Montag, 5. Juni 2017

Die Schöpfer der Geheimnisse - Teil 5: Frühling in der Luft

„Bleib stehen! Ich rede mit dir!“, rief Lara wie eine aufgebrachte Furie. Elanie suchte ihr Heil vermeintlich in der Flucht. Eigentlicher Sinn ihrer schnellen Schritte war jedoch, die Windbändigerin von den anderen Schülern fortzulocken. Ein vier Augen Gespräch hielt das Erdmädchen für überfällig, hatte sie doch bislang nur als geheimnisvolle Fremde agiert. Elanie spürte, dass es an der Zeit war, den direkten Kontakt mit den Mädchen aufzunehmen. Weder mit Wibke noch mit Felicia hatte sie auch nur ein Wort gewechselt, nachdem sie die Ringe zu ihnen brachte. Beide Male wären fast in einer Katastrophe geendet. Elanie war gerade noch rechtzeitig eingetroffen.
„Wirst du wohl…“, fluchte Lara. 
Elanie spürte den Windhauch, der die Wut von Lara begleitete. Wie ein Flüstern zog er an ihr vorüber. Der Ring dämpfte die Macht des Mädchens, sodass sie sie mühsam bündeln musste, um sie zu nutzen. Ohne den Ring wäre Elanie längst von einem Tornado hinfort geweht worden. Ein Glück, dass Lara ihn nicht wieder von ihrem Finger gerissen hatte.

Am Rande des Schulhofes kam ein grüner Fleck in Sicht. Elanie fand ein paar Bäume und Sträucher. Die perfekte Deckung. Schüler waren weit und breit nicht zu sehen. Zielsicher ging sie auf den Ort zu. Plötzlich schlossen sich spitze Krallen um ihren Arm.
„Au, verdammt, spinnst du?“, jammerte Elanie, wandte sich um und schaute in brennende Augen. Überrascht hielt das Mädchen inne. In Laras Blick floss ein Strom aus Gold. Er umschlang die Pupille und schlug sanfte Wellen. Ein trügerisches Bild, sprach die Reaktion der Schulqueen doch eher von einem brodelnden Vulkan.
„Was ist da eben passiert? Und warum weiß niemand mehr davon? Und wer bist du eigentlich, dass du mir einfach so einen hässlichen Ring ansteckst?“
Lara machte Anstalten, den Ring abzunehmen. Sofort reagierte Elanie, schlug der Mitschülerin auf die Hand und griff sie beim Blusenkragen.
„Kein Mucks! Komm mit.“
Erschrocken folgte Lara der Fremden. Sie hatte nicht mit einer solchen Gegenwehr gerechnet. Kaum dass beide die Deckung des Gestrüpps erreichten, ließ Elanie von dem Windmädchen ab und seufzte erleichtert. Lara stemmte die Hände in die Hüften.
„Also?“, forderte sie. Eine klare Anweisung, der Elanie mit einem Grinsen folgte.
„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du so temperamentvoll sein wirst. Das Element des Windes hatte allerdings noch nie einen derart stürmischen Charakter. Du überraschst mich, Lara.“
„Wovon zum Teufel redest du, bitte?“
Elanie verneigte sich leicht zum Gruß und hob Lara dann die Hand entgegen. „Mein Name ist Elanie. Ich bin eine Schöpferin, genau wie du nun eine bist.“
„Eine was?“
„Du hast den Wind gebändigt. Der Wind ist dein Element.“
Lara warf den Kopf in den Nacken und lachte laut los. Ein Lachen, das in den Molekülen der Luft hinfort getragen wurde und in sämtlichen Ecken des Hofes als Echo zu hören war. 
