Sonntag, 28. Mai 2017

Die Schöpfer der Geheimnisse - Teil 4: Der Erde entsprungen

„Elanie? Elanie, wach auf!“
Elanie schreckte auf. Zwei Hände schüttelten ihren Körper, der sich noch im Halbschlaf befand. Als sie endlich ins Wachsein glitt, schnellte ihr Kopf beinahe gegen den ihres Gegenübers. Ihre Mutter saß mit besorgtem Blick an ihrem Bett und musterte das Kind argwöhnisch. Mit beiden Händen umklammerte sie die Schultern der Tochter.
„Was war denn los?“, fragte Elanies Mutter und erst da erinnerte das Mädchen sich.
„Alptraum“, murmelte sie, schlug die Decke wieder über ihren Kopf und drehte sich um. Eine Träne kullerte aus dem linken Auge, doch sie blinzelte das unerwünschte Objekt weg. Nein. Es war alles gut. Es war nur einer dieser Alpträume, die sie seit dem Vorfall heimsuchten.
„Schatz, das kann so nicht weiter gehen. Schon die ganze Woche verbringst du im Bett, gehst nicht mehr vor die Tür und hast jede Nacht Alpträume. Ich höre dich bis nach unten schreien. Bist du sicher, dass du nicht mal einen Termin mit Dr. Samson machen willst?“
„Mir geht es gut, Mom“, murmelte Elanie genervt. Sie zog eines der Kissen auf der anderen Seite des großen Doppelbettes heran und legte es auf ihr Ohr, damit sie die Tiraden ihrer Mutter nicht mehr anhören musste. Ein verzweifelter Seufzer erklang, ehe die Tür ins Schloss fiel. Endlich allein. Mit sich und ihren Alpträumen in einem Raum. Was kümmerte es sie? Lieber hier mit ihnen als dort draußen mit den wahren Schatten. Sie hatte sie gesehen. Hatte gesehen, was sie mit ihren Freunden angestellt hatten. Und sie war machtlos gewesen, den Fähigkeiten in ihrem Blut zum Trotz. Die Seelen der Freunde waren vor ihren Augen zerfallen in ein dunkles, kaltes Nichts. Unwiederbringlich. Elanie zog die Beine an und schlief in Föten Stellung wieder ein. Ein unruhiger Schlaf, denn die Bilder kehrten immer zurück, wenn sie die Augen schloss. 
In der Schublade lagen noch die Ringe, die sie hatte retten können. Doch sie strahlten nicht mehr. Nicht einmal ihr eigener hatte den Glanz in seinem Inneren, der einst ihr Gemüt zum Leuchten brachte, wann immer sie traurig war.

Ein Klopfen weckte Elanie aus dem Schlaf. Mit zerzausten Haaren saß sie aufrecht im Bett. Die Kissen um ihren Körper waren zerwühlt. Die Decke hing an einer Seite vom Bett herunter und ihr rechter Fuß lag unbedeckt auf der Matratze. Sie trug nur noch eine Socke. Das linke Hosenbein hing über dem Knie, das rechte bis ans Fußgelenk. Sie hatte keine Erinnerung an die letzten, unruhigen Stunden oder Minuten. Hatte sie einmal tief und fest geschlafen?
„Elanie, Schatz? Tante Rose möchte mit dir sprechen.“
Elanie sprang erschrocken aus den Federn, richtete im Eiltempo das Haar. Eine Unmöglichkeit, wie sie am Spiegel feststellte. Jede Strähne stand einzeln in eine andere Richtung ab. 
Tante Rose war die Älteste. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mit ihren stolzen 90 Jahren versprach lediglich ihr Name eine gewisse Jugend. Die alte Dame legte Wert auf Manieren, auf Ausstrahlung und das rosige Leben auf den Wangen eines heranwachsenden Mädchens, vor allem bei einer jungen Schöpferin. Allesamt Dinge, die Elanie in diesem Augenblick nicht nach außen zeigte. Wie konnte sie ihr nur in diesem Aufzug gegenübertreten?
„Moment, komme gleich!“
Innerhalb von Sekunden hatte sie eine dreiviertel Jeans und ein Tanktop aus dem Schrank gezogen und war hinein geschlüpft. Um den Anschein von frische auf ihrer Haut zu erzeugen, langte sie unbeholfen in den Schminkkoffer auf dem Schreibtisch und schnappte nach dem Rouge. Bei einem Blick in den Spiegel strahlte ihr die blasse, beinahe weiße Haut eines Geistes entgegen. Ohne einen weiteren Gedanken an dieses Aussehen zu verschwenden nahm das Mädchen noch den Puder heraus, um die eingeprägte Todesangst aus ihren Zügen zu tupfen. Die Haare bändigte Elanie kurzerhand mit einigen Klammern. Das musste wohl vorerst genügen. 
