Freitag, 30. Juni 2017

Blue Whale - Der Tod ist (k)ein Spiel

Blue Whale. Ein Spiel, 50 Aufgaben, ein Sieg. Wer am Ende des Spiels durch die eigene Hand stirbt, der gewinnt. Schockiert sitze ich vor dem Bildschirm, als ich davon lese. Und ich stelle mir eine Frage, die für euch sicher ungewöhnlich klingt: Hätte ich damals den finalen Schritt mit diesem Spiel gewagt und wenigstens ein bisschen Ruhm mit ins Grab genommen? 

Zur Erklärung eine kleine Zeitreise in das Bewusstsein eines achtjährigen Mädchens, das nicht mehr leben wollte. Das einsam war und sich nach Liebe sehnte, jedoch nur Ablehnung erntete. Und so lernte sie, sich selbst und die Menschen zu hassen. 

In einem Gedankenspiel stelle ich jetzt dahin, es hätte Blue Whale damals gegeben. Da war sie plötzlich, die Möglichkeit, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erlangen. Das Kind konnte doch nichts, außer ständig zu weinen. Das Spiel hätte ihr eine Chance, es den anderen zu zeigen! Das Mädchen hätte bewiesen, wie mutig es war und dass die Mitschüler sie zu Unrecht mobbten. Sie hätte gegen sie alle gewonnen, gegen den Spott, denn wer außer ihr wäre der Herausforderung schon gewachsen gewesen? Schließlich hatte das Mädchen nichts mehr zu verlieren. 

STOP!!!

Das Gedankenspiel endet vor dem Ende. Denn es wäre ein Ende, dass es nicht wert ist, ein Ziel zu sein. Es kann nicht das Ziel eines Spiels sein, sein Leben zu beenden. Suizid ist kein Spiel. Es ist auch kein Ausweg. Ich weiß, wie laut die Gedanken in einem Kopf schreien können. So laut, dass man glaubt der eigene Schädel wäre hohl, wenn das Echo von allen Seiten wiederhallt. Die Gedanken sprechen von Furcht und Folter. Von Einsamkeit und einem leeren Herzen. Sie sagen, dass du es nicht wert bist, zu leben. Dass du es nicht verdient hast. Glaubst du ihnen? Bevor du mit „Ja“ antwortest, lass mich die Geschichte erzählen, wie sie wirklich geschehen ist. Ohne Blue Whale.
Das Mädchen ist alleine, es hat keine Freunde. Es weiß auch gar nicht, wie man Freundschaften schließt. Niemand hat es ihr je gezeigt, schließlich sind alle sofort böse zu ihr. Sie jagen sie über den Schulhof und geben ihr Namen. Sie lachen über die Tränen, nennen sie Heulsuse. Niemand nimmt diesen Schmerz als solchen wahr. Niemand sieht die ratternden Zahnrädchen in dem viel zu jungen Kopf, der so früh bereits über den Sinn des Lebens nachdenkt und schon keinen mehr darin sieht. Das Mädchen beginnt zu glauben, dass es nichts kann. Es sehnt den Tod herbei, hat aber zu große Angst, körperlichen Schmerz dabei zu empfinden. Es wünscht den Peinigern die Krätze an den Hals, auf dass sie selbst weinen und in Angst leben. Aber das Mädchen sieht auch einen winzigen Funken Hoffnung. Das kann doch nicht alles sein, denkt es sich. Das kann doch nicht alles im Leben sein. Da muss es so viel mehr geben. Und es beginnt eine Reise voller Leid. Eine Reise, auf der es mit Depression, mit einem Gefühl von Minderwertigkeit und
Ein Smily im Himmel ;).
mit überragender Angst Hand in Hand über den steinigen Pfad namens Leben schreitet. Die Begleiter sind nie wohlgesinnt. Sie treiben das Mädchen in die Verzweiflung und es hört auf sie. Es glaubt den Stimmen, aber es verliert das Licht nie aus den Augen. Es schluckt die Qualen und lebt mit den Konsequenzen. Denn es weiß nicht, was man sonst mit den Qualen machen soll. Aber dann, nach vielen, vielen Jahren, die wie eine Ewigkeit scheinen, ist es soweit. Das Mädchen erreicht das Licht und greift danach. Und es entdeckt, was es kann. Es entdeckt, dass es Liebe empfinden und empfangen kann. Es entdeckt, dass es mit Worten die Herzen der Menschen schmelzen kann. Und es vergisst die Einsamkeit, weil es nie wirklich einsam war. Die Depression, die Angst, die Zweifel. Sie alle waren bei ihr. Und sie alle haben ihr Leben zu dem geformt, was es heute ist. Zerrüttet, aber dennoch Wundervoll.

Ich will nicht behaupten, dass das Mädchen es heute immer leicht hat. Aber sie liebt es, den Monstern in ihrem Kopf in heldenhaften Geschichten ein Gesicht zu geben und über sie zu triumphieren. Sie liebt ihr Leben und die Menschen und vergaß schon vor langer Zeit ihren Hass gegen die einstigen Peiniger. Stattdessen schreibt sie diese Worte hier. Mit einem Lächeln im Gesicht und dem Blick zurück auf den steinigen Weg, der sie daran erinnert, wie lang und beschwerlich die Reise war und dass sie, ein unbedeutendes Wesen, es geschafft hat. 

An alle, die ihr glaubt, Blue Whale sei euer Weg. Haltet einen Moment inne und seht zum Himmel. Matt Haig sagte in einem seiner Bücher, dass die Depression eine Wolke ist und der Himmel bist du. Du leidest, weil immer Wolken am Himmel sind und immer dort sein werden. Du kannst die Wolken fort pusten, aber sie finden ihren Weg zurück zu dir. Quäle dich nicht damit, dass du es beenden musst. Das musst du nicht, denn du bist nicht allein. Wie viele Jahre habe ich gebraucht, das zu erkennen? Nun lass mich im Gegenzug die Stimme in deinen Gedanken sein, die dir zuflüstert, dass alles gut wird. Dass das Licht nur hinter der nächsten Wolke wartet, die sich davor schiebt. Wirf nicht
ein Leben weg, das du noch nicht gelebt hast. Kämpfe. Denn das kann ich aus Erfahrung sagen: Es lohnt sich, durchzuhalten.

Ein Schlusswort: So schockierend es auch ist, auch Grundschüler sind fähig, an Suizid zu denken. Wenn ich heute Kinder in diesem Alter sehe, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter. Sie wirken so jung und unerfahren. Aber das täuscht. In diesen Köpfen kann jetzt schon die Frage nach einem Lebenssinn schlummern. Mobbing lässt Kinder unglaublich schnell innerlich altern. Sie erfahren Leid lange bevor sie es sollten. Wenn sie es durchstehen, lernen sie zu kämpfen und sich auch im künftigen Leben allen Widrigkeiten zum Trotz durchzuschlagen! Aber ich wünsche niemandem, dass er diese Prüfung nötig hat, um zu großer Stärke zu gelangen. Ich wünsche, dass wir alle aufmerksamer sind. Nicht nur darauf, ob unsere Kinder gemobbt werden. Sondern auch, ob sie mobben. Es ist wichtig, sie über die Konsequenzen aufzuklären. Denn ein Kind, das mobbt, versteht womöglich nicht, was es tut. Ein Kind, das leidet, versteht es sehr wohl.

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