„Hörst du dich selbst reden, Dummkopf?“, fragte die Queen und winkte ab. „Das ist doch Schwachsinn. Ich und den Wind bändigen. So etwas gibt es gar nicht.“
„Na schön. Nimm den Ring ab und gib ihn mir.“
Fordernd streckte Elanie die offene Hand aus. „Er gehört dir ja gar nicht. Ich habe ihn dir gegeben, damit du nicht noch mehr Unheil anrichtest. Ich musste den gesamten Schulhof wieder aufräumen. Das war weitaus mehr Arbeit, als bei den anderen beiden.“
Lara stutzte bei diesen Worten. Das Lachen verhallte und sie senkte den Kopf. Die Blicke der Mädchen bohrten sich ineinander, als wären sie Todfeindinnen. Elanie wusste um das Machtspiel von Lara. Die neue Schöpferin war seit jeher ein Teil der Elite unter den Schülern. Empor gehoben auf ein Podest, das keinen zweiten und dritten Platz duldete. Aber der Status war nicht das Einzige, was Lara ausmachte. Schon seit ihrer Geburt besaß sie besondere Fähigkeiten, die verschlüsselt in ihrem Blut lagen und auf das vollständige Erwachen warteten. Eine Magie, deren Auswirkung selbst in unerwachtem Zustand bemerkbar war. Unbewusst hatte Lara diese jahrelang gegen andere verwendet und war zu einer verwöhnten Göre herangewachsen. 
Elanie rümpfte die Nase. Ihr widerstrebte es, gegen diese Sturheit zu kämpfen. Doch das Schicksal hielt die Schulqueen offenbar trotz der Attitüden für würdig, das Geschenk der Elemente in sich zu tragen. 
„Na los“, befahl Lara mit Nachdruck. „Wiederhole, was du gesagt hast. Die anderen beiden? Wer noch?“
„Gib mir den Ring, wenn du ihn nicht willst“, verlangte Elanie weiterhin, ohne auf die Frage von Lara einzugehen.
„Ist es dieses Miststück, Felicia? Die, die mein Haus abgefackelt hat?“
Elanie lächelte. „Dann glaubst du also doch an die Macht der Elemente?“
„Nein, ich…“ Im Stottern lag die Wahrheit verborgen, das wusste die Erdtochter. Siegesgewiss grinste sie. Plötzlich riss Lara den Ring von ihrem Finger und legte ihn in Elanies offene Hand. 
„Oh verdammt“, murrte diese, sprang auf Lara zu doch es war zu spät. Zwischen ihnen schlug ein Trichter aus Wind in den Boden ein. Elanie flog in hohem Bogen aus dem Gestrüpp gegen die Hauswand des Schulgebäudes, knappe zehn Meter weit. Lara starrte dem fliegenden Körper erschrocken nach.
„Oh mein Gott, nein, das wollte ich nicht!“, schrie Lara entsetzt. Der Wirbelsturm bahnte sich seinen Weg ihm Zickzack zu Elanie. 
„Stopp, nein!“, schrie Lara, doch sie konnte den Sturm noch nicht ohne den Ring bändigen. Für eine Anfängerin war die Kraft eines Elementes schlichtweg zu stark. 
Elanie hob die Arme schützend vor ihr Gesicht. Eine Mauer aus Erde erhob sich vor ihr und schirmte den Tornado ab. Der Trichter prallte gegen die Wand und kämpfte gegen die Barriere an. Elanie hatte Mühe, den Schutzwall aufrecht zu erhalten. 
„Hör zu, Lara!“, schrie sie, denn das Unwetter vor ihr summte lauter als hundert Bienenschwärme. „Ich werfe dir den Ring zu, aber dann bricht meine Erdwand zusammen. Du musst ihn anstecken, nur so verschwindet der Sturm.“
„Ich kann aber nicht gut fangen!“
Elanie lachte auf. „Ist das dein Argument, ja? Wenn du es nicht wenigstens versuchst, bin ich nicht mehr in der Lage, dir alle deine Fragen zu beantworten. Du brauchst mich, also tu auch was dafür!“
Im Augenwinkel sah Elanie, wie Lara unschlüssig auf und ab lief. Mit jedem Schritt versiegte die Zeit, die der Erd-Schöpferin blieb. Wie die Sandkörner, die ihre Schutzmauer instand hielten und langsam aber stetig abbröckelten. Elanie spürte jedes Körnchen Erde, das dem Wind nachgab, wie einen Teil ihrer Seele. Der Sturm war zu mächtig.
„Ok“, rief Lara schließlich, zu Elanies Erleichterung. „Ich versuche es.“
„Gut. Ich zähle bis drei. Dann werfe ich. Bist du bereit?“
„Ja!“, antwortete Lara. Elanie nahm einen tiefen Atemzug, wog den Ring der Luft in ihren Fingern und bereitete sich auf den kommenden Wurf vor.