An der Tür hielt das Mädchen einen Moment inne. In ihrer Schublade klapperte es. Metall schlug wild auf Holz, es sprang umher wie eine Schar eingesperrter Insekten. Wie das Summen von Bienen, nur edler. Elanie lief zu dem Beistelltisch und riss die Schublade auf. Ein helles Leuchten blendete sie, in allen Farben des Regenbogens strahlte es ihr entgegen. Rot, Blau, Gelb und Grün. In einer Symphonie aus Licht verbanden die vier sich und warfen die wundervollsten Geschichten an die Wände. Elanie staunte. Sie vergaß die Tante und betrachtete die bunten Bilder im Raum. Sie sah Pflanzen und Meere und Stürme und Flammen, die gemeinsam im Einklang miteinander tanzten. Es wirkte wie eines dieser Nachtlichter, das Tiere oder Sterne an die Wand projizierte, um den Kindern beim Einschlafen zu helfen. 
„Wunderschön, nicht wahr?“
Elanie zuckte zusammen. „Tante Rose, wann bist du?“
„Pssst, lausche Kind. Lausche.“
Elanie verfiel in Schweigen und schloss die Augen. Sie hörte das Branden der Wellen an einem steinigen Ufer. Das Knistern eines Lagerfeuers am Strand. Das Wehen des Windes und das Rascheln der Blätter in den Bäumen und Sträuchern. 
„Es ist wunderschön“, murmelte sie. Ein Lächeln stahl sich in ihre Züge. Das erste seit einer Woche. Sie hatte nicht gelächelt seit dem Vorfall. Sie hatte nicht einmal Tageslicht gesehen. Das Lichterspiel in ihrem Zimmer war das erste Lebendige, das sie seit einer gefühlten Ewigkeit sah. 
„Die Elemente sind erwacht, Liebes. Du musst sie vereinen.“
Tante Rose ging zu einem der Fenster und schlug so abrupt den Fensterladen auf, dass Elanie am liebsten wieder eine Decke über ihren Kopf gestülpt hätte. Die Sonne flutete den Raum und verbannte die Schatten der Trauer. Aber eine Frage brannte in Elanies Seele und eine große Angst mit ihr. „Wie meinst du das, ich soll sie vereinen?“, fragte das Mädchen, während Rose auch das zweite Fenster öffnete. „Und ausgerechnet ich. Das schwächste Glied in der Kette. Ich habe sie im Stich gelassen. Nur wegen mir sind sie nun tot.“
Elanie sank zurück in die Kissen auf ihrem Bett. Es war bequemer, sich aus diesen Problemen der Welt herauszuhalten, als die ältesten Geheimnisse der Menschheit und diese selbst mit ihnen zu schützen.
„Schätzchen, du traust dir viel zu wenig zu. Du warst nicht soweit, als die anderen den Schatten zum Opfer fielen. Doch du bist nun soweit, deinen rechtmäßigen Platz im Kreise der Schöpfer einzunehmen.“
„Wie kannst du das behaupten, du warst nicht dabei.“
Der Spott triefte aus Elanies Worten und sie bereute ihn sofort. Ein solch respektloser Umgangston ziemte sich nicht in Gegenwart einer Ältesten. Rose besaß als solche keine Macht wie Elanie es tat. Doch die Ältesten konnten die Zukunft sehen und auch, wann immer diese sich wandelte. Eine Gabe, die Elanie weitaus lieber wäre, als ihre eigene. In Elanies Gabe lag die Macht, die Welt zu hüten oder zu stürzen. Und wo Licht ist, ist immerzu Dunkelheit. Eine Dunkelheit, der Elanie nicht länger entgegentreten konnte. Wie cool es doch geklungen hatte, als man sie als Heldin auserkor. Sie fühlte sich besonders. Das war vor dem Vorfall gewesen.
„Du lebst in der Vergangenheit, Kind. Lebe im Jetzt. Du wirst sie einen, das habe ich gesehen. Und du wirst sie führen in eine neue Ära der Schöpfer.“
Elanie starrte ungerührt aus dem Fenster. In ihren Gedanken pochte ein furchtbarer Schmerz. Sie erblickte die Wellen des Meeres in der Ferne, des Meeres ihrer geliebten Heimat Hawaii. Doch die Gelassenheit und Ruhe, die das tiefe Blau sonst bei ihr bewirkte, drang nicht in ihr Innerstes durch. Dort tobte ein Sturm aus Angst, dem nicht einmal ein Orkan auf den sieben Weltmeeren etwas entgegensetzen konnte. 
Die Wasseroberfläche glitzerte im Licht der strahlenden Sonne. In der Wärme des Tages begann auch Elanies Herz allmählich zu tauen. Langsam, aber nicht schnell genug, um diese Mission anzutreten.
