal ihr Befinden anzusprechen, zückte er ein Skriptheft und reichte es ihr.
„Hier, deine Stellen habe ich schon gelb markiert.“
Lara schlug das Heft auf. Der Name Julia war angemarkert.
„Aber Katja ist doch die Julia?“
„Bitte? Seit wann das denn?“, lachte der Teamleiter auf. Verwirrt musterte Lara das Stück Papier. Konnte alles ein Traum gewesen sein? Warum sah der Schulhof aus, als hätte es nie einen Sturm gegeben? Warum sang der Wind noch immer sein Lied in ihren Adern, sie spürte doch seine Macht. Und wer war dieses Mädchen? Erst als Lara eine Seite weiter blätterte, fiel ihr der Ring an ihrer Hand auf. 

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