„Eins… Zwei…“
Der Wind heulte auf. Es war, als würden die summenden Bienen direkt in Elanies Ohren eindringen und dort ihr stocherndes Unwesen treiben.
„Drei!“, schrie das Erdmädchen hinter dem Schutzwall und warf den Ring an dem Tornado vorüber zu Lara, in der Hoffnung, dass der Wind ihn nicht fortwehen würde. 
Die Erdmauer brach sofort zusammen, der Sturm toste auf Elanie zu. Unfähig, in diesem Bruchteil von Sekunden einen neuen Schutz zu errichten, legte sie den Kopf an die Seite und schloss die Augen. 
Plötzlich wurde es ruhig. Eine Totenstille legte sich über den Hof. 
„Alles in Ordnung?“, fragte Lara schuldbewusst. „Du siehst ziemlich mitgenommen aus.“
Vorsichtig öffnete Elanie die Augen. Vor ihr hockte die blonde Mitschülerin und schaute seltsam besorgt. Ein Ausdruck, den Lara sicher selten zeigte. 
„Und du klingst unnatürlich undivenhaft“, gestand Elanie mit einem Lachen. Sie nahm Laras ausgestreckte Hand an und stand mit ihrer Hilfe auf.
„Danke“, flüsterte Lara, so leise, dass Elanie es kaum hörte.
„Ich habe zu danken“, erwiderte diese. „Du hast Mut bewiesen, indem du gegen deinen eigenen Sturm bestanden hast. Du musst noch vieles Lernen, aber heute hast du mir das Leben gerettet.“
Lara nickte stumm. Ihre Hände zitterten vor Panik. Elanie kannte das Gefühl. Unsicher umklammerte Lara mit einer der Hände den Ring an ihrem Finger. 
„Darf ich ihn nie wieder abnehmen?“, fragte sie.
„Bald darfst du das. Aber bis dahin wirst du ihn immer tragen.“
„Was geschieht mit mir?“
Elanie trat vor, legte Lara den Arm um die Schultern. „Ich werde es dir sagen. Vorher müssen wir die anderen beiden finden. Ich habe ihnen die Ringe bereits gegeben, aber ich konnte noch nicht mit ihnen sprechen.“
Lara nickte erneut. Es war ein starker Kontrast zu ihrem Verhalten von vorhin. Von Großmaul zu kleinlaut. Aber Elanie würde Laras Temperament brauchen, wenn sie gegen die Dunkelheit bestehen wollten. Sie wusste, wenn das Mädchen erst ihre Macht verstand, würde sie in ihr aufblühen und eine Stärke zeigen, von der sie selbst nichts ahnte.
„Als erstes suchen wir Felicia“, schlug Elanie vor.
Wie auf ein Stichwort hin schallte ein markerschütternder Knall zu den Mädchen herüber.
„Was war das?“, rief Lara aus, ihr Gesicht nahm die Farbe von Tafelkreide an.
„Eine Explosion.“ Die Feststellung traf Elanie so nüchtern wie es nur eine erfahrene Schöpferin tun konnte. Aus dem Inneren beschwor sie ihre Macht herauf, spürte die Erde unter ihren Füßen und das Rauschen der Blätter über ihrem Kopf. Die Erde war mit ihr. 
„Sieht mir nach einer Feuer-Schöpferin aus. Ich brauche dich jetzt Lara.“
„Aber wie?“, stotterte das verängstigte Mädchen. „Du hast gesehen, was ich angerichtet habe! Ich kann es nicht kontrollieren!“
„Du kannst. Glaub an dich und du schaffst es!“
Lara schloss die Augen. Elanie sah die Zweifel, die hinter den Augenlidern der Windschöpferin zuckten. Dieser Kampf mit dem Selbst war ein alter Bekannter, den auch das Mädchen aus Hawaii häufig traf. Nichts konnte furchtbarer sein, als die Furcht siegen zu lassen. Lara nahm einen tiefen Atemzug. Elanie spürte, wie der Wind um sie herum zu wehen begann. Sanft wie eine Umarmung streifte frische Frühlingsluft die Schöpferinnen. Lara atmete aus und öffnete die Augen. Die goldenen Wellen schlugen gegen die Brandung ihrer Pupille.
„Dann retten wir das Feuermädchen mal. Und dann will ich wissen, was sie mit meinem Haus gemacht hat.“

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