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Montag, 15. Januar 2018

Madness: Das Land der tickenden Herzen - Maja Köllinger

Wer kennt nicht die Geschichte von Alice im Wunderland? Viele Versionen gibt es schon von diesem Märchen und in Madness findet sich eine recht eigenwillige. Ein Land voller Wunder, das ist es tatsächlich, aber wer hätte je daran gedacht, diese Wunder in Metall zu gießen?

Alice ist eine kleine Rebellin, sie kleidet sich auffällig, heiß und auch die lila Haarsträhne im lockigen Blond darf nicht fehlen. Doch während einer Party erregt ein Kaninchen ihre Aufmerksamkeit. Ein Tier, das nicht aus ihrer Welt zu stammen scheint. Neugierig folgt Alice dem seltsamen Wesen, dessen untere Körperhälfte einer Maschine gleicht. Das Kaninchen verschwindet in einem Loch. Als Alice ihm hinein folgt, beginnt das Abenteuer ihres Lebens in einem Land, das es so kein zweites Mal gibt.

Ich habe noch kein Steampunk Buch gelesen und hatte dementsprechend keine Erwartungen an das Genre. Steampunk verstehe ich als eine Mischung aus Moderne und "Altertümlichkeit" (mir fehlt das passendere Wort ;x), der ein großer Anteil an Nostalgie innewohnt. Ich fand es interessant, durch Madness in dieses Thema eingeführt zu werden. Gerade in Kombination mit Alice im Wunderland eine tolle Idee. Das Wunderland wirkte auf mich eher lebensfeindlich, ich würde mich dort wahrscheinlich nicht sehr wohlfühlen. Kupfergeruch, Unmengen Metall, seltsame Wesen, mitunter gefährlich. Nicht gerade meine Vorstellung von einem Urlaubsziel oder Hauptwohnsitz. Aber auch Alice musste sich mit dieser Welt anfreunden und im Gegensatz zu mir ist ihr das gar nicht so schwer gefallen.

Ich will das Wunderland nicht kritisieren, es ist einfach kein Platz für mich. Die Figuren aber fügen sich perfekt in ihre Welt ein. Was mir allerdings schwer fiel, war der Vergleich von nichtmenschlichen Wunderländern mit Menschen. Die tickenden Herzen, die Emotionen unmöglich machen, haben meinen Kopf stärker zum Qualmen gebracht als Grinser seinen Körper. Selbst, wenn die Gesten und Mimiken von Menschen imitiert werden, ich wollte die Masken des Hutmachers und der Grinsekatze nicht anerkennen. Wahrscheinlich habe ich mich in diesen Momenten ein wenig von Alice Gedankengängen aufsaugen lassen, sie wollte es schließlich ebenso wenig verstehen.

Elric hat mich in nur wenigen Momenten wirklich gepackt. Er hat seine Augenblicke im Buch und verzieht sich dann wieder in sein inneres Mauseloch. Das ist etwas unberechenbar, macht die Geschichte aber durchaus interessant. Wenn es auch ab und an einer kleinen Durststrecke glich, bis er endlich wieder rätselhaft und unnahbar war oder zauberhaft und - entgegen seiner guten Vorsätze - romantisch. In einer Szene hat er mich besonders eingenommen, da war ich mit Alice sofort einer Meinung. Dass er nichts fühlen kann oder darf oder will, davon konnte er mich nicht einmal überzeugen. Grinser dagegen ist eine Klasse für sich. Die Katze war mir unsympathisch. Zumindest die meiste Zeit des Buches, gegen Ende mochte ich das schwebende Getier dann doch mehr. Das lag aber wohl daran, dass Grinser das Motto "Emotion ist nicht" ein bisschen weiter auf die Spitze treibt als Elric.

Alice kam mir eher wankelmütig vor. Getrieben vom Ziel, endlich wieder nach Hause zu finden, gewinnt das Wunderland nach und nach einen Platz in ihrem Herzen. Ihre Gedanken sind in ständiger Bewegung und ich konnte nicht immer folgen. Es war fast wie das Zupfen der Blüten eines Gänseblümchens, im Fall Elric sogar tatsächlich mit den klassischen Worten "Er liebt mich", "Er liebt mich nicht". Ich wurde nicht richtig warm mit ihr, habe sie weder lieb gewonnen, noch gar nicht gemocht. Sie war für mich ein Mädchen, das in einer fremden Welt bestehen muss, und das mehr oder weniger gut hinbekommen hat. Wobei ich ihre (Um)Entscheidung am Schluss mit einem sehr freudigen Grinsen gelesen habe. Dort hat sie dann doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Die Handlung empfand ich als gemischt vorhersehbar. Maja Köllinger hat ein paar falsche und ein paar richtige Fährten gelegt. Auch solche, die man vor sich selbst verleugnet, weil sie unwahrscheinlich und zu naheliegend sind. Es hat Spaß gemacht, über diese Szenen zu fliegen und die Wahrheit der Geschichte herauszufinden. Die Geschichte hält sich im Grundgerüst an dem original Märchen fest und erschafft sich doch komplett neu. Man wird als Leser also nicht mit einem Abklatsch abgetan, sondern erhält Einblick in eine eigenständige Welt mit Figuren, die aus der Vorlage neue Menschen erschaffen. Madness ist die erste Märchenadaption, die ich gelesen habe, und wird nicht die letzte sein. Ich erwarte auch weiterhin bekannte Welten mit neuer Struktur, neuer Handlung, alten Freunden und vielen Überraschungen.