„Ich kann es nicht tun, Tante Rose.“
Plötzlich stand die Älteste neben ihr und legte dem Mädchen einen Arm auf die Schulter. 
„Du bist stärker, als du glaubst“, sprach sie, hob die freie Hand und in ihr lagen die vier Ringe. „Und du wirst es schaffen.“
Die Alte ließ ab von Elanies Schulter, griff den Ring mit dem grünen Sigel heraus und steckte ihn an den Finger der jungen Heldin. Sofort spürte Elanie die Umarmung des Frühlings und roch frisch gemähtes Gras. Das Eis um ihre Seele brach entzwei, in ihr schlugen Blumen, Gräser, Bäume kräftige Wurzeln und erinnerten sie daran, wer sie war und was sie tun musste.
Elanie hob den Finger vor die Augen. Der Ring schimmerte in einem Smaragdgrün. In seiner Mitte prangte das Abbild des Lebensbaumes. Ihr Symbol, das die unbändige Macht der Mutter Erde verhieß.
„In Ordnung“, seufzte das Mädchen schließlich. Unerwartet stahl sich ein Lächeln in ihre Züge. Es fühlte sich gut an und rein. Es fühlte sich richtig an.
„Ich werde sie suchen und zusammen führen. Aber wo muss ich hin? Sind sie überhaupt hier? Wo auf der Welt soll ich sie finden, wenn die Welt so groß ist.“
Die Alte grinste verschlagen, mit einem Auge zwinkerte sie wie ein kecker Teenager. Elanie lachte. Natürlich, die Frau konnte die Zukunft sehen. Ihr weißes Haar und die ergrauten Augen verbargen den aktiven Denkapparat hinter der Stirn, die in Falten gelegt von einer Weisheit zeugte, der Elanie im Traum nicht gewachsen wäre. 
„Ich habe bereits nachgeschaut, meine Liebe. Die Zukunft ist in ständigem Wandel. Heute in der Früh wurden die neuen Schöpfer vom Schicksal erwählt. Die Erben sind fern, mein Kind. Du musst weit reisen, um sie zu erreichen. Ihre Kräfte entfesseln sich bald. Eile ist geboten.“
„Wo sind sie?“, fragte Elanie mit Nachdruck. Tante Rose legte ihr die drei verbleibenden Ringe in die Hand und verschloss diese sachte.
„Du findest sie jenseits des großen Ozeans, in Europa. Ich habe deinen Flug sofort gebucht, er geht in zwei Stunden. Pack deine Sachen und mach dich fertig.“
„Moment!“, rief Elanie aufgebracht, als die Älteste sich bereits zum Gehen wandte. „Was ist mit meinen Eltern? Mit Mom und Dad? Werden sie nicht mitkommen?“
Das Grinsen kehrte auf das Gesicht der Frau zurück und sie nickte. Elanie beruhigte sich sofort. Die Alte hatte längst alles geplant und arrangiert, das war Elanie klar. Nie würde ihr Volk sie im Stich lassen. Und wie vorausschauend sie gehandelt hatte. Sie musste gewusst haben, dass Elanie sich nicht ewig vor ihrer Furcht verstecken würde.
„Du nimmst an einem Schüler-Auslandsjahr teil. In Deutschland wirst du deine Kameraden finden und neue Freundschaft mit ihnen schließen. Zeige ihnen die Macht, die sie noch bändigen müssen!“
Ohne ein weiteres Wort verließ Tante Rose den Raum. Der Sturm in Elanie tobte erneut, jedoch nicht länger aus Angst. Es war pure Entschlossenheit, die durch ihre Adern floss. Getrieben von der Macht der Erde, spuckte ihr Herz wie ein Vulkan unablässig heiße Lava in die Adern. Ihre Gedanken rasten auf Hochtouren, während sie eilig die Koffer packte.
„Mom?!“
„Was ist denn, Schatz?“ Elanies Mutter streckte lächelnd den Kopf durch den Türschlitz.
„Ich muss eine Weile Weg. Um genau zu sein ein Jahr mindestens. Vielleicht auch länger. Nach Deutschland. Tut mir Leid.“
Verständnisvoll nickte Elanies Mutter, trat herüber und zog die Tochter in eine feste Umarmung.
„Ich werde dich vermissen, Kind. Aber du bist stark und du wirst deine Aufgabe erfüllen. Wir beten für dich! Und wag dich ja nicht, keine Briefe zu schreiben!“
Elanie lachte, drückte die Mutter noch fester an sich und flüsterte: „Niemals würde ich das vergessen.“
„Nun geh schon, mein Schatz“, sang die Mutter stolz. „Geh und rette die Welt!